Qualität aus Werkstätten für behinderte Menschen

„Bei Fehlern ist der Daimler traurig“

Über 1200 Menschen mit einer Behinderung arbeiten bei der GWW, die eine sinnvolle Beschäftigung brauchen und wollen – als Automobilzulieferer hat sich das Unternehmen bereits einen Namen gemacht (Foto: GWW)
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Gemeinnützige Werkstätten für behinderte Menschen wollen als ganz normale Zulieferer gesehen werden, weil sie wie andere alles bieten können: Hightech-Produkte, Null-Fehler-Toleranz, Just-in-Sequence-Lieferungen und Konstruktionsservice. Und das zu sehr attraktiven Konditionen.

Menschen mit Behinderung fertigen heute in Werkstätten Kabelbäume für die Elektroindustrie, produzieren komplexe Bauteile für die Automobilindustrie, bearbeiten Zylinder für Hydraulikpumpen, zerlegen und entsorgen Elektronikschrott und vieles andere mehr. Statt auf den Mitleidsbonus zu setzen, stehen für Einrichtungen wie die „Gemeinnützige Werkstätten & Wohnstätten GmbH“ (GWW) das Angebot von Hightech-Produkten, kundenorientierter Service und „Null-Fehler-Toleranz“ ganz oben. Sie sehen sich als ganz normale Unternehmen und wollen auch wie solche behandelt werden.

