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„Die Leute wollen wieder raus“

Wie die Pandemie das berufliche Reisen verändert hat
„Die Leute wollen wieder raus“

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Bei der Reisebuchung gilt es neben politischen und rechtlichen Aspekten auch Sicherheitsfaktoren, sowie Gesundheits- und immer stärker auch Umweltfaktoren zu beachten. Bild: malp/stock.adobe.com
Die Corona-Pandemie hat in Deutschland vieles verändert. Das gilt auch und in besonderem Maße für das Reisen. Wer normalerweise viel und gern auf Geschäftsreisen ging, saß im letzten Jahr stattdessen vor allem vor dem Bildschirm und erledigte seine Termine per Video-Konferenz. Und nun?

Ulrike Dautzenberg, Journalistin, Wiesbaden

Die aktuelle Geschäftsreiseanalyse des VDR kommt zu dem Ergebnis, dass die Reisetätigkeit der deutschen Wirtschaft im letzten Jahr um mehr als 80 Prozent zurückgegangen ist. Inzwischen will eine große Mehrheit der Geschäftsreisenden wieder auf Reisen gehen, hauptsächlich deshalb, weil sie befürchten, dass ein weiteres Aussetzen ihnen beruflich und persönlich schaden könnte. Das ist das Ergebnis des aktuellen Wakefield Business Travel Reports 2021 von SAP Concur. 96 Prozent der Befragten ist demnach bereit, in den nächsten zwölf Monaten geschäftlich zu reisen, viele allerdings zu ihren eigenen Bedingungen. Flexibilität etwa hinsichtlich des Transportmittels steht dabei klar im Vordergrund, noch vor persönlichen Anforderungen hinsichtlich Sicherheit und Gesundheit, etwa bei Thema Impfungen. Allerdings haben die meisten Unternehmen im letzten Jahr ohnehin schon umfangreiche Maßnahmen ergriffen, um ihre Mitarbeiter zu schützen.

„Durch die Corona-Pandemie hat das Thema Sicherheit auf Reisen noch einmal extrem an Bedeutung gewonnen“, erklärt Markus Orth, Vorstand im Deutschen Reiseverband und Geschäftsführer Lufthansa City Center. „Heute kann es sich kein Unternehmen mehr erlauben, damit nachlässig umzugehen. Risiken sind gestiegen, Anforderungen an das Travel Risk Management sind komplexer geworden, wenn ich allein an die sich ständig ändernden Ein- und Ausreisebestimmungen in den verschiedenen Ländern denke. Den Durchblick behält hier nur, wer innovative Technologien einsetzt.“ Das kann beispielsweise der Destination Manager sein, der auf Knopfdruck terminbezogen alle sicherheitsrelevanten Daten liefert, die man braucht, um zu entscheiden, ob und unter welchen Bedingungen Geschäftsreisen in bestimmte Länder wieder möglich sind. Oder eine Mobile App, über die Reisende unterwegs GPS-basierte Push-Meldungen über Gefahren oder relevante Einschränkungen erhalten.

Gestiegene Anforderungen

Der Mehrwert einer Geschäftsreise wird laut Analyse des VDR zukünftig wohl noch stärker geprüft werden als bisher, allerdings nach wie vor mit dem Fokus auf einer Balance zwischen Unternehmensinteressen einerseits und den Erwartungen von Kunden und Mitarbeitern andererseits. Eine dauerhafte Reduktion der Geschäftsreisetätigkeit erwarten demnach 80 Prozent der größeren, 72 Prozent der kleineren Unternehmen und 81 Prozent aus dem öffentlichen Sektor.

„Das Thema Dienstreisen und Mobilität wird sich grundsätzlich verändern“, so Inge Pirner, Vizepräsidentin des VDR. „Unsere Arbeitswelten nach der Pandemie werden andere sein als vorher, nicht zuletzt durch die Digitalisierung, und damit verändern sich auch die Gründe zu reisen. Man muss nicht mehr für einen 30-Minuten-Termin von Frankfurt nach Hamburg fliegen, nur um sich auszutauschen. Das lässt sich digital erledigen, diese Art von Reisen wird also mehr oder weniger wegfallen. Es gibt aber auch Dinge, die digital einfach nicht abbildbar sind, Innovationen, Kreativität, und das macht sich langsam bemerkbar. Und die Leute wollen wieder raus.“

Neue Arbeitswelten und Mobilität

Der Geschäftsreisemarkt wird sich in einigen Bereichen verändern, aber nicht so radikal, wie manche glauben. Davon ist Markus Orth vom DRV überzeugt. „Ich bin zuversichtlich, dass wir bereits im nächsten Jahr wieder 70 bis 80 Prozent des Vorkrisen-Niveaus erreichen werden. Virtualität wird die Geschäftsreise zwar beeinflussen, aber keineswegs erschüttern, wie mancher Skeptiker meint. Alleine schon deshalb nicht, weil Entscheidungen für oder gegen einen Business Trip nicht allein auf Basis rationaler Kriterien getroffen werden. Die Handschlagmentalität vor allem kleinerer und mittlerer Unternehmen und die damit einhergehende Lust der Menschen auf persönliche Treffen sind ein nicht zu unterschätzender Faktor. Aktuell ist es daher vor allem der Mittelstand, den es wieder in die Flieger zieht und die Buchungskurve nach oben treibt.

Booster für Nachhaltigkeit

Auch auf das Bewusstsein für mehr Nachhaltigkeit hat sich die Pandemie ausgewirkt. Laut VDR-Analyse sagen über 90 Prozent der Travel Manager in Unternehmen und 97 Prozent im öffentlichen Sektor, dass sich Nachhaltigkeit immer mehr zu einem Wettbewerbsfaktor entwickeln wird. Im Mittelstand planen oder setzen 73 Prozent der Firmen Maßnahmen für eine bessere CO2-Bilanz, bei den größeren sind es 85 Prozent. Geschäftsreisevolumen wird aktuell oder künftig in 87 Prozent aller Unternehmen aus Nachhaltigkeitsgründen reduziert. Auswirkung gibt es auch auf die Wahl des Verkehrsmittels: auf innerdeutschen Strecken sind bereits 73 Prozent der befragten Firmen vom Flugzeug auf die Bahn umgestiegen. „Das Thema Nachhaltigkeit wird nach der Pandemie eine noch größere Rolle spielen als vorher“, erklärt VDR-Vizepräsidentin Pirner. „Alle Unternehmen haben ihre Ziele in diesem Bereich und das Reisen gehört ganz klar dazu. Auch die Anbieter, insbesondere die Fluggesellschaften, wissen, dass sie mit ihren klimaneutralen Reisen nicht bis 2050 warten können, sondern schon viel früher auf nachhaltige Kraftstoffe oder Biokraftstoffe umstellen müssen. Die Pandemie hat das ganz klar beschleunigt.“

Das sieht auch Markus Orth vom DRV so. „Die drohende Klimakatastrophe lässt Firmen eigentlich gar keine andere Wahl mehr, als ihren ökologischen Fußabdruck massiv zu verringern“, so Orth. „Da hat sich in den vergangenen ein bis zwei Jahren noch mal sehr viel im Bewusstsein der Unternehmen und Geschäftsreisenden verändert. Angebote zur CO2-Kompensation, aber auch entsprechend gebrandete umweltfreundliche Flug- und Hotelprodukte werden in nicht allzu ferner Zukunft zum Standard-Angebot der Geschäftsreiseanbieter gehören.“

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