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Die folgenreiche Hinwendung zur Kugel- und Kugellagerproduktion

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Die folgenreiche Hinwendung zur Kugel- und Kugellagerproduktion

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Friedrich Fischer, genannt „Kugel-Fischer“, begann 1883 mit der industriellen Kugelfertigung. Der Schlosser Georg Schäfer erwarb den Betrieb und wandte sich somit ebenfalls der Kugel zu – mit großem Erfolg weltweit.

Was die Deutschen und das Ausland betrifft, so bedeuteten die 50er Jahre vor allem dies: Man konnte sich wieder sehen lassen. Die Wunden des Krieges begannen zu heilen und es dämmerte beiden Seiten, dass ein wichtiger Baustein zu einer friedlichen Zukunft die Geschäfte seien. Folgerichtig entstanden die Europäischen Wirtschaftsgemeinschaften und zahlreiche Niederlassungen deutscher Unternehmen im Ausland.

Zum Beispiel FAG Kugelfischer AG, Schweinfurt. Das erste Auslandswerk nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in den Jahren 1953/54 jenseits des Atlantik, nämlich in Stratford, errichtet. Stratford liegt in Kanada. Als dieses Magazin gegründet wurde, schlug man auch bei Kugelfischer ein neues Kapitel der Internationalisierung auf. Auch dieses Kapitel ist freilich eingebettet in die Unternehmensgeschichte, und es lohnt sich, diese näher zu betrachten. Denn die Geschichte der FAG ist die Geschichte des Kugellagers.
Dass Lager, namentlich Kugellager, Rollen kamen erst später hinzu, eine entscheidende Rolle bei der Bewegung spielen, war schon früh bekannt. Das Problem waren die Kugeln. Sie homogen, hart und in großer Zahl herzustellen, stellte eine echte Herausforderung dar. Jedenfalls im ausgehenden 19. Jahrhundert, also zu Lebzeiten eines gewissen Friedrich Fischer. Der 1849 geborene Mechanikergeselle Friedrich Fischer machte sich nach seiner Lehrzeit in Schweinfurt und nach Wanderjahren selbstständig und eröffnete 1872 in dem elterlichen Anwesen eine Reparaturwerkstätte für Nähmaschinen. Wenig später schloss er daran einen Handel für Nähmaschinen und für Fahrräder an. Diese Verbindung war zu jener Zeit branchenüblich. Viele deutsche Nähmaschinenfabrikanten wandten sich der Fahrradherstellung zu. Fischer war also einer von vielen Kleinproduzenten der expandierenden Fahrradbranche. Er baute bereits Kugellager, die damals vollkugelig, also ohne Käfig, montiert wurden, in seine Fahrräder ein. Die Kugeln musste er in England einkaufen, nur dort waren sie damals verfügbar. Ihr hoher Preis und ihre unzulängliche Qualität, sie waren mit den damaligen Mitteln in ausreichender Präzision weder genau rund noch auf einen einheitlichen Durchmesser zu bringen, verdrossen den jungen Fischer. Er begann, planmäßig mit der Herstellung von Stahlkugeln zu experimentieren.
Das Ergebnis seiner in zäher Mühe und mit dem besessenen Eifer des schöpferischen Technikers betriebenen Versuche war die Konstruktion einer Kugelschleifmaschine. 1883 gelang ihm der Durchbruch. Es war fortan möglich, gehärtete Stahlkugeln in bis dahin kaum möglicher Maß- und Formgenauigkeit herzustellen. Friedrich Fischer war stolz darauf, dass seine Kugeln nur um zwei Hundertstel Millimeter im Durchmesser voneinander abwichen.
Dies erklärt, warum das Jahr 1883 für FAG Kugelfischer ein herausragendes historisches Datum darstellt, obwohl es sich eigentlich nicht um das Gründungsjahr des Unternehmens handelt. Übrigens war das 100 Jahre später auch Anlass, von Dr. Karl-Heinz Manegold, Professor an der Universität Hannover, unter dem Titel „Tradition im Wandel“ eine umfangreiche Unternehmenschronik verfassen zu lassen, die uns auch als Grundlage für diesen Beitrag diente. 1883 war der Beginn der industriellen Kugelfertigung. Technikgeschichtlich gesichert ist dies das alleinige Verdienst Friedrich Fischers, schon zu Lebzeiten wurde er „Kugel-Fischer“ genannt. Damit war zugleich der Grundstein für eine eigenständige Wälzlagerindustrie aufgebaut worden.
Fischer starb erst 50 Jahre alt 1899 und kurz darauf sein einziges Kind. Unter wechselnden Direktoren wurde die AG zwar weitergeführt, die treibende Kraft jedoch fehlte. Immerhin wurde 1905 das Warenzeichen „FAG“ hinterlegt.
Bald darauf tritt Georg Schäfer auf den Plan. Er erwirbt die FAG Kugelfischer 1909. In der Chronik heißt es dazu: „Durch Geheimrat Georg Schäfer, der technische Kompetenz, geschäftlichen Weitblick und schöpferische, unternehmerische Befähigung in denkbar glücklicher Weise vereinte, sollte das Werk in der Folge seinen Aufstieg zur Weltfirma erfahren“. Am Aufstieg waren außerdem beteiligt Georgs Söhne Otto und Georg und später ein Enkel, der ebenfalls den Namen Georg trägt. Zu Otto später mehr.
Der Senior Georg Schäfer, geboren 1861 in Schweinfurt, war Schlosser und gründete 1885 eine Bau- und Kunstschlosserei. Der Handwerksbetrieb entwickelte sich bald zur erfolgreichen Fabrik für Eisenkonstruktionen und Baubeschläge. Schäfer war also bereits honoriger Schweinfurter Unternehmer, als er 1909 die Kugelfischer-Werke erwarb. Auf der Grundlage eines nun bereits erreichten soliden betrieblichen Erfolges wandte sich Schäfer einem zukunftsträchtigen Produkt zu, das der Chronist so beschrieb: „die folgenreiche Hinwendung zur Kugel- und Kugellagerproduktion“. Noch heute ist FAG Kugelfischer weltweit führend in der Herstellung von Präzisionswälzlagern für die Automobilindustrie, den Maschinenbau und für die Luft- und Raumfahrt.
Interessant ist nun auch der Werdegang Ottos, des jüngeren Gründer-Sohnes. Er steht sozusagen für die Internationalisierung des Unternehmens, die vor dem Ersten Weltkrieg einen ersten Höhepunkt erreichte. Nach 1918 war der Neustart schwierig, aber er gelang. Zweierlei ist hier bemerkenswert: Erstens, die Wälzlagerfertigung in Wolverhampton, einem Zentrum der britischen Auto- und Maschinenindustrie. Otto Schäfer baute das Werk auf, dessen Erfolg erst durch den 1939 beginnenden Krieg gestoppt wurde. Zweitens der Export in die Sowjetunion. Georg Schäfer (II) war selbst unter abenteuerlichen Umständen nach Moskau gereist und konnte in der Zeit der größten Wirtschaftskrise bedeutende Aufträge mit nach Hause bringen. 40 Prozent der Produktion gingen damals nach Russland.
Nach 1945 begann erneut eine Phase des Wiederaufbaus. Zunächst stand im Vordergrund, die nahezu vollständig zerstörten Werkshallen wieder aufzubauen. Priorität war das Dach über den Köpfen der Arbeiter. Danach kam die Rückkehr auf den internationalen Markt mit einer Vertriebsniederlassung in Wolverhampton (1951) und dem Werk in Kanada im Jahre 1954. dz
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