Startseite » Allgemein »

Per Express nach Chabarovsk

Frank-Uwe Ungerer, General Director DHL in Russland
Per Express nach Chabarovsk

Anzeige
Frank-Uwe Ungerer ist der Chef von mehr als 100 DHL-Büros, die über ganz Russland verteilt sind und so auch abgelegene Orte wie Chabarovsk erreichen. Für Beschaffung aktuell berichtet er über seine Erfahrungen mit dem russischen Logistikmarkt und die Rolle, die DHL darin spielt.

Beschaffung aktuell: Guten Tag, Herr Ungerer, sehen Sie aus Ihrem Bürofenster den Kreml oder in welchen der 100 DHL-Büros haben Sie Ihren Hauptsitz in Russland?

Frank-Uwe Ungerer: Den Kreml sehe ich leider nicht, da sich unser Hauptsitz im Stadtteil Sokol, etwa sieben Kilometer vom Kreml entfernt befindet. Wir haben jedoch ein Büro in Kazan, in der Republik Tatarstan, in welchem wir den Kreml zu Fuß erreichen können.
Beschaffung aktuell: DHL ist in Russland seit 1984 tätig. Seit wann sind Sie vor Ort?
Ungerer: Ich war das erste Mal 1994 in Russland und bin dann 1996 von Stuttgart nach Moskau gezogen. Bis 2000 habe ich das Frachtgeschäft in der GUS für eine große deutsche Fluggesellschaft aufgebaut. Hierauf war ich ein Jahr in Shanghai und kam 2002 wieder zurück nach Russland, dieses Mal nach St. Petersburg, wo ich ein Joint Venture mit dem Flughafen leitete. Bei DHL bin ich nun seit über zwei Jahren.
Beschaffung aktuell: Was hat sich innerhalb der letzten Jahre geändert?
Ungerer: Insgesamt hat sich das Business Klima in Russland in den letzten Jahr enorm verändert. Insbesondere nach der Bankenkrise 1998 ist die Investitionsfreude in Russland wieder stark gestiegen. Damit einhergehend auch der internationale Handel. Kulturell hat sich das Land ebenfalls stark verändert, insbesondere ein zunehmender Nationalismus ist unverkennbar.
Seit der Gründung von DHL Russland (1984) hat sich die Anzahl der Kunden von ca. 100 auf über 13 000 innerhalb der GUS Staaten erhöht. Gleichfalls hat sich das Kundenprofil geändert: Während anfangs die meisten Kunden noch Repräsentanzen, Botschaften etc. waren, sind es jetzt mehrheitlich nationale und internationale Konzerne verschiedener Industrien: Automotive, Automotive, Oil & Gas, HiTech, Banken, Pharmazie etc.
Ich bin sehr stolz darauf, dass DHL als erstes Unternehmen Express Dienstleistungen nach Russland gebracht hat. Vor über 20 Jahren gab es noch keine Expresssendungen in der damaligen Sowjetunion. Somit kann DHL als Pionier auf dem russischen Expressdienstleistungsmarkt bezeichnet werden. Heute ist DHL eine sehr starke Marke in Russland, über 95 Prozent der Firmen kennen uns. Unser aktueller Marktanteil übertrifft 50 Prozent und fast alle größeren Unternehmen sind unsere Kunden.
Wichtig ist auch, wie sich unser Sendungenprofil verändert hat. Enthielten vor zehn Jahren noch die meisten Sendungen Dokumente, so sind dies in 2004 nur noch 20 Prozent. 80 Prozent aller Sendungen sind nunmehr Ersatzteile, Muster, Werbebroschüren sowie Fertigprodukte.
Beschaffung aktuell: Worin bestehen die Hauptunterschiede zwischen dem russischen und dem westlichen Logistikmarkt?
Ungerer: Die Hauptunterschiede können im wesentlichen in drei Bereiche gegliedert werden:
  • 1. Bedeutend schlechtere Infrastruktur in Russland im Bereich Straßen- und Schienennetz, aber auch Telekommunikations- und IT-Systeme.
  • 2. Der Transportmarkt ist sehr fragmentiert und besteht aus tausenden kleiner Transportunternehmen. Es gibt keinen dominierenden Anbieter. DHL hat begonnen im Bereich Logistik und Transport – analog zum Bereich Express – ihren Marktanteil in Russland aufzubauen und investiert hierzu in Lager für die Kontraktlogistik, Frachtumschlag, Flughafenterminals, IT und weitere Personalschulung.
  • 3. Ausbildung: Im Bereich Logistik besteht ein starker Mangel an Fachkräften. Experten kommen meistens aus dem Ausland.
Insgesamt gleichen sich aber die Verhältnisse an. Russlands Entwicklung in der Logistik ist noch ca. zehn Jahre hinter westlichen Verhältnissen zurück, holt aber mit rasantem Tempo auf.
