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Allianz von Technologie und Management

Prof. Dr. Michael Henke, Institutsleiter Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik, Dortmund
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Er gilt als Experte für Einkauf und Supply Management, nun hat Prof. Dr. Michael Henke die Institutsleitung für den Bereich Unternehmenslogistik am renommierten Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik (IML) in Dortmund übernommen. Im Gespräch mit Beschaffung aktuell erklärt er, warum Technik und Management zusammengehören und was Unternehmen von sozialen Netzwerken lernen können.

Beschaffung aktuell: Herr Professor Henke, Sie sind seit vergangenem September Institutsleiter am Fraunhofer IML. Welche Ziele haben Sie und welche Schwerpunkte möchten Sie mit Ihrer Arbeit setzen?

Prof. Dr. Michael Henke: Was die technische und technologische Seite betrifft, gehört das Fraunhofer IML zu den weltweit führenden Forschungsinstituten im Bereich Logistik. Dies möchte ich um die entsprechenden Managementthemen ergänzen und ausbauen, weil das meiner Ansicht nach optimal zusammenpasst. In der Lehre gibt es diese Verbindung schon beim Diplom-Wirtschaftsingenieur, der in idealer Weise die Ingenieurwissenschaften mit den Wirtschaftswissenschaften verbindet. Das funktioniert wunderbar und Mitarbeiter, die sowohl technisch bzw. technologisch als auch betriebswirtschaftlich ausgebildet sind, werden von den Unternehmen händeringend gesucht. Ich sehe diesen Bedarf auch in der Forschung. Hier gibt es aber nach wie vor eine sehr starke Zielorientierung, indem man entweder ingenieurwissenschaftliche oder betriebswirtschaftliche Forschung betreibt. Eine wirklich interdisziplinäre Forschung gibt es ganz, ganz selten. Ich möchte deshalb auf die am Fraunhofer IML bereits vorhandenen Stärken, auch in der IT, aufsetzen und diese um die betriebswirtschaftlichen Themen ergänzen mit dem Ziel, beides wirklich miteinander zu verbinden. Anders ausgedrückt: Wir betreiben keine Betriebswirtschaftslehre für Techniker und Technologen, sondern quasi eine Wirtschaftsingenieurforschung.
Beschaffung aktuell: Woran liegt es denn, dass es diese Art von Forschung bisher nicht gibt, wenn doch gleichzeitig bei den Unternehmen ganz offensichtlich der Bedarf da ist?
Henke: Ich denke, das liegt an der Natur der Forschungsausrichtung in den einzelnen Disziplinen. Man konzentriert sich sehr stark auf den eigenen Bereich. In der Wirtschaftswissenschaft gibt es in den letzten Jahren eine Tendenz zur inkrementelleren Forschung. So werden zwar interessante Ergebnisse mit wissenschaftlich sehr anspruchsvollen Methoden produziert, der große Wurf ist aber nicht dabei. Wenn man praxisnahe Forschung mit größeren Erkenntnisfortschritten für die Unternehmenspraxis betreiben will, kommt man auf diese Weise nicht weiter. Natürlich geht das nicht von heute auf morgen, schon deshalb nicht, weil Ingenieure und Betriebswirte bestimmte Fragen traditionell doch auf sehr unterschiedliche Weise angehen. Ein Ingenieur beispielsweise ist zunächst eher an der Schönheit der technischen Entwicklung und weniger an den Kosten dieser Entwicklung interessiert. Hier prallen zwei Welten aufeinander, und das macht die Verbindung beider Disziplinen schwierig, aber auch sehr spannend.
Beschaffung aktuell: Gibt es denn schon konkrete Projekte, die diese beiden Disziplinen miteinander verbinden?
