Aus der Forschung: Einkauf von Logistik - Bereichsübergreifende Zusammenarbeit beim Logistikeinkauf - Beschaffung aktuell

Aus der Forschung: Einkauf von Logistik

Bereichsübergreifende Zusammenarbeit beim Logistikeinkauf

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Strukturmodell der Mitwirkung beim Logistik-Outsourcing. Quelle: Uni Stuttgart
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Eine Untersuchung der Universität Stuttgart ging der Frage nach, warum Beschaffungsmanager in scheinbar gleichen Situationen unterschiedlich handeln.

Die Gründe für die unterschiedliche Beteiligung von Beschaffungsabteilungen bzw. von einzelnen Einkäuferinnen und Einkäufern an der Beschaffung von Logistikdienstleistungen sind vielfältig. Denkbar sind unterschiedliche organisatorische Regelungen.

Vorstellbar sind individuelle Verhaltensunterschiede der jeweiligen Akteure. Möglicherweise erachtet beispielsweise ein Einkaufsleiter seine Mitwirkung im Beschaffungsprozess von Logistikdienstleistungen als sinnvoll und erforderlich, sein Kollege in einem anderen Unternehmen jedoch nicht. Entsprechend kann die Bereitschaft zur Mitwirkung in inter-funktionalen Teams unterschiedlich ausgeprägt sein. Verfolgt man diesen Gedanken weiter, so rückt die individuelle Handlungsabsicht und damit das individuelle Verhalten einzelner Personen in den Mittelpunkt des Interesses. An dieser Überlegung setzt die aktuelle Untersuchung an. Im Fokus steht das individuelle Handeln von Akteuren im Kontext der Fremdvergabe von Logistikleistungen.

Handlungen erfordern Theorien

Die Erklärung, Vorhersage und Änderung von Handlungen einzelner Akteure in einem Betrieb erfordert Theorien. Solche Theorien müssen überprüfte Aussagen über die Wirkungsweise jener Faktoren umfassen, die das individuelle Verhalten beeinflussen. Eine der bekanntesten Theorien der Sozialpsychologie ist der sogenannte Ansatz des überlegten Handelns (Reasoned Action Approach), der von Martin Fishbein und Icek Ajzen entwickelt wurde. Der Ansatz bietet einen bewährten konzeptionellen Rahmen für die Erklärung von menschlichem Sozialverhalten. Grundlegend für diese Theorie ist die Annahme, dass einer Handlung die Bildung einer Verhaltensabsicht (Intention) vorausgeht. Je stärker die Intention eines Individuums ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit des Vollzugs der Handlung.

Folgt man dem Reasoned Action Approach, dann bestimmen drei Aspekte die Stärke der Absicht eines Individuums, eine bestimmte Handlung zu vollziehen: die Einstellung zu diesem Verhalten, die wahrgenommenen sozialen Normen und die wahrgenommene Kontrolle über die eigenen Handlungen. Die Ausprägung dieser Größen folgt grundlegenden Überzeugungen, die eine Person hinsichtlich des jeweiligen Verhaltens besitzt.

Reasoned Action Approach

Die Einstellungen bilden sich aus den grundlegenden Überzeugungen bezüglich der Ergebnisse der Durchführung der jeweiligen Handlung. Ebenso glauben Akteure, dass andere Personen bestimmte Erwartungen hinsichtlich ihres Verhaltens haben. Diese normativen Überzeugungen führen zu einer bestimmten Ausprägung der Wahrnehmung von sozialen Normen. Schließlich nehmen Individuen an, über ein gewisses Maß an Selbstkontrolle zu verfügen. Diese grundlegende Überzeugung bestimmt den Grad der wahrgenommenen Kontrolle über die intendierte Handlung. Das Konstrukt der Selbstkontrolle umfasst bei genauer Betrachtung zwei Dimensionen: Die wahrgenommene Autonomie und die wahrgenommene eigene Kapazität (Fähigkeit), ein Verhalten zu vollziehen. Entsprechend lassen sich insgesamt vier potenzielle Faktoren zur Erklärung der Intention unterscheiden.

Da die Intention einer Person und die erklärenden Faktoren latente Konstrukte darstellen, deren Ausprägungen sich der direkten Beobachtung entziehen, wurden zu ihrer Messung jeweils mehrere Indikatoren verwendet. Grundlage hierfür bilden die von Fishbein und Ajzen vorgeschlagenen Messmodelle, die entsprechend an das spezifische Verhalten und den Kontext der Mitwirkung in der Projektgruppe angepasst werden mussten. Die nebenstehende Abbildung zeigt das Strukturmodell der Mitwirkung beim Logistik-Outsourcing.

Individuelle Faktoren prägen das Verhalten

Auf Basis der erhobenen Daten von 201 Einkäufern, Logistikern und Supply Chain Managern erfolgte die Durchführung einer Multiplen Regression mit der Intention als abhängiger Variable. Die vier potenziellen Faktoren dienten als Regressoren. Die Schätzung ergibt ein hohes Bestimmtheitsmaß der Intention, d. h. diese wird in hohem Maße durch das Modell erklärt. Der Einfluss der Autonomie ist jedoch sehr klein und entsprechend nicht signifikant. Die Intention, an der Projektgruppe mitzuwirken, wird wesentlich durch die Einstellungen der jeweiligen Person, die wahrgenommenen sozialen Normen und die wahrgenommene eigene Fähigkeit geprägt. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass Manager in vermeintlich gleichen Situationen nicht gleich handeln, denn ihre Intention und damit ihr Verhalten wird im hohen Maße durch individuelle Faktoren geprägt.

