Kritischer Blick auf den Hype der Blockchain - Die 7 Mythen der Blockchain - Beschaffung aktuell

Kritischer Blick auf den Hype der Blockchain

Die 7 Mythen der Blockchain

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Der Blockchain-Markt ist aktuell stark in Bewegung. Unternehmen sind gut beraten, eigenständig sinnvolle Business Cases zu identifizieren und zu prüfen. Erst dann macht der Einsatz von Blockchain-Technologie Sinn. Bild: monsitj/Fotolia
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Die digitale Zukunft klingt verheißungsvoll und die Blockchain wird gern als Heilsbringer verklärt. Unsere Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass drei von vier Blockchain-Unternehmen bisher keine Lösung für kundenspezifische Probleme anbieten, sondern eher einen Business Case kaufen wollen. Bevor sich Unternehmen für entsprechende Technologien entscheiden, sollten sie also genau prüfen, ob die Blockchain wirklich konkrete Vorteile für ihr Business bietet oder sie mit etablierten Lösungen tendenziell sogar besser bedient sind.

Spezifische Blockchains oder verteilte Journale (Ledger) bieten die Möglichkeit, beliebige Transaktionen zwischen beliebigen Personen oder Organisationen sicher abzuwickeln. Sie werden einem unveränderlichen Journal hinzugefügt und von allen am Netzwerk beteiligten Endgeräten bestätigt. Die Transaktionen sind also für alle Beteiligten jederzeit nachvollziehbar. Krypto-Währungen wie Bitcoin oder Ethereum sind dafür nur einige Beispiele. Die Zahl kommerziell nutzbarer Anwendungsbereiche ist nahezu unendlich. Auch wenn das Thema Digitalisierung die aktuellen Diskussionen beherrscht: Statt blind dem Blockchain-Hype zu folgen, sollten Organisationen realistisch bleiben und bei allen Planungen die nachfolgenden 7 Mythen im Hinterkopf behalten.

Mythos 1: Die Blockchain ist hoch skalierbar

Blockchain-Implementierungen sind im Vergleich zu herkömmlichen, server-basierten Transaktionsmethoden nicht wirklich in großem Stil skalierbar und laufen eher langsam ab. Informationen beliebiger Größe lassen sich also nicht einfach in Echtzeit über die Blockchain stapeln. Das bedeutet im Klartext: Blockchain-Anwendungen sind nur für Transaktionen geeignet, die eine geringe Größe haben und sind durch diese Einschränkung nur in sehr engen Grenzen skalierbar.

Mythos 2: Die Blockchain ist sicher

Während die Blockchain selbst auf kryptographischen Standards basiert, liegen die Methoden zur Gewährleistung des Datenschutzes außerhalb jedweder Blockchain-Standards und Implementationen. Die Blockchain-Integration kann nur von Kryptographie-Experten wirklich verstanden und verifiziert werden. Für die eigentliche Sicherheit der Anwendung sind die Implementierer – also die Anbieter blockchain-basierter Lösungen – verantwortlich. Sie müssen dafür Sorge tragen, dass sie mindestens die gleichen Standards bisheriger Finanztransaktionen gewährleisten und ihre Lösung den individuellen Compliance-Anforderungen erfüllt. Ergo: Die Blockchain allein ist nicht automatisch sicher.

Mythos 3: Die Blockchain ist vertrauenswürdig

Die Blockchain stellt lediglich die Integrität von Transaktionen und Informationen sicher, darin gespeicherte Informationen sind jedoch keinesfalls automatisch vertrauenswürdig. Organisationen und deren Geschäftspartner müssen sicherstellen, dass alle in Transaktionen enthaltenen Informationen korrekt sind und wahrheitsgemäß protokolliert werden. In puncto Vertrauenswürdigkeit unterscheidet sich Blockchain-Technologie insofern kaum von etablierten Lösungen. Fazit: Die technische Verantwortung liegt beim Lösungsanbieter – für die Korrektheit der Informationen müssen die Beteiligten selbst sorgen.

Mythos 4: Man kann alles in die Blockchain speichern

Eine Blockchain ist eine erweiterbare Liste von Datensätzen, die über Verschlüsselungsverfahren miteinander verbunden – also verkettet sind. Um sie für den Geschäftsalltag zu nutzen, müssen alle Beteiligten wissen, welche Informationen wo gespeichert und wie diese zusammenhängen. Dazu sind einheitliche Standards notwendig. Zwar gibt es bereits erste Initiativen, jedoch existieren bisher weder Normungsgremien, noch verbindliche Durchführungsbestimmungen oder Leitlinien, geschweige denn ein Standard. Die meisten Anbieter legen in Marketingaktivitäten die Annahme zugrunde, dass Blockchain eine Lösung auf Anwendungsebene ist, dass sie Interoperabilität zwischen Produkten ermöglicht, die noch gar nicht existieren – und die führenden Plattformen schon bald den Markt dominieren werden. Ergo: Es lassen sich in der Tat beliebige Informationen in der Blockchain speichern – jedoch nur sehr kleine. Zudem sind einheitliche Standards erforderlich, an denen aktuell noch gearbeitet wird.

