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Diese mineralischen Rohstoffe sollten Sie im Blick haben

Menschenrechtliche Sorgfaltspflichten und Umweltrisiken
Diese mineralischen Rohstoffe sollten Sie im Blick haben

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Nicht jeder Rohstoff ist kritisch zu betrachten, aber wenn, dann sollte man ihn ständig im Blick haben. Hier: Bergmann bei der Inspektion einer Bohrstelle in einer australischen Mine. Bild: Michael Evans /stock.adobe.com
Seit Januar 2021 ist die Konfliktmineralienverordnung der Europäischen Union in Kraft. Erfahren Sie, was Sie bei der Beschaffung von mineralischen Rohstoffen auch unter Berücksichtigung der vorgelagerten Lieferketten beachten sollten.

Die Diskussion um menschenrechtliche Sorgfaltspflichten von Unternehmen ist in aller Munde, und gesetzliche Vorgaben auf nationaler und europäischer Ebene sind kurz vor der Verabschiedung. Immer geht es dabei auch um die Verantwortung in globalen Lieferketten und damit wird das Thema für Einkaufsverantwortliche relevant. Sie stehen vor der Herausforderung, neben dem ohnehin derzeit besonders komplexen und dynamischen Tagesgeschäft diesen Anforderungen noch zusätzlich gerecht zu werden.

Besonders im Fokus sind menschenrechtliche und umweltbezogene Aspekte bei der Beschaffung von mineralischen Rohstoffen oder von Komponenten, die diese Rohstoffe enthalten. Das Risikopotenzial entlang der Lieferkette variiert je nach Rohstoff, ist abhängig von Gewinnungs- und Verarbeitungsmethoden und den lokalen Bedingungen. Vor allem wenn Produkte eine Vielzahl von Rohstoffen enthalten, steht die Beschaffung damit vor einem Berg an ungelösten Aufgaben. Da ist die Frage: Wo soll man anfangen? Mit welchen ersten Schritten erreicht man bereits Wirkung und wie entspricht man gleichzeitig den regulatorischen Anforderungen?

Bei der Priorisierung helfen öffentlich zugängliche Studien und Daten zu potenziellen Risiken im Zusammenhang mit Produktion, Verarbeitung und Handel mineralischer Rohstoffe. Beispielsweise zeigt eine Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes das Umweltgefährdungspotenzial von Mineralien und Metallen auf.

Außerdem lohnt ein Blick auf Regulierungen und Politikinstrumente, die sich auf den internationalen Handel von Rohstoffen auswirken. So ist seit Januar 2021 die Konfliktmineralienverordnung der Europäischen Union in Kraft. Sie soll dabei helfen, beim Handel mit vier Mineralien – Zinn, Tantal, Wolfram und Gold – Menschenrechtsverstöße wie die Finanzierung bewaffneter Konflikte oder Zwangsarbeit einzudämmen. Betroffene Unternehmen müssen seitdem für diese vier Mineralien die Herkunft offenlegen.

Aktuelle Liste kritischer Rohstoffe

Angesichts der Umwelt- und Sozialrisiken bei der Gewinnung anderer Rohstoffe und gleichzeitig steigender Nachfrage ist davon auszugehen, dass weitere Vorgaben auf regulatorischer Ebene kommen werden. Zudem hat die EU ihre Liste an kritischen Rohstoffen 2020 aktualisiert. Dabei handelt es sich um Rohstoffe, die für die europäische Industrie zentrale Bedeutung haben, aber deren Zufuhr stark von wenigen Drittländern abhängt.

Zinn, Tantal, Wolfram und Gold stehen also wie beschrieben durch die Konfliktmineralienverordnung im Fokus. Die Rohstoffe Kobalt, Lithium und Seltene Erden sowie die Basismetalle Kupfer und Aluminium sind ebenfalls bereits in der öffentlichen Diskussion und Ziel fokussierter Industrie-Initiativen mit Blick auf die soziale und ökologische Dimension der Gewinnung und Versorgung.

Die kombinierte Betrachtung von Umweltgefährdungspotenzial mit weiteren Klassifizierungskriterien führt zu einer Liste von weiteren zehn mineralischen Rohstoffen, die Einkaufsverantwortliche im Blick behalten sollten: Titan, Nickel, Eisenerz, Molybdän, Platin/Platingruppe, Manganerz, Silber, Zink, Natürlicher Graphit und Chromit. Die Auswahl der Rohstoffe basiert auf einer Grundliste von 47 Rohstoffen, deren Umweltgefährdungspotenzial im Rahmen der Studie des Umweltbundesamtes analysiert wurde. Außerdem wurden eine länder- und branchenspezifische Menschenrechts-Risikoeinschätzung, die Kritikalität für die europäische Industrie und ein zu erwartender Nachfragedruck im Zuge der globalen Energiewende betrachtet. Die Liste wurde anschließend auf Rohstoffe begrenzt, die für die deutsche Automobil-, Maschinenbau-, Chemie- und Elektroindustrien relevant sind.

Nachfragedruck beispielsweise in diesen Industriebereichen führt häufig dazu, das Rohstoffangebot möglichst schnell zu erhöhen durch neue und/oder größere Förderstätten. Dabei bleiben soziale und ökologische Risiken der Rohstoffproduktion außen vor. Erfolgreiches Management menschenrechtlicher und ökologischer Risiken ist dann besonders notwendig und kann zu mehr Sicherheit in der Lieferkette beitragen.

