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„Der Einkauf muss Flexibilitäten schaffen“

Martina Buchhauser, Direktorin Zentralbereich Einkauf, MAN Nutzfahrzeuge AG, München
„Der Einkauf muss Flexibilitäten schaffen“

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Produktionsschwankungen, Rohstoffpreisachterbahn, fehlendes Material: Durch Flexibilität in den Beziehungen zu Lieferanten kann der Einkauf einiges aus- gleichen, sagt Martina Buchhauser, Direktorin Einkauf bei der MAN Nutzfahrzeuge AG im Gespräch mit Beschaffung aktuell.

Beschaffung aktuell: Frau Buchhauser, besuchen Sie die IAA Nutzfahrzeuge, die am 25. September in Hannover beginnt, persönlich?

Martina Buchhauser: Ja. Wir nutzen die IAA. Einmal um natürlich mit unseren bekannten Lieferanten den Kontakt zu pflegen, aber auch um mit potenziellen Lieferanten ins Gespräch zu kommen. Und zwar machen wir das dieses Mal wieder auf etwas außergewöhnliche Weise: Wir haben ein Procurement-Office. Einkaufsmitarbeiter sind also die ganze Zeit vor Ort am Stand. Darüber hinaus sind wir mit einem Personal-Infostand vertreten, an dem sich interessierte Kandidaten über den Einkauf bei MAN informieren können.
Beschaffung aktuell: Das sind auch Lieferanten, die keinen Stand haben auf der IAA? Die kommen so bei Ihnen vorbei?
Buchhauser: Richtig. Wir hatten auf der IAA 2006 eine gute Resona nz und rechnen auch dieses Jahr mit viel Interesse.
Beschaffung aktuell: Bei der Auszeichnung Ihrer besten Zulieferer, Sie nennen das „Trucknology Supplier“, haben Sie ganz besonders den Umweltaspekt hervorgehoben. Das heißt, MAN Nutzfahrzeuge betreibt jetzt auch Green Procurement?
Buchhauser: Seit 2005 vergeben wir den Trucknology Supplier – dazu wählen wir die zehn besten Lieferanten aus. Es zählen hier Kriterien wie Qualität, Kostenbewusstsein, Technologie. Zum ersten Mal haben wir den Aspekt Umwelt dazu genommen, weil es uns wichtig ist. Wir wollen Fahrzeuge bauen, die sehr wenig Kraftstoff verbrauchen und somit wenig CO2 ausstoßen. Damit sind wir, was Technologien angeht, auf die gute Zusammenarbeit mit den Lieferanten angewiesen. Nehmen Sie das Beispiel Bosch, mit dem Common-Rail-System. Bosch hat hier sehr positiv dazu beigetragen, dass wir unsere Umweltziele erfüllen können. So haben wir den Umweltaspekt zum ersten Mal in unsere Kriterien mit aufgenommen. Ich würde nicht sagen, „speziell hervorgehoben“, wie Sie das tun, Herr Zabota, weil mir die anderen Dinge ganz genauso wichtig sind.
Beschaffung aktuell: Etwa 1000 Unter- nehmen beliefern MAN Lastwagen und Busse. Das scheint uns eine recht geringe Anzahl zu sein. Ist das bereits das Ende eines Prozesses zur Konzentration auf wenige Schlüssellieferanten?
Buchhauser: Die Qualität ist entscheidend, jedoch wollen wir generell die Zahl der Lieferanten weiter reduzieren. Wenn es erforderlich ist, den einen oder anderen Neuen hinzuzunehmen, weil es aus unterschiedlichen Gründen sinnvoll ist, dann bauen wir auch neue Lieferanten auf. So sehr festgelegt sind wir nicht. Unser Bestreben ist es, leistungsstarke Lieferanten im Portfolio zu haben, die uns auch helfen, unsere großen Ziele internationalen Wachstums usw. zu erreichen. Gleichzeitig entwickeln wir neue leistungsstarke Lieferanten im Rahmen unseres Global Sourcing.
Beschaffung aktuell: Welche großen Herausforderungen sehen Sie künftig auf Ihren Einkauf zukommen?
