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Aus der Erfahrung: Herausforderungen der Zukunft

Personalmanagement
Aus der Erfahrung: Herausforderungen der Zukunft

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Wohin entwickelt sich der Einkauf im Kontext Industrie 4.0? Dr. Hugo Eckseler und Dr. Jürgen Marquard waren beide lange Zeit als CPOs tätig. Sie begleiten Unternehmen heute als Partner einer neugegründeten Personalagentur. Ihre Botschaften: Der digitale Wandel ist herausfordernd, aber wir sind längst mitten drin. Aufgabe der Personalentwicklung ist es, den Wandel der Geschäftsmodelle zu begleiten. Business Partner Relationship wird eine viel größere Rolle spielen. Im Interview reden die beiden ehemaligen BME-Vorstände Klartext.

Beschaffung aktuell: Was hat Sie beide motiviert, auf die Dienstleisterseite zu wechseln?

Dr. Hugo Eckseler: Für mich war immer ein Motto maßgebend: People matter most. Erfahrungen, die ich als CPO in großen Organisationen über viele Jahre hinweg auch in der Personalführung gewonnen habe, gebe ich gerne weiter, weil der Bedarf groß ist. Und es macht Spaß, bei aktiven CPOs und anderen Managern auch die Zukunftsperspektive, Stichwort 4.0, an der Front einzubringen.
Dr. Jürgen Marquard: Ich komme ursprünglich von der Marketing- und Vertriebsseite, bin später in den Einkauf gewechselt. In den vergangen 30 Jahren in der Industrie habe ich mich immer als Dienstleister entlang der Schnittstellen verstanden. Für mich ist der nahtlose Übergang in die Personalberatung ein logischer Schritt, weil ich die Nöte in den Unternehmen kenne, etwa dass Stellen lange Zeit unbesetzt bleiben.
Beschaffung aktuell: Und woran liegt das? Taktik oder Nachlässigkeit?
Marquard: Für manche Bereiche gibt es nur wenige oder keine kompetenten Kräfte im eigenen Unternehmen, etwa in Sachen Beschaffungssysteme, Spieltheorie oder auch im Supply Chain Management. Hier sind erfahrene Personalberater mit Detailkenntnissen, breitem Netzwerk und aktuellem Kandidatenpool gefragt. Schließlich geht es darum, diejenigen Bewerber ausfindig zu machen, die umgehend Fuß fassen und Bereiche über längere Zeit hinweg voranbringen.
Eckseler: Unternehmen tun sich intern schwer, Leute für einen Wechsel in den Einkauf zu motivieren, zumal oft langjährige Erfahrung vorausgesetzt wird. Selbst Spitzenjobs im Einkauf sind zumeist nicht so lukrativ, dass sie für Kräfte aus Technik, Forschung und Entwicklung interessant sind.
Beschaffung aktuell: Entlohnung ist doch sicher nicht der einzige Faktor. Was muss sich sonst noch ändern?
Eckseler: Gehalt ist nur ein Aspekt. Die Unternehmen müssen insgesamt mehr dafür tun, die Funktion Einkauf im Unternehmen besser zu positionieren. Mitarbeiter sollten erfahren, dass Einkauf die eigene Qualifikation und damit auch die Chance erhöht, später in andere Abteilungen zu wechseln. Dazu sind aber durchlässige Karrierewege, professionelle Kommunikationskonzepte und eine aktive Personalpolitik des CPO mit Modellen wie Job Rotation nötig. Mit anderen Worten: Procurement Branding ist angesagt.
Beschaffung aktuell: Wo sehen Sie in Einkaufsorganisationen das größte Potenzial?
Eckseler: Die Bereitschaft, in Entwicklungs- und Trainingsmaßnahmen für Einkäufer zu investieren, ist in vielen Unternehmen unterentwickelt. Großer Nachholbedarf besteht eigentlich überall bei persönlichen Skills und bei der Nutzung professioneller Methoden, beispielsweise Stakeholder Analysis im Umgang mit Geschäftspartnern. Es gibt freilich auch Leuchtturmprojekte wie Procurement Academies. Die Supply Chain Academy bei Bosch ist ein Beispiel dafür.
Marquard: Nach meiner Erfahrung ist auch die Internationalisierung von Personalkonzepten eine große Herausforderung. Jedes Programm birgt die Gefahr, dass sich die Initiatoren nach ersten abgeschlossenen Maßnahmenpaketen bequem zurücklehnen. Inhalte müssen laufend aktualisiert und angepasst werden. Advanced E-Learning ist ein wichtiger Aspekt. Mehrsprachige Webinare und vor allem Selbstlernmethoden werden zunehmend bedeutsamer, um Fokussierung und Motivation der Mitarbeiter zu steigern.