„Wenn wir Aufträge von Industrieunternehmen an Land ziehen wollen, müssen wir nicht nur genauso gut sein, sondern sogar besser als unsere Wettbewerber aus der Erwerbswirtschaft“, stellt Hartmut Schwemmle fest. Der Technische Betriebswirt ist Leiter des Arbeitsbereichs der GWW in Calw, einem von fast 40 Standorten des Sozialunternehmens aus Baden-Württemberg, bei der rund 1200 Menschen mit Behinderung arbeiten. Auf der Stuttgarter Fachmesse für Montage- und Handhabungstechnik Motek hat man im Herbst 2007 unter dem Motto „Lieber nah dran als Fernost“ dafür geworben, dass Unternehmen statt im Ausland doch besser in Baden-Württemberg fertigen lassen.
Qualität und Zuverlässigkeit
Zu den Auftraggebern, welche die Leistungen der GWW in Anspruch nehmen, zählen neben mehr als einhundert Mittelständlern auch Großunternehmen wie Daimler, Carl Zeiss, Bosch Rexroth oder IBM und Hewlett-Packard. „Kein Unternehmen könnte sich eine Zusammenarbeit mit uns aus Mitleid erlauben, alle diese Kunden kommen deshalb, weil wir eine gute Leistung, hohe Qualität und Zuverlässigkeit zu einem interessanten Preis anbieten“, fasst Schwemmle zusammen. Die Werkstätten der GWW fahren eine „Null-Fehler-Strategie“; diesen hohen Qualitätsmaßstab zu gewährleisten, helfen die Zertifizierungen nach DIN EN ISO 9001 ff. und nach VDA 6.1. „Automobilzulieferer und Mittelständler, die Erfahrungen mit Qualitätsproblemen durch die Produktionsverlagerung nach Osteuropa gemacht haben, schätzen diese Standards“, so Schwemmle und seine Kollegen von der GWW.
„Die Formulierung, wir würden fehlerfreie Leistungen schaffen, obwohl unsere Mitarbeiter eine Behinderung haben ist falsch. Richtig ist vielmehr, dass wir gerade wegen den Behinderungen ohne Fehler arbeiten“, führt der Werkstattleiter aus. Denn, so erklärt er, aufgrund der Behinderungen würden die Arbeitsplätze seiner Mitarbeiter genau so gestaltet, dass sie ohne Schwierigkeiten die Aufgaben bewältigen können: „Bei uns steht der Mitarbeiter mit seinen Fähigkeiten im Mittelpunkt. Das führt zu einer anderen Arbeitsorganisation, als es in der Erwerbswirtschaft sonst üblich ist; der Produktionsprozess orientiert sich am Menschen und nicht umgekehrt.“ Die Arbeitsplätze würden deshalb so gestaltet, dass die Mitarbeiter die jeweiligen Arbeiten zu einhundert Prozent erfüllen können. Und ihnen sei auch die Bedeutung fehlerfreier Ergebnisse bewusst: Sie wissen, dass bei Fehlern „der Daimler traurig ist“.
Die vielseitigen Fertigungsmöglichkeiten der GWW bieten für die Kunden zahlreiche Vorteile, denn bei der GWW weiß man, dass Aufträge nur erteilt werden, wenn Qualität, Liefertreue, Service und der Preis stimmen. So äußerte sich ein mittelständischer Kunde: „Wir waren nach Prüfung aller Punkte überrascht, dass unser neuer Lieferant fast vor unserer Haustür liegt, obwohl wir mehrere Fertigungsstandorte aus Osteuropa abgeprüft hatten.“ Aber bei der Auftragsvergabe wurden alle Parameter in die Entscheidung miteinbezogen – nicht nur der Preis.
Gleichzeitig winkt die Werkstatt mit einem zusätzlichen Kostenvorteil für alle Auftraggeber, die mehr als zwanzig Mitarbeiter beschäftigen. Diese sind verpflichtet, fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit Schwerbehinderten zu besetzen oder stattdessen die gesetzlich geregelte Ausgleichsabgabe zu zahlen. Dies können Unternehmen dadurch umgehen, indem sie Aufträge an Unternehmen wie die GWW vergeben, denn so kann der Kunde bis zur Hälfte des Wertschöpfungsbetrages auf die von ihm zu zahlende Ausgleichsabgabe anrechnen.
Kostengünstige Kleinserien
In Calw hat man sich spezialisiert und produziert als Lohnfertiger unter anderem Dichtungen aus Einkomponenten-Polyurethan – so genanntem 1K-PUR – einem speziellen Kunststoff, der je nach Anwendung besonders gut klebt, dämpft und dichtet. Schwerpunkt ist der Automobilbau: 1K-Pur dient zum Abdichten von Scheinwerfern, Türschlössern oder Wartungsdeckeln für Tankpumpen, zum Ausschäumen von Kabeldurchführungen, zum elastischen Verkleben von Bauteilen, zum Isolieren von Steckergehäusen oder zur Dämpfung und Dichtung von Türen. Daneben aber auch für Dichtungen aus diesem Material, welche dann in Computern, Haushaltsgeräten, optisch-medizinischen Geräten oder auch sonst wo eingebaut werden, denn die Anwendung ist äußerst vielfältig.
Aufgrund der computergesteuerten Technologie können auch kostengünstig Kleinserien produziert werden. Weitere Vorteile sind, dass für den Kunden keine Investitionen anfallen, es werden keine Fertigungsräumlichkeiten und Lagerkapazitäten benötigt, und was ganz wichtig ist: Es muss kein speziell geschultes Personal vorgehalten werden.
Bei der Belegschaft unterscheidet die GWW zwischen Mitarbeitern mit Behinderung und dem Personal, das sind Ingenieure, Konstrukteure, Entwickler und Anlagenbauer und Meister, die dafür sorgen, dass die GWW die notwendige fachliche Kompetenz für eine breite Palette an Dienstleistungen rund um die Lohnfertigung hat. „Die Fertigung ‚Just-in-Time’ und Lieferung ‚Just-in-Sequence’, wie sie in modernen Produktionsabläufen üblich sind, bietet die GWW selbstverständlich auch“, so Schwemmle. Eine eigene Abteilung betreut Industriekunden bereits in der Konstruktionsphase für Bauteile und übernimmt anschließend auf Wunsch die Entwicklung und Fertigung von Vorrichtungen, Werkzeugen, Musterteilen und Prototypen.
Dass moderne Technik, Qualität, Service sowie das Preis-Leistungs-Verhältnis bereits viele Kunden von den Möglichkeiten der GWW überzeugt, sollen die aktuell vorliegenden Aufträge über das Dichten, Kleben und Umschäumen von sieben Millionen Bauteilen mit Einkomponenten-Polyurethan beweisen, auf die Schwemmle verweist. Trotz dieser Erfolgszahl stört es den Werkstattleiter, dass noch viele potenzielle Kunden weder das umfangreiche Leistungsangebot der Werkstätten kennen, noch von dem hohen Qualitätsniveau in den Einrichtungen wissen. Deshalb geht die GWW auf Messen an die Fachöffentlichkeit, denn die über 1200 Mitarbeiter mit einer Behinderung wollen eine sinnvolle Tätigkeit ausüben.
„Wir sind als GWW eine von vielen Werkstätten in Deutschland, die mit ihrer Arbeit und Leistung dazu beitragen wollen, Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung abzubauen“, erklärt Schwemmle. Mit einem Umsatz von über 60 Millionen Euro im vergangenen Jahr zählt die GWW zu den großen deutschen Werkstätten für Menschen mit Behinderung und ist bereits selber ein mittelständisches Unternehmen. „Bei uns hat die Fertigung im Auftrag von Industrieunternehmen eine Tradition von mehr als dreißig Jahren“, so Schwemmle.
Es gelingt auch immer, wie auf der Motek, eine ganze Reihe von Kontakten zu knüpfen. Aber der Fachmann weiß, dass es vom Kennenlernen bis zur Unterzeichnung eines Auftrags ein weiter Weg ist. Denn selbst, wenn das Interesse an den Leistungen seiner Werkstatt groß und das vorgelegte Angebot finanziell attraktiv ist, sind noch Hindernisse zu überwinden: „Oftmals ist die Zusammenarbeit mit einer Werkstatt wie der GWW für industrielle Auftraggeber, die erstmals mit einer solchen Einrichtung konfrontiert werden, eine gewöhnungsbedürftige Vorstellung.“ Da brauchte es dann noch einen letzten Ruck. Schwemmle: „Ist der Schritt aber erst einmal getan, sind die Kunden in der Regel zufrieden und bleiben uns über Jahre treu.“