Mythos 5: Man kann alles in einem Smart Contract beschreiben

So genannte Smart Contracts bieten Organisationen die Möglichkeit, auf Basis einer Blockchain Verträge abzubilden, zu prüfen und deren Abwicklung zu unterstützen. Das ist Stand heute zwar technisch machbar, doch in der Praxis beschränkt sich dies bisher auf einfache und gut verständliche Anwendungsfälle. Smart Contracts verhalten sich zudem wie Raketentechnologie: Nach dem Start – also der Veröffentlichung – können sie weder überarbeitet noch korrigiert werden. Smart Contracts können daher komplexere Verträge bisher noch nicht sinnvoll ersetzen. Unternehmen sollten in jedem Fall die passenden Anwendungsfälle identifizieren und mögliche Einsatzszenarien gut durchdenken.

Mythos 6: Wer eine öffentliche Blockchain nicht mag, sollte eine private nutzen

Eine eigene Blockchain zu entwickeln ist sehr zeitaufwändig und erfordert sehr viel Spezialwissen. Zwar sind einige Open Source Projekte zum kostenfreien Download verfügbar, doch widerspricht eine private Blockchain der eigentlichen Idee: Es handelt sich um einen dezentralen Ansatz, der gemeinsam mit anderen Beteiligten genutzt und weiterentwickelt wird – und auf Konsens beruht. Fazit: Die Nutzung privater Blockchains schränkt deren sinnvolle Nutzung für Unternehmen eher ein und sollte wohl überlegt werden.

Mythos 7: „Wir haben eine neue Blockchain mit dem Merkmal X erstellt.“

Viele kleinere Blockchain-Produkte werden von privaten Akteuren vorangetrieben, die sie auf verschiedene Weise weiterentwickeln, im Rahmen von ICOs für Crowdfundings nutzen und mit neuen Funktionen ausstatten. Große und offene Initiativen wie Hyperledger bestehen aus Adoptern, Wissenschaftlern, Benutzern und Entwicklern. Sie können auch eine Implementierung von Blockchain-Technologien in bestehende Business-Anwendungen sicherstellen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden künftig nur Open-Source-Blockchains mit den größten Communities langfristig bestehen bleiben. Ergo: Die Entwicklung und Implementierung von Blockchain-Technologien ist ein Gemeinschaftsprojekt und nicht nur an einem einzigen Merkmal ausgerichtet werden.

Fazit: DIE Blockchain existiert nicht

Das Potenzial der Blockchain ist unumstritten, jedoch sollten Organisationen beim aktuellen Hype einen kühlen Kopf behalten. Einige Blockchain-Technologien wurden bereits erfolgreich kommerzialisiert – zum Beispiel Ethereum, Ripple oder Hyperledger. Entscheidern sollte jedoch bewusst sein, dass nach heutigem Stand der Technik für unterschiedliche Anwendungsfälle auch unterschiedliche Blockchains notwendig sind. Manche davon werden künftig viele Teilnehmer haben, andere nur wenige – dafür eignen sie sich jedoch für einen speziellen Bereich. Auch die Anforderungen spielen eine große Rolle: Einige Unternehmen wünschen sich schnelle Transaktionen mit starker Privatsphäre, andere hingegen legen den Fokus auf volle Transparenz. Blockchain-Anwendungen erfordern branchenspezifische Standards, die in vielen Bereichen noch nicht existieren und erst noch zu definieren sind. Zudem benötigen Unternehmen zur Abwicklung sensibler Geschäftsprozesse eine Reihe starker Validierungsmechanismen. Die dazu notwendigen Implementierungen erfordern ein hohes Maß an Fachwissen sowie Konzeptions- und Umsetzungskompetenz. Der Markt ist aktuell stark in Bewegung. Unternehmen sind in jedem Fall gut beraten, eigenständig sinnvolle Business Cases zu identifizieren und gemeinsam mit externen Experten die Eignung der Blockchain-Technologien in einem individuellen Proof-of-Concept zu prüfen. Erst wenn dieses erfolgreich verläuft, macht der produktive Einsatz von Blockchain-Technologie wirklich Sinn.

Der Autor: Gert Sylvest, Co-Founder und SVP of Global Network Strategy bei Tradeshift

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