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Abwärtstrend der Preise für legierte Stähle

Stahlpreisentwicklung aktuell – eine Analyse
Abwärtstrend der Preise für legierte Stähle

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In der aktuellen Ausgabe unserer Kolumne als Kompetenz-Partner der „Beschaffung aktuell“ beschäftigen wir uns diesmal mit den teilweise massiven Abschlägen bei den legierten Stählen bzw. deren Legierungszuschlägen.

Sollten Stahleinkäufer in ihren Liefervereinbarungen ohne Gleitklauseln arbeiten und sich ihre Lieferanten bezüglich Preisanpassungen aktuell zurückhaltend verhalten, könnte es sich lohnen, hier einmal etwas genauer hinzuschauen und eventuell in Verhandlungen einzutreten. Wir stellen teilweise fest, dass Einkäufer schon zufrieden sind, wenn die Lieferanten ihre Preise nicht erhöhen, nach dem Motto „Früher kamen häufiger Preisanpassungen, in den letzten zwölf Monaten ist es aber ruhig geworden“. Ein professioneller Einkäufer sollte sich so nicht verhalten.

Ursache: Talfahrt der Industriemetalle Industriemetalle wie Aluminium, Nickel oder Kupfer sind wesentliche Bestandteile der Legierungen. In den letzten Monaten ergaben sich sehr deutliche Reduzierungen der Weltmarktpreise hierfür. Als Bestandteile der verschiedenen Legierungszuschläge führte dies zu entsprechenden Abschlägen der Preise für legierte Stähle. Die Frage aus Einkäufersicht ist, wo diese Entwicklung ihre Ursache hat und wie sich die Zukunft entwickeln wird.
Analyse der Weltmarktpreise. Die aktuell geringere Nachfrage aus China hat entsprechenden negativen Einfluss auf die Weltmarktnachfrage (mehr als 40 % der globalen Produktion von Kupfer, Zink, Blei und Zinn werden in China verbraucht). Das Wirtschaftswachstum wird in China offiziell noch mit 7 % beziffert. Experten bezweifeln dies allerdings. Zudem hat sich auch die Struktur des chinesischen Wachstums deutlich verändert. Lag der Schwerpunkt bislang im Industriesektor und entsprechend resultierenden Bedarfen an Metallen, so ergibt sich jetzt ein ansteigender Anteil des Wachstums im Dienstleistungs- und Finanzsektor.
Der erneut deutliche Rückgang des von Caixin (www.english.caixin.com) erhobenen Einkaufsmanagerindexes bezüglich des verarbeitenden Gewerbes im August dieses Jahres unterstützt diese Erwartungen.
Befeuert wird dieser negative Nachfrageeinfluss weiterhin durch die Yuan-Abwertung, in dessen Folge Importe teurer werden. Auch diese Maßnahme bremst die chinesische Nachfrage.
Zusätzlich deuten Konjunkturindikatoren anderer Wirtschaftsräume seit Ende 2014 ebenfalls nicht in eine positiv Richtung, woraus sich auch globale Nachfragerückgänge ableiten lassen (siehe EMI Europa/MI USA).
Auf Angebotsseite ergibt sich aufgrund der energieintensiven Herstellung ein erheblicher Einfluss aus dem Ölpreis. Produzenten wollen den aktuell geringen Ölpreis nutzen und möglichst große Mengen zu den jetzt geringen Kosten produzieren. Auch hier besteht ein deutlicher Einfluss aus Richtung China: Die Produktion im Land wurde dort teilweise deutlich subventioniert.
Aluminium. Insbesondere für Aluminium liegen aktuell erhebliche Überkapazitäten vor. Die Primärproduktion hat im Mai und Juli 2015 mit 4,92 Mio. Tonnen Rekordwerte erreicht (Quelle: Internationales Aluminiuminstitut – IAI) und liegt fast 11 % über dem Vorjahr. Der wesentliche Anstieg entfiel dabei auf China, welches etwa 55 % der Weltproduktion ausmacht. Die Nettoexporte von Rohaluminium und Aluminiumprodukten werden sich von 3,5 Mio. Tonnen in 2014 in diesem Jahr auf über 4 Mio. Tonnen erhöhen. Insgesamt ergibt sich damit ein deutlicher Angebotsüberhang auf dem Weltmarkt. Ein wesentlicher Grund für die hohen Aluminiumexporte Chinas waren staatliche Sonder-Prämien auf die Aluminiumproduktion. In China wurden daher diverse stillgelegten Schmelzen wieder reaktiviert.
Kupfer. Am Kupfermarkt haben sich die erwarteten Überschussmengen seit Jahresbeginn auf fast 200 000 Tonnen annähernd verdoppelt. Mit 48 % Anteil an der weltweiten Nachfrage ist wiederum China der größte Player am Kupfermarkt. Hohe Wirtschaftswachstumsraten in der Vergangenheit sorgten für Bedarf an Kupferprodukten und einer geförderten Ausweitung der eigenen Kapazitäten, mit der Folge, dass in der chinesischen Produktion einem Wachstum von 9,4 % in der ersten Hälfte 2015 jetzt nur noch ein Nachfragewachstum von 3,4 % gegenübersteht.
