Dienstleister für die Beschaffung

Leistungsspektrum virtueller Marktplätze

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Elektronische Marktplätze bieten als Drehscheibe der internetbasierten Beschaffung zunehmend umfangreiche Dienstleistungen an, die einen zum Teil erheblichen Mehrwert für den Kunden darstellen.

Anhand einer empirischen Untersuchung von 42 virtuellen Marktplätzen werden die Potenziale aufgedeckt, die derzeit für Unternehmen durch die Verwendung dieser Services im Einkauf eröffnet werden.

Im Jahr 2000 kam es weltweit zu einem Gründungsboom von neutralen, öffentlichen Plattformen durch Marktplatz-Startups, die sowohl branchenübergreifend (horizontale Marktplätze) als auch branchenspezifisch (vertikale Marktplätze) vielfältige Leistungen im Beschaffungsbereich anbieten.
Entwicklung virtueller Marktplätze im Einkauf
Im letzten Jahr konzentrierten sich viele größere Unternehmen auf den Aufbau eigenständiger, privater Marktplätze mit dem Ziel der Optimierung ihrer Einkaufsprozesse oder beteiligten sich konsortial mit weiteren Branchenbeteiligten an deren Entwicklung. Als Folge dieser Aktivitäten kann derzeit global von mehr als zwei Tausend virtuellen Marktplätzen ausgegangen werden. Es wird jedoch damit gerechnet, dass in den meisten Branchen nur zwei bis drei virtuelle Marktplätze von Bestand sein werden und damit weltweit nur wenige hundert Marktplätze erfolgreich betrieben werden können. Das Jahr 2002 wird voraussichtlich den ersten Höhepunkt der zur Zeit bereits zu beobachtenden Konsolidierungswelle darstellen, die bis zur Mitte dieses Jahrzehnts weitestgehend abgeschlossen sein wird (sogenannter „Shake-out“).
Virtuelle Marktplätze offerieren individuell unterschiedliche Funktionalitäten, die zur Unterstützung des Beschaffungsprozesses beitragen können. Diese lassen sich in die sogenannten Transaktionsfunktionen, welche die originären Kernfunktionalitäten jedes virtuellen Marktplatzes darstellen und die Zusatzdienstleistungen, die einen weitergehenden Mehrwert liefern, untergliedern.
Zur Zeit bieten bereits viele Marktplätze mehrere Transaktionsmechanismen kombiniert an. Insbesondere das gleichzeitige Angebot von Ausschreibungen und (Reversen) Auktionen stellt eine häufige Kombination dar. Während aktuell keine Marktplätze existieren, die alle abgefragten Mechanismen in ihrer Gesamtheit zur Verfügung stellen, offerieren immerhin 17% aller Marktplätze derzeit gleichzeitig Kataloge, Auktionen und Ausschreibungen.
Die neben die Transaktionsmechanismen tretenden Dienstleistungen werden vielfach auch als „(E)-Services“, „Added Value“ oder „Zusatznutzen“ bezeichnet. Bei ihnen wird zusätzlich zwischen den nicht direkt tarifierten Inhalten zur Attraktivierung des Marktplatzes und dem Angebot an zusätzlich zu zahlenden Leistungen unterschieden. Speziell letztgenannte gewinnen bei der Differenzierung des Marktplatzes zunehmend an Bedeutung und stehen im weiteren Verlauf des Beitrags im Zentrum der Betrachtungen.
Für Einkaufsabteilungen ist die Auseinandersetzung mit den verfügbaren Dienstleistungen virtueller Marktplätze aus zweierlei Gründen wichtig:
Erstens können die unternehmenseigenen Beschaffungsprozesse durch die Nutzung der angebotenen Dienste unterstützt und optimiert werden.
Zweitens stellt ein adäquates Serviceangebot einen wesentlichen Erfolgsfaktor dar, der die weitere Leistungs- und damit Überlebensfähigkeit eines Marktplatzes bestimmt.
Struktur offerierter Dienstleistungsangebote
Bild 3 veranschaulicht eine Grobstrukturierung der wesentlichen Dienstleistungsfelder virtueller Marktplätze und zeigt auch deutlich die große Spannweite möglicher Services.
