Lieferantenmanagement bei EADS

Wächter der Daten

Flugzeugproduktion bei der EADS-Tochtergesellschaft Airbus
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50 000 Lieferanten in 60 Einkaufsorganisationen – da kommt einiges an Daten zusammen. EADS hat deshalb einen Anbieter von B2B-Wirtschaftsinformationen sozusagen zum „Wächter“ der Daten vergattert. So kann der Einkauf des Luft- und Raumfahrtkonzerns seiner strategischen Aufgabe gerecht werden.

Jeder Tag ist spannend: Heute meldet Boeing x Verkäufe an diese Airline, morgen meldet Airbus y Verkäufe an jene Airline. Im vergangenen Jahr hat sich der europäische Flugzeughersteller, der Teil der European Aeronautic Defence and Space Company (EADS) ist, mit 1055 zu 1002 Bestellungen in Führung gebracht. Zudem gelang es Airbus, sich mit dem A 380, der von vielen Logistikunternehmen, zum Beispiel von UPS, als Frachtversion geordert wurde, entgegen aller Voraussagen aus den USA am Markt durchzusetzen.

Um die neu gewonnene Stärke konsequent in Wettbewerbsvorteile umzumünzen, kommt dem Einkauf bei EADS eine zentrale Bedeutung zu: Über 50 Prozent der derzeit projektierten Einsparpotenziale im Milliardenbereich sollen hier realisiert werden. Den ehrgeizigen Zielen begegnet die EADS mit der Einführung eines konzernweiten elektronischen Einkaufssystems als einheitlicher Informationsplattform für das Lieferantenmanagement.
Ganz entscheidend ist dabei die Qualität der zugrundeliegenden Daten. Als deren „Wächter“ bezeichnet sich D&B – Anbieter von B2B-Wirtschaftsinformationen und entsprechenden Softwareanwendungen zur Datenrationalisierung und zur Analyse von zentralen Geschäftsprozessen im Einkauf, Finanzwesen und Marketing.
Produktzyklen bis zu 50 Jahren
Jährliche Einkäufe in zweistelliger Milliardenhöhe, mehr als 50 000 Lieferanten weltweit, über 60 Einkaufsorganisationen in fünf Abteilungen und 16 Business Units, über 2200 Leute im Einkauf – so sieht die Einkaufswelt der EADS heute aus. Dass allein die schiere Masse Möglichkeiten bietet, Kosten zu senken, liegt auf der Hand. Wer in dieser Größenordnung einkauft, hat aufgrund seiner Marktmacht beträchtliche Verhandlungsspielräume und kann volumenabhängige Rabattstaffeln im großen Umfang geltend machen. Gemeinsames Einkaufen, konzernweite Rahmenverträge – das so genannte Joint Procurement – sowie Standardisierung des Bedarfs sind einige der Aspekte, die es zu nutzen gilt.
Die Überlegungen gehen noch ein entscheidendes Stück weiter. „Wenn wir Synergien, die im Beschaffungswesen liegen, tatsächlich umfassend ausschöpfen wollen, muss es primär auch darum gehen, die weltweit besten Lieferanten für uns zu gewinnen, frühzeitig in unsere Projekte zu integrieren und die Kooperation mit ihnen kontinuierlich weiterzuentwickeln. In unserer Branche haben wir Produktzyklen von bis zu 50 Jahren, so dass die Leistungsfähigkeit und Qualität unserer Partner ganz wesentlich über unseren Geschäftserfolg entscheidet“, erläutert Herbert Heidler, EADS Vice President Corporate Sourcing, Sourcing Management und verantwortlich für den Aufbau des konzernweiten elektronischen Einkaufssystems, die Herausforderung.
