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Kostentreiber mit vielen Gesichtern

Wenn Verpackungsbestände wuchern
Kostentreiber mit vielen Gesichtern

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Verpackungsbestände sind ein ungeliebtes Problem. Ob durch ständige Materialbereitschaft oder durch fehlenden Aufbrauch verursacht, alljährlich liegen jedem dafür Verantwortlichen sogenannte Bestandslisten vor, die aufzeigen,in welchem Zustand sich die Materialwirtschaft eines Unternehmens befindet.

Wenn diese Verpackungsbestände nur ihren Ausdruck in der Materialbewertung finden, erscheinen sie in vielen Managementetagen noch verkraftbar und werden häufig als ein untergeordnetes Problem abgetan. Selbst wenn der Controller die enorme Kapitalbindung, die durch das Verpackungsmaterial verursacht wird, aufzeigt, bleiben nicht selten seine Worte ungehört.

Daß Verpackungsbestände weit mehr Probleme aufweisen, wird erst dann sichtbar, wenn sie entlang der Wertschöpfungskette zur Belastung des gesamten Prozesses führen. Die durch Verpackungsbestände entstehenden Kostenbelastungen können heute im Hinblick auf den Prozeß mindestens um das Vierfache höher als der Materialwert angesetzt werden. Da die meisten Unternehmen zwar ihre Verpackungsbestände nach Wert und Menge kennen, aber nicht den durch sie belastenden Prozeß bewerten, schaukeln sich die Verpackungsbestände im Verborgenen zum Kostentreiber erster Ordnung auf.
Dabei sind Verpackungsbestände eine Begleiterscheinung vielschichtiger unternehmerischer und ganzheitlich wirkender Entscheidungen. Wie Verpackungsbestände nun entstehen und zur Belastung eines Prozesses werden können, macht die Beschäftigung mit den Ursachen deutlich:
Planungsursache
Es ist Usus, daß die Vertriebsplanung der Ausgangspunkt für alle Aktivitäten im Unternehmen ist. Hier werden die Bereitstellungs- und Bevorratungspläne für den gesamten Prozeß erstellt, versehen mit den Anforderungen von Zeit und Lieferbereitschaft. Veränderungen und Anpassungen werden, je nach Organisation des Unternehmens, regelmäßig vorgenommen. Nun wird dieser Prozeß durch eine Vielzahl von Imponderabilien begleitet, die den Verantwortlichen immer wieder die Möglichkeit zur Begründung aufgelaufener Verpackungsbestände liefern.
Der Vertrieb erklärt eine veränderte Marktlage, der Rohstoffdisponent die qualitativ schlechte Lieferung eines Rohstoffes und die Produktion kann sich auf kurzfristige Veränderungen im Plan nun mal nicht sofort umstellen. Kommt dann noch hinzu, daß der Vertrieb eine hohe Lieferbereitschaft, meistens zwischen 95% und 99% wünscht, ist das Aufschaukeln von Beständen vorprogrammiert.
Falsch verstandene Planungssicherheit und eine hohe Lieferbereitschaft sind die tatsächlichen Ursachen u.a. für Verpackungsbestände. Wer will sich schon nachsagen lassen, er habe zuwenig eingeplant und möglicherweise die Anforderung des Vertriebs nicht erfüllt.
Ergo werden in jeder Prozeßstufe Sicherheitsaufschläge gemacht, die sich dann hinterher als Verpackungsbestände auf dem Materiallager wiederfinden.
Folge ist ein ungewollt aufgeblähtes Verpackungsmateriallager, dessen Werte zwar Kapital binden und, was noch wichtiger ist, daß sich Lagerraumausweitung, Lagerverwaltung und lagerungsbedingter Schwund zum Kostentreiber aufaddieren.
Ursache Sortimentsvielfalt
Ist ein Produkt erst einmal erfolgreich, dann ist die Entscheidung zum Sortimentsaufbau nicht mehr weit. Selbst wenn die Erfahrungen gezeigt haben, daß durch Sortenvielfalt Kanibalisierungseffekte zum Ursprungsprodukt deutliche Spuren hinterlassen, trifft man immer wieder auf dieses Verhalten.
Daß aber mit Sortimentsaufbau auch Verpackungsvielfalt und weitere Komplexität produziert wird, hat sich längst als Tatsache erwiesen und schlägt sich nicht nur in der Kostenbelastung entlang des gesamten Wertschöpfungs-prozesses nieder. Konnte das Verpackungsmaterial vom Start weg noch auf eine kostenoptimale Auflage konzentriert werden, so splittet sich nun die Auflage in mehrere Varianten auf.
Ursache Ständige Verbesserung
Es zeichnet ein Unternehmen als innovativ aus, wenn es an der ständigen Verbesserung seiner Produkte arbeitet z.B. mit dem Ziel, wettbewerbsattraktiver zu sein. Ist erst einmal eine Verbesserung erzielt, muß sie auch gleich umgesetzt werden, natürlich mit veränderter Verpackung.
