Dr. Holger Steindorf, Vice President Procurement Trucks and Buses, Daimler AG

Seit Jahrzehnten global aufgestellt

Anzeige
Das Redaktionsteam von Beschaffung aktuell traf kürzlich auf einen sehr gut gelaunten Einkaufschef: Dr. Holger Steindorf, Vice President Procurement Trucks and Buses der Daimler AG, Stuttgart, freute sich über die guten Halbjahresergebnisse, zu denen der Lkw-Bereich (22 Prozent Umsatzplus) maßgeblich beigetragen hat. Umsatz, Gewinn – Kosten. Immer ein Thema. Vor allem für den Einkauf.

Beschaffung aktuell: Herr Dr. Steindorf, Sie sind nun bald ein Jahr Leiter Procurement Trucks and Buses. Was stand denn, als Sie Ihren Posten angetreten haben, ganz oben auf der To-do-Liste?

Dr. Holger Steindorf: Zunächst einmal war es mir wichtig meine engsten Mitarbeiter kennenzulernen. Das sind die Einkaufsleiter der einzelnen Marken und Bereiche von Daimler Trucks and Buses, zum Beispiel Freightliner, EvoBus oder Fuso. Das nächste war, sich mit unseren wichtigsten Lieferanten vertraut zu machen. Da bin ich noch nicht durch. Allerdings bin ich zuvor schon acht Jahre lang für die globale Achs- und Getriebeproduktion zuständig gewesen. Schon da hatte ich viel mit Lieferanten zu tun und kenne Kostenziele, Qualitätsvorgaben sowie deren Lieferfähigkeit. Auf dieses Wissen greife ich jetzt zurück.
Beschaffung aktuell: Sie waren lange Zeit Produktionsleiter. Wenn Sie durch ein Werk gehen, juckt es Sie immer noch hier und dort Verbesserungsvorschläge zu machen?
Dr. Steindorf: Aber ja. Bei Lieferanten erlaube ich mir schon mal eine dezente Bemerkung. Aber: Wir lernen auch von unseren Lieferanten. Wir sehen in deren Produktionsprozess hin und wieder erstaunliche Dinge. Da kann ich nur sagen – Respekt.
Beschaffung aktuell: Ihre Kollegen aus der Pkw-Sparte wollen die Materialkosten bis 2017 massiv senken. Ist es für Sie ein Ansporn, ein ähnliches Ziel auch in der Lkw-Sparte zu erreichen?
Dr. Steindorf: Kosten sind immer ein Thema. Der Geschäftsbereich Trucks hat 2005 die sogenannte Global Excellence Strategie aufgesetzt, mit dem Ziel profitables Wachstum in allen Dimensionen abzusichern. Das beinhaltet auch eine ständige Verbesserung der Kosten und Prozesse. Wie Sie wissen, ist das Lkw-Geschäft sehr zyklisch. Wir haben gerade ein sehr gutes erstes Halbjahr abgeschlossen, aber das Wachstum ist nicht überall gleich. Hier gilt es, das Lieferantennetzwerk so zu organisieren, dass es sich über die Regionen hinweg ergänzt. Das nennen wir Management of Cycle. Global Excellence lässt sich auf eine einfache Formel bringen: Umsatz und Qualität rauf – Kosten runter. Und das werden wir mit größerer Effizienz in den Werken, mit der Modulstrategie gerade im Antriebsstrang und mit einem weltweiten Lieferantenset erreichen.
Beschaffung aktuell: Die Pkw-Kollegen bringen Felgen aus China in die USA. Wann kommen Felgen für Lkw aus China nach Wörth am Rhein?
Dr. Steindorf: Das haben wir bisher noch nicht. Aber wenn Sie den Truckbereich genau betrachten, sehen Sie, dass wir seit Jahrzehnten global aufgestellt sind. In Brasilien sind wir seit 50 Jahren vor Ort und bei Freightliner in den USA und in der Türkei produzieren wir seit über 25 Jahren. Auch bei vielen unserer Lieferanten ist das der Fall. Wenn es darum geht, neue Lieferanten zu finden oder Kooperationen auszuweiten, können und wollen wir noch mehr tun. Warum können nicht zum Beispiel unsere Lieferanten in Indien noch mehr in die klassischen Märkte liefern?
Beschaffung aktuell: Ziel von Daimler ist es, Innovationen auf die Straße zu bringen. Gibt es eine Innovation für Lkw oder Busse, die Sie besonders beeindruckt hat und von der Sie sagen: „Müssen wir unbedingt haben“?
Dr. Steindorf: Zunächst einmal sind wir stolz auf das, was wir schon haben.
Beschaffung aktuell: Können Sie uns hier Beispiele nennen?
Dr. Steindorf: In unseren modernen Lkw unterstützen wir die Fahrer jetzt mit einem sogenannten Predictive Powertrain Control – einem vorausschauenden Tempomat. Dabei sind in der Fahrzeugelektronik GPS-Daten und eine Landkarte hinterlegt. Wenn sich das Fahrzeug auf eine Steigung zubewegt, wählt das Automatikgetriebe frühzeitig den richtigen Gang und spart so bis zu drei Prozent Sprit – oder den Active Brake Assist, der für mehr Sicherheit sorgt. Überhaupt beeindrucken mich alle Innovationen, die in Richtung Sicherheit, Effizienz, Komfort und Umweltschutz gehen.
