Warehouse Management Systeme auf dem Prüfstand

WMS – Individuell oder integriert

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Die schnell wechselnden Marktbedingungen stellen die logistischen Abläufe in Unternehmen immer wieder auf die Probe. Moderne Warehouse Management Systeme bieten eine breite Unterstützung in den Bereichen Lagerplanung, Wareneingang und Einlagerung, interne Lagerprozesse, Kommissionierung und Bereitstellung sowie Warenausgang. Doch was sind die Chancen und Risiken eines integrierten Lagerverwaltungssystems mit Materialflussrechner? Experten kommen zu differenzierten Antworten.

Reibungslose Prozessabläufe in der Lagerlogistik erfordern neben Flexibilität und Transparenz auch eine lückenlose Integration in die betriebliche Wertschöpfungskette und Systemarchitektur. Dabei setzt eine moderne Lagerverwaltung die volle Kontrolle über alle Warenbewegungen voraus – vom Wareneingang bis zur Auslieferung. Doch nicht nur die nahtlose Integration in die vor- und nachgelagerten Prozesse des Transportmanagements, sondern auch eine hochflexible Lagerdisposition und Arbeitsorganisation bis zu weitreichenden Automatisierungsmöglichkeiten stehen heute auf der Wunschliste vieler Anwenderunternehmen. Dabei geht es nicht nur um die Optimierung der Abläufe und die Steigerung der Effizienz in der Lagerverwaltung, egal, ob es sich um hochautomatisierte, komplexe Lagerstandorte handelt oder um kleine Standorte mit geringem Durchsatz. Häufig sind auch branchenspezifische Besonderheiten gefordert.

Vor allem in der Automobilproduktion steigern immer komplexere Supply Chains und ein sich intensivierender Wettbewerb die Anforderungen. Fahrzeughersteller und -zulieferer müssen deshalb ihre Kostenstruktur optimieren, indem sie in allen Bereichen ihre Prozesse noch effizienter gestalten. Dabei sind die internen Logistikabläufe permanent zu optimieren. Moderne Softwarelösungen helfen dabei, komplette Bereiche und einzelne Aufgaben wirtschaftlicher zu organisieren. Auch der Automobilzulieferer Brose hat seit 2012 seinen Standort Ostrava mithilfe einer etablierten Warehouse Management (WMS)-Lösung optimiert.
Die dabei erzielten Benefits stellte Dieter Trautzsch, GV-Projektleiter Logistik, Brose Fahrzeugteile GmbH & Co. KG, im Rahmen des 24. Deutschen Materialfluss-Kongresses, der vom VDI Wissensforum Ende März an der TU München in Garching mit über 370 Experten aus Industrie, Forschung und Beratung veranstaltet wurde, näher vor. Das Werk des Automobilzulieferers im tschechischen Ostrava feierte im vergangenen Jahr sein zehnjähriges Bestehen. Das Werksareal, in das mehr als 200 Mio. Euro investiert wurden, hat eine Grundfläche von 170 000 Quadratmetern und ist fast vollständig bebaut. Mit über 2500 Mitarbeitern ist Ostrava aktuell die größte Produktionsstätte der Brose Unternehmensgruppe. Der Standort hat im Laufe des vergangenen Jahrzehnts deutlich an Bedeutung gewonnen. Gefertigt werden Vorder- und Rücksitzstrukturen, Schließsysteme sowie Elektromotoren für mehr als 30 Automobilhersteller und -zulieferer weltweit. Der Werksumsatz erreichte 2013 rund 470 Mio. Euro.
Projektleiter Trautzsch zeigte mit einigen Zahlen auf, wie man die Performance auch in einer verteilten Systeminstallation über 700 km Entfernung sicherstellen konnte. Das in Ostrava eingesetzte SAP Extended Warehouse Management (EWM) ist dabei ein zentraler Baustein. Das System zur Lagerverwaltung und -steuerung läuft auf der Plattform SAP Supply Chain Management (SAP SCM) und bietet eine breite Unterstützung in den Bereichen Lagerplanung, Wareneingang und Einlagerung, interne Lagerprozesse, Kommissionierung und Bereitstellung und Warenausgang. Durch seine Skalierbarkeit und die vielen Konfigurationsmöglichkeiten ist EWM praktisch an jeden Bedarf anpassbar und kann etwa als Gesamtlösung für hochkomplexe Lager und für Einzelfunktionen wie eine reine Materialflusssteuerung effizient eingesetzt werden.
Eine erste Auslieferung dieser komplett neu konzipierten Lösung wurde bereits 2005 an die Kunden Ford und Caterpillar Logistics vorgenommen. Das erste offizielle Release stand dann Ende 2006 zur Verfügung. Mittlerweile wurde eine Reihe von Weiterentwicklungen über mehrere Releasestufen vorgenommen. Als Standardsoftware haben SAP-Programme dabei den Vorteil, dass Nutzer bei der Wartung unabhängig bei der Dienstleisterwahl sind. Zudem werden wichtige Anforderungen wie Mehrsprachigkeit, Sicherheit und Berechtigungswesen abgedeckt. Zusätzlich lassen sich Prozesse vereinheitlichen. Auch über die klassische Intralogistik hinaus bietet SAP EWM Unterstützung, etwa für integriertes Yard Management, Value Added Services, Cross Docking, Labor Management oder Auto-ID-Abwicklung.
