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Offen, berechenbar, verlässlich: Ford sieht sich bei Zulieferern in der Pflicht

Birgit Behrendt, Leiterin des Einkaufs, Ford of Europe
Offen, berechenbar, verlässlich: Ford sieht sich bei Zulieferern in der Pflicht

Birgit Behrendt
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Ford will die Kommunikation mit den Zulieferern verbessern. Dabei verpflichtet sich auch der Hersteller zu mehr Offenheit, Berechenbarkeit und Verlässlichkeit. Birgit Behrendt, Leiterin des Einkaufs, Ford of Europe, erläutert im Gespräch mit Chefredakteur Daniel Zabota das neue „Sustainable Business Model“.

Beschaffung aktuell: Frau Behrendt, erklären Sie uns bitte die Struktur Ihres Einkaufs. Gibt es den Einkauf von Ford of Europe, Ford Motor Company und der Ford-Werke GmbH?

Birgit Behrendt: Als global organisierter Hersteller gibt es natürlich einen Einkauf auf Ebene der Ford Motor Company (FMC). Darunter arbeitet, übrigens als umsatzstärkste Einheit nach Nordamerika, der Einkauf der FMC in Europa. Dabei arbeiten wir hier wie dort markenübergreifendend. Neben meiner Verantwortlichkeit für die Marke Ford in Europa bin ich deshalb auch für den europäischen Chassis & Powertrain-Einkauf für Jaguar, Land Rover und Volvo zuständig. Dementsprechend tragen meine Kollegen der anderen Marken ebenfalls gesamtunternehmerische Verantwortung in Bereichen wie z. B. Elektronik oder Karosserie. Ein klassischer Einkauf ausschließlich für die Ford-Werke GmbH ist heute nicht mehr sinnvoll.
Beschaffung aktuell: Hat die Ford Motor Company mit ihren so unterschiedlichen Marken wie unter anderem Ford, Volvo oder Jaguar eine Beschaffungsstrategie oder eine „vision“ für alle?
Behrendt: Es gibt keine unterschiedlichen Beschaffungsstrategien, sondern eine gemeinsame und langfristige Strategie für dauerhaften Erfolg. Danach ist unser Bestreben ein dauerhaftes und für Hersteller- und Lieferantenseite beständiges und gewinnbringendes Geschäftsmodell, das die Elemente der Wertschöpfungskette optimiert und hinsichtlich Qualität, Technologie, Lieferungen und Kosten führend ist.
Beschaffung aktuell: Unterscheiden Sie zwischen Produktions- und Nichtproduktionsmaterial?
Behrendt: Das tun wir. Unser globaler Einkauf kauft im Jahr für über 90 Milliarden US-Dollar ein, was im Übrigen etwa zwei Drittel des gesamten Umsatzes entspricht. Cirka 80 Prozent davon entfallen auf den Produktionseinkauf, der Rest auf den Nicht-Produktionseinkauf.
Beschaffung aktuell: Wie hoch ist das Einkaufsvolumen von Ford of Europe?
Behrendt: Das Einkaufsvolumen von Ford Europa ist das größte nach dem nordamerikanischen.
Beschaffung aktuell: Wie viel davon kommt von Zulieferern aus Deutschland?
Behrendt: Wo ein Zulieferer produziert, spielt für uns viel weniger eine Rolle als etwa die Qualität und die Wettbewerbsfähigkeit seiner Produkte. Natürlich arbeiten wir mit vielen deutschen Zulieferern zusammen, die allerdings bereits stark im Ausland fertigen. Unter unseren Top-Lieferanten befinden sich zu etwa ein Drittel deutsche Hersteller mit überproportionalem Umsatzanteil, darunter auch zahlreiche mittelständische Unternehmen.
Beschaffung aktuell: Die Lohnstückkosten sind in Deutschland in den vergangenen Jahren stärker gesunken als in anderen Ländern. Heißt das, dass deutsche Lieferanten wieder wettbewerbsfähiger geworden sind?
Behrendt: Deutsche Lieferanten haben sich immer schon durch hohe Technologie und Produktivität ausgezeichnet. Nichtsdestotrotz ist das deutsche Lohnniveau im internationalen Vergleich sehr hoch. Deshalb machen sich auch deutsche Zulieferer immer mehr eine globale Fertigungsstruktur in ihrer Wertschöpfungskette zunutze, um die Wettbewerbsfähigkeit ihrer deutschen Standorte zu sichern.
Beschaffung aktuell: Sie wollen die Zahl Ihrer Zulieferer reduzieren. Wie gehen Sie da vor und wie weit sind Sie auf diesem Weg vorangekommen?
Behrendt: Die Reduzierung der Anzahl unserer Lieferanten ist die eine Seite. Die andere Seite beinhaltet eine intensivere und langfristigere Zusammenarbeit mit unseren neudefinierten strategischen Lieferanten, basierend auf mehr Volumen, Transparenz und Berechenbarkeit. Wir haben für unsere 20 wichtigsten Warengruppen strategische Langzeit-Lieferanten auswählt bzw. sind dabei das zu tun. Mit diesen Lieferanten haben wir begonnen, ein bilaterales Rahmenabkommen für unsere zukünftige Geschäftsbeziehung zu diskutieren. Es soll größere beidseitige Transparenz über Planungsvolumen, Cycle Plan und Kosten schaffen und damit eine höhere Stabilität und Berechenbarkeit bieten. Wir gehen davon aus, dass die Auswahl für die ersten Warengruppen Mitte des Jahres abgeschlossen sein wird.
Beschaffung aktuell: Weniger Zulieferer kann auch mehr Risiko bedeuten. Wie sieht Ihr Risikomanagement für den Ausfall eines Zulieferers aus?
