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„Der Einkauf hat sein Schattendasein abgelegt“

Dr. Jürgen Marquard, Vorstandsvorsitzender BME
„Der Einkauf hat sein Schattendasein abgelegt“

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Dr. Jürgen Marquard, Vorstandsvorsitzender BME und Leiter Strategischer Einkauf bei der Bosch Rexroth AG, Lohr am Main, im Gespräch mit BA Beschaffung Aktuell.

Das Gespräch führte Daniel Zabota.

BA Beschaffung Aktuell: Herr Dr. Marquard, Bischöfe formulieren zu Beginn ihrer Amtszeit einen Wahlspruch. Sie sind seit wenigen Wochen BME-Vorstandsvorsitzender. Wie lautet Ihr Wahlspruch?
Dr. Jürgen Marquard: Ich beherzige seit meiner Zeit als Vorstandsassistent bei Mannesmann den Wahlspruch „Numquam destiteris“ – Niemals verzweifeln, auch nicht vor größeren Herausforderungen. Die Kombination von Zuversicht und einem Schuss Neugier hat mir bisher gut geholfen, an neue Aufgaben heranzugehen.
BA: Nächster Schritt: Das Programm. Was haben Sie sich als BME-Chef vorgenommen?
Marquard: Wir wollen die Mitgliederbasis weiter stärken und das Dienstleistungsspektrum des Verbandes gezielt weiterentwickeln. Der BME hat sein Profil in den vergangenen Jahren deutlich schärfen und seine Position als führender Fachverband im Bereich Einkauf und Logistik ausbauen können. An diesen Erfolgen will der neu gewählte Vorstand mit seiner Arbeit anknüpfen. Wir werden insbesondere die Sektionsbereiche Öffentliche Auftraggeber, Beschaffungsdienstleister und Logistik weiter mit Leben füllen.
BA: Interessant finden wir die Entwicklung der Young Professionals.
Marquard: Ja, die 25- bis 35-Jährigen haben Qualifizierungsbedarf und sie brauchen eine gemeinsame Basis. Wir wollen der speziellen Interessenlage der Jüngeren gerecht werden und so unsere Mitgliederbasis stärken.
BA: Wollen Sie das zukünftig den Regionen überlassen oder zentral vom Bundesvorstand aus organisieren?
Marquard: Vorstand und Geschäftsstelle werden den Prozess offiziell unterstützen. Zentral da, wo es sinnvoll ist. Meetings führen die Young Professionals dezentral in Eigenregie durch.
BA: Vor dem zurückliegenden BME-Symposium waren wir sehr gespannt, was denn gerade Angela Merkel den Einkäufern zu sagen hat, was sie anderen Wählern nicht sagen würde. Schade, wir haben es nicht erfahren. Umgekehrt: Was waren/sind eigentlich die ganz speziellen Erwartungen der Einkäufer an die Wirtschaftspolitik, egal welcher Couleur?
Marquard: Wer wie die Einkäufer viel ins Ausland reist und auch fernere Regionen besucht, ist von der Wirtschaftsdynamik und Aufbruchstimmung dort beeindruckt. Wir lassen uns vom Nimbus des so genannten Exportweltmeisters in die Irre führen. In Wahrheit beruht ein großer Teil der von Deutschland exportierten Wertschöpfung bereits heute auf Zukäufen aus kostengünstigeren Ländern. Die Parteien in Deutschland arbeiten leider mehr gegen- als miteinander. Es ist wichtig, die den Wirtschaftsstandort Deutschland stärkenden Reformen voranzutreiben sowie nachhaltig in Bildung, Wissenschaft und Forschung zu investieren.
BA: Heißt das, Sie könnten sich auch Backsourcing vorstellen?
Marquard: Es hat in der Vergangenheit immer wieder auch Meldungen über reuige Rückkehrer gegeben. Aber Beschaffungsvorgänge, die einmal erfolgreich ins Ausland verlagert wurden, werden für den heimischen Lieferantenmarkt eher auf Dauer verloren sein. Im Übrigen lernen andere Länder schnell hinzu.
BA: In vielen Unternehmen nimmt man den Einkauf noch immer nicht so richtig wahr. Wie wollen Sie das ändern?
Marquard: Der Einkauf hat sein Schattendasein längst abgelegt. Heute ist professionelles Beschaffungsmanagement essenziell für Unternehmen. Wer das noch nicht erkannt hat, dem ist nicht zu helfen. Wobei gilt, dass wettbewerbsintensive Branchen hier weiter fortgeschritten sind als andere. Wer den Einkauf stiefmütterlich behandelt, der wird bald ein Problem haben.
BA: Kürzlich sagte mir ein altgedienter Einkäufer, der Einkauf – weil er alle Finanzströme im Blick hat – sei eigentlich das Controlling im Unternehmen. Dennoch ist das Controlling am Einkauf vorbei eine eigenständige betriebliche Funktion geworden. Wie kann der Einkauf zum Controlling aufschließen?
Marquard: Die Auffassung des Kollegen teile ich in der Form nicht. Das Controlling ist eine funktionsübergreifende Disziplin, die über das Aufgabengebiet des Einkaufs hinausgeht. In vielen Unternehmen hat sich ein fachbezogenes Controlling in den Einkaufsbereichen etabliert und bewährt. Es unterstützt mit seinen spezifischen Methoden und Tools die betrieblichen Planungsprozesse und liefert wichtige Kennzahlen über die Leistung der Einkaufstätigkeit.