Eine im Dezember 2001 durchgeführte empirische Erhebung, an der 42 von 226 deutschen Marktplätzen teilgenommen haben, zeigt, dass die aktuellen Dienstleistungsangebote unterschiedlicher Marktplätze deutlich differieren. Je nach Schwerpunkt und Geschäftsmodell des Marktplatzes decken diese Unterstützungsleistungen die einzelnen Phasen des Beschaffungsprozesses in unterschiedlicher Breite und Tiefe ab. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal liegt darin, in welchem Umfang der Marktplatz Leistungen selbst erbringt, oder aber andere Unternehmen zur Dienstleistungserstellung herangezogen werden.
Eine für den strategischen Einkauf wichtige Gruppe von Dienstleistungen virtueller Marktplätze befasst sich mit der Unterstützung beim Auffinden, Sichten und Bewerten von zuverlässigen und qualitätsfähigen Lieferanten. Diese der Anbahnungsphase zuzurechnenden Dienste sind insbesondere deshalb von hoher Bedeutung, da neben der Beschaffung von geringwertigen indirekten Gütern mittels Online-Katalogen, die anfänglich im Zentrum des E-Procurement standen, zunehmend auch der Einkauf von direkten Gütern höherer Komplexität Gegenstand der Betrachtung wird. Die Nutzung von Beschaffungsauktionen und Online-Ausschreibungen auf virtuellen Marktplätzen wirkt bei diesen Materialgruppen vielfach gegenläufig zu den Bestrebungen der letzten Jahre, Zulieferer als qualifizierte Wertschöpfungspartner längerfristig partnerschaftlich zu integrieren.
Dienste virtueller Marktplätze im Rahmen der Lieferantenvorauswahl
Aus diesem Grund ist es erforderlich, insbesondere neue Lieferanten zu finden, zu bewerten und dann bestmöglich in den eigenen Wertschöpfungsprozess einzubinden. Virtuelle Marktplätze haben die in diesem Zusammenhang auftretenden Herausforderungen bei der Lieferantenvorselektion erkannt und bieten zunehmend Dienstleistungen an, die eine flexible Lieferantenintegration unter den Rahmenbedingungen der internetgestützten Beschaffung ermöglichen. Zur Bewertung der Entwicklungskompetenzen und der Integrationsfähigkeit von Lieferanten reichen Informations- und Gemeinschaftsdienste wie Newsletter und Diskussionsforen nicht aus. Dies gilt insbesondere bei komplexeren und dabei abstimmungsbedürftigen Beschaffungsobjekten. Deshalb werden in der Anbahnungsphase zusätzliche Serviceleistungen angeboten, die eine zielgerichtete Vorselektion geeigneter Partner unterstützen.
Es zeigt sich, dass der Umfang offerierter Dienste im Bereich der Geschäftsanbahnung in Bezug auf unterschiedliche Marktplatztypen und Geschäftsmodelle z.T. stark abweicht. Als Resultat erfolgt in Bild 4 eine Differenzierung in Marktplätze, die primär Kataloge zur Verfügung stellen, und solche, die im Wesentlichen (Reverse) Auktionen und Ausschreibungen anbieten. Diese beiden Gruppen haben sich als zentrale Cluster herausgestellt.
An erster Stelle ist hierbei der Service der Nennung potenzieller Lieferanten anzuführen. Über alle befragten Marktplätze gemittelt, wird diese Leistung aktuell bereits von mehr als der Hälfte der Unternehmen angeboten. Bis 2003 wollen sogar rund zwei Drittel aller virtuellen Marktplätze diese Dienstleistung erbringen. Die Benennung von bislang unbekannten Lieferanten stellt für Einkäufer insbesondere dann einen Mehrwert dar, wenn die Mitarbeiter eines virtuellen Marktplatzes über Einkaufserfahrung in diesem Bereich verfügen und damit auf ein entsprechendes Know-how in Bezug auf zuverlässige und qualitätsfähige Lieferanten zurückgegriffen werden kann. Einen weiteren wichtigen Dienst für die Vorauswahl von Lieferanten stellt die Bonitätsbeurteilung von bislang unbekannten Lieferanten dar. Hier bieten die Marktplatzbetreiber bei Gesamtbetrachtung aktuell zu etwa 40% Unterstützungsleistungen an; bis 2003 wollen mehr als die Hälfte der Marktplätze auch Bonitätsprüfungen von Anbietern übernehmen. Knapp ein Drittel (29%) aller Marktplätze offeriert zudem bereits eine Auditierung potenzieller neuer Lieferanten, wobei auf die Dienste der Lieferantenauditierung und der Bonitätsprüfung primär auktions- und ausschreibungsgetriebene Marktplätze fokussieren.