Beispiel: Nickel

Das lässt sich gut am Beispiel Nickel veranschaulichen: Als zentraler Rohstoff für die Herstellung von Stahl für Windräder, von Batterien für Elektromobilität und sogar als Kobalt-Ersatz in der Produktion von Batterien, ist Nickel ein Basismetall für die globale Energiewende. Nach aktuellen Prognosen der Weltbank wird sich die Nachfrage nach Nickel bis 2050 im Vergleich zur Produktion in 2018 verdoppeln. Indonesien hält den größten Anteil der weltweit bekannten Nickel-Reserven und Nickel-Minen haben sich in den letzten Jahren auf der biodiversen Insel Sulawesi vervielfacht. Menschenrechtsorganisationen und Umweltschützer weisen darauf hin, dass der bisherige Ausbau der indonesischen Nickelproduktion auf Kosten von Korallenriffen, Flüssen, Regenwäldern und der Gesundheit und Lebensgrundlage der lokalen Bevölkerung ging. Da der Nickel-Erzgehalt im Gestein meist gering ist, verursacht die Förderung von Nickel zudem sehr große Mengen an bergbaulichen Reststoffen, deren Aufhaldung oder Ablagerung angesichts des Flächenbedarfs eine Herausforderung ist. Wenn Unternehmen sich dieses Risikopotentials rechtzeitig bewusst sind, können sie pro-aktiv mit Lieferanten an der Vermeidung der Risiken arbeiten und sich beispielsweise in Zusammenarbeit mit Interessensgruppen vor Ort für Umweltschutzmaßnahmen und positive Effekte für die lokale Wirtschaft einsetzen.

Herausforderungen bewältigen

Die Auflistung der zehn Rohstoffe ist eine fundierte, auf öffentlich zugänglichen Daten basierte Grundlage, die Unternehmen für die Durchführung der eigenen Risikoermittlung und für die Ableitung von Maßnahmen nutzen können. Mit Blick auf diese Rohstoffe können Einkäufer und Einkäuferinnen für die Sorgfaltspflichten relevante Warengruppen identifizieren. Sie können Beschaffungsrisiken erkennen, priorisieren und Maßnahmen ableiten – gezielt, begründet und angepasst an die Kapazität in der Organisation. Damit kann sich ein Beschaffungsbereich pro-aktiv im Management von Umwelt-, Sozial- und Lieferrisiken positionieren, Missstände in der Lieferkette bekämpfen und eine entscheidende Rolle dabei spielen, wie ein Unternehmen als verlässlicher, verantwortungsvoller, vorausschauender Geschäftspartner gegenüber Kunden und Investoren wahrgenommen wird. Gleichzeitig kann eine Beschaffungspolitik, die auch Umwelt- und Sozialrisiken im Blick hat, dazu beitragen, aktuelle Herausforderungen wie Rohstoffknappheit und Lieferengpässe oder auch zukünftige Auswirkungen des Klimawandels auf die Verfügbarkeit von Rohstoffen besser zu bewältigen. Gezieltes Lieferantenmanagement und die Zusammenarbeit von Akteuren entlang einer Lieferkette unterstützt den Aufbau zuverlässiger Geschäftsbeziehungen und die Einhaltung von Qualitätsstandards.


Dr. Heike Schulze,
Dr. Michael Priester,
Isabel Urrutia,

Projekt-Consult GmbH www.projekt-consult.de


Ökoress

Beispiel – Ökologische Kritikalität von Rohstoffen (ÖkoRess1)

Als Forschungsvorhaben des Umweltbundesamtes trägt ÖkoRess dazu bei, Umweltaspekte bei der Versorgung mit primären mineralischen Rohstoffen stärker zu berücksichtigen. In seiner ersten Phase haben Experten eines Konsortiums von Projekt-Consult, deutschen Think Tanks und Politikberatungsunternehmen ein fundiertes und praktikables System entwickelt, das eine zuverlässige vergleichende Bewertung verschiedener bergbaulicher Gewinnungs- und Verarbeitungsaktivitäten ermöglicht.

In der zweiten Phase wurde die Methodik zur Bewertung der ökologischen Verfügbarkeit von 51 mineralischen Rohstoffen getestet. Die Ergebnisse erlauben eine erste fundierte Priorisierung und bringen einen Fokus auf ökologisch besonders kritische Rohstoffe in die Kritikalitätsdebatte ein.
In der dritten Phase schließlich wurden 100 Minenstandorte von Kupfer, Bauxit und Einsen hinsichtlich ihrer Umweltrisikopotenziale bewertet. Die Ergebnisse bereichern die laufende Debatte zum Thema nachhaltiges Ressourcenmanagement in Deutschland, Europa und international.

1 Umweltbundesamt (2020), Environmental Criticality of Raw Materials. An assessment of environmental hazard potentials of raw materials from mining and recommendations for an ecological raw materials policy, www.umweltbundesamt.de/publikationen.


Nützliche Quellen kritischer Rohstoffe

Weitere Informationen und Zugang zu weiteren Quellen stellen die AutorInnen gerne auf Anfrage zur Verfügung. Kontakt:

www.projekt-consult.de

heike.schulze@projekt-consult.de

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