Beschaffung aktuell: Teams sind nur so stark wie ihr Leader. Wie muss der ideale CPO beschaffen sein?
Eckseler: Er braucht vor allem eine funktionsübergreifende Denke und den unbedingten Willen, auch sein Team für die Zukunft fit zu machen. Ein CPO muss Unternehmer, Visionär und Netzwerker sein.
Beschaffung aktuell: Stichwort Zukunft. Wie beurteilen Sie den Komplex Einkauf und Industrie 4.0?
Marquard: Viele Unternehmen haben katalogbasierte Bestellsysteme, E-Sourcing-Tools und interaktive Supply-Chain-Plattformen implementiert. Die Nutzung von Big Data steckt aber noch in den Kinderschuhen. Die zunehmende Vernetzung ist in der Tat herausfordernd, aber ich sehe die vielen so oft propagierten neuen Anforderungen gar nicht. Wandel im Einkauf diskutieren wir seit 20 Jahren. Viele Unternehmen sind gut vorangekommen, beispielsweise bei der Generierung von Innovation. Die Automobilbranche ist sehr weit, weil hier Abteilungen wie Technik, Produktion und Supply Chain im Hinblick auf Just-in-Sequence-Prozesse reibungslos und möglichst zeitnah agieren müssen. Es gibt heute viele Junge, die mit dem Thema Amazon-like-Buying und Apps seit langem vertraut sind. Die Motivation für digitale Prozesse ist da und sie wächst ständig, auch im Einkauf.
Eckseler: Auch ich halte ich das Thema Einkauf 4.0 im Kontext Industrie 4.0 als das Zukunftsthema für „überhypt“. Die Digitalisierung hat unser Leben bereits neu bestimmt. Die eigentliche Revolution hat bereits stattgefunden. EDI, smarte Handyfunktionen, Navigationssysteme und E-Commerce sind doch längst selbstverständlich. Lernen müssen wir aber aus dem B2C-Bereich, wo Daten seit Langem breit ausgewertet werden. Der Einkauf muss aus der Datenflut der Beschaffungsmärkte gezielt Analysen und Informationsprofile in Echtzeit verdichten, die ihm ad hoc eine verlässliche Entscheidungsgrundlage bieten, etwa bei Preistrends oder im Risk Management. Big Data versetzt Category Manager in die Lage, die Supply Chain durch den Faktor Geschwindigkeit ein großes Stück beherrschbarer zu machen.
Beschaffung aktuell: Neue Geschäftsmodelle erfordern ein Umdenken auch im Einkauf …
Eckseler: … ja sicher, ein Beispiel dafür ist die Medienbranche. Früher bestand die Hauptaufgabe für den Einkauf darin, Papier, Farben und andere Produktionsmaterialien in riesigen Mengen für den Druck von Zeitungen und Magazinen zu beschaffen. Online-Plattformen brauchen kein Papier, dafür aber Server-Farmen zu Bearbeitung der digitalen Datenflut. Wer auf die Dauer erfolgreich sein will, muss vor allem die Fähigkeit haben, die Chancen neuer Technologien, Applikationen und Geschäftsideen zu erkennen und für das eigene Business möglichst schnell nutzbar zu machen. Das geht freilich nicht ohne professionelle Einbindung innovativer Lieferanten und Dienstleister.
Beschaffung aktuell: Wohin wird sich der Einkauf entwickeln?
Eckseler: Der CPO hat dafür zu sorgen, dass der operative Einkauf Amazon-like klappt. Das sind Hausaufgaben. Zunehmen werden strategische Aufgaben. Es geht in der Hauptsache um professionelle Einbindung des strategischen Einkaufs als Business-Partner und Moderator in cross-funktionalen Teams. Hinzu kommt die Governance- und Compliance-Funktion. Der Job des Einkäufers endet nicht mit der Vertragsunterzeichnung. Was tatsächlich an gravierenden Veränderungen noch auf uns zukommen wird, darüber gibt es bei den Einkaufsleitern durchaus unterschiedliche Ansichten, wie die aktuelle Bestandsaufnahme von BME und Fraunhofer ergeben hat.
Beschaffung aktuell: Mit Ihrem CPO-Hintergrund sind Sie beide auch kritischer Sparringspartner. Wie unterstützen Sie konkret?
