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Der Einkauf als Klima-Controller

Klimawandel und Scope-3-Emissionen
Der Einkauf als Klima-Controller

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Der Einkauf ist als hauptverantwortlicher Bereich dafür zuständig, Transparenz zu der CO2-Last eingekaufter Produkte zu schaffen und die dadurch entstehenden und stetig steigenden Klimakosten zu kalkulieren, über die mit diesen Beschaffungen bestehenden Risiken zu berichten und dementsprechend seine Strategien anzupassen sowie geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Bild: peterschreiber.media/stock.adobe.com
Der CO2-Footprint von Produkten entsteht oft zu 80 Prozent in der Supply Chain. Dies sind künftig konkret einzukalkulierende Kosten, für die der Einkauf verantwortlich ist. Hieraus und aus anderen gesetzlichen Regelungen und Zwängen entsteht der Zwang zur Schaffung von Transparenz, einer Pflicht zum Reporting und der Herausforderung einer Anpassung der Beschaffungsstrategien.

Die 40 DAX-Konzerne haben summarisch ihre CO2-Emissionen in 2021 gegenüber dem Vorjahr um sechs Prozent auf fast 270 Millionen Tonnen gesteigert. Eine wirksame Klimapolitik sieht wohl anders aus. Dabei gibt es „Schwarze Schafe“ und auch positive Über-Performer. Klar, dass der kriegsbedingt erforderliche und politisch gewollte Mehreinsatz von Kohle zur Stromerzeugung einigen die Bilanz verhagelt und dass andere im Vorjahr Corona-bedingt stärker die Produktion zurückgefahren hatten. Solche, auf kurze Zeiträume angelegte Vergleiche unter Sonderbedingungen sind wenig hilfreich, wenn man die Gesamtsituation sieht und sich längerfristig orientiert. Der jüngste IPCC-Bericht bestärkt die zwingende Notwendigkeit des Handelns in Richtung massiver CO2-Reduzierung und rechtfertigt erneut die Pariser Klimaziele.

Es geht aber keinesfalls „nur“ um die Rettung unserer Zukunft und unseres Planeten durch die Gutmenschen unter uns. Die Zeiten des „Sustainability is nice-to-have“ und nur für die, die es sich leisten können oder darauf ihr Geschäftsmodell gründen, aber auch des „Green Washing“ scheinen vorbei! Denn: Nicht nur die größte Investment Company der Welt, Blackrock, lässt seit einigen Jahren die CEOs der wichtigsten Unternehmen wissen, dass sie nicht mehr bereit ist in Unternehmen zu investieren, die sich nicht ernsthaft ökologisch und sozial nachhaltigen Zielen verschrieben haben. Hier ist wohl nicht der kapitalistische Saulus zum ökologisch-sozialen Paulus geworden, sondern klare ökonomische Interessen bestimmen das Handeln. Klimarisiken werden als Investitionsrisiken angesehen und somit verweigert man „schmutzigen“ Produktionen nunmehr die finanziellen Mittel der Anleger. In diesem Zuge entstehen neue Verpflichtungen für das nicht-finanzielle Berichtswesen, also das Reporting über Risiken beispielsweise aufgrund von ökologischen oder sozialen Missständen im Verantwortungsbereich der Firmen. Zu diesem zählt bekanntlich ganz besonders auch die vorgelagerte Wertkette, also die Upstream Supply Chain.

Gesetzliche Regelungen und CO2-Preise

Parallel zu diesen Entwicklungen ändert sich die Gesetzeslandschaft. Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) tritt in Kürze in Kraft. Auch wenn hier primär soziale „Risiken“ fokussiert werden und zunächst nur Unternehmen mit mehr als 3000 Mitarbeitenden direkt betroffen sind, wird klar, wo der Weg langgeht. Und natürlich müssen auch kleinere Lieferanten in der Lage sein, über die relevanten Fragestellungen ihren vom LkSG betroffenen Abnehmern zuverlässig Auskunft zu geben. Der EU-Supply-Chain-Act wird hier voraussichtlich noch eine ordentliche Schippe drauflegen, insbesondere in Bezug auf ökologische Kriterien. Es tut sich aber auch etwas in Sachen Internalisierung umweltbedingter, negativer externer Effekte, sprich: CO2-Preise. Auch wenn diese im Verhältnis zu den Preisen, die für die Sicherstellung einer „Enkel-sicheren“ Zukunft aufzurufen wären, mit rund einem Zwanzigstel noch geradezu lächerlich niedrig sind, werden diese Kostenaufschläge für einige schon bald schmerzhaft spürbar werden.

