Ferdinand Gross erfindet Kanban neu

Kein Staub in der Kiste

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Der Verbindungs-Spezialist Ferdinand Gross hat das Kanban neu erfunden. Mit einem Softwarepaket bekommt der Kunde erstmals einen detaillierten Einblick in sein System und kann bei Bedarf sogar steuernd eingreifen. Alles ist somit in Bewegung, Staub setzt sich nirgends mehr ab. Auch der Einkauf hat vollständige Transparenz und kann so fundierte Entscheidungen treffen.

Der Staub in der Kiste ist ein Warnsignal: Dieser Artikel ist nicht mehr gefragt. Was er dann noch in einem Kanban-Lager zu suchen hat, fragen sich Einkäufer und Geschäftsführer ziemlich oft. „Das ist einfach so“, sagt Thomas Erb. „Im Kanban hat der Einkäufer keine Bewegungsdaten mehr, diese Informationen verschwinden aus dem ERP-System.“ Thomas Erb muss es wissen. Er ist Geschäftsführer des Verbindungsspezialisten Ferdinand Gross GmbH & Co. KG, Leinfelden-Echterdingen. Das Unternehmen ist der älteste Schraubenhändler Deutschlands und seit wenigen Wochen Alleinlieferant der Deutschen Bahn. Das Geschäft mit C-Teilen ist in den vergangenen zehn Jahren richtig wichtig geworden. 75 Prozent aller Warenausgangspositionen sind in diesem Bereich angesiedelt und werden über Kanban abgewickelt. Vor zehn Jahren waren es gerade mal fünf Prozent. Ferdinand Gross hat heute im Bereich C-Teile-Management über 1200 Kunden. 560 000 Behälter sind im Umlauf mit einer durchschnittlichen Reichweite zwischen vier und acht Wochen. Wer soviel mit Kanban zu tun hat, der stellt sich zwangsläufig die Frage: Wie lässt sich dieser Prozess verbessern? Was ist das Kanban von morgen? Bei Ferdinand Gross wurde dieses Thema zum Dauerbrenner.