Ein anderer methodischer Ansatzpunkt, den ca. ein Viertel der Marktplätze verfolgt, basiert auf der Lieferantenbewertung durch jene Abnehmer, die mit dem Lieferanten bereits eine Transaktion durchgeführt haben. Hierbei können Einkäufer bei der Lieferantenvorauswahl von den Erfahrungen anderer Abnehmer profitieren. Auf Grund der einfachen technischen und organisatorischen Realisierbarkeit sowie den angestrebten „Community-Effekten“ ist speziell bei diesem Dienstleistungsangebot ein erheblicher Ausbau zu erwarten. So plant etwa die Hälfte aller befragten Marktplätze, entsprechende Dienste bis 2003 bereitzustellen.
Dienste im Bereich der logistischen Integration
Bei Dienstleistungen im Bereich der Logistik steht die Frage nach der effizienten Einbindung der ausgewählten Lieferanten in den Wertschöpfungsprozess der beschaffenden Unternehmung im Mittelpunkt. Ein Schwerpunkt der Angebote auf diesem Gebiet besteht in der Vermittlung von Logistikanbietern, die bereits heute von gut der Hälfte der untersuchten Marktplätze zur Verfügung gestellt wird (Bild 5). Dies kann Einkäufer von ansonsten notwendigen Such- und Verhandlungsprozessen entlasten. Weit verbreitet sind auch Leistungen im Bereich von Verfügbarkeitsprüfungen, so Möglichkeiten, online den verfügbaren Produktbestand zu prüfen. Dies gilt in signifikant größerem Umfang speziell für Marktplätze, welche die Nutzung von Online-Katalogen anbieten. Sie stellen diese Dienste zu 54% zur Verfügung. Auktions und ausschreibungsbasierte Marktplätze hingegen verfügen nur zu etwa 40% über entsprechende Leistungsangebote.
Hinzu kommen in einigen Fällen Dienste zur Lieferüberwachung, die sich auf ein Order Tracking, d.h. die Möglichkeit, online den aktuellen Stand der Lieferabwicklung einzusehen, konzentrieren. Nur in wenigen Fällen werden erste Ansätze im Bereich des Supply Chain Management angeboten, die der verbesserten Abstimmung mehrstufiger Lieferketten im Sinne gemeinsam abgestimmter Planungsaktivitäten dienen. Eine wesentliche Begründung dieser bislang wenig umfangreichen Angebote liegt neben den hohen technischen Herausforderungen insbesondere in der generellen Transparenz- und Vertrauensproblematik bei partnerschaftlichen Abstimmungsprozessen zwischen mehreren Unternehmen.
Eine in Bezug auf die Prozesskosten im Einkauf wichtige Herausforderung basiert auf der direkten Anbindung eines Marktplatzes an vorhandene ERP- bzw. PPS-Systeme. Nur etwa die Hälfte der virtuellen Marktplätze ist bereits heute dazu in der Lage. Die längerfristig starke Zunahme – im Jahr 2003 wollen drei Viertel aller Marktplätze diesen Integrationsservice zur Verfügung stellen – ist auf die angestrebte Automatisierung vormals manueller Tätigkeiten und die dadurch mögliche Reduktion von Doppelarbeiten und Übermittlungsfehlern zurückzuführen. Das bisher nur geringe Angebot virtueller Marktplätze, automatisiert Budgetkontrollen im Einkaufsbereich zu übernehmen (von 19% der befragten Unternehmen angeboten und von 17% geplant), zeigt, dass hier die unternehmensinternen Materialwirtschaftssysteme ihre Bedeutung nicht verlieren werden.
Dienste zur Lieferantenintegration bei komplexen Beschaffungsobjekten
Beachtenswerterweise unterscheiden sich die Angebote im Bereich der Logistikdienste kaum zwischen Marktplätzen mit unterschiedlichen Transaktionsmechanismen und Geschäftsmodellen. Dies gilt bis auf den Bereich der Verfügbarkeitsprüfungen, welchen die katalogbasierten Marktplätze verstärkt anbieten.
