Hitze- und Flammschutzkleidung

Auswahl nach tätigkeitsbezogenen Kriterien

Schutzanzüge an heißen Arbeitsplätzen müssen den Ober- und den Unterkörper, den Hals, Arme und Beine vollständig bedecken. (Bild: Mewa)
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Schweißen, löten, schmelzen – an vielen Arbeitsplätzen geht es den ganzen Tag heiß her. Die Mitarbeiter dort müssen gegen die bestehenden Risiken geschützt werden. Passende Schutzkleidung ist eine Maßnahme, die zu mehr Sicherheit beiträgt. Was passend ist, bestimmen Tätigkeit und Arbeitsumfeld.

Eine Frage, die Schutzkleidungsexperte Wolfgang Quednau hin und wieder gestellt wird, erstaunt ihn stets aufs Neue: „Es gibt Arbeitgeber oder für den Arbeitsschutz Verantwortliche, die sich erkundigen, ob für einen leichten Hitze- und Flammschutz nicht auch einfache Baumwollkleidung ausreicht.“ Seine Antwort darauf ist generell und ganz eindeutig „Nein!“. Gewebe, das zu 100 Prozent aus Baumwolle besteht, ist leicht entzündlich und schützt den Träger nicht vor Verbrennungen. „Bei Baumwolle liegt der Zündpunkt bei 400/ 450 °C; d.h. bei dieser Temperatur entzündet sich das Gewebe von selbst. Baumwollgewebe bietet nur einen Flammschutz, wenn es mit einer entsprechenden Flammschutzausrüstung versehen ist“, erklärt Textil-Chemiker Quednau, der seine Kenntnisse in Gremien wie ISO, CEN und DIN einbringt und Unternehmen im Bereich Forschung und Entwicklung von Berufs- und Schutzkleidung berät. So leicht fällt ihm die Antwort allerdings nicht immer, wenn sich die Frage stellt: Was müssen Mitarbeiter tragen, wenn sie an ihrem Arbeitsplatz Gefahr laufen, Hitze, Funken oder Flammen ausgesetzt zu sein. Mitarbeiter, die oft schweißen, brauchen Kleidung aus robusterem Gewebe als Kollegen, die nur ab und an ein Schweißgerät in die Hand nehmen. In Stadtwerken, Energieversorgungs- und Photovoltaikunternehmen kann es notwendig sein, dass die Mitarbeiter sich gegen die thermischen Gefahren eines Lichtbogens schützen müssen und in Gießereien muss ein Tropfen flüssigen Metalls vom Gewebe abperlen. Selbst bei ähnlichen Tätigkeiten können Gefährdungen unterschiedlich sein: Gewebe, die hervorragend gegen flüssige Eisenspritzer schützen, eignen sich nicht bei flüssigen Aluminiumspritzern. Flüssiges Eisen ist zwar im Vergleich zu Aluminium fast doppelt so heiß, bleibt aber viel zähflüssiger. Eisenspritzer perlen am Gewebe ab, das dünnflüssige Aluminium kann hingegen feinste Spritzer produzieren, die auf dem Gewebe liegen bleiben und durchbrennen können.

Grundlage für die Sicherheit der Mitarbeiter ist die Erstellung einer detaillierten Gefährdungsbeurteilung. Zertifizierungen einer Hitze- und Flammschutzkleidung sind zwar eine gute Orientierung bei Auswahl, besagen aber nicht, dass die Kleidung auch die bestmögliche Lösung für den vorliegenden Bedarf darstellt: Zu unterschiedlich sind die Rahmenbedingungen in Produktionshallen und Werkstätten. Vor der Bestellung einer speziellen Schutzkleidung steht deshalb immer die Arbeitsplatzanalyse zur exakten Beurteilung der Gefährdung. Erst deren Ergebnisse zeigen, welche Kriterien eine Hitze- und Flammschutzkleidung an diesem speziellen Arbeitsplatz erfüllen muss. „Der Arbeitgeber hat durch eine Beurteilung der für die Beschäftigten mit ihrer Arbeit verbundenen Gefährdung zu ermitteln, welche Maßnahmen des Arbeitsschutzes erforderlich sind“, heißt es im Arbeitsschutzgesetz vom 7.8.1996 § 5, Absatz 1. Ist Schutzkleidung erforderlich, muss der Arbeitgeber seine Mitarbeiter damit ausstatten und die Kosten übernehmen (Arbeitsschutzgesetz vom 7.8.1996 § 3, Absatz 3). Ist geklärt, was gefährlich ist und wogegen sie schützen soll, kann man sich aufgrund der Ergebnisse nach geeigneter Schutzkleidung umsehen. „Man ist heute bereit, mehr Zeit in die Auswahl des optimalen Schutzes zu investieren“, sagt Nicole Kiefer, Textilingenieurin bei Mewa. Sie registriert seit einigen Jahren auf Seiten von Sicherheitsfachkräften und Einkäufern eine komplexer werdende Nachfrage, wenn es um die Anschaffung von Schutzkleidung geht. Um das Passende anbieten zu können, holt man bei Mewa – neben einer Beschreibung des Arbeitsplatzes und den Ergebnissen der Gefährdungsbeurteilung – auch Informationen ein, welche Kleidung derzeit getragen wird und welche Vor- und welche Nachteile diese hat. Neben Sicherheitsaspekten spielen auch ergonomische Aspekte eine Rolle. „Oft hören wir, dass die Kleidung einengt, zu schwer oder zu warm ist“, berichtet Kiefer. Sie rät: Wer Hitze- und Flammschutzbekleidung anschafft, sollte auf ein verhältnismäßig weiches und angenehmes Gewebe achten, dass den Träger – neben der meist warmen Arbeitsumgebung – nicht noch zusätzlich ins Schwitzen bringt. Unzureichender Tragekomfort kann auch vorliegen, wenn bei der Konfektion der Kleidung am Material gespart wurde. Ihr Fazit: Je höher der Tragekomfort, umso eher tragen Mitarbeiter die Kleidung wie vorgeschrieben.

EN ISO 11612

Wichtige Norm

Für Hitze- und Flammschutzkleidung in der Industrie ist die EN ISO 11612 besonders relevant. Sie legt die Anforderungen für Schutzkleidung zum Schutz gegen Hitze und Flammen fest. Welche Anforderung eine Kleidung in welchem Ausmaß erfüllt, ist durch Codebuchstaben und Zahlen definiert:
Code A1 – begrenzte Flammenausbreitung – OberflächenbeflammungCode A2 – begrenzte Flammenausbreitung – KantenbeflammungCode B – Konvektive HitzeCode C – StrahlungshitzeCode D – Flüssige Aluminium-SpritzerCode E – Flüssige EisenspritzerCode F – KontakthitzeEine Zahl hinter den Buchstaben B, C, D, E und F gibt die Leistungsstufe an. Je höher die Zahl, desto höher der Schutz.

Bonni NarjesJournalistin in Hamburg


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