Henke: Ja, die gibt es, und zwar bei der Industrie 4.0, der so genannten vierten industriellen Revolution. Dieses Thema hat bisher einen ganz klaren technischen und technologischen Schwerpunkt: Die Hypothese ist, dass der gesamte Wertschöpfungsprozess autonomer und selbstständiger wird, die einzelnen Maschinen kommunizieren miteinander, ohne dass es dafür noch sehr viel zentrale Steuerung braucht. Auf die Logistik übertragen heißt das, die Komplexität logistischer Systeme führt zunehmend zu deren Dezentralisierung, Selbststeuerung und Selbstorganisation. Technologisch ist das schon relativ weit gediehen. Es gibt zellulare Fördersysteme, bei denen die einzelnen Fahrzeuge, der Schwarmintelligenz folgend, selbstständig untereinander kommunizieren. Oder intelligente Behälter, die im Laufe eines Produktionsprozesses genau wissen, wann sie wo hin müssen. Spannend wird es, wenn man jetzt konsequent weiterdenkt und diesen Ansatz ins Management überträgt. Die zugrunde liegende Idee der Industrie 4.0 ist doch, das, was der Einzelne beispielsweise in den sozialen Netzwerken macht, nämlich Informationen teilen und sich untereinander austauschen, auf die Unternehmenswelt zu übertragen. Die technologischen Grundlagen dafür sind vorhanden bzw. werden entwickelt, z. B. in Form von Smart Factory, Smart Grids und auch Smart Logistics. Was es noch nicht gibt, ist ein Managementansatz, der in der Lage ist, eine entsprechende Weiterentwicklung von Führungs- und Organisationsstrukturen abzubilden. Die meisten Unternehmen haben doch heute immer noch zentral geführte Strukturen. Es gibt einzelne Silos: Top Management, Marketing, Einkauf, Finanzen und so weiter. Und je größer ein Unternehmen ist, desto weniger kommunizieren die einzelnen Silos miteinander – zumindest ist das mein Eindruck, was den Durchschnitt der Unternehmen betrifft. Das heißt also, dass das, was der Einzelne in sozialen Netzwerken an Austausch und Kommunikation betreibt, im Unternehmen schlichtweg nicht stattfindet, ja gar nicht stattfinden kann. Will man Industrie 4.0 wirklich zum Leben erwecken, dann muss man deren Prinzipien der Selbstorganisation und Selbststeuerung konsequent auch auf das Management anwenden. Dezentrale Organisation, dezentrale Führung von Mitarbeitern, Durchlässigkeit und Transparenz im Unternehmen, das ist Management 4.0.
Beschaffung aktuell: Nun haben ja viele Unternehmen, die den Einkauf bisher dezentral geführt haben, in den letzten Jahren ihre Strategie geändert und ihn – teilweise mit erheblichem Aufwand – wieder zentralisiert.
Henke: Ja, da sind wir dann schnell wieder bei der Diskussion über die aus anderen Themenfeldern bekannten „Schweinezyklen“. Man darf jetzt auch nicht den Fehler machen und sagen, jedes Unternehmen muss sich zu 100 Prozent dezentral organisieren. Wir sind dabei, einen Handlungsrahmen mit Reifegradmodellen und Entscheidungshilfen für Unternehmen zu entwickeln, die sich in Richtung Industrie 4.0 aufstellen wollen. Welche zukünftigen Geschäftsmodelle gibt es, wie muss das Management der Zukunft aussehen und was ist für jedes Unternehmen individuell der richtige Grad an Dezentralisierung? Das hängt von vielen Faktoren ab, wie zum Beispiel dem Entwicklungsgrad eines Unternehmens im Sinne eines ganzheitlichen Supply Chain Management oder davon, in welcher Branche es sich bewegt und ob es international aufgestellt ist. Aktuell sind wir bereits dabei, mit einzelnen Unternehmen zum Beispiel Reifegradregeln zu diskutieren.
Beschaffung aktuell: Sie tragen also das Thema Management in die Fraunhofer-Welt?
Henke: Ja, ich habe am Fraunhofer IML den Bereich Unternehmenslogistik mit den Abteilungen Unternehmensplanung, Supply Chain Engineering, Produktionslogistik, Anlagen- und Servicemanagement und Unternehmensentwicklung international übernommen und baue die Abteilung Einkauf und Finanzen im Supply Chain Management neu auf. In diesem Bereich können wir alles abbilden, was für das Thema Management der Industrie 4.0 von Bedeutung ist, von Planung und Strategieentwicklung zur Umsetzung, von der Beschaffung über Logistik und Supply Chain Management, IT und Produktion bis hin zu Finanzen. Und wir haben für das Management der Industrie 4.0 die Möglichkeit, disziplinübergreifende Teams aus allen Abteilungen des gesamten Fraunhofer IML zu bilden. Die technologische Seite dieses Themas wird ja bei Fraunhofer schon seit einigen Jahren vorangetrieben. Gemeinsam können wir nun alle Facetten, sowohl die Technologie, als auch das Management abbilden, und dann werden wir auch in der Lage sein, den Nutzen von Industrie 4.0 für die Unternehmen wirklich greifbar zu machen.
