EU-Binnenmarkt

Brexit – Auswirkung auf die Supply Chain

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Am 23. Juni 2016 stimmten mehr als 50 % der britischen Wähler für den Austritt aus der EU. Ein Aufschrei ging durch Europa. Politik und Wirtschaft waren überrascht: Das britische Pfund verlor seit der Volksabstimmung über 10 % an Wert. Bis spätestens Ende März will die britische Regierung den Austritt aus der Europäischen Union beantragen. Im Vereinigten Königreich wird zurzeit viel über die Beschränkung des freien Personenverkehrs mit der EU diskutiert. Von einer Beschränkung des freien Warenverkehrs ist aus gutem Grund selten die Rede. Zu groß sind die Verknüpfungen zwischen den europäischen Volkswirtschaften.

Die 27 übrigen EU-Mitgliedsstaaten und die Europäischen Institutionen sind sich einig: Freier Waren- und Personenverkehr können nicht getrennt voneinander verhandelt werden. Für das Vereinigte Königreich soll es keinen Binnenmarktzugang „à la carte“ geben.

Das Ergebnis der Austrittsverhandlungen ist bei dieser gegensätzlichen Interessenlage nicht vorhersagbar. Dass bis heute kein Fahrplan und klare Verhandlungspositionen definiert wurden, steigert die Unsicherheit. Es wird bereits damit gerechnet, dass die zweijährige Übergangszeit für eine Neuordnung der Wirtschaftsbeziehungen nicht ausreichen wird.
Supply-Chain-Managern bleibt nichts anderes übrig, als diese Zeit zu nutzen, um ihre Unternehmen bestmöglich auf den „Brexit“ vorzubereiten. Die Bandbreite an zu betrachtenden Szenarien ist groß und reicht vom weitgehenden Zugang des Vereinigten Königreichs zum EU-Binnenmarkt mit freiem Waren- und Personenverkehr (norwegisches Modell/Schweizer Modell) bis hin zu bilateralen Handelsbeziehungen auf Basis der WTO-Verträge (wie mit den USA). Die Komplexität lässt sich weiter steigern, nimmt man zusätzlich verschiedene Entwicklungen der Wechselkurse von Euro und britischem Pfund an.
„Brexit means Brexit“ kündigte Theresa May, die britische Premierministerin, an. Das zeigt, dass Handelsbeschränkungen in Zukunft nicht auszuschließen sind. Die Vorbereitungen sind also nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Doch wie könnten sie konkret ablaufen?
Kostenrisiken entlang der Supply Chain
Im ersten Schritt gilt es abzuschätzen, welche Risiken von einem Austritt des Vereinigten Königreichs aus dem EU-Binnenmarkt ausgehen. Die Erhebung von Zöllen im bilateralen Handel ist eine der möglichen Folgen. Zölle wirken sich sowohl negativ auf die Materialeinzelkosten bei Zukaufteilen wie auch auf die Gewinnmargen bei Fertigwaren aus.
Selbst wenn eine Zollunion zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU vereinbart werden sollte, ist mit bürokratischem Mehraufwand z. B. bei der Erklärung von Ein- und Ausfuhren zu rechnen. Je nach Ausprägung der zukünftigen Handelsbeziehungen könnten Vorabanmeldungen, Ausgangsmeldungen, Zollanmeldungen, Wiederausfuhranmeldungen, etc. in Unternehmen vermehrt auf der Tagesordnung stehen. Komplexe Sonderregelungen beim Marktzugang zum Schutz bestimmter Wirtschaftsbereiche würden höheren Aufwand erzeugen.
Kommt es zur Vereinbarung weniger vorteilhafter Handelsbeziehungen, ist sogar mit nichttarifären Hemmnissen im Warenverkehr zu rechnen. Hierzu zählen z. B. Quoten, lokale Normen oder Local-Content-Klauseln, die wiederum für zusätzlichen Verwaltungsaufwand sorgen.
Britische Flug- und Seehäfen wären dann für europäische Waren wieder Grenzzollstellen. Die entsprechenden Kontrollmaßnahmen könnten zu Verzögerungen beim Transport und somit zu einer geringeren Planbarkeit von Logistikrouten führen. So würden mehr Lkw und entsprechende Fahrer zur Bedienung eines gleichwertigen Logistiknetzwerks benötigt; die schlechtere Planbarkeit von Routen könnte zum Aufbau zusätzlicher Sicherheitsbestände entlang der Supply Chain führen. Der dadurch notwendige Personalaufwand hätte dann nicht nur eine höhere Kapitalbindung, sondern ebenso ein steigendes Qualitätsrisiko (Fehlerkostenrisiko) zur Folge.