Es begann mit einem Aschenbecher

Daimler und GWW

„Unsere enge Kooperation, die nunmehr schon über 30 Jahre währt, begann mit einem Aschenbecher, nein, mit Tausenden von Aschenbechern. Bereits 1973, im Gründungsjahr der GWW, fertigten Mitarbeiter der GWW Aschenbecher und Schlüsseltaschen für Mercedes-Benz. Mit den Jahren wuchs die Qualität und Liefertreue – das Auftragsvolumen stieg, die Aufträge wurden immer größer und vor allem komplexer. Und wir hatten die Möglichkeit, uns von Auftrag zu Auftrag besser kennenzulernen. Die GWW entdeckte ihre Stärken als Automobilzulieferer und wir gewannen im Gegenzug mehr und mehr Vertrauen in die GWW als zuverlässigen Partner.
Daimler hat höchste Qualitäts- und Liefermaßstäbe und die GWW hat sich allen Prüfkriterien, Audits und Zertifizierungen, die wir bei unseren Lieferanten voraussetzen, erfolgreich gestellt und erfüllt nicht zuletzt auch die ISO TS 16949. Die GWW ist ein starker Kooperationspartner der Daimler AG mit über 42 Millionen Euro Umsatz jährlich. Dieses Engagement wollen wir nachhaltig fortsetzen.
Die Arbeitsumfänge beinhalten heute unter anderem den Zusammenbau von Dreiecksfenstern und deren Anlieferung an die Montagelinie für die meisten der in Sindelfingen gefertigten Baureihen wie E-, CLS-, S- und SL-Klasse. Die Komplexität unserer heutigen Prozesse und Abläufe lässt sich nur dann beherrschen, wenn Produktionswerk und Lieferant, wenn beide Hand in Hand zusammenarbeiten. Dafür ist es notwendig, ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln.
Beim Einkauf ist es Daimler wichtig, auch benachteiligten Gesellschaftsgruppen Chancen zu eröffnen. Dieser Anspruch ist in internen Zielvereinbarungen hinterlegt. Und wir übernehmen diese Verantwortung gerne und sind stolz auf unsere langjährige Partnerschaft mit der GWW, an der wir auch in Zukunft festhalten möchten. Ich möchte aber betonen, dass wir eindeutig voneinander profitieren und es uns gelungen ist, für beide Seiten ein erfolgreiches Fundament zu schaffen. Grundsätzlich, ich denke, da sind wir uns einig, stellt die geografische Nähe von Kooperationspartnern in einer Region, bzw. an einem Standort immer eine Win-Win Situation dar.“
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