Doch die Suche nach dem Kanban von morgen lief bei Erb und seiner Mannschaft immer wieder ins Leere. Es ist eben nicht leicht, eine Technik neu zu erfinden, die seit einem halben Jahrhundert einwandfrei funktioniert. „Unser Fehler war, dass wir uns ständig mit dem Prozess beschäftigt haben“, weiß Erb heute. „Wir haben uns überlegt, wie wir die Behälter besser steuern, den Materialfluss optimieren könnten.“ Im Rückblick war dieser Ansatz falsch. Der Kanban-Prozess funktioniert gut und hat im Kern kein Potenzial für Verbesserungen.
Ende vorigen Jahres wurden die Kanban-Runden bei Ferdinand Gross plötzlich auf ein neues Niveau gehoben: Ein Wettbewerber kam tatsächlich mit einem „neuen Kanban“ auf den Markt, das in der Fachpresse gleich ordentlich breitgetreten wurde. Die einzige Neuerung bestand nach Ansicht von Thomas Erb darin, dass der Barcode auf den Kanban-Behältern durch RFID-Label ersetzt wurde. „Was soll daran neu sein?“, fragte er sich. „RFID wurde bereits im Zweiten Weltkrieg eingesetzt, der Barcode kam in den Siebzigerjahren. Neu wäre eigentlich der Barcode.“
Immerhin sah man sich das eigene Kanban mal wieder näher an und stellte fest, dass richtige Transparenz eigentlich fehlt. Der Einkäufer hat keine Informationen über den aktuellen Stand seiner Artikel. Ihm fehlen jegliche Bewegungsdaten. Außerdem kann er nicht nach bestimmten Artikeln suchen und schließlich gibt es bei Kanban null Steuerungsmöglichkeit. Eine Software musste her, die diese Defizite ausgleicht.
Also entschied sich Ferdinand Gross für das Visualisierungstool „Falcon“. In dem Tool bekommt der Anwender ein farbiges 3D-Modell eines Kanban-Regals auf den Bildschirm, das er sich von allen Seiten anschauen kann. Thomas Erb: „Es ist so, als würde er in der Halle direkt vor dem Regal stehen.“ Klickt er jetzt einen Behälter an, dann bekommt er alle Daten zu dem Artikel, der sich darin befindet. Wenn er real vor dem Regal stünde, würde er das Gleiche machen: Behälter rausziehen oder das Etikett lesen. Dasselbe passiert jetzt am Bildschirm.
Für diesen IT-technischen Luxus war eine gewisse Vorarbeit notwendig. Die Mitarbeiter im Außendienst von Ferdinand Gross haben im Vorfeld alle Kanban-Lager bei den Kunden sukzessive eingescannt. Regal für Regal, Fachboden für Fachboden und Behälter für Behälter. Alle Informationen werden in einer mächtigen Datenbank gespeichert. Der Kunde kann auf seinen Bereich zugreifen und holt sich so sein Kanban auf den Bildschirm oder aufs iPad. Die Scan-Geschichte ist nicht einmalig, sondern wird vom Außendienst regelmäßig wiederholt. „Die Regale sind nicht für die Ewigkeit sortiert“, weiß Thomas Erb.
Was gewinnt der Einkäufer dadurch? Thomas Erb geht die Sache von hinten an und fasst zunächst zusammen, was der Einkäufer durch Kanban verloren hat: „Nahezu alle seine Stammdaten werden mit einem Merkmal versehen, dass diese als Schüttgut oder Kanban- Artikel kennzeichnet.“ Der Einkäufer weiß danach nicht mehr, ob er von der Schraube DIN 912, Klasse 88, verzinkt im vorigen Jahr 500 oder 50 000 Stück verbraucht hat. Diese Daten werden nicht mehr in die tägliche Disposition mit aufgenommen. Er weiß auch nicht, wann das letzte Mal Ware gekommen ist. Mit Falcon kann der Einkäufer diese Informationen wieder sehen und so fundierte Entscheidungen treffen.
Denkbar ist auch folgende Situation: Der Montageleiter sagt dem Einkäufer, dass es bei der Produktion der Maschine Rapida 105 ständig Probleme gibt, weil immer ein Teil im Kanban fehlt. Und wieder kann der Einkäufer keine Aussage treffen, weil ihm die Daten zu dem betreffenden Teil fehlen. „Die rufen dann eher verärgert bei uns an und wollen wissen, was da falsch läuft“, berichtet Thomas Erb. Mit Falcon kann der Einkäufer das mysteriöse Teil an seinem Lagerort unter die Lupe nehmen. Er sieht, wann die Ware das letzte Mal geliefert wurde und wie groß der Behälterinhalt ist. Er kann auch erkennen, wie sich die Umschlagshäufigkeit entwickelt hat und dass diese zum Beispiel sehr hoch ist. Oder das die Behälterfüllmenge zu klein ist für den aktuellen Verbrauch. Und plötzlich weiß er, an welchen Schrauben er drehen muss, um das Problem zu lösen.
Falcon gibt dem Einkäufer die Suchfunktion zurück, die er durch das Kanban verloren hat. Was das praktisch bedeutet, zeigt wieder ein Fall aus dem betrieblichen Alltag: Ein Mitarbeiter aus der Produktion ruft an und klagt, dass es bei ihm am Lagerort keine Achter-Mutter mehr gibt: „Ich kann nicht mehr weiter arbeiten, was soll ich tun?“ Ohne Falcon muss der Einkäufer wieder seinen Lieferanten kontaktieren und Ware ordern. Thomas Erb: „In so einem Fall schicken wir den Artikel per Express raus und am nächsten Tag hat er alles, was er braucht.“ Aber es geht auch einfacher: Statt zu telefonieren gibt der Anwender in das Suchfeld von Falcon zum Beispiel die Thematik „DIN 934 M8“ ein und er bekommt sofort die genauen Koordinaten: Regalfeld Nr. 1, dritter Fachboden von oben, zweiter Behälter von links. Er ruft den Werker zurück und sagt ihm, er möge bitte zum Kollegen in die Montagehalle 2 gehen, sich vor das Regal stellen und in den zweiten Behälter von links im oberen Fachboden greifen. Dort finde er noch genügend Achter-Muttern. Der Werker nimmt sich einfach so viele mit, wie er für den Rest des Tages braucht und der Einkäufer kümmert sich parallel um den Nachschub.
Doch warum ist denn nun eigentlich Staub in der Kiste? Natürlich deswegen, weil der Werker nicht mehr hineingreift, weil er das Teil nicht mehr braucht. Im Kanban bleiben solche Lagerleichen über Jahre unentdeckt. Mit dem neuen Tool kann sich der Einkäufer per Mausklick alle Artikel anzeigen lassen, die in den letzten zwölf Monaten zum Beispiel nur einmal nachbestellt wurden. Anschließend kann er mit seinem Notebook ins Lager gehen und sich die Patina life anschauen. Und bei der Gelegheit das Regal aufräumen, abstauben etc.
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