Heidler, ehemaliger Dasa-Mann, beschreibt damit den starken Wandel in der gesamten Einkaufsorganisation. Die klassische Materialwirtschaft, einst im Unternehmen reine Beschaffungs- und Verwaltungseinheit, übernimmt eine zusehends strategische Funktion. Das heißt: Einkauf beginnt mit der Auswahl der Lieferanten, setzt sich im operativen Einkaufsprozess fort und mündet im fortlaufenden Lieferanten-Beziehungsmanagement. Die Entwicklung sei angesichts einer weiter zunehmenden externen Wertschöpfung nur folgerichtig. „Wir liegen heute bei rund 70 Prozent“, so Heidler. Damit wachse auch die Notwendigkeit, Lieferanten frühzeitig einzubinden und Projektrisiken gemeinsam zu schultern. Dies funktioniere nur in enger Kooperation mit den Lieferanten. Eine Einkaufsorganisation die das Attribut strategisch verdient, muss Antworten geben können auf die Kernfrage: Wer (Organisation), kauft was (Warengruppen), bei wem (Lieferant, Konzern), wo (Region) und für wie viel (Bestellvolumen, Zahlung)? Diese konzernweite Transparenz ist entscheidend um Kostenreduzierungsprojekte wie Pooling, Standardisierung, aber auch die koordinierte Verhandlung unter Einbindung aller Einkaufsorganisationen mit Lieferanten durchführen zu können. Im Falle der EADS keine ganz triviale Aufgabe angesichts unterschiedlicher dezentraler Einkaufssysteme an über 60 Standorten, die bisher nicht miteinander verknüpft waren.
Sämtliche Einkaufsbereiche haben Zugriff
Früh gelangte man zu der Überzeugung, dass ein elektronisches Einkaufssystem bei der Integration einen entscheidenden Vorteil bringen könnte. Auf das seit Spätherbst 2000 produktiv laufende System namens SourceIT haben heute sämtliche Einkaufsbereiche Zugriff. Es wird monatlich mit Daten aus den bestehenden lokalen Systemen „befüllt“ und über so genannte Referenztabellen synchronisiert. Entwickelt wurde die konzerneigene Lösung in Kooperation mit dem Münchner Softwarespezialisten Xcitec und D&B, Experte für die Aufbereitung und entscheidungsunterstützende Analyse von Wirtschaftsdaten. Denn im Verlauf des Projekts wurde sehr bald deutlich, dass die Leistungsfähigkeit eines solchen Systems im hohen Maße von der Qualität der zugrundeliegenden Daten abhängt. Den notwendigen kontinuierlichen Rationalisierungs- und Pflegeaufwand wollte und konnte die EADS aus eigener Kraft nicht leisten und entschied sich deshalb für die Zusammenarbeit mit einem externen Partner. Der Datenbankspezialist stellt sicher, dass die Daten konzernweit in einer angemessenen Qualität bereitgestellt und regelmäßig aktualisiert werden können. Die Transparenz des Systems soll den Konzern in die Lage versetzen, quasi in Echtzeit warengruppenbezogene, lieferantenbezogene, organisationsbezogene oder zeitbezogene Auswertungen vorzunehmen. Selektionskriterien für die Lieferantendokumentation und -bewertung sind beispielsweise Branche, Größe, Umsatz oder geografische Verteilung. Dazu werden die Stammdaten sämtlicher EADS-Lieferanten regelmäßig abgeglichen mit der weltweit größten Unternehmensdatenbank D&B Universe, welche mehr als 83 Millionen Einträge umfasst. Hierbei kommt die so genannte D-U-N-S-Nummer (Data Universal Numbering System) zum Einsatz. Ein neunstelliger Zahlencode, der 1962 entwickelt wurde und längst zum weltweiten Standard avancierte, dient nach Angaben des Unternehmens als unverwechselbarer Indikator, sozusagen wie eine Art Fingerabdruck des Unternehmens. So lassen sich Doppeleinträge identifizieren oder Unternehmensverflechtungen erkennen. Darüber hinaus enthalten die angereicherten Daten Informationen zu Umsatz, Mitarbeiterzahlen und anderen unternehmensdemographischen Angaben – also Informationen, die EADS über die transparente Lieferantenerfassung hinaus als Basis für strategische Entscheidungsprozesse im Einkauf dienen.