Und was ist mit den alten Verpackungsbeständen? Ist erst einmal ein verbessertes Produkt am Markt, so läßt sich das alte nicht mehr seriös und erfolgversprechend anbieten. Zurück bleiben Verpackungsbestände, die oftmals über einen längeren Zeitraum mitgeschleppt wurden. Innovation und ständige Verbesserung hat seinen Preis, nicht nur im Material, sondern auch im Prozeß.
Ursache Verpackungslieferant
Was nützt der noch so innovative und preiswürdige Verpackungslieferant, wenn er nicht produktionsgerecht anliefern kann? Da Preiswürdigkeit oftmals mit der Mindestauflage gekoppelt wird, kann nur in den seltensten Fällen eine produktions- oder verbrauchsgerechte Auflage bzw. Lieferung von Verpackungsmaterial erfolgen. Der Verpackungslieferant, weniger kunden- als auflagenorientiert, wird somit zum Verursacher ungewollter Verpackunbgsbestände.
Manche Unternehmen lassen sich aus einem vom Verpackungslieferanten verwaltetem Konsignationslager beliefern; im Grunde genommen nichts anderes als die Verlagerung des Problems der Verpackungsbestände auf eine nicht mehr einsehbare Vorstufe. Die Gefahr dabei besteht, daß die nicht direkt kontrollierten Verpackungsbestände aus dem Blickfeld geraten; sie werden vergessen. Das böse Erwachen kommt, wenn der Verpackungslieferant einen Bestandsabgleich macht und um die Anlieferung der Bestände nachsucht.
Ursache Verpackungsentwicklung
Ein neues Produkt zieht meist eine neue Verpackung an. Ohne zu überprüfen, mit welchen vorhandenen Verpackungstypen das neue Produkt auf dem Markt einzuführen ist, wird eine neue Verpackungsentwicklung und somit Lieferung ausgelöst. Oft sind die in einem Unternehmen zur Verfügung stehenden Verpackungstypen nur bis zu 50% mehrfach besetzt. Dies läßt den Schluß zu, daß das Verpackungsmateriallager und somit auch die Verpackungsbestände um bis zu 50% kleiner sein könnten.
Ursache Kommunikation
Es hat den Anschein als ob im Zeitalter Massenmedien die Kommunikation unter den einzelnen Prozeßstufen auf der Strecke geblieben ist. Zumindest zeugen davon eine Vielzahl von Bestandsproblemen auf dem Verpackungsmateriallager.
So werden Produktneuentwicklungen, die Verpackungsveränderungen nach sich ziehen, gar nicht dorthin publiziert, wo Maßnahmen und Aktivitäten ausgelöst werden.
So kommt es nicht selten vor, daß der für die Disposition der Verpackung zuständige Mitarbeiter erst dann von einer Verpackungsveränderung erfährt, wenn die Nachauflage für das alte Produkt angeliefert worden ist.
Daß die so entstandenen Verpackungsbestände Zeugnis fehlerhafter Kommunikation sind, ist offenkundig.
Ursache Materialverwaltung
Verpackungsbestände, so mag die Meinung bestehen, können gar nicht auftreten, wenn die richtige Materialverwaltung steht. Aber wo steht die schon?
Materialverwaltung, das heißt nicht nur DV-Zahlenreihen zu beobachten, d.h. auch, die innerbetriebliche Verpackungs-/Materiallogistik zu organisieren. Das Kernproblem läßt sich mit der nicht produktionsgerechten Lieferung des Verpackungsmaterials und der Vereinnahmung – sprich Rückführung – von angebrochenen Materialeinheiten beschreiben.
Ungenaue Schätzungen, weil zurückgeführtes Verpackungsmaterial nicht erfaßt wird, führen zu falschen Bestandsdaten, die in der Folge aber Grundlage für die Disposition sind.
Ursache Verpackungsmateriallager
Läger in der Nähe einer Produktionsstätte sind kostenintensiv und werden deshalb dorthin verlagert, wo sie, günstigere Kosten pro Quadratmeter ausmachen. Nicht wenige Unternehmen sind der Ansicht, daß Verpackungsmaterial durchaus einige Kilometer vom Produktionsort eingelagert werden kann. Der knappe Lagerraum im Werk bleibt der Fertigware vorbehalten.
Jeder Entfernungskilometer zwischen Produktion und Verpackungsmateriallager erhöht aber nicht nur die Komplexitätskosten, sondern verlängert die Durchlaufzeiten. Kommt noch hinzu, daß Falsch- und Fehllieferungen durch den erhöhten Suchaufwand provoziert werden.