BA: Der BME hat nun sein Logo modernisiert, ist aber bei den traditionellen Begriffen geblieben. Heißt das, dass wir zukünftig vor dem Begriff Supply Management, der oft als umfassender und moderner sowieso gepriesen wird, verschont bleiben?
Marquard: Mit der Veränderung des BME-Logos wollen wir auch optisch das Image eines modernen Verbandes transferieren. Die Modernisierung eines Logos ist etwas anderes als die Veränderung eines Namens. Der Verband hat im vergangenen Jahr seinen 50. Geburtstag gefeiert. BME – das hat Markencharakter, daran wollen wir nicht rütteln. Auf einem anderen Blatt steht, wie die verstärkt zusammenwachsenden Funktionen von Einkauf und Logistik in den Unternehmen bezeichnet werden. Der Begriff des Supply Management stellt eine der möglichen Optionen dar.
BA: Wie gelingt es Ihnen, Ihren Beruf als Leiter Strategischer Einkauf bei Bosch Rexroth mit dem Amt des BME-Vorstandsvorsitzenden zu verbinden?
Marquard: Das gelingt nur, wenn man weiß, dass die Verbandsarbeit vom Unternehmen unterstützt wird. Es gelingt auch deswegen gut, weil ich in meiner Abteilung über eine hoch motivierte Mannschaft verfüge. Unabhängig davon habe ich mir fest vorgenommen, meine beruflichen Verpflichtungen nicht zu vernachlässigen. Meine ersten Monate im Amt zeigen, dass die Wahrnehmung des Ehrenamtes gut gelungen ist – nicht zuletzt durch eine verständnisvolle Familie. Zu deren Lasten und zu Lasten der Freizeit geht die Verbandsarbeit bisher im Wesentlichen. In viele Themen muss ich mich derzeit noch einarbeiten.
BA: Kürzlich ist Ihr Unternehmen, Bosch Rexroth, in die Königsklasse deutscher Industriemarken aufgenommen worden, jedenfalls in ein Buch von Langenscheidt (Gabler Verlag), in dem Weltmarktführer beschrieben werden. Hat der Einkauf Anteil an diesem Erfolg?
Marquard: Das hoffe ich doch – nein, im Ernst, Bosch Rexroth ist ein hochinnovatives und erfolgreiches Unternehmen mit Spitzenpositionen in verschiedensten Technologiefeldern der industriellen und mobilen Antriebs- und Steuerungstechnik. Erfolg setzt gutes Teamwork und professionelle Arbeit aller am Geschäftsprozess beteiligten Funktionen voraus. Ganz sicher haben auch unsere Einkäufer zu der sehr positiven Entwicklung des noch jungen Unternehmens beigetragen.
BA: Wie groß ist das Beschaffungsvolumen bei Bosch Rexroth?
Marquard: Unser weltweites Einkaufsvolumen beträgt rund 1,7 Milliarden Euro.
BA: Haben Sie zusammen mit Ihrer Mannschaft eine Supply-Strategie formuliert?
Marquard: Es gibt eine Vision, die wir beim Zusammengehen von Mannesmann Rexroth mit dem Geschäftsbereich Bosch Automationstechnik unter dem Dach der Robert Bosch GmbH im Jahre 2001 formuliert haben. Demnach verstehen wir den Einkauf als aktive und integrierte Funktion zur Unterstützung der auf kraftvolles Wachstum ausgerichteten Unternehmensstrategie. Die Arbeit des Einkaufs ist eng verzahnt und abgestimmt mit den Aktivitäten in den technischen Funktionen, aber auch mit unserem Vertrieb. Eine unserer wichtigen Kundenbranchen ist die Werkzeugmaschinenindustrie. Der Einkauf unterstützt hierbei die eigenen Vertriebsinteressen durch frühzeitige Einbindung in Investitionsvorhaben der gesamten Bosch Gruppe. Darüber hinaus versuchen wir, durch geschäfts- und länderübergreifende Bündelung unserer Material- und Dienstleistungsbezüge Einkaufssynergien zu realisieren. Dies geschieht z. B. über so genannte Purchasing Teams, die wir in mehreren Schwerpunktmaterialfeldern implementiert haben. Die Zusammenarbeit und Integration im Bosch-Verbund eröffnen zusätzliche Potenziale, die wir mit Erfolg nutzen.
BA: Welches sind die wichtigsten Eigenschaften des Einkäufers als Person?
Marquard: Neben einer fundierten technisch-kaufmännischen Ausbildung sind vor allem Team- und Kommunikationsfähigkeit gefragt sowie ein hohes Maß an Bereitschaft, neuen Ideen und Problemlösungen aufgeschlossen gegenüberzustehen. Das gilt für die Zusammenarbeit im eigenen Hause ebenso wie in Bezug auf die Gestaltung der Lieferantenbeziehungen. Besonders gefragt sind Fähigkeiten im Umgang mit Kollegen und Partnern aus anderen Kulturkreisen.
BA: Gibt es Ihrer Meinung nach einen Megatrend im Einkauf?
Marquard: Es gibt zwei Trends: Der eine geht dahin, die Wertschöpfungsketten gemeinsam mit den Lieferanten noch effizienter zu gestalten. Der andere Trend besteht darin, die Chancen der internationalen Arbeitsteilung noch konsequenter zu nutzen. Der Blick geht verstärkt in Richtung kostengünstigere Länder. China ist ein Thema. Aber auch Länder und Regionen wie Indien, Südosteuropa, Mexiko oder Brasilien werden in den Fokus rücken.
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