Gespräch mit Andreas Lapp, Honorarkonsul der Republik Indien für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz

In Indien müssen Sie die Menschen gewinnen

Andreas Lapp
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Davon, dass Indien ein Zukunftsmarkt ist, ist Andreas Lapp, Chef der Stuttgarter Lapp-Gruppe, schon lange überzeugt. Lapp produziert seit fünf Jahren in Bangalore. Wie breit das Spektrum der Möglichkeiten ist, Produkte und Dienstleistungen aus Indien zu sourcen, schildert der Honorarkonsul der Republik Indien in diesem Gespräch.

Das Gespräch führte Karin Gramatins, Redakteurin.

Beschaffung aktuell: Deutschland ist einer der wichtigsten Wirtschaftspartner Indiens, wenn man in die Statistiken sieht, es wird viel aus Indien importiert, aber wo taucht in der Statistik das Software-Sourcing aus Indien auf?
Andreas Lapp: Das Thema Software-Sourcing finden Sie nicht bei den klassischen Handelsprodukten, sondern hauptsächlich bei den Dienstleistungen. Oder auch bei der IT-Hardware für die Maschinen, wenn die Software auf der CPU gespeichert wird. Bezogen auf die Handelsbilanz zwischen Indien und Deutschland hat die Software in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Früher waren es eher klassische Lederprodukte oder Textilien.
Beschaffung aktuell: Wo werden sich Ihrer Einschätzung nach die Anteile in den nächsten fünf Jahren verschieben?
Andreas Lapp: In der Zukunft werden in der Statistik verstärkt Teile und Komponenten für die Automobilindustrie und andere Industriezweige sowie ganze Maschinenbaugruppen oder ganze Maschinen auftauchen. Das heißt: die Anteile werden sich aus meiner Sicht zugunsten von Industrieprodukten und Komponenten für die Industrie verschieben.
Beschaffung aktuell: Da gibt es ja inzwischen auch eine Zusammenarbeit mit dem Verband der Automobilindustrie …
Andreas Lapp: Deutschland hat bisher so ein wenig den Zug zur indischen Automobilindustrie verpasst. Aber man ist jetzt massiv dabei, das aufzuholen. So hat sich zum Beispiel in Indien auch eine hervorragende Automobilzulieferindustrie entwickelt. Ich habe einen Unternehmer aus Chennai, dem ehemaligen Madras, getroffen, der behauptet, und das kann ich nicht widerlegen, es fährt kein Auto auf der ganzen Welt ohne seine Komponenten.
Beschaffung aktuell: Wo – in welchen Branchen – lohnt sich eine deutsch-indische Zusammenarbeit? Oder, anders ausgedrückt, lohnt sich Sourcing in Indien?
Andreas Lapp: Das lohnt sich ganz klar in allen Industriebranchen und natürlich der Investitionsgüterindustrie. Aber die Kooperationsaktivitäten gehen noch viel weiter. So gibt es beispielsweise auch eine enge Zusammenarbeit zwischen der Stadt Stuttgart und Mumbai, Stuttgarts indischer Partnerstadt, die im Dienstleistungs- und medizinischen Bereich eng zusammenarbeiten. Da geht es u. a. um Ärzteaustausch. Das heißt: Deutsche Ärzte operieren in Indien und indische Ärzte in Deutschland. Aber auch im kulturellen Bereich gibt es Kooperationen, die man nicht unterschätzen darf. Man lebt nicht nur vom Brot allein.
Beschaffung aktuell: Welche Besonderheiten gilt es bei der Zusammenarbeit zu beachten?
Andreas Lapp: Der Präsident der Deutsch-Indischen Handelskammer in Mumbai hat es, glaube ich, sehr schön dargestellt: Und zwar hat er die Unterschiede zwischen Indien und Deutschland am Beispiel Deutschland und Italien dargestellt. In Deutschland ist alles etwas organisierter, in Italien etwas chaotischer – ich bitte meine italienischen Freunde, dies zu entschuldigen … Und genauso ist es mit Indien; die Besonderheiten sind gar nicht so anders. Wir Deutschen sind gewohnt, mit den unterschiedlichsten Ländern aktiven und freundschaftlichen Austausch zu haben, mit Produkten und Dienstleistungen, und das klappt auch mit Indien sehr gut.
Beschaffung aktuell: Gibt es ein paar richtige „Don’t do it“?
Andreas Lapp: Ja. Gehen Sie bitte nicht nach Indien, nehmen sich drei Tage Zeit, und sagen, danach steht ein Vertrag. Das funktioniert nicht. In Indien müssen Sie versuchen, die Menschen zu gewinnen. Aber das gilt nicht nur für Indien, sondern weltweit.
Beschaffung aktuell: Lohnt sich Einkauf in Indien nur für Großunternehmen, die ohnehin schon mit Produktionsstätten präsent sind, oder auch für kleinere, mittelständische Unternehmen?
Andreas Lapp: Deutsche Mittelständler sind sehr aktiv. Selbstverständlich lohnt es sich auch für den kleineren Mittelständler in Indien zu sourcen und zwar nicht nur in Bezug auf Dienstleistungen, sondern auch bei Baugruppen und Komponenten.
Beschafffung aktuell: Der Einkäufer sucht ein bestimmtes Produkt. Was empfehlen Sie als erste Anlaufstelle bei der Recherche?
Andreas Lapp: Ich empfehle das klassische Vorgehen: Das sind Messen und die Handelskammern und es gibt in Indien auch Industrie- und Handwerkerverbände, an die man sich wenden kann. Außerdem werden Delegationsreisen angeboten, es gibt den deutsch-indischen Stammtisch und natürlich auch ein sehr aktives Wirtschaftsministerium in Baden-Württemberg, das beim Knüpfen von Kontakten sicher sehr hilfreich ist.
Beschaffung aktuell: Wir haben im Vorfeld dieses Gespräches mit verschiedenen Menschen aus der Industrie gesprochen und haben oft gehört: Wir sourcen zwar in Indien, aber wir sprechen nicht darüber. Das hat ein Geschmäckle. Warum ist das so?
Andreas Lapp: Das ist uns am Anfang auch so gegangen. Als wir unser Kabelwerk in Bangalore aufgebaut haben und dann zur Eröffnungsfeier eingeladen haben, haben mich ein paar Partner aus Europa zur Seite genommen und gefragt: „Aber wir kriegen eure ÖLFLEX Steuerleitung doch weiterhin von eurem Werk aus Deutschland?“ Die Sorgen über schlechtere Produkte sind heute völlig unbegründet. Wir haben von Anfang an eine sehr strenge Qualitätskontrolle eingeführt, inzwischen haben die Inder dasselbe Image wie unser Kabelwerk hier in Stuttgart. Indien hat in den letzten fünf Jahren, was die Qualität der Produkte angeht, immens aufgeholt. Das Image hat sich gebessert und ich glaube, dass diese Heimlichtuerei, man produziert in Indien oder verkauft Produkte aus Indien, in fünf bis spätestens zehn Jahren der Vergangenheit angehören wird.
Beschaffung aktuell: Danke für das Gespräch.

