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„Zukünftig wird Grünstrom zum Standard gehören“

Olaf Bollmann, Leiter Beschaffung Strategie, Kapazitäts- und Prozessmanagement, Porsche AG
„Zukünftig wird Grünstrom zum Standard gehören“

Mit der Forderung an die Lieferanten, auf Grünstrom umzustellen, hat Porsche einen weiteren Schritt getan, um die CO2-Emissionen in der Lieferkette zu senken. Beschaffung aktuell nahm diese Ankündigung zum Anlass, um mit Olaf Bollmann, Leiter Beschaffung Strategie, Kapazitäts- und Prozessmanagement, über seine Strategie und die Reaktionen der Lieferanten zu sprechen.

Seit Juli 2021 fordert der Sportwagenhersteller bei seinen rund 1300 Serienlieferanten den ausschließlichen Einsatz von erneuerbaren Energien zur Fertigung der Porsche-Bauteile ein. Dies gilt für alle Vergaben von Produktionsmaterial für neue Fahrzeugprojekte. Lieferanten, die nicht bereit sind, auf zertifizierten Grünstrom umzustellen, werden im Vergabeprozess von Porsche langfristig nicht mehr berücksichtigt, heißt es in der Pressemitteilung.

„Unsere Batteriezellenlieferanten müssen bereits seit 2020 Grünstrom einsetzen. Nun folgt der nächste wichtige Schritt: Auch unsere Serienlieferanten sollen unsere Komponenten komplett mit erneuerbaren Energien produzieren und so die CO2-Emissionen weiter verringern. Wir stellen uns der Verantwortung für nachhaltige und transparente Lieferketten“, erklärte Uwe-Karsten Städter, Vorstand für Beschaffung der Porsche AG, in der Pressemitteilung.

Porsche hat sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt: 2030 soll das Unternehmen über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg bilanziell CO2-neutral sein. Momentan ist die Lieferkette des Sportwagenherstellers für rund 20 Prozent der Treibhausgasemissionen von Porsche verantwortlich. Dieser Anteil steigt mit der zunehmenden Elektrifizierung perspektivisch auf rund 40 Prozent bis 2030.

Beschaffung aktuell: Welche Lieferanten sprechen Sie mit Ihrer Forderung nach der Nutzung von Ökostrom an?

Olaf Bollmann: Perspektivisch alle. Aktuell liegt unser Fokus auf dem Produktionsmaterialbereich. Dort fällt ein großer Teil des CO2-Impacts an. Aber generell gilt unser Nachhaltigkeitskonzept auch für relevante Umfänge der allgemeinen Beschaffung – das ist alles, was nicht in unsere Fahrzeuge geht. Also Dienstleistungen, Anlagen, Verpackungsmaterialien oder Büroausstattung, um nur einige Beispiele zu nennen.

Beschaffung aktuell: Wie wollen Sie denn sicherstellen, dass tatsächlich nur Grünstrom bezogen wird?

Olaf Bollmann: Wichtig sind Vertrauen und partnerschaftliche Zusammenarbeit. Viele unserer Lieferbeziehungen bestehen schon sehr lange. Wir sind im Dialog, erörtern zusammen den Einsatz von Grünstrom. Zudem haben wir klare Anforderungen definiert. In unseren Lastenheften ist genau beschrieben, woraus der Strom gewonnen werden soll, also zum Beispiel aus Solar- oder Windkraft. Atomstrom gehört übrigens nicht dazu. Wir sind optimistisch, dass die Partner unsere Erwartungen erfüllen werden.

Beschaffung aktuell: Das heißt, die Lieferanten legen ihnen entsprechende Zertifikate vor?

Olaf Bollmann: Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht. Bei unseren Batteriezellenlieferanten klappt das gut. Wir können die Zertifikate sehen und prüfen. Das tun wir stichprobenartig. Genauso, wie die Lieferanten uns zuverlässig mit Teilen beliefern, gehe ich grundsätzlich davon aus, dass sie die Vereinbarungen, die wir im Lastenheft anfragen und vertraglich vereinbart haben, auch einhalten.

Beschaffung aktuell: Wie haben Ihre Lieferanten auf Ihre Forderung reagiert?

Olaf Bollmann: Viele Porsche-Lieferanten sind schon von sich aus auf einem guten Weg. Sie wollen Vorreiter sein, haben die eigene ökologische Verantwortung im Blick. Durch unsere Forderung haben sie noch mehr Rückenwind, um Nachhaltigkeit in ihren eigenen Organisationen weiter voranzutreiben. Ich kann mir vorstellen, dass auch andere Hersteller nachziehen und ihre Lastenhefte auf Grünstrom ausrichten werden. Für den Lieferanten ist der konsequente Einsatz erneuerbarer Energien also durchaus ein Wettbewerbsvorteil.

