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Einkauf mit Herzblut reicht nicht

Studie: Nachholbedarf bei der Beschaffungsorganisation
Einkauf mit Herzblut reicht nicht

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Familienunternehmen gelten als besonders erfolgreich. Im Vergleich zu Publikumsgesellschaften erzielen sie langfristig konstantere Wachstumsraten. Zudem wird Familienunternehmen eher eine nachhaltig ausgerichtete Strategie zugesprochen, die sich an der Sicherung von Unternehmenswerten orientiert und mit Herzblut bei der Sache ist. Das gilt auch für den Einkauf. Eine Studie will aber zeigen, dass es damit allein nicht getan ist.

Daher ist aufschlussreich, wie der Einkauf als Hebel zur Wertsteigerung in familiengeführten Unternehmen genutzt wird. Die Einkaufsberatung Inverto AG, Köln, befragte zusammen mit der Intes Akademie für Familienunternehmen knapp 300 Familienunternehmen zum aktuellen Stand sowie zu den Perspektiven des Einkaufs in ihrer Organisation.
Einige Kernergebnisse: Auch im Einkauf orientieren sich familiengeführte Unternehmen eher an Langfristigkeit, etwa beim Lieferantenmanagement. Zugleich haben Familienunternehmen aber noch Nachholbedarf im strategischen Einkauf und bei der effizienten Beschaffungsorganisation bis hin zum Einkaufs-Controlling. „Familienunternehmen schöpfen die Potenziale des Einkaufs noch längst nicht aus. Damit verzichten Unternehmer auf Handlungsspielräume in der Eigenfinanzierung und zugleich auf ein Stück Unabhängigkeit“, sagt Inverto-Vorstand Frank Wierlemann.
92 Prozent der Studienteilnehmer bestätigten die Bedeutung des Einkaufs für ihre unternehmerische Strategie. Zugleich hat aber rund ein Viertel der Befragten keine eigene Organisationseinheit für den Einkauf – dies gilt besonders für kleinere bis mittelgroße Familienunternehmen. 34 Prozent der Studienteilnehmer beschaffen „am Einkauf vorbei“. Vor allem das Beschaffen der indirekten Bedarfe geht bei 79 Prozent ausschließlich über den Tisch der Fachabteilungen statt über den Einkauf. Bei Publikumsgesellschaften sind dies im Vergleich dazu lediglich 15 Prozent. Zudem hat nur die Hälfte der befragten Familienunternehmen ein effizientes und aussagefähiges Einkaufs-Controlling, das sich auf Kennzahlen stützt; gesteuert wird oft nur mittels weniger Zahlen und eher durch persönliche Führung.
Dennoch sind 64 Prozent der Befragten mit dem Erfolg ihrer bisherigen Einkaufsaktivitäten überwiegend zufrieden. Jedoch fast alle, die meinen, dass ihr Einkauf noch erfolgreicher arbeiten könnte, machen die unzureichende Einkaufsorganisation dafür verantwortlich. Nur 39 Prozent sehen mangelnde Transparenz als Grund für zu geringen Einkaufserfolg.
Wesentliche Ursache für die noch nicht ausgereifte Professionalisierung ist die Wahrnehmung des Einkaufs durch die befragten Top-Entscheider: 79 Prozent sehen die Aufgabe ihrer Einkäufer vor allem im Abwickeln von Bestellungen und im Sichern der Versorgung. Nur wenige Studienteilnehmer nehmen den Einkauf als Treiber für Wertschöpfung wahr. Entsprechend werden oft eher klassische, kurzfristige Hebel zur Einkaufsoptimierung genutzt; die meisten beziehen sich auf die Optimierung der Zusammenarbeit mit Bestandslieferanten. Der Ausbau des International Sourcing steht dagegen nur bei 49 Prozent auf der Tagesordnung.
Da Familienunternehmen eine stärkere Orientierung an Werten und Nachhaltigkeit bescheinigt wird, liegt es nahe, dass sie auch im Umgang mit ihren Lieferanten diese Maßstäbe anlegen. Rund 90 Prozent bescheinigen sich selbst Fair Play im Umgang mit ihren Zulieferern und ein partnerschaftliches Lieferantenmanagement. In der Praxis ist oft vor allem der Umgang „von Unternehmer zu Unternehmer“ gemeint; wichtige Zulieferer haben für die Entwicklung eines Unternehmens nicht selten eine große Rolle gespielt und waren zunächst Chefsache. Persönliche Beziehungen können jedoch auch zu schlechteren Einkaufspreisen führen, wenn Zugeständnisse gemacht werden, obwohl die Situation „härtere Verhandlungen“ erfordert; hier ist Familienunternehmen ein sachlicher Blick mittels Controlling-Instrumenten zu empfehlen. Ein fairer Umgang mit Lieferanten schließt regelmäßiges Benchmarking nicht aus.
Viele Unternehmen pflegen zudem eine regionale Verbundenheit zu ihren Lieferanten: 41 Prozent sagen, dass mehr als die Hälfte ihrer Zulieferer aus Deutschland kommt, bei knapp einem Vierteil sogar aus dem gleichen Bundesland. Dies sollte nicht als „Provinzdenken“ abgetan werden, sondern Familiengesellschaften sehen sich häufig in einer sozialen Verantwortung für die Arbeitsplätze ihrer Region. Zugleich fehlt aber auch nicht der Blick über den regionalen Tellerrand: So haben 77 Prozent der Befragten bis zu einem Viertel außereuropäische Lieferanten.
Die befragten Familienunternehmen erwarten für die nächsten Jahre, dass sich der Druck auf ihr Unternehmen und somit auch auf den Einkauf verstärkt. Zu den Herausforderungen zählt für die Studienteilnehmer:
  • eine kurzfristige Erhöhung der Rohstoffpreise (71 Prozent),
  • eine Zunahme der Lieferanten-Oligopole (42 Prozent),
  • Versorgungsengpässe und Einnahmeausfälle durch die Insolvenz von Lieferanten und Kunden (28 Prozent),
  • mehr Flexibilität im Einkauf und breites Wissen über Beschaffungsmärkte durch individuellere Kundenwünsche (26 Prozent),
  • Fachkräftemangel im Einkauf (19 Prozent);
Zugleich sehen Familienunternehmen Chancen, um zu wachsen und Geld zu verdienen, die sie dank flacher Entscheidungsstrukturen rasch nutzen können. 21 Prozent der befragten Unternehmen erwarten ein stärkeres Wachstum auf neuen Absatzmärkten und eine höhere Nachfrage. Dazu schauen Familienunternehmen über den regionalen Tellerrand und treiben den Ausbau des International Sourcing voran.
Familienunternehmen haben ihre Potenziale im Einkauf noch längst nicht ausgeschöpft. Einkauf zählt nicht zu den Profilierungsfeldern eines Unternehmers. Häufig liegt das Augenmerk des Familienunternehmers stark auf der Produktentwicklung oder Vermarktung. Ein professioneller Einkauf kann allerdings mit deutlich weniger Aufwand die Marge erhöhen oