Kienbaum-Studie

Europas Stahlhersteller müssen sich neue Märkte erschließen

Blick in die Hochofenstraße in Dortmund-Hörde (Foto: Kruse)
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(wl) Global selling bedeutet für Europas Stahlhersteller immer noch vorwiegend European selling. Zu diesem Fazit kommt die Kienbaum Unternehmensberatung GmbH in Düsseldorf in der Studie „Erfolgreich Stahl erzeugen und verfeinern – Studie zum Change Management in der Stahlindustrie.“ Denn 57% des gesamten europäischen Exports an Stahl verläßt Europa nicht, obwohl der Stahlverbrauch hier seit 20 Jahren mehr oder weniger stagniert. So schlagen die westeuropäischen Stahlkonzerne aus der wachsenden Nachfrage in einigen Schwellenländern, in denen Steigerungsraten von4-5% pro Jahr keine Seltenheit sind, bisher kaum Kapital.

Starker Wettbewerbsdruck in Europa durch Importe
Dies könnte in Zukunft ein entscheidender Wettbewerbsnachteil sein. Denn Westeuropa steht zukünftig nicht nur unter dem Wettbewerbsdruck europäischer Nachbarstaaten, sondern auch Nationen wie Japan oder Korea wollen in Zukunft verstärkt Stahl nach Europa exportieren. Auf dem Treffen der Deutsch-Japanischen Gesellschaft Anfang Dezember 1996 äußerte sich der Geschäftsführer des europäischen Büros des größten Stahlherstellers der Welt, Nippon Steel, folgendermaßen:“Unsere zukünftige Aufgabe wird es sein, unsere Produkte überall auf der Welt am preisgünstigsten und in bester Qualität anzubieten. Die Kosten müssen, inklusive Transportkosten, bei unseren Produkten am günstigsten sein, sei es für die Abnehmer in Korea oder in Deutschland.“Während die europäische Stahlindustrie in erster Linie auch in Europa ihre Produkte absetzt, exportieren beispielsweise die lateinamerikanischen Stahlerzeuger erhebliche Teile ihrer Produktion nach Asien und Europa, sowie Nordamerika. Als Strategie für die Zukunft rät Kienbaum, Produktionsstätten in Niedriglohnländer zu verlegen oder Allianzen mit ausländischen Unternehmen einzugehen. Nur so könnten die europäischen Betriebe die Nähe zu den Wachstumsmärkten nutzen und ihre Kosten senken. Bisher haben deutsche Stahlunternehmen noch wenige Gesellschaften im Ausland. Beispiele wie der Mannesmann-Konzern mit Werken in Brasilien seien noch die Ausnahme. Umgekehrt expandieren ausländische Stahlproduzenten stärker nach Deutschland. So haben die indonesische ISPAT-Gruppe die Hamburger Stahlwerke GmbH aufgekauft, die Stahlwerke Bremen GmbH gehören zu einem luxemburgischen Konzern und an der AG der Dillinger Hüttenwerke hält das französische Unternehmen Usinor Sacilor die Mehrheit.
Andererseits drängen die Stahlproduzenten aus den ehemaligen Ostblockstaaten verstärkt auf den westeuropäischen Markt. Nachdem die Produktion nach 1989 von rund 300 Mio.t auf 220 Mio t. gesunken ist, zeigt die dortige Branche in letzter Zeit wieder Wachstum. Insgesamt sind die Stahlproduzenten weltweit mit Überkapazitäten konfrontiert. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl schätzt, daß bis zum Jahr 2000 weltweit zusätzliche Anlagen zur Produktion von 100 Mio. t Walzstahl errichtet werden, den Mehrverbrauch schätzt die Wirtschaftsvereinigung hingegen lediglich auf 70 Mio. t.
Auf hochwertige Stählespezialisieren
Die Zukunft sieht Kienbaum für die europäischen Stahlbauer in einer Spezialisierung auf hochwertige Nischenprodukte, sowie Edelstahl und ultraleichte Blechverbindungen für den Automobilbau. Hier ist der Wandel allerdings bereits teilweise vollzogen. Ehemalige Massenstahlproduzenten haben sich zunehmend auf die speziellen Bedürfnisse der Automobilindustrie und anderer Abnehmerbranchen spezialisiert. Zukünftig wird eine Konzentration auf Kernkompetenzen entscheidend sein für die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Stahlproduzenten. Unternehmen müssen sich auf ein Produktprogramm mit hoher Wertschöpfung konzentrieren