Das WMS besitzt eine integrierte Materialflusssteuerung (EWM-MFS) mit flexibler direkter Schnittstelle zur SPS. Damit können unterschiedlichste automatische Anlagen direkt in SAP EWM gesteuert werden. Das EWM ist grundsätzlich geeignet für komplexe und große Lager mit vollständig oder teilweise automatisierten Anlagen. Darüber hinaus sieht es der Anbieter aber auch als eine Plattform für weniger komplexe Lager, die beispielsweise mit Datenfunk operieren und ein kleineres Mengenvolumen haben. „Das System ist flexibel konfigurierbar. Wir können so auch auf einfache Anlagen mit einfachtiefen Paletten-Hochregallagern bis hin zu hoch komplexen Anlagen reagieren“, betonte Ralf Schränkler, Solution Sales Executive SCM, SAP SE, in Garching. Diese Flexibilität sei allerdings auch bei hochautomatisierten Anlagen zwingend erforderlich, wenn es darum gehe, bei Erweiterungen mit modularen Konzepten zu folgen. Im Jahr 2014 wurde der integrierte Materialflussrechner als eigenständiges Lizenzobjekt herausgelöst und weiter entwickelt. Laut Schränkler ist EWM mittlerweile weltweit bei über 700 Kunden an rund 2500 Lagerstandorten in 38 Ländern im Einsatz. Dabei sei der seit 2008 implementierte Materialflussrechner für viele Kunden der entscheidende Grund, sich für das System zu entscheiden.
Doch vor der Implementierung derart aufwendiger Lösungen stellen sich für viele Anwender zahlreiche Fragen, vor allem Chancen und Risiken gilt es in den Blick zu nehmen. Denn in der Praxis sind sowohl integrierte Lösungen wie SAP EWM mit Warehouse Management System und Materialflussrechner (MFS), aber auch separate Systemlösungen erfolgreich im Einsatz. Was sind also die Chancen und Risiken eines integrierten Lagerverwaltungssystems mit Materialflussrechner? Und in welchen Anwendungsfällen ist eher eine individuelle Materialflusssoftware zu bevorzugen? Welche Vorteile liegen in der Projektierung, in der Realisierung und im Betrieb? Und was ist zu beachten, wenn man bestehende Anlagen mit einem System wie dem SAP EWM nachrüsten möchte? Denn häufig geht es nicht um vollständige Neuimplementierungen, sondern um Retrofits und Modernisierungen. Dabei liegt die Herausforderung häufig darin, so wenig invasiv wie möglich zu agieren und die neuen Prozesse in die alten zu integrieren, ohne diese zu verändern.
Diesen Fragen widmete sich eine von Rüdiger W. Schwarz, Head of Competence Center IP WMS, Miebach Consulting, im Rahmen des Materialfluss-Kongresses moderierte Podiumsdiskussion. Dabei wurde deutlich, dass auch die stark im SAP-Umfeld besetzte Runde nicht zu generalisierenden Aussagen finden konnte. Es kommt halt doch immer auf den jeweiligen Anwendungsfall an. Individuelle Performance- und Integrationsanforderungen sowie funktionale Erweiterungen im Hinblick auf projekt- und kundenspezifische Dialoge seien zu berücksichtigen. „Es kommt auf die individuellen Bedingungen des Unternehmens an, welche Konstellation die richtige ist“, so Christoph Höger, Leitung Automatisierungstechnik, MLOG Logistics GmbH.
MLOG ist Anbieter von Materialfluss- und Hochregallagersystemen mit über 900 realisierten Anlagen. Der Schwerpunkt liegt bei Regalbediengeräten in unterschiedlichen Auslegungen bis zu einer Höhe von 44 Metern, samt der dazugehörigen Fördertechnik und Lagerverwaltung. Dabei konzentriert sich der Anbieter auf das Systemgeschäft. Das eigene Materialflusssystem wird auf die kundenindividuellen Anlagen und Bedürfnisse zugeschnitten.
Höger sieht einen klaren Trend zu Hochleistungssystemen mit mehreren Lastaufnahmemitteln, mehrfachtiefer Lagerung und Shuttle, bei denen mehrere Paletten hintereinander stehen. Hinzu kommen neuere Anforderungen wie die Energieeffizienz unter dem Stichwort „Green Warehouse“, auf die auch das Materialflusssystem ausgerichtet werden muss. Dabei geht es vor allem darum, das System auf die jeweilige Leistung auszulegen, die der Kunde wirklich braucht. Für den Kunden spiele dabei eine wichtige Rolle, bei Problemen einen zentralen Ansprechpartner zu haben.