Eine immer wichtiger werdende Rolle kommt Dienstleistungsangeboten bei jenen Beschaffungsprozessen zu, die eine intensive Zusammenarbeit mit Lieferanten in der Produktentstehungsphase erfordern (Bild 6). Um im Sinne eines
„Early Supplier Involvement“ möglichst frühzeitig Lieferanten-Know-how im Produktentwicklungsprozess zu nutzen, offerieren einige virtuelle Marktplätze selektiv eine Auswahl möglicher Dienstleistungen zur vertieften Einbindung von Wertschöpfungspartnern. Diese Services bieten – speziell bei kooperativ abzustimmenden Beschaffungsobjekten ohne bereits feststehende, exakte Spezifikation – erhebliche Nutzenpotenziale.
So bestehen bereits Serviceleistungen, wie die Bereitstellung virtueller Projekträume, in denen die Teilnehmer aus den einkaufenden und den anbietenden Unternehmen Projektinformationen gemeinsam bearbeiten und verwalten können. Diese Angebote ermöglichen es, dass kommerzielle und technische Unternehmensabteilungen gemeinsam Online-Werkzeuge in der Zusammenarbeit mit Lieferanten nutzen können. Dadurch werden die konstruktiven Abstimmungsprozesse im Sinne eines technischen Einkaufs unterstützt. Wie Bild 6 zeigt, betreffen entsprechende Angebote aktuell – wie auch zukünftig – insbesondere ausschreibungs- und auktionsgetriebene Marktplätze. Darüber hinaus stellt eine Reihe von Marktplätzen Projektmanagement-Tools im Internet zur Verfügung, die ein vereinfachtes Projektmanagement über Unternehmensgrenzen hinweg ermöglichen sollen. Aktuell bietet aber erst ein kleinerer Anteil der befragten Marktplätze diese aufwändigen Dienstleistungen an, da deren Realisierung einen erheblichen technologischen Aufwand und umfassende Branchenkenntnisse voraussetzt. Insbesondere bei der Beschaffung abstimmungsbedürftiger Produkte in Branchen mit komplexen Zulieferprodukten sind hier – auch in Anbetracht der zunehmend individualisierten Kundenanforderungen – große Potenziale für den Einkauf zu sehen.
Virtuelle Marktplätze eröffnen durch die stark zunehmende Weiterentwicklung ihrer Dienstleistungsangebote ein breites Spektrum nutzbarer Ansatzpunkte zur Unterstützung von Beschaffungsprozessen. Kurzfristig können neben den bereits derzeit häufig verwendeten Dienstleistungsschwerpunkten im Bereich der Informations- und Beratungsservices zunehmend Angebote von Leistungen im Bereich Logistik und teilweise des Finanzverkehrs genutzt werden. Langfristig versprechen speziell kollaborative Dienstleistungsangebote, die unternehmensübergreifend komplexe Planungs- und Entwicklungsaufgaben unterstützen, einen hohen Mehrwert. Der erfolgreiche Einsatz im Einkauf setzt allerdings einerseits die richtige Wahl der verwendeten Marktplätze voraus. Er ist aber auch abhängig von der individuell abgestimmten Verwendung je Beschaffungsobjekt sowie der ganzheitlichen Beschaffungssituation. Daher gilt es, das Dienstleistungsspektrum virtueller Marktplätze differenziert nach produkt- und marktseitigen Merkmalen der Beschaffungsobjekte zu nutzen. Wichtig ist sicherzustellen, dass die als Kernkompetenzen des Einkaufs definierten Fähigkeiten eigenständig kontrolliert im Unternehmen verbleiben.
Wolfgang Kersten, Eva-Maria Kern und Tobias Held
Technische Universität Hamburg-Harburg, Lehrstuhl für Produktionswirtschaft
Literaturhinweise
Brumberg, Claudia et. al.: Handbuch E-Supply: Beschaffung und Vertrieb über virtuelle Märkte, Hamburg 2001
Kersten, Wolfgang: Geschäftsmodelle und Perspektiven des industriellen Einkaufs im Electronic Business, in: Zeitschrift für Betriebswirtschaft (ZfB) Ergänzungsheft 3/2001, S. 21 – 37
Kersten, Wolfgang/Held, Tobias: Die Vernetzung von Zulieferanten und Abnehmern über virtuelle Marktplätze, in: Industrie Management 17 (2001) 5, S. 45 – 48
Wildemann, Horst: Electronic Sourcing, München 2000
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