Im September 2000 beauftragte das Procurement Directors Board, das oberste Entscheidungsgremium aller Einkaufsorganisationen der EADS, ein Projektteam unter der Leitung Herbert Heidlers mit der Spezifizierung und Einführung von SourceIT. Schnell wurden erste Schnittstellen erstellt, so dass nach knapp drei Monaten erste Datenlieferungen erfolgen konnten. Die darauf basierenden Auswertungen stehen jedem Einkäufer mit Zugang zum EADS-Intranet zur Verfügung. Darüber hinaus bietet das System wichtige Zusatzfunktionen. So sind alle Rahmenverträge der EADS sowie der drei Gründerfirmen hinterlegt. Mit dem sogenannten Nachrichtendienst werden sämtliche Einkäufer informiert, wenn zum Beispiel ein Lieferant in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten ist.
Berücksichtigt wurde auch, dass verschiedene Sprachen zu unterschiedlichen Interpretationen von Begriffen führen. Mit einem dynamischen fünfsprachigen Einkaufs-Wörterbuch unterstützt SourceIT den kulturellen Integrationsprozess innerhalb der EADS.
Unterdessen berichtet das Team um Heidler von ersten Erfolgen. Für das Geschäftsjahr 2001 wurde erstmals der EADS Sourcing Report veröffentlicht, der dem EADS Management jährlich einen detaillierten Überblick über die Beschaffungsvolumina der einzelnen Organisationen, Währungen, Beschaffungsmärkte, Hauptlieferanten etc. zur Verfügung stellt. Dem Pilotprojekt folgte die Integration weiterer Funktionalitäten, zum Beispiel der Baustein Supplier Evaluation und Development. Hier werden die Hauptlieferanten der EADS anhand fünf gemeinsamer Kriterien bewertet (Evaluation) und weitere Schritte zur Verbesserung (Development) hinterlegt. Basierend auf den Volumendaten, der Lieferantenbewertung und den von D&B gelieferten Daten wie Konzernhierarchien, Finanzinformationen etc. werden anlässlich der großen
Luftfahrtmessen Informationsblätter für die anwesenden Lieferanten erstellt, um dem Top-Management der EADS ein Lieferantenbriefing zu ermöglichen.
Weitere Module sind in Planung, auch über die Internetanbindung für Lieferanten wird nachgedacht. „Wir müssen die immer noch starke Orientierung an subjektiven Eindrücken zugunsten eindeutiger Bewertungsmaßstäbe aufgeben. Mit den hochwertigen Informationen, die uns SourceIT zur Verfügung stellt, haben wir den Grundstein gelegt“, sagt Heidler. „Nur damit sind wir in der Lage, Lieferanten zu bewerten und ihnen dabei zu helfen, ihre Leistungen auf Weltniveau zu bringen.“ dz

Herr der Lüfte

Das Unternehmen

Die EADS European Aeronautic Defence and Space Company ist Europas größtes Luft-, Raumfahrt- und Verteidigungsunternehmen. Mit dem Zusammenschluss der französischen Aerospatiale Matra (ASM), der spanischen Construcciones Aeronáuticas (CASA) und DaimlerChrysler Aerospace (Dasa) im Juli 2000 vereint das Unternehmen drei der wichtigsten europäischen Player unter einem Dach und ist damit auch im weltweiten Vergleich führend. Gemessen am Marktanteil gehört die EADS zu den beiden größten Herstellern von Verkehrsflugzeugen, Hubschraubern, kommerziellen Trägerraketensystemen und Lenkflugkörpern, im Geschäft mit Militärflugzeugen, Satelliten und Verteidigungselektronik liegt der Konzern ebenfalls international mit an der Spitze. Rund 109 000 Beschäftigte erwirtschafteten 2004 trotz der allgemeinen Krise im kommerziellem Luftfahrtbereich 31,8 Milliarden Euro. dz
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