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Global Sourcing einmal anders

Außenansichten:
Global Sourcing einmal anders

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Global Sourcing, einerseits: Sicherung des Produktionsstandortes Deutschland. Andererseits: Ein Widerspruch in sich oder zwei Seiten ein und derselben Medaille?Immer mehr Unternehmen hierzulande haben sich Strategien wie “Global Sourcing”, “Internationale Beschaffung” und “Purchasing going international” auf ihre Fahnen geschrieben, um unter wachsender internationaler Arbeitsteilung und Kostendruck wettbewerbsfähig zu bleiben. Und das durchaus zu recht. Durch globale Denk- und Arbeitsweisen können in Einkauf und Logistik zweifellos beträchtliche Vorteile erzielt werden.

Alexandra Lüders, P&L Translations, Frankfurt

Und doch werden diese Stategien von vielen Einkäufern mißtrauisch beäugt und ihre tatsächliche Profitabilität in Frage gestellt. Kann denn die Beschaffung von Zukaufteilen zum Beispiel in Far East in Anbetracht von Kommunikationsbarrieren, längeren Wegen und Reaktionszeiten unter dem Strich wirklich vorteilhaft sein? Auch diese Zweifel sind durchaus berechtigt.
Doch der ganzen Diskussion liegt ein schwerwiegendes Mißverständnis zugrunde. Viele Einkäufer scheinen der Meinung zu sein, Global Sourcing bedeute, überall in der Welt einzukaufen, nur nicht im eigenen Lande. Für deutsche Unternehmen würde die Gleichung damit lauten: Global Sourcing = Welt minus Deutschand. Dies erklärt auch die, wenn auch nicht laut geäusserte, so doch weit verbreitete stille Ablehnung von Global Sourcing Strategien.
Global Sourcing ist jedoch eine Herausforderung an den Einkäufer. Er muß in der Lage ist, über regionale Grenzen hinaus alle potentiellen Märkte und Möglichkeiten zu untersuchen, unter einer Vollkostenbetrachtung gegeneinander abzuwägen und im jeweiligen Fall die best mögliche Entscheidung für das Unternehmen zu treffen. Das ist die Herausforderung, der sich der Einkäufer heute stellen muß. Und die Entscheidung wird sicher überraschend oft zugunsten deutscher Lieferanten ausfallen. Aber eben nicht immer und für alle Produktgruppen.
In Wales, Schottland und Nordirland und seit kurzem auch in England existieren von der Regierung unterstützte Regional Supply Networks, die Firmen beim Local Sourcing behilflich sind. Joseph Connor, einer der Verantwortlichen des Regional Supply Network Projektes, berichtet in Steven Crabbs Artikel “Regional Sourcing starts to take roots” vom Ursprung und Fortschritt des Projektes.
“Mir ist noch nie ein Unternehmen begegnet, das nicht den tiefempfundenen Wunsch hegte, in der eigenen Umgebung zu beschaffen, wenn es nur könnte”, so Connor. “Aber die meisten Unternehmen sind der Meinung, daß dort einfach keine Zulieferer angesiedelt sind, die ihnen die Preise und die Qualität liefern könnten, die das Unternehmen benötigt. Unsere Aufgabe ist es, Unternehmen davon zu überzeugen, daß es dort draußen sehr wohl geeignete Zulieferer gibt und daß Local Sourcing vom Standpunkt der Wirtschaftlichkeit gesehen viele Vorteile bietet.”
Die ersten beiden Punkte liegen dabei auf der Hand: „Durch Beschaffung bei einem Zulieferer in der eigenen Region werden Transportwege und damit auch die Umweltbelastung reduziert. Unternehmen können sich darauf verlassen, daß die Versorgungskette dabei umweltfreundlicher ist, als wenn man auf der anderen Seite der Weltkugel einkauft. Durch das Plazieren von Aufträgen in der eigenen Region wird die Wirtschaft angekurbelt, die Arbeitsmarktsituation verbessert und die Bevölkerung in der Region profitiert vom Unternehmen. Das führt unter Belegschaft und Bevölkerung zu einer positiven Motivation, deren vorteilhafte Auswirkungen auf das Unternehmen nicht zu unterschätzen sind.”
Aber es ist das dritte Argument, nämlich der Gesichtspunkt der Wirtschaftlichkeit, das Connor am meisten interessiert: „Im Endeffekt läuft alles auf eine – oft vernachlässigte – Analyse der Gesamtkosten hinaus. Wenn man aber über den Stückpreis hinaus Kostenfaktoren wie den Zeitaufwand für Management- und Verwaltungsarbeiten, Lieferschwierigkeiten, Qualitätskontrolle und Komunikationsprobleme berücksichtigt, wird sich local sourcing fast immer als die für das Unternehmen günstigere Lösung erweisen”.
“Ist ein Einkäufer beispielsweise in ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt eingebunden, wird er beträchtlich davon profitieren, mit Zulieferern in seiner näheren Umgebung zusammenarbeiten zu können. Er kann sich regelmäßig mit ihnen treffen, um das Projekt zu besprechen, und häufig ist den lokalen Zulieferern der Prozeß, der hinter dem Projekt steht, auch vertraut. Regionale Zulieferer werden sicher öfter als ihre Konkurrenz im Ausland in der Lage sein, gemeinsam mit dem Einkäufer intensiv an der Entwicklung eines Produktes zu arbeiten.”
“Nur weil internationale Märkte sich öffnen und heute leichter erreichbar sind als früher, und es „in“ zu sein scheint, im Ausland einzukaufen, wird allgemein angenommen, ein Zulieferer in Taiwan oder Indonesien, der die niedrigsten Stückpreise bietet, sei automatisch auch der beste Geschäftspartner für das Unternehmen. Aber das ist Beschaffung auf der Basis von Stückpreisen und ohne Berücksichtigung der Gesamtkosten.”
Quelle: „Regional Sourcing starts to take roots”, Steven Crabb, Supply Management, GB, August 1996.
In Großbritannien zum Beispiel hat der globale Ansatz im Einkauf zu einer höchst interessanten Entwicklung geführt. Die Untersuchung von Sinn und Unsinn der Beschaffung im Ausland hat tatsächlich zu einem Trend des Local Sourcing geführt und nicht unwesentlich zu der langsamen doch stetigen Erholung der britischen Wirtschaft in den letzten Monaten beigetragen.
Nur eine detailierte Analyse der Gesamtkosten beziehungsweise Total Cost of Ownership und ein sorgfältiges Abwägen aller Optionen kann heute Grundlage für eine Kaufentscheidung sein. Diese Entscheidung muß für jede Produktgruppe einzeln getroffen und immer wieder neu geprüft werden. Zulieferer in der eigenen Region stehen im Wettbewerb mit Zulieferern weltweit. Und wie weit man den Begriff “Region” auch stecken will, Global Sourcing bedeutet auch und vor allen Dingen local sourcing.
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