Beschaffung aktuell: Wie viele Lieferanten haben schon von sich aus auf grünen Strom umgestellt?

Olaf Bollmann: Wir haben unsere rund 1300 Serienlieferanten dazu befragt. Das Ergebnis spricht für sich: Bereits ein Drittel nutzt über 50 Prozent erneuerbare Energien. Weitere 20 Prozent der Lieferanten setzen schon zwischen 25 und 50 Prozent erneuerbare Energien ein. Wichtig ist: Unsere Partner nehmen das Thema ernst. Jetzt kommt es darauf an, am Ball zu bleiben und die Geschwindigkeit dieser Entwicklung weiter zu erhöhen. Das besprechen wir in unseren Lieferanten-Dialogen.

Beschaffung aktuell: Gab es vorher schon proaktiv von den Lieferanten den Hinweis, dass sie grünen Strom nutzen, um sich positiv von Mitbewerbern abzuheben?

Olaf Bollmann: Ja, das kommt vor. Nachhaltigkeit ist ein entscheidender Faktor in der Vergabe – nicht nur bei der Nutzung von grünem Strom. Ich erinnere mich an einen Lieferanten, der aktiv mit der Nutzung eines geschlossenen Wasserkreislaufs in seinem Betrieb warb. Eine tolle Initiative. Sie sehen: Es geht darum, wie generell mit der Energie umgegangen wird. Andere Lieferanten nutzen die im Produktionsprozess entstehende Wärme, um das Werk zu heizen. Die Partner haben erkannt, dass das auch Alleinstellungsmerkmale sein können, um sich positiv im Wettbewerb zu positionieren. Generell beobachte ich einen Paradigmenwechsel: Früher ging es ausschließlich um Kosten und Qualität. Heutzutage ist die Betrachtung vielschichtiger, die Lieferanten präsentieren auch ihre Nachhaltigkeitssicht. Darüber kann man sich differenzieren. Und das berücksichtigen wir in unserem Vergabeprozess natürlich.

Beschaffung aktuell: Was hat denn jetzt die höchste Priorität?

Olaf Bollmann: Eine gute Frage. Generell sind alle Vergabesituationen individuell. Unsere Beschaffer bewerten immer ein Set verschiedener Kriterien. Dazu gehören Kosten, Qualität sowie diverse Parameter für die Versorgungssicherheit. Zusätzlich das Thema Nachhaltigkeit. Das Zusammenspiel dieser Faktoren muss für uns passen.

Beschaffung aktuell: Wie werden Sie reagieren, wenn wichtige Lieferanten nicht mitziehen? Bis zu wie viel Prozent akzeptieren Sie höhere Kosten?

Olaf Bollmann: Es geht bei uns um Vergaben für neue Fahrzeugprojekte, die einen längeren Vorlauf haben. Klar ist: Das ist ein Lernprozess. Einige Lieferanten stehen bei der Nutzung von Grünstrom in der Produktion noch am Anfang. Das wird aber zukünftig definitiv ein Standard sein. So wie beispielsweise die Nutzung von fortschrittlicher IT. Der Hersteller zahlt dem Lieferanten für eine bessere Rechnerausstattung nicht mehr Geld. Innovative IT ist eine Selbstverständlichkeit, um wettbewerbsfähig zu sein. Genauso sehe ich auch die Nachhaltigkeit der Energie.
Das ist eine gesellschaftliche Herausforderung für alle. Wir erwarten, dass unsere Lieferanten die Herausforderung genauso annehmen und an Lösungen arbeiten, die nicht zu zusätzlichen Kosten führen.

Beschaffung aktuell: Unterstützen Sie Ihre Lieferanten bei diesem Umstellungsprozess?

Olaf Bollmann: Natürlich. Das liegt eindeutig in unserem Interesse. Wir arbeiten partnerschaftlich zusammen, versuchen das Beste voneinander zu lernen. So gehen wir schon lange vor, nicht erst seit das Thema Nachhaltigkeit in aller Munde ist. Beschaffung ist Mannschaftssport: Wir versuchen das, was wir entwickelt haben, weiterzugeben und gemeinsam mit dem Lieferanten zu wachsen.

Beschaffung aktuell: Bei der CO2-Neutralität geht es ja nicht nur um grünen Strom. Welche Maßnahmen planen Sie als nächstes, um CO2-neutral zu werden?

Olaf Bollmann: Wir haben in der Automobilindustrie sehr komplexe Lieferketten. Beim Thema Nachhaltigkeit Transparenz zu gewinnen ist deshalb für alle eine Herausforderung. Wir machen dafür sogenannte Life-Cycle-Analysen. Dabei untersuchen wir den CO2-Footprint unserer Produkte. Wir konzentrieren uns zuerst auf die großen Hebel. Genau das raten wir auch unseren Lieferanten. Sie kennen ihre Produktionsprozesse am besten. Dadurch wissen sie genau, wo sie bei der CO2-Reduzierung ansetzen müssen. Grundsätzlich brauchen wir übergreifende Standards für die Lieferkette, um eine branchenweite Vergleichbarkeit zu gewährleisten. Daran werden wir intensiv arbeiten.