Beschaffung aktuell: Wie schaffen Sie den Spagat zwischen kostenoptimierten Einkaufen und dem Einkaufen von innovativer Technik?
Dr. Steindorf: Wenn Sie sich die Preisentwicklung bei Lkw in den vergangenen Jahren ansehen, stellen Sie fest, dass wir nicht wesentlich teurer geworden sind. Das erwarten wir auch von unseren Lieferanten. Dazu müssen wir zum einen die Lieferanten früh einbinden, einen Wettbewerb für Innovationen erzeugen, aber auch den Einkauf rechtzeitig in Neuproduktprojekte einbinden.
Beschaffung aktuell: Ein solcher Spagat erfordert viel Geschick. Schicken Sie Ihre Einkäufer zum Verhandlungstraining?
Dr. Steindorf: Wir erwarten von einem Einkäufer, sozusagen als Grundveranlagung, Offenheit, Kommunikation, Begeisterung für das Produkt als Ganzes, aber auch einzelner Teile, und die Fähigkeit, mit anderen Kulturen umzugehen. Er muss zum Beispiel auch in einer fremden Sprache sicher verhandeln können. Wir haben allerdings vielfältige Möglichkeiten, unsere Leute durch Austausch mit anderen Standorten intern zu schulen. Wie gesagt – wir sind global aufgestellt.
Beschaffung aktuell: Erwarten Sie von jungen Einkäufern, zum Beispiel Absolventen, dass sie solche Fähigkeiten bereits mitbringen?
Dr. Steindorf: Wir rekrutieren unsere Leute stark aus den eigenen Reihen, zum Beispiel im Rahmen unserer CAReer Programme. Wenn ein junger Mensch das Unternehmen durchläuft und seine Fähigkeiten gut zum Einkauf passen, ist es toll, wenn der Einkauf sein Heimatbahnhof wird.
Beschaffung aktuell: Muss man als Einkäufer auch ein 16-Gang-Getriebe bis ins letzte Detail verstehen?
Dr. Steindorf: Bis ins letzte Detail sicher nicht, aber ein technisches Verständnis dafür, wie ein Getriebe funktioniert und Spaß an der Technik schadet nicht.
Beschaffung aktuell: Können Sie unseren Lesern bitte kurz das Daimler Supplier Network erklären?
Dr. Steindorf: Das gilt für unser gesamtes Unternehmen: Es gibt, als feststehende Begriffe, normale Lieferanten, Key Supplier und Strategische Partner, die jeweils bestimmte Kennzahlen erfüllen müssen, zum Beispiel Liefertreue, Qualitätsvorgaben, Zielerreichungsgrad und vieles mehr. Von unseren insgesamt etwa 4000 Lieferanten sind 21 Strategische Partner. Das ist die Elite, wobei sich darunter große und kleine Unternehmen befinden. Da gibt es dann auch Gespräche von Vorstand zu Vorstand. Der Daimler Supplier Award, den wir einmal jährlich vergeben, zeichnet die besten Lieferanten für herausragende Leistungen im vergangenen Geschäftsjahr aus.
Beschaffung aktuell: Im Daimler Supplier Network ist Partnerschaft ein wichtiges Element. Welche Erwartungen haben Sie an die tägliche Arbeit mit Lieferanten?
Dr. Steindorf: Wir wollen frühzeitig unsere Erwartungen mit den Lieferanten besprechen. Genauso wollen wir gemeinsam festlegen, wo Grenzen sind. Ideen sind uns jederzeit willkommen und dafür öffnen wir auch gerne mal die Türen zu unserer Entwicklungsabteilung und laden unsere Partner ein, dort ihre Ideen vorzutragen.
Beschaffung aktuell: Und umgekehrt? Was können Lieferanten vom Einkauf Nutzfahrzeuge erwarten?
Dr. Steindorf: Verlässlichkeit, die Bereitschaft, sie in die globale Daimler Trucks-andBuses-Welt mitzunehmen, ein gemeinsames nachhaltiges Wachstum.
Beschaffung aktuell: Wo sehen Sie künftige Herausforderungen für Daimler?
Dr. Steindorf: Die Globalität, die zwar viele Chancen bietet, aber auch die eine oder andere Herausforderung, zum Beispiel den Austausch der Kulturen in der täglichen Praxis zu leben. Ja, und dann natürlich die großen Produktanläufe, die den Einkauf enorm fordern, wie zuletzt für den neuen Actros.
Beschaffung aktuell: Was steht heute als nächstes auf der To-do-Liste?
Dr. Steindorf: Die IAA. Ich werde mir zusammen mit meinen Assistenten ansehen, welche Lieferanten wir dort wann und wo treffen werden.
Beschaffung aktuell: Herr Dr. Steindorf, wir danken für dieses Gespräch. dz
Weitere Berichte zur IAA Nutzfahrzeuge
finden Sie auf den Seiten 42 ff.
Anzeige

Aktuelles Heft

Titelbild Beschaffung aktuell 09
Ausgabe
09.2019
PRINT
DIGITAL
ABO

Newsletter

Jetzt unseren Newsletter abonnieren

Webinare & Webcasts

Technisches Wissen aus erster Hand

Whitepaper

Hier finden Sie aktuelle Whitepaper

Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice

Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de