und sich von Bereichen mit unterdurchschnittlicher Rentabilität trennen. Das angestrebte Unternehmenswachstum soll durch größere Verarbeit-ungstiefe und nicht durch das Produzieren von möglichst großen Mengen erzielt werden. Dies bedeutet den Kunden stärker in die eigenen Prozesse einzubinden und zu unterstützen, beispielsweise durch das Angebot von kompetenter technischer Werkstoff- und Produktberatung. Bislang, so die Autoren der Studie, habe die Stahlindustrie für den Bereich Kernkompetenzmanagement noch keinen klaren Kurs gefunden. Während im Anlagenbau eindeutig eine zunehmende Tendenz zum Outsourcing bestehe und damit ein Rückbau der eigenen Wertschöpfung vor allem in der Fertigung einhergehe, ist eine ähnlich gelagerte Entwicklung in der Stahlindustrie nicht zu beobachten.
Ein anderes wichtiges Feld der Umstrukturierung sind die internen Unternehmensstrukturen. Hier lautet das Stichwort Prozeßorientierung. Während im Anlagenbau 81% der Befragten angaben ihre Organisationsstruktur an den Geschäftsprozessen ausgerichtet zu haben, waren dies in der Stahlindustrie lediglich etwa 60%. Allerdings befindet sich die Stahlindustrie derzeit mitten in der Umstrukturierung. Die kleineren Stahlproduzenten scheinen jedoch mit dieser Umsetzung neuer Unternehmensstrukturen weit weniger Probleme zu haben als die großen Hütten. Mit der Einführung einer prozeßorganisierten Organisation ließen sich Kosten senken, Durchlaufzeiten verkürzen und die Qualität verbessern, da das interne Kunden-/Lieferantenverhältnis verbessert würde. Dies hätte dann auch eine verbesserte Reaktionsmöglichkeit auf Kundenanfragen zur Folge.
Das Verhältnis zum Kunden sollte verbessert werden
So könnten wichtige Informationen auch an die Kunden in angemessener Zeit weitergeleitet werden. Dieser Punkt war für die Beteiligten der Studie von zentraler Bedeutung. Hier ist auch die Kostensenkung durch Supply Chain Management, das heißt die Einführung eines prozeßorientierten Beschaffungsmanagements, das die Prozeßschritte Spezifikation, Vergabe und Überwachung von Lieferungen und Leistungen umfaßt, ein wichtiger Gesichtspunkt. Hierzu ist auch eine systematische Einkaufspotentialanalyse zum Ermitteln geeigneter Lieferanten, die dann optimal in die eigene Wertschöpfung eingeflochten werden, entscheidend.
Auch auf Vorstands- und Geschäftsführungsebene muß übergreifend, in Prozessen gedacht werden, lautet ein Ergebnis der Studie. Das Top-Management in den westeuropäischen Stahlbetrieben sei noch zu 80% funktional organisiert, was zu Inflexibilität und mangelnder Kundenorientierung führe. Doch schnelle Fort-schritte und sich rasant entwickelnde Effizienzgewinne verspricht sich die Düsseldorfer Unternehmensberatung in der traditionellen Stahlbranche nicht. Verkrustete Strukturen und nicht zuletzt politische Gründe würden notwendige Reformen und die Auslagerung von Produktionsbereichen verhindern.
Insgesamt wurden 111 Unternehmen der internationalen Stahlindustrie von der Düsseldorfer Unternehmensberatung angesprochen. Geschäftsführer und Vorstände von 38 dieser Unternehmen haben auf Basis eines Fragebogens, teils in persönlichen Interviews, Stellung bezogen. Die Daten der Studie wurden in Interviews, durch Auswertung der Fragebögen und mit einem umfangreichen Desk-Research zusammengetragen. Schwerpunkte der Befragung waren die Bereiche Kundenbeziehungen, Global Sourcing, Kernkompetenzmanagement und Global Selling und der BereichHuman Capital.
Teilgenommen haben Unternehmen aus Europa, Nord- und Lateinamerika. Die Studie sprach vor allem das Top-Management dieser Unternehmen an. Denn das Ziel der Studie war, die Einschätzungen des Top-Managements für zukünftigen Veränderungstrends zu erfassen.
Weitere Informationen: Kienbaum Unternehmensberatung GmbH, 40472 Düsseldorf Fax: 02 11/96 59-2 67
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