Globale Lieferketten im Fokus
Ein Screening der gesamten Unternehmens-Supply Chain ist daher der zweite Schritt im Rahmen der „Brexit“-Vorbereitungen. Wichtig ist, Zulieferer und deren Zulieferer in die Analyse miteinzubeziehen, denn sie verfügen oft über Detailwissen aus den Tiefen der Lieferketten. Zukünftig könnte jedes Überqueren von Grenzen wieder mit Kosten und Zeitaufwand verbunden sein.
Enge Verflechtungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU sollten dabei nicht überraschen, da z.B. Felixstowe, einer der bedeutendsten Containerhäfen Europas, in Südostengland liegt und das Vereinigte Königreich einer der größten Importeure europäischer Waren ist.
Fest steht: Ein guter Überblick über die eigene Supply Chain wird, nach den zurückliegenden Outsourcing-Wellen in Produktion und Einkauf, wieder ein Erfolgsfaktor für international tätige Unternehmen.
Abstimmung mit Kunden und Zulieferern
Beim anschließenden Re-Design, einer Neuplanung der gesamten Supply Chain, liegt der Fokus auf der Beherrschung der potentiellen Risiken in Folge des „Brexit“. Zu treffende Maßnahmen sollten mit Kunden und Lieferanten eng abgestimmt werden. Bei allen Überlegungen sollte auch eine Absicherung gegen zu erwartende Wechselkursschwankungen eine Rolle spielen.
Je nach Ausprägung zukünftiger Beschränkungen im Warenverkehr zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU ist eine Entflechtung der Wirtschaftsräume zu erwarten. Britische Supermärkte und Handelsunternehmen könnten zukünftig z. B. mehr Ware von lokalen Lieferanten oder in Drittländern mit vorteilhafteren Handelsabkommen beziehen, um Zölle und Bürokratie im Handel mit der EU zu umgehen.
Analog dazu würde eine höhere vertikale Integration der Fertigung vor Ort die Kostenrisiken für die britische Automobilindustrie senken, denn sie bezieht momentan nur 37 % ihres Einkaufsvolumens aus dem eigenen Land. Von Zulieferern könnte dann z. B. der Aufbau von Werken im Vereinigten Königreich erwartet werden.
Unternehmen, die im Vereinigten Königreich für den europäischen Markt produzieren, könnten sich hingegen gezwungen sehen, Teile ihrer Produktion auf das europäische Festland zu verlagern. Im Jahr 2015 gingen 80% der britischen Automobilproduktion (rund 1,2 Millionen Fahrzeuge) in den Export. Fast jedes zweite Fahrzeug davon war für die EU bestimmt.
Einschränkung des freien Personenverkehrs
Risiken für die Supply Chain ergeben sich aber auch aus einer Einschränkung des freien Personenverkehrs. Das Vereinigte Königreich ist bereits heute aufgrund einer niedrigen Arbeitslosigkeit auf den Zuzug von Arbeitskräften angewiesen. Personalknappheit könnte gerade im Logistiksektor zukünftig Lohnkosten schneller steigen lassen. Auch die Möglichkeit, Mitarbeiter flexibel in Werke oder die Zentrale in anderen Teilen Europas zu entsenden, könnte bei schärferen Einreisebestimmungen wegfallen. Unternehmen droht der Aufbau von teuren Parallelstrukturen.
Wie es weiter geht, ist heute noch unklar. Sicher ist nur, dass Supply Chain Manager bald einen Plan B für die möglichen „Brexit“-Szenarien in der Tasche haben sollten.

Dr. Marcus Schüller Partner, Advisory, und Head of Operations Consulting bei der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft
Hannah Mareen Zühlke, Senior Manager im KPMG Operations Consulting Team mit Fokus auf Procurement Advisory
Philipp Mößner, Assistant Manager im KPMG Operations Consulting Team mit Fokus auf Sales & Operations Planning und Lean Manufacturing
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