Nickel. Die Exportbeschränkungen Indonesiens bezüglich Nickel wurden zu einem großen Teil durch die Philippinen kompensiert und haben somit den kurzfristigen Preisanstieg wieder ausgeglichen. So gelten die genannten Effekte aus China auch für Nickel. Nickel hängt außerdem eng mit dem Stahlmarkt zusammen: Etwa zwei Drittel des weltweiten Nickelbedarfs entfällt auf die Herstellung und Veredelung nicht rostender Stähle. Auch hier ergibt sich ein wesentlicher (aktuell negativer) Einfluss aus den oben genannten globalen Konjunkturindikatoren.
Teilweise sehen Analysten die Preisrückgänge aber auch als überzogen an. Das Überangebot rechtfertige nicht die derzeitigen Preiseinbrüche. Die Ursache könnte in den Aktivitäten von Finanzinvestoren liegen. Diese haben den Analysten zufolge eine prozyklische Haltung und reduzieren Long-Positionierungen, nach Angaben der Commerzbank allein seit Mai zwischen 40 und 90 Prozent.
Aussicht. In einigen Bereichen ist die Produktion – trotz des aktuellen Ölpreises – zu den jetzt vorherrschenden Weltmarktpreisen einfach nicht mehr rentabel.
Ein wesentlicher Grund für die hohen Aluminiumexporte Chinas waren staatliche Sonderprämien auf die Aluminiumproduktion. Inzwischen wurden diese aber deutlich reduziert. Ein nennenswerter Teil der Produktionskapazitäten ist daher wesentlich weniger rentabel und es könnte zu Stilllegungen kommen. Der entsprechende Bereinigungsprozess der Marktkapazitäten wird aber noch längere Zeit benötigen, um den aktuellen Angebotsüberhang wieder auszugleichen.
Kupfer kann zwar immer noch rentabel produziert werden. Wenn Hersteller die produzierten Mengen aber nicht absetzen können, wird es auf kurz oder lang doch zu Kapazitätskürzungen kommen. Die Bestände an der Londoner Rohstoffbörse LME haben sich in den vergangenen zwölf Monaten um 56 % erhöht. Es gibt bereits formulierte Pläne, z. B. haben Glencore oder Rio Tinto entsprechende Ankündigungen veröffentlicht. Experten rechnen mit ersten Auswirkungen und somit wieder steigenden Preisen für das letzte Quartal 2015.
Für Nickel werden bis Ende des Jahres keine Angebotsüberhänge gesehen. In weiten Teilen ist eine Produktion bei aktuellen Preisen im Moment nicht mehr rentabel. Es werden daher auch hier Kapazitätsreduzierungen erwartet. Commerzbank-Experten erwarten in diesem Jahr einen Preis von 13 000 US-Dollar bzw. Mitte 2016 einen Wert von 17 000 US-Dollar/Tonne. Dabei würden die chinesischen Händler die günstigen Preise zunehmend zum Kaufen nutzen und die Importnachfrage ziehe derzeit wieder massiv an. So habe China im Juli laut Zollbehörde 46,3 Tausend Tonnen Nickelraffinade importiert.
Auch der russische Nickelproduzent Norilsk Nickel hat seine Prognosen für das globale Marktdefizit von Nickel angehoben. Das Unternehmen erwartet im kommenden Jahr ein Marktdefizit von 60 000 Tonnen Nickel. Der Minenkonzern geht davon aus, dass die chinesische Produktion von Nickel-Pig-Eisen, die als Ersatz für die Nickelproduktion verwendet wird, sinken dürfte. Die Bestände von Nickel an der London Metal Exchange liegen bei rund 450 000 Tonnen und damit nur knapp unter einem Rekordhoch. Norilsk Nickel geht jedoch davon aus, dass der Preis für Nickel kaum weiter fallen dürfte, da die meisten Produzenten nicht mehr profitabel arbeiten würden.
Einige Experten erwarten wegen der bestehenden Unsicherheiten auf den Märkten keine Trendwende. Das HWWI sieht beispielsweise sogar weiteren Spielraum für Preissenkungen.
Andere Analysten wiederum erwarten keinen weiteren Preisverfall bei den Rohstoffen. Im Gegenteil. Die Analysten der Landesbank Baden Württemberg (LBBW) beispielsweise erwarten im „Commodity Yearbook 2015“ sogar Aufwärtspotenzial. Begründung: Die Lagerbestände seien bereits seit einigen Monaten rückläufig, trotz der dynamischen Nachfrage. Die Wahrscheinlichkeit einer Trendwende wird mit „hoch“ eingestuft. Das erwartete Wachstum der Weltwirtschaft „sollte auch die Rohstoffnachfrage weiter anziehen lassen“, prognostiziert LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert. Geringe Energiepreise würden als globales Konjunkturprogramm wirken.
Unser Fazit. Es ist ein wenig wie das Lesen in der Kristallkugel. Auch Experten von Banken und Wirtschaftsforscher haben teilweise komplett gegenläufige Meinungen. Anzunehmen ist, dass die Nachfrageseite sich nicht deutlich verändern wird. Entscheidend wird vielmehr sein, ob es auf Angebotsseite zu Kapazitätskürzungen kommt. Hier gilt es den Markt kontinuierlich zu beobachten, um dann entsprechend reagieren zu können.
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