Buchhauser: Ich würde sagen, das Thema Flexibilitäten schaffen ist ein sehr großes. Das heißt, gemeinsam mit unseren Lieferanten müssen wir versuchen Risiken zu minimieren, Volumenschwankungen besser auszugleichen. Das betrifft zum Beispiel Engpässe bei Rohstoffen. Hier muss man aktiv mit den Lieferanten zusammen an Substitutionsmaterialien arbeiten oder aktiv Alternativen aufbauen. Als weiteren Schwerpunkt sehe ich das Thema Global Sourcing. Es gibt ohne Zweifel Lieferanten mit sehr viel Potenzial in anderen Ländern. Die müssen wir finden, die müssen wir entwickeln. Als weitere große Herausforderung sehe ich, mit unseren Lieferanten zusammen das Thema Kostenreduzierung weiter voranzutreiben. Das geht nur in Verbindung mit ihnen. Aber da erwarten wir auch ganz klar die Kostentransparenz, die Offenheit. Auch die Offenheit uns zu sagen, wo wir eventuell zu konservativ unterwegs sind, wo wir Verbesserungen machen können.
Beschaffung aktuell: Zu Ihrer Strategie zählen Global-Sourcing-Projekte zur „Sicherstellung der Wettbewerbsfähigkeit“. Sind diese Projekte durch höhere Logistikkosten, Stichwort: Kraftstoffpreise, in Mitleidenschaft gezogen worden?
Buchhauser: Der Anteil der Transportkosten ist nicht der dominante. Wir erzielen immer noch sehr gute Ergebnisse mit Global Sourcing – bei Betrachtung der Gesamtkosten. Ich denke, es ist wichtig das Lieferantenportfolio auf Grund von Kostenschwankungen immer wieder zu überprüfen. Wir können uns nicht ausruhen. Wenn man beispielsweise einen Lieferanten aus Indien nominiert hat, muss das nicht die Lösung für alle Zeiten sein. Es gibt immer wieder Verschiebungen bei den Best Cost Countries. Wichtig ist, die Wettbewerbsfähigkeit immer und immer wieder auf den Prüfstand zu stellen.
Beschaffung aktuell: Mir hat kürzlich ein Kollege von Ihnen gesagt, dass das Problem beim Global Sourcing sei auch die mangelnde Flexibilität der Lieferanten. Die können schon allein aus Entfernungsgründen nicht so flexibel auf Änderungen reagieren wie einer, der hier um die Ecke sitzt.
Buchhauser: Das kommt auch auf das Logistik-Konzept an. Ich glaube, dass viele Leute immer noch gerne „Entfernungsgründe“ als Ausrede benutzen, zu sagen, ich habe den Lieferanten nicht hier greifbar um die Ecke. Aber auch wir müssen auch eine gewisse Disziplin bei uns walten lassen, die da heißt, Zeichnungen, Spezifikationen müssen in Ordnung sein. Wenn Änderungen auftreten, dann müssen wir natürlich eine gewisse Vorlaufzeit schaffen.
Beschaffung aktuell: Wie viele Teile aus Indien oder China dürfen denn in einem Truck „Made in Germany“ enthalten sein?
Buchhauser: Das ist nicht die Frage: Alle Teile, egal von welchem Zulieferer, egal aus welchem Land die kommen, müssen unseren Qualitäts-, Logistik- und anderen Anforderungen voll gerecht werden. Wir machen hier keine Ausnahme. Deswegen ist es eben auch so wichtig, Lieferantenentwicklung zu betreiben, die wirklich auf eine ganz enge Zusammenarbeit abzielt.
Beschaffung aktuell: MAN Nutzfahrzeuge hat mit Dr. Karl Viktor Schaller ein Vorstandsmitglied Technik und Einkauf. Das heißt, das Thema ist bei MAN ganz oben aufgehängt?
Buchhauser: Ja, wir haben einen sehr guten und direkten Kontakt zum Vorstand. Sehr kurze Berichtswege und kurze, schnelle Abstimmungen. Wir sehen uns als Einkauf sehr gut vertreten.
Beschaffung aktuell: Wir hatten es schon mal angesprochen. Welche Qualitäten setzen Sie bei Einkaufsmitarbeitern voraus? Gib es welche, die sich speziell beim Einkauf vorstellen?