Beschaffung aktuell: Welche logistische Gegebenheiten müssen Unternehmen beachten, die mit Lieferanten in Russland zusammenarbeiten wollen?
Ungerer: Vor allem die Größe des Landes und auch immer noch viele bürokratische Hürden, beispielsweise beim Zoll. Der Logistikpartner sollte langjährige Erfahrung in Russland vorweisen und dies anhand von Fallbeispielen belegen. Wichtig ist auch ein umfangreiches Netzwerk mit Büros in den russischen Regionen, von Kaliningrad bis Sachalin.
Beschaffung aktuell: Was sind ihre Pläne für die nahe Zukunft? Haben Sie Expansionspläne für Russland?
Ungerer: Für dieses und die kommenden Jahre plant DHL über 50 Millionen USD in Terminals, Equipment, IT und Personal zu investieren. Wir bauen Terminals in Moskau, St. Petersburg und haben in Samara bereits ein Terminal in Betrieb genommen. Weitere Terminals sind für den Süden, Sibirien und im Ural geplant. Diese Terminals sind durch ein Lkw-Netzwerk miteinander verbunden, das es unseren Kunden erlaubt ihre Kunden in den russischen Regionen zu bedienen. Das Terminal in Moskau wird mehr als 10 000 Quadratmeter umfassen, hinzu kommt ein Lager für Kontraktlogistik mit 20 000 Quadratmeter in der ersten Phase. Erst Anfang diesen Jahres hat DHL ein neues Express- und Zollterminal am Moskauer Flughafen Sheremetyevo eröffnet. Mit diesen Investitionen nimmt DHL wieder eine Vorreiterrolle ein und wird der erste Logistikdienstleister sein, der ein russlandweites Netzwerk hat.
Zudem werden wir weitere Produkte einführen wie Express Freight von und nach Europa, aber auch Intra City Express Freight, ein schneller Palettenservice innerhalb der großen Städte. Durch diese Produkt- und Serviceerweiterung passen wir uns dem sich rasant wandelnden russischen Logistikmarkt an und stellen die Weichen für weitere erfolgreiche Jahre.
Beschaffung aktuell: Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung des Industriestandortes Russland ein? Wie wird sich der WTO-Beitritt auf den Standort auswirken? Wie wird DHL darauf reagieren?
Ungerer: Russland wird ein immer stärkerer Handelspartner, vor allem für Deutschland. Gleichzeitig integriert sich das Land immer mehr in die internationalen Märkte. Die Aussicht eines WTO-Beitrittes (geplant für 2007) trägt ebenfalls zu dieser Entwicklung bei. Mit den steigenden Handelsvolumina wird auch die Nachfrage nach Logistikaktivitäten steigen. Gleichzeitig wird die Bedeutung des „grauen“ Marktes sinken.
Für DHL bedeuten diese Entwicklungen Riesenchancen. Jedoch muss man, um in Zukunft eine führende Rolle im Bereich Logistik in Russland zu führen, russlandweit aufgestellt sein. DHL hat dafür die wesentlichen Schritte eingeleitet.
Im Vergleich zu China und auch Indien nimmt Russland (noch) eine untergeordnete Rolle ein. Aber, Russland wird für jedes internationale Unternehmen nicht nur als Beschaffungs-, sondern vor allem als Absatzmarkt zunehmen wichtiger.
Trotz Vorfälle wie Yukos ist das Geschäftsklima gut und Russland wird als Industriestandort in der Zukunft eine größere Rolle spielen. Ich schätze daher die weitere Entwicklung sowohl für Russland im Allgemeinen als auch vor allem für DHL im Speziellen als besonders gut ein.
Beschaffung aktuell: Vielen Dank, Herr Ungerer, für diese Gespräch.
Das Interview führte Beschaffung-aktuell-Redakteurin Sabine Schulz-Rohde.
Russlands Entwicklung in der Logistik ist noch ca. 10 Jahre hinter westlichen Verhältnissen zurück, holt aber mit rasantem Tempo auf.

Das Unternehmen

DHL bedient heute über 800 Städte innerhalb der GUS-Staaten mit einem eigenen Netzwerk von über 100 Büros. DHL befördert in Russland über vier Millionen Sendungen im Jahr und hat eine eigene Flotte von über 400 Fahrzeugen.
Anzeige
Aktuelles Heft
Titelbild Beschaffung aktuell 4
Ausgabe
4.2021
PRINT
ABO
Anzeige

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de