Um mögliche Unterschiede zwischen den drei Personengruppen aufzuzeigen, wurde zudem der Einfluss der Zugehörigkeit zu einem Funktionsbereich untersucht. Dieser zeigt sich primär hinsichtlich der Wahrnehmung von sozialen Normen. Logistiker und Supply Chain Manager nehmen im Mittel deutlich stärker die Erwartung anderer Personen wahr, in der Projektgruppe von Anfang an mitzuwirken, als dies bei Einkäufern der Fall ist. Da von den sozialen Normen eine vergleichsweise starke Wirkung auf die Intention ausgeht, besteht somit ein indirekter Effekt der Funktionszugehörigkeit. Hierdurch lässt sich erklären, warum Einkäuferinnen und Einkäufer seltener und vor allem nicht von Anfang an in der Projektgruppe mitwirken.
Bei etwas mehr als der Hälfte der Befragten fällt die Beschaffung von Logistikdienstleistungen in ihren direkten Zuständigkeitsbereich. Erwartungsgemäß verfügen diese Personen über signifikant positivere Einstellungen, nehmen höhere Erwartungen anderer Personen war und messen sich selbst eine größere Kapazität zu. Die Intention, an der Projektgruppe von Anfang an mitzuwirken, ist deshalb deutlich höher, wenn die Befragten für die Beschaffung von Logistikdienstleistungen direkt zuständig sind.

Hilfestellungen, aber kein Werkzeugkasten

Aus den Ergebnissen lassen sich weitreichende Konsequenzen ableiten. Akteure, die sich in der beschriebenen oder in einer ähnlichen Situation befinden, erhalten ein Instrumentarium, welches ihnen hilft, ihre Absichten strukturiert zu durchdenken. Obwohl sich Intentionen häufig automatisch aus den aufgezeigten Faktoren und den zugrunde liegenden Überzeugungen bilden, wird hierdurch das Erreichen begründeter und schlüssiger Handlungsabsichten und Handlungen gefördert. Im betrachteten Fall der Mitwirkung in einer Projektgruppe geht von wahrgenommen sozialen Normen eine besonders starke Wirkung auf die Handlungsabsicht aus. Soziale Normen spiegeln die Erwartungen anderer Personen wider. Akteure können sich diese Erwartungen bewusst machen und hinterfragen, inwieweit sie diesen tatsächlich folgen möchten. Ebenso können sie ihre grundlegenden Überzeugungen reflektieren.

Weiterhin können die Ergebnisse der Untersuchung Hilfestellung geben, die Intentionen und das Verhalten anderer Menschen zu beeinflussen. Soll beispielsweise ein Einkäufer dazu bewegt werden, sich von Anfang an, also bereits in der Phase der Definition der Anforderungen, in der Projektgruppe zu engagieren, so kann an jedem der drei wirkenden Faktoren angesetzt werden. Aufgrund des starken Effekts sozialer Normen, sollten vor allem die Erwartungen hinsichtlich der Mitwirkung deutlich formuliert werden. Es kann zudem gelingen, Einstellungen hinsichtlich der Beschaffung von Logistikdienstleistungen zu beeinflussen. Weiterhin kann die Bereitstellung von materiellen und zeitlichen Ressourcen helfen, die Wahrnehmung der eigenen Mitwirkungsfähigkeit positiv zu beeinflussen. Fördernd ist es zudem, die formale Zuständigkeit an die betreffende Person zu übertragen, denn wie gezeigt wirkt sich diese positiv auf die Einstellungen, die Wahrnehmung von Normen und die Einschätzung der eigenen Kapazität aus.

Allerdings lassen sich die aufgezeigten Effekte nicht wie ein Werkzeugkasten einsetzen. Die Herausbildung einer Intention ist komplex, denn die wirkenden Faktoren werden durch grundlegende Überzeugungen und diese durch Hintergrundfaktoren beeinflusst, welche sich nicht direkt durch Führungshandlungen steuern lassen.


Über die Untersuchung

Gedankenexperiment

Etwa 1000 deutschsprachige Managerinnen und Manager in den Bereichen Logistik, Einkauf und Supply Chain Management wurden im Frühjahr 2018 eingeladen, an folgendem Gedankenexperiment teilzunehmen: „Stellen Sie sich vor, in ihrem Unternehmen bildet sich eine funktionenübergreifende Projektgruppe, welche das Outsourcing wesentlicher Teile der Logistik ihres Unternehmens vorbereiten und durchführen soll. Im Mittelpunkt soll die Auswahl eines geeigneten Kontraktlogistikunternehmens stehen. Die Projektgruppe wird sich aus Personen ihrer Hierarchieebene zusammensetzen.“ Die Befragten wurden gebeten, sich in diese Situation zu versetzen und möglichst intuitiv und spontan die nachfolgenden Aussagen im Fragebogen hinsichtlich ihrer Mitwirkung in der Projektgruppe zu bearbeiten.

Die Erhebung erbrachte 201 verwertbare Rückläufe. Von den Befragten ließen sich 99 eindeutig dem Einkauf, 60 der Logistik und 28 dem Supply Chain Management zuordnen. In etwas mehr als der Hälfte der Fälle liegt die Beschaffung von Logistikdienstleistungen im direkten Zuständigkeitsbereich des Befragten.

Eine ausführliche Darstellung der Methodik und der Ergebnisse der Studie findet sich unter: www.bwi.uni-stuttgart.de


Prof. Dr. Rudolf O. Large, Universität Stuttgart
Prof. Dr. Gilles Paché, Aix-Marseille Université
Dr. Nathalie Merminod, Aix-Marseille Université

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