Beschaffung aktuell: Werden dabei auch kritische Rohstoffe betrachtet?

Olaf Bollmann: Diese Analysen führen wir im VW-Konzernverbund durch. Wir haben kritische Rohstoffe identifiziert. Die Verantwortung dafür ist konzernweit aufgeteilt. Wir kümmern uns bei Porsche unter anderem um den Rohstoff Mica (Glimmerpigmente – die Redaktion). Mica wird hauptsächlich in Indien und Madagaskar abgebaut. Nicht immer entsprechen die dortigen Arbeitsbedingungen unseren westlichen Standards, sie sind aber oft die einzige Erwerbsquelle vor Ort. Hier wollen wir zusätzlich Verantwortung übernehmen und die Situation verbessern. Deshalb sind wir vergangenes Jahr der „Responsible Mica Initiative“ (RMI) beigetreten. Dieser industrieübergreifende Zusammenschluss internationaler Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen setzt sich für Transparenz und Fairness bei der Gewinnung der Mica-Glimmerpigmenten ein. Ich sitze im Board der RMI und stimme mich eng mit Kollegen aus anderen Industriebranchen ab. Mit konkreten Projekten vor Ort möchten wir die Lebenssituation der Menschen im Mica-Abbau verbessern. Das ist nur ein Beispiel. Die Kollegen von VW kümmern sich um Rohstoffe im Batterie- und Metallumfeld.

So spielen wir uns im Konzernverbund gegenseitig die Karten zu. Damit wir als Gemeinschaft sicherstellen, einen Beitrag für menschenrechtskonforme, nachhaltige und lebenswerte Umstände beim Abbau der Rohstoffe zu leisten.

Beschaffung aktuell: Porsche investiert mehr als eine Milliarde Euro in Dekarbonisierungsmaßnahmen. Was wurde denn da konkret umgesetzt?

Olaf Bollmann: Wir handeln bereits seit vielen Jahren sehr konsequent. Unserem Produktions-Vorstand Albrecht Reimold war das von Anfang an ein besonders wichtiges Anliegen. Um die CO2-Emissionen in der Produktion zu reduzieren, haben die Werke konsequent auf erneuerbare Energie umgestellt. Seit 2017 beziehen wir ausschließlich Strom aus Wasserkraft, Solar- und Windkraftanlagen. Dazu nutzen wir Wärme aus Biogas und haben vier hocheffiziente Blockheizkraftwerke. Eine hohe regenerative Eigenversorgung ist uns wichtig. Den Taycan fertigen wir seit 2019 CO2-neutral, 2020 folgte das Werk Zuffenhausen und seit Beginn dieses Jahres sind auch die Standorte Leipzig und Weissach CO2-neutral.

Auf der anderen Seite haben wir konsequent unseren Energie-Verbrauch reduziert. Seit 2014 konnten wir den CO2-Output pro Fahrzeug in der Produktion um 93 Prozent verringern. Ein toller Erfolg der Kollegen in der Produktion. Und genau solche Ideen präsentiere ich auch gerne unseren Lieferanten.

Beschaffung aktuell: Was ist für Sie der Antrieb der Zukunft?

Olaf Bollmann: Porsche elektrifiziert die Antriebe. Wir haben dafür ehrgeizige Ziele formuliert: Im Jahr 2030 werden mehr als 80 Prozent unserer Fahrzeuge vollelektrisch oder mit einem Plugin-Hybrid angetrieben werden. Verbrenner wird es noch eine ganze Weile geben. Um schneller einen zusätzlichen Beitrag zu den Klimazielen zu leisten, setzt Porsche auf synthetische Kraftstoffe. Die mit regenerativen Energien aus Wasserstoff und CO2 hergestellten eFuels sind eine ausgezeichnete Ergänzung der Elektromobilität. Sie geben unseren Kunden die Möglichkeit, einen Verbrennungsmotor nahezu CO2-neutral zu fahren.

Generell bin ich der festen Überzeugung, dass Nachhaltigkeit die Zukunft ist. Jeder, der sich frühzeitig darauf einstellt, und jetzt alles dafür tut, ist auch nachher ganz weit vorne im Markt. Und wir wären nicht Porsche, wenn wir nicht als Erster durchs Ziel gehen wollten. Bis 2030 streben wir CO2-Neutralität über unser gesamtes Unternehmen an.

Das Interview führte Sabine Schulz-Rohde.

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