Andreas Paul Lapp

Der Mann – das Unternehmen

Geboren 1956, studierte Jura in Tübingen und legte 1985 das erste Staatsexamen ab. Seit 1986 leitet er gemeinsam mit seinem Bruder Siegbert die U. I. Lapp GmbH Deutschland, die in den folgenden zwanzig Jahren weltweit expandierte.
Seit 2000 ist er Honorarkonsul der Republik Indien.
Der weltweit führende Hersteller und Zulieferer von hochflexiblen Kabeln, Leitungen, Kabelzubehör, Industriesteckverbindern, Kabelkonfektionen und Kommunikationstechnik beschäftigt weltweit 2500 Mitarbeiter und strebt 2005/06 einen Umsatz von 680 Mio. Euro an.
Die Lapp Gruppe präsentiert sich auf der Hannover Messe ein bisschen exotisch und ist in diesem Jahr in drei Messehallen vertreten. Neben zahlreichen Neuheiten wird am Stand der Lapp Gruppe Indien als offizielles Partnerland der Hannover Messe besonders gewürdigt. Auf einer extra Showbühne treten zum Beispiel Original-Bollywood-Tänzer auf, an der Bar gibt’s traditionelle Lassi-Getränke (Basis Joghurt) und auf einer Multivisionswand wird ein Film über das moderne und das traditionelle Indien sowie über das Werk der Lapp Gruppe in Bangalore gezeigt. kg
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