Bisher sind zwar alle davon begeistert und wollen mitmachen, aber jetzt gilt es, den Hype in konkrete Zahlen zu gießen. Dafür muss man neue Kennzahlen ableiten und existierende Kennzahlen entsprechend einordnen. Denn eines ist klar: Es besteht durchaus die Gefahr, dass wir hier, analog zur Entwicklung der letzten Jahre im Maschinenbau, ganz schnell von China und anderen Ländern überholt werden. Insofern ist das Thema für die deutsche Industrie von erheblichem Interesse, um im internationalen Vergleich bestehen zu können. Voraussetzung ist, dass jedes einzelne Unternehmen in der Lage ist, für sich zu entscheiden, ob und wie weit es in diese Richtung gehen kann und will.
Beschaffung aktuell: Sie gelten als Experte für Financial Supply Management und für Risk Management. Haben Sie das Gefühl, dass das Thema in den Unternehmen weniger dringlich ist als noch vor wenigen Jahren auf dem Höhepunkt der Finanzkrise?
Henke: Nein, das sehe ich nicht. In vielen Unternehmen hat Risk Management ganz klar eine Top-Priorität. Es kommt natürlich auf die Industrie und den Unternehmenskontext an, aber das Bewusstsein ist in den Unternehmen nach wie vor vorhanden. Und das ist auch gut so, denn jetzt ist der richtige Zeitpunkt, für die Implementierung eines proaktiven Risk Managements. Die nächste Krise kommt bestimmt.
Beschaffung aktuell: Und wie sieht es beim Performance Measurement aus?
Henke: Hier heißt das Schlüsselwort nach wie vor Savings. Eine bessere Alternative wäre die Orientierung an der Planungsgenauigkeit. Je genauer die Planung ist und dementsprechend je geringer die Savings sind, umso besser ist doch die Leistung des Einkäufers. Im Umkehrschluss heißt das: Je höher die Savings ausgewiesen sind, umso mehr Fehler wurden zuvor bei der Planung gemacht. Das Gleiche gilt in Verbindung mit Themen wie Nachhaltigkeit oder Innovation Sourcing. Denn oft kostet – auf den Einstandspreis bezogen – ein innovativer Lieferant mehr als ein nichtinnovativer. Hier ist im Einkauf nach wie vor ein Umdenken erforderlich. Die Frage muss doch lauten „Was nutzt es dem Unternehmen insgesamt, auch wenn die Einkaufskosten vielleicht höher sind“, und nicht „wie kann ich die bestmöglichen Savings erreichen, ohne den Gesamtkontext zu sehen“. Die Savings liegen im Einkauf, der Nutzen eines innovativen Lieferanten betrifft dagegen das gesamte Unternehmen bis hin zu dessen Umsatz.
Beschaffung aktuell: Welche sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen, die auf Unternehmen in den nächsten Jahren zukommen werden? Welchen Chancen und welche Risiken sehen Sie?
Henke: Ich glaube, dass die deutschen Unternehmen gut daran tun, die Verknüpfung von Technologie, Technik und Management im Blick zu behalten und zu versuchen, das, was sich in den sozialen Netzwerken abspielt, nämlich Austausch, Information und Kommunikation, stärker ins Unternehmen zu holen. Auch im Hinblick auf die Mitarbeiter halte ich das für extrem wichtig. In ein paar Jahren wird man nicht mehr so viele dafür begeistern können, in einem Unternehmen zu arbeiten, in dem jeder nur in seinem Bereich denkt. Das wird nicht funktionieren mit Leuten, die als „Digital Natives“ groß geworden sind. Diese Kultur des Teilens, die es in den sozialen Netzwerken gibt, muss auch in den Unternehmen ankommen.
Beschaffung aktuell: Herr Professor Henke, vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Ulrike Dautzenberg.
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