Nicht das Symptom bekämpfen,sondern das Problem lösen
Daß die Ursachen von Verpackungsbeständen als Ausgangspunkt für eine Problembeschreibung herangezogen werden können, liegt auf der Hand. Der erste Fehler, der hier oft gemacht wird, ist, daß jeder Unternehmensbereich für sich die negativ wirkende Ursache erkennt und sie ohne Abstimmung mit anderen betroffenen Bereichen zu bereinigen sucht. Die Probleme zeigen aber ganzheitlich wirkende Zusammenhänge, d.h. bereichsübergreifende Problemlösungen sind gefragt.
Lösungsansätze jedweder Art haben sich mit folgenden Kernproblemen auseinanderzusetzen:
lLieferbereitschaft als Kapazitätstreiber,
lVerpackungsbestände verdecken Fehlplanung und Störungen,
lUnterschiedliche Lieferzeiten verhindern optimale Durchlaufzeiten,
lFehlende Synchronisation zwischen Produktion und der Verpackungslieferung.
Um die genannten Probleme einer dauerhaften Lösung zu zuführen, müssen alle Beteiligten bereit sein, an Veränderungen zu arbeiten und diese auch im Unternehmen durchzusetzen. Gleichzeitig werden neue Ressourcen für alle Unternehmensbereiche freigesetzt, die zusätzlichen Wettbewerbsvorteilen bringen können. Deshalb ist, was die Optimierung der Verpackungsbestände anbetrifft, keine Bescheidenheit angesagt. Dabei sind folgende Ziele durchaus realisierbar:
Die Nutzenaussicht für ein Unternehmen, sich auf die Verpackungsbestände zu fokussieren, ist nicht von der Hand zu weisen. Ein weniger an Verpackungsbeständen bedeutet nicht nur Schonung der Materialressourcen, sondern auch Reduzierung der Entsorgungskosten.
Kampfansage an die Verschwendung
Die häufig gestellte Frage ist: Wie werden diese Ziele erfolgreich realisiert ?
Nun ist jede Unternehmensstruktur unterschiedlich ausgeprägt, so daß sich kaum Standardlösungen empfehlen. Wichtig scheint der Weg, wie z.B. ein Projektteam innerhalb eines Unternehmens zu wirkungsvollen und dauerhaften Lösungsansätzen kommt. Hier können sinnvolle Vorgehensweisen dargestellt werden.
Stärke einer jeden Unternehmensleitung ist, daß sie sich vor die Ziele stellt, die sie sich und dem Unternehmen setzt. Die Delegation zur Realisierung der Ziele auf dafür geeignete Bereiche, z.B. Materialwirtschaft, scheint wenig geeignet, weil die Gefahr der Bereichsorientierung besteht.
Sinnvoll erscheint, eine Fachberatung einzuschalten, die von neutraler und bereichsübergreifender Position mit einem Projektteam die notwendigen Grundlagen erarbeitet und diese wiederum im Rahmen einer von der Unternehmensleitung freigegebenen Konzeption implementiert.
Das Projektteam, zusammengesetzt aus allen Stufen entlang der Wertschöpfungskette, hat eine Analyse zu erarbeiten, die schonungslos die im Zusammenhang mit Verpackungsbeständen auftretenden Probleme offenlegt. Durch die geschaffene Transparenz lassen sich erste Schritte zu Lösungsansätzen ableiten.
Neue Wege führen zum Ziel
Da die Verpackung wie kein anderes Material oder Rohstoff an allen Phasen der Wertschöpfungskette beteiligt ist, kann nur eine ganzheitliche Lösung angestrebt werden, d.h. für jeden Bereich muß eine Detaillösung geschaffen werden, die kompatibel mit den anderen Bereichen ist. An dieser Stelle erweist sich der Einsatz einer Fachberatung als prozeßunterstützend und hilfreich. Denn es ist nicht zu vermeiden, daß ein Interessensausgleich zu einer durchgängigen Lösung führen muß, die durch die neutrale Position des Beraters gestützt wird.
Dauerhafte Lösungen sind gefragt
Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß neue und in ihrer Art kurzfristige Lösungen schneller durchzusetzen sind als langfristige und dauerhafte. Gerade der Materialfluß im Hinblick auf Verpackungen hat
die Angewohnheit nach kurzer Veränderung den alten Status wieder anzunehmen.
Deshalb sind nicht nur neue Lösungsansätze zu erarbeiten, sondern auch Werkzeuge, die durch ihren Einsatz und ihre Praktikabilität dauerhaft optimierte und kontrollierte Verpackungsbestände garantieren. Gleichzeitig hat ein Commitment zu greifen, das das Projektteam in regelmäßig angesetzten Meetings zur ständigen Verbesserung des Prozeßverhaltens auffordert. Der Markt ist ständig in Bewegung und fordert von uns die Mobilisierung aller Ressourcen, wenn wir das Ziel verfolgen, besser zu sein. n
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