Behrendt: Wir wählen unsere langfristigen Lieferanten nach sehr sorgfältig ausgewählten Kriterien und werden auch nicht das Risiko eingehen, uns auf einen Zulieferer zu verlassen. In der Regel wollen wir immer mit zwei bis drei Partnern zusammenarbeiten.
Beschaffung aktuell: Die großen OEM der Autobranche neigen dazu, von Ihren Zulieferern Preissenkungen, mehr Qualität und Innovationen gleichzeitig zu verlangen. Wie kommunizieren Sie das bei Ford den Lieferanten?
Behrendt: Das neue „Sustainable Business Model“ von Ford wird die Kommunikation wesentlich verbessern. Es verpflichtet nämlich nicht nur den Zulieferer, sondern auch uns selber zu mehr Offenheit, Berechenbarkeit und Verlässlichkeit. Mehr als in der Vergangenheit stehen die partnerschaftliche Beziehung und der gegenseitige Respekt zwischen unseren Lieferanten und Ford im Vordergrund. Die Notwendigkeit von Kostenoptimierung, Qualitätsverbesserung und Innovationsfähigkeit trifft beide Seiten. Deshalb verpflichten auch wir uns, etwa hinsichtlich unserer Prozesse Verbesserungen einzuführen, die zu schnelleren Entscheidungen und weniger späten Änderungen führen.
Beschaffung aktuell: Das ist auch eine heikle Angelegenheit für den Einkauf selbst. Wie bereitet sich Ihre Abteilung darauf vor?
Behrendt: Natürlich bedeutet das neue Modell eine gewisse strategische Neuausrichtung unseres Unternehmens. Andererseits wurde dieses neue Modell aus unserem Unternehmen heraus entwickelt und ihm nicht von außen übergestülpt. Von daher sind viele der tragenden Elemente des Sustainable Business Model, wie z. B. die partnerschaftliche Beziehung zwischen Einkäufer und Zulieferer, schon länger fester Bestandteil unserer Zusammenarbeit mit den Lieferanten. Wir haben also schon in den vergangenen Jahren erfolgreich daran gearbeitet, uns ein Fundament zu schaffen, das dieses neue Geschäftsmodell trägt und haben Gremien geschaffen, in denen wir uns mit unseren Lieferanten treffen und zunehmend offener austauschen.
Beschaffung aktuell: Welche besonderen Qualitäten braucht heute der Einkäufer?
Behrendt: Große Sachkenntnis, Verständnis für unsere globale Organisation und unser neues Geschäftsmodell sowie Offenheit, Vertrauen und Respekt gegenüber unseren Lieferanten.
Beschaffung aktuell: Welche Trends sehen Sie zukünftig im Einkauf?
Behrendt: Angesichts eines Umfeldes, das durch eine extrem hohe Wettbewerbsintensität gekennzeichnet ist, wird sich die Situation der Hersteller wie auch die der Zulieferer nicht wesentlich ändern. Von beiden Seiten wird weiterhin eine kontinuierliche Ergebnisverbesserung erwartet, durch überzeugende Produkte, wettbewerbsfähige Qualität, geringere Kosten und Innovation. Auf Ford bezogen lauten die Zukunftsthemen neben dem schon angesprochenen Sustainable Business Model die weitere Nutzung von Synergien und Gemeinsamkeiten der Marken der Ford Motor Company in Europa und global (was auch unseren Lieferanten neue Perspektiven eröffnen wird) sowie die Fortsetzung des seit 2000 in Europa eingeführten TVM(Team Value Management) – Prozesses, der uns und unseren Zulieferern weitere Potenziale erschließt und Produktionskosten, Prozessabläufe und Einkaufspreise optimiert.
Beschaffung aktuell: Hat der Einkauf bei Ford die richtige Macht oder, besser, das Mitspracherecht, um schon im Vorfeld bei der Entwicklung neuer Autos Einfluss nehmen zu können?
Behrendt: Absolut, wir sind sehr frühzeitig in den Entwicklungsprozess einbezogen. Das gerade besprochene Team Value Management (TVM) ist ein gutes Beispiel dafür. Ein TVM-Team besteht in der Regel aus einem Entwicklungsingenieur, einem Finanzexperten, einem Einkäufer und einem Zulieferer, oft ist auch ein Fertigungsexperte oder ein Designer dabei. Dieser geballte Sachverstand entscheidet gemeinsam über Entwicklung und Optimierung einer Produktgruppe, um so Prozessabläufe zu verbessern und Produktionskosten zu senken.
Beschaffung aktuell: Frau Behrendt, vielen Dank für dieses Gespräch.
Wo ein Zulieferer produziert, spielt für uns viel weniger eine Rolle als etwa die Qualität und
die Wettbewerbsfähigkeit
seiner Produkte.

Ford zeichnet Beru mit Qualitäts-Award aus

Zulieferer

Das Zündkerzenwerk Beru TDA in Chazelles-sur-Lyon ist von der Ford Motor Company mit dem Q1-Award ausgezeichnet worden. Der begehrte Qualitätspreis gilt in der Automobil- und Zuliefererindustrie weltweit als anerkannter Standard. Er soll dem französischen Beru-Standort unter anderem „exzellente“ Leistungen in der Kundenorientierung und der Einhaltung aller Kunden-, Norm- oder Gesetzesvorgaben bescheinigen.
Der Ford Q1-Award gilt als Voraussetzung für Geschäftsverbindungen mit Ford und deren Tochterunternehmen wie Aston Martin, Jaguar, Land Rover, Mazda und Volvo. Unter anderem waren hundertprozentige Liefertreue und eine Null-Fehler-Rate auf eine Million Teile für den Q1-Award Pflicht. dz
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