Buchhauser: Wir bekommen viele Initiativbewerbungen, was ich sehr gut finde. Da sind gute Kandidaten dabei. Zunächst ist es für uns wichtig, dass die Leute eine Grundqualifikation mitbringen – also Studium absolviert haben – und sie müssen das moderne Einkaufen verstehen. Was ich damit meine, ist, dass die Leute performance-orientiert vorgehen und zum Beispiel eng mit den Lieferanten Business-Pläne entwickeln. Für mich sind auch Passion und Drive wichtig – diesen Ehrgeiz zu besitzen, die besten Ergebnisse erzielen zu wollen. Leidenschaft, Herzblut, wie man vielleicht sagt, spielen eine große Rolle. Was ebenfalls ganz wichtig für uns ist, dass Leute fähig sind, in einem bereichsübergreifenden Team zu arbeiten. Wenn dann jemand noch Auslandserfahrung gesammelt hat, ist das schon eine gute Basis, denke ich.
Beschaffung aktuell: Nutzen Sie Synergien zu anderen Konzernbereichen, zum Beispiel MAN Diesel oder MAN Turbo?
Buchhauser: Ja, Synergien gibt es speziell auf dem Gebiet des indirekten Materials. Das heißt, alles an Verbrauchsmaterialien, Anlagen, Maschinen, Dienstleistungen, Marketingservice usw. Hier haben wir gerade erst den Einkauf des indirekten Materials auf der Konzernebene zusammengefasst. Hier gibt es auch die meisten Synergien. Was Produktionsmaterial angeht, so fokussieren wir uns auf Best Practices, Prozesse und Einkaufsinstrumente. Die Einkaufsvertreter aller Teilkonzerne treffen sich regelmäßig, um hier einfach eine enge Abstimmung zu haben.
Beschaffung aktuell: MAN wird demnächst Lkw und Busse im Irak montieren. Ist das der Beginn einer Entwicklung, an deren Ende eine Lieferantenbasis vor Ort steht?
Buchhauser: Als Einkauf, glaube ich, ist es unsere Pflicht, immer die Ohren zu spitzen und überall am Puls der Zeit zu sein. In diesem Fall allerdings unternehmen wir erst mal erste Schritte mit unserem Partner vor Ort. Es ist zunächst eine CKD-Fertigung vorgesehen. Alles weitere lassen wir auf uns zukommen. Aber ganz klar, als Einkäufer darf man sich nie verstecken vor neuen Möglichkeiten, die es auch im Irak gibt oder geben könnte.
Beschaffung aktuell: Angenommen, das Konjunkturklima würde sich abkühlen. Muss dann der Einkauf, wenn die Umsätze zurückgehen, wieder stärker für Kostensenkungen sorgen?
Buchhauser: Natürlich ist es unsere Aufgabe als Einkauf, was Konjunktur betrifft und generell, Kostenoptimierung zu erzielen. Das ist unsere unternehmerische Aufgabe. Konjunkturelle Faktoren spielen natürlich auch im Einkauf eine Rolle, wir verfolgen aber eher eine langfristige Strategie. Das schließt ein, mit den Lieferanten die gewisse Flexibilität zu schaffen. Das Lkw-Geschäft ist etwas zyklischer als das mit Pkw. Wir müssen eben hier Produktionsmethoden einsetzen, die uns eine gewisse Flexibilität geben für Volumenschwankungen und für Rohstoffentwicklungen, die da noch auf uns zukommen. Generell sehen wir aber, dass momentan unser Kernmarkt – Westeuropa – auf stabilem Niveau weiter läuft. Mit Engagement in Regionen mit überproportionalem Wachstum, zum Beispiel in Osteuropa und im Mittleren Osten, schaffen wir auch einen gewissen Ausgleich für solche konjunkturellen Schwankungen.
Beschaffung aktuell: Frau Buchhauser, danke für dieses Gespräch.
Alles was wir unter dem Stichwort Global Sourcing unternehmen, muss unseren Qualitäts-, Logistik- und anderen Anforderungen voll gerecht werden. Wir machen hier keine Ausnahme.
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