Eckseler: Recruiting ist meist nur der erste Schritt. Wer seinen Einkauf neu aufstellt, muss viele Weichen stellen, insbesondere für die Personalentwicklung. Ausgangspunkt ist zunächst eine Bestandsaufnahme: Können wir die neuen Prozesse mit eigenen Leuten bewältigen? Kennen wir deren Fähigkeiten? Wo brauchen wir Know-how von außen? Passen Kandidaten in Teams und zur Unternehmenskultur? In manchen Fällen raten wir zu Interim-Managern als Überbrückung. Je besser der Personalberater den Gesamtkontext kennt, desto größer ist die Chance, geeignete Mitarbeiter zu finden und darüber hinaus mit dem Kunden gemeinsam maßgeschneiderte Lösungen zu finden, um den Einkauf als Marke im Unternehmen zu etablieren. Wir bieten Pakete aus einer Hand an, wenn es der Kunde wünscht.
Marquard: Wichtig ist, dass man die Abteilung HR für den speziellen Bedarf im Einkauf sensibilisiert. Ich rate dringend dazu, die Personalverantwortlichen schon früh mit ins Boot zu holen, damit diese sich nicht übergangen fühlen und hoffnungsvoll angedachte Maßnahmen nicht im Sande verlaufen.
Beschaffung aktuell: Wo sehen Sie neue Ansätze im Bereich Personalberatung in Einkauf, Logistik bzw. SCM?
Eckseler: Die neue Herausforderung für Personalentwicklung ist, den Wandel der Geschäftsmodelle zu begleiten. Business Partner Relationship wird eine viel größere Rolle spielen. Geschäftseinheiten zu unterstützen erfordert Agilität von Mensch, Organisation, auch auf Lieferantenseite. Gefragt sind Menschen mit internationalem Background, Neugierde und digitaler Affinität.
Marquard: Der Bedarf an IT-Einkäufern wird im Kontext digitaler Vernetzung steigen. Ebenso gefragt sind Techniker, die in den Einkauf gehen, um Innovation mit internen und externen Partnern zu generieren. Unser Kerngeschäft bleibt der Fokus auf Leitungsebene und Spezialisten – vom CPO bis zu Category Managern.
Beschaffung aktuell: Fachkräftemangel und neue Anforderungsprofile im Einkauf – paradiesische Bedingungen für Personalberater?
Marquard: Jein. Die Kandidatensuche für Spezialisten und Führungspositionen wird aber zunehmend schwieriger und aufwändiger. Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Wer Xing oder Linkedin für den schnellen Königsweg hält, greift eh viel zu kurz. Vermeintliche Kandidaten werden überschwemmt mit Kontaktanfragen, die Reaktionsbereitschaft nimmt ab. Das persönliche Netzwerk der Personalberater und das Vertrauen von Unternehmen und Kandidaten in die Qualität und Integrität ihrer Vermittlungstätigkeit werden weiter an Bedeutung gewinnen. Das funktioniert nach unserer Erfahrung am besten, wenn man als Berater auch den fachlichen Kontext versteht. Darum konzentrieren wir uns auf die Bereiche Einkauf, Logistik und Supply Chain, aus denen wir alle kommen.
Beschaffung aktuell: Abschließende Frage: Was müssen die Unternehmen generell tun, um interessante Kandidaten an sich zu binden?
Eckseler: Für viele Bewerber sind nach wie vor große Unternehmen besonders interessant wegen Internationalität, Karrieremöglichkeiten und wirtschaftlicher Sicherheit. Ballungsräume werden bevorzugt. Wenn man das Know-how weiblicher Mitarbeiter halten will, dann rate ich auch zu flexiblen Arbeitszeiten. Den Ausschlag gibt zumeist die Aussicht auf fachbereichsübergreifende Projekte und Gestaltungsspielräume. Gerade in Einkauf, Logistik und Supply Chain Management sollte es dafür ausreichend Raum und Potenzial geben.
Beschaffung aktuell: Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Sabine Ursel. Sie war im BME 14 Jahre für Kommunikation und Sonder-projekte zuständig.

Dr. Hugo Eckseler

Der Mann

Der Diplomphysiker war mehr als 30 Jahre in Einkauf und SCM führenden internationalen Unternehmen tätig, darunter als Chief Procurement Officer der Deutschen Post DHL und Head of Supply Chain der Wella AG. Eckseler gehörte dem BME-Vorstand von 2008 bis 2012 an. Bereits seit 2010 engagiert er sich im Bereich Personalvermittlung und -entwicklung.

Dr. Jürgen Marquard

Der Mann

.., von 2004 bis 2012 Vorstandsvorsitzender des BME e.V., war er von 2001 bis 2010 Leiter Strategischer Einkauf bei Bosch Rexroth; bis Ende April 2016 verantwortete er als Direktor die weltweiten Aktivitäten der Supply Chain Academy der Robert Bosch GmbH (Stuttgart).
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