Aus Högers Sicht ist es in den meisten Fällen sinnvoll, wenn SAP als übergeordnete Lösung bereits im Einsatz ist, auch das MFS aus diesem Baukasten zu implementieren. Ab einer gewissen Unternehmensgröße mit mehreren Standorten und überschaubaren Prozessen empfehle es sich, die „Customized“-Version zu nutzen. Bei einer höheren Komplexität, wenn diese Version nicht mehr ausreicht und individuelle Software-Module erforderlich sind, biete SAP den Vorteil einer offenen Programmieroberfläche, in die auch die Funktionen anderer Anbieter eingearbeitet werden können. Zudem biete das System eine gewisse Sicherheit, über einen längeren Zeitraum auch verfügbar zu bleiben. Bei allem sei aber die Wirtschaftlichkeit genau zu prüfen, denn häufig können Anbieter zwar hochkomplexe Lösungen zur Verfügung stellen, diese seien aber bereits auf relativ individualisierte Anwendungsfälle zugeschnitten. Die Frage sei also, ob der Anwender bereit ist, eventuelle Mehrkosten zu schultern, um anbieterunabhängig zu bleiben.
Empfehlungen zu einer Variante können demnach nach verschiedenen Kriterien wie Sicherheit, Erweiterbarkeit, Implementierungs- und Betriebskosten (TCO) getroffen werden. Doch ist eine kostenträchtige Lösung wie EWM dann doch eher an hoch automatisierte Anwender adressiert? Diesen Eindruck bestätigte zumindest indirekt Daniel Dömming, Head of Business Unit WMS, vom SAP-Partner Salt Solutions GmbH, denn in satten 95 Prozent der über 40 EWM-Projekte in verschiedenen Branchen, die Salt inzwischen abgewickelt hat, banden die Würzburger automatisierte Lagerkomponenten, angefangen vom Automatischen Hochregallager, Kleinteilelager bis hin Shuttle-Lösungen ein. Dömming betonte, dass nicht zuletzt aufgrund des Framework-Gedankens des SAP EWM MFS der Einsatz von Materialfluss-Simulationen in der Planungsphase sowie Emulationen in der Testphase empfehlenswert sind. Gerade bei Retrofits sei die Materialfluss-Transformation häufig im laufenden Betrieb durchzuführen. „Deswegen setzen wir bei jedem EWM-Projekt mit MFS-Komponente eine Emulation ein. Wir simulieren die echte Fördertechnik fast zu 100 Prozent und können dadurch im Vorfeld umfangreiche Tests durchführen. Damit kommen wir mit einer ausgereiften Software auf die Baustelle beziehungsweise in das Lager“, erklärte Dömming.
Im Fall der EWM-Implementierung am Brose-Standort Ostrava war die Testphase laut Projektleiter Trautzsch jedenfalls keine gefährliche Klippe: „Wir konnten im Vorfeld umfangreiche Tests durchführen. Ob ein proprietäres System hier Vorteile geboten hätte, kann daher von unserer Seite nicht eindeutig beurteilt werden.“ Letztlich, so Höger, hänge der Erfolg eines Projektes eben nicht vom System ab, sondern von der Kompetenz des gewählten Partners.
Die Auswahl des richtigen Partners zur Implementierung für die Planung, Durchführung und im Support ist essenziell, um Kosten und Risiken in eine Balance zu bringen, gab Jens Kappauf, Senior Architect SCM, Westernacher Consulting AG, zu bedenken: „Der Erfolg eines Projekt korreliert stark mit den Kosten und Risiken. Dabei geht es auch darum, die Projektabwicklung zu beschleunigen, denn Zeit korreliert wiederum mit Kosten.“ Kappauf plädierte dafür, die Performance eines Systems stärker in den Blick zu nehmen, die sich in der Option zu schnellen Entscheidungen manifestiere. Hier könnten dezentrale Systeme Vorteile bieten, aber auch hinsichtlich der Server-Standorte. Dabei gehe der Trend „ganz klar in Richtung Cloud-Systeme und verteilte Landschaften“. Bisher befindet sich die Entscheidungskomponente möglichst nahe an der Hardware. Künftig dürfte der Server aber ganz woanders stehen, gehostet oder bei einem anderen Partner.
Bei einer für den Kunden entscheidenden Frage von fast schon existentieller Bedeutung spielte die Runde den Ball am Ende einfach zurück: Wer übernimmt eigentlich bei einer Kooperation von Softwareanbieter, Implementierungspartner und Systemlieferant, der eine Anlage zur Verfügung stellt, eigentlich die Garantie? Bleibt das Risiko bei dieser Form der geteilten Verantwortung nicht doch beim Kunden hängen?
Ralf Schränkler, SAP, verweist auf Zusatzlösungen und Beratungsleistungen der Implementierungspartner. Christoph Höger, MLOG, rät den Kunden, „nicht auf den letzten Euro“ zu schauen, sondern einen Partner zu wählen, der die Gesamtverantwortung schultern kann. Denn letztlich gilt auch hier bei der Partnerwahl wie vor jeder guten Ehe die bewährte Empfehlung des alten Logistikexperten Friedrich Schiller: Drum prüfe, wer sich ewig bindet. Denn: Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.
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