Nicht wenige könnten daher geneigt sein, vermehrt Produkte aus dem Nicht-EU-Ausland zu beziehen oder gleich dort zu produzieren. Dieser Carbon-Leakage-Gefahr begegnet die EU mit einer „Grenzsteuer“, dem Carbon Border Adjustment Mechanism, der schon zum Jahreswechsel in Kraft treten könnte und bis 2030 komplett – also auf „alle“ Produktkategorien – ausgerollt werden soll. Auch die kostenlose Zuteilung von Emissionszertifikaten im EU-ETS soll entfallen, sodass die WTO diesen Regelungen insgesamt doch zustimmen könnte und der Kostendruck weiter steigt.

Der Einkauf ist der Hauptverantwortliche

Offensichtlich entsteht immer mehr Druck im „Klimakosten-Kessel“. Der Einkauf ist als hauptverantwortlicher Bereich dafür zuständig, Transparenz zur CO2-Last eingekaufter Produkte zu schaffen und die dadurch entstehenden und stetig steigenden Klimakosten zu kalkulieren, über die mit diesen Beschaffungen bestehenden Risiken zu berichten und dementsprechend seine Strategien anzupassen sowie geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Dies alles muss unter Berücksichtigung akuter politischer Krisen (Russland/Ukraine) und weiterer Risiken (u. a. VR China/Taiwan) sowie der zunehmenden Verknappung wichtiger Rohstoffe erfolgen. Ohne moderne digitale Hilfsmittel ist dies angesichts des enormen Datenumfangs und der inhärenten Komplexität nicht zu beherrschen.

Mit diesen Fragestellungen beschäftigte sich auch die Podiumsdiskussion auf dem 1. Würzburger Nachhaltigkeitstag. Die Herausforderungen und Handlungsoptionen der unterschiedlichen Unternehmen sind natürlich sehr differenziert. Gleichsam lässt man sich überall von der langfristigen Zielsetzung der Nachhaltigkeit leiten, bei der ökologische und soziale Ziele neben dem rein monetären Ziel immer mehr Bedeutung erlangen. Diese fußt auf der Überzeugung, dass wirtschaftliche Nachhaltigkeit nicht ohne die ökologischen und sozialen Aspekte erreichbar erscheint, was auch Matthias Brey von EY betonte. Zudem sorgten die konkreten gesetzlichen Regelungen für eine entsprechend angepasste Ausrichtung, die auf die Wahl von Lieferanten und Beschaffungsmärkten durchschlage. Initiativen, wie die von Dr. Thomas Römer, CPO bei Covestro, vorgestellte Together-for-Sustainability, können für vereinheitlichte Berichtsstrukturen sorgen. Peter Hagenow, Head of Strategic Group Procurement bei KWS Saat, berichtete von der Dekarbonisierungsstrategie in seinem Hause und bestätigte die Notwendigkeit für spezifische digitale Lösungen.

Der Einkauf muss sich diesen komplexen Herausforderungen im Sinne eines strategischen Klima- bzw. Nachhaltigkeits-Controllings annehmen, und zwar umgehend. Hierin liegt auch eine große Chance angesichts des enormen Zuwachses an Verantwortung und der Möglichkeit mittels durchdachtem Agieren die Wettbewerbsposition des Unternehmens nachhaltig zu stärken.

Sie können sich für den 2. Würzburger Nachhaltigkeitstag 2023 vormerken lassen: www.cfsm.de/nachhaltigkeitstag


Prof. Dr. Ronald Bogaschewsky

Lehrstuhl BWL und Industriebetriebslehre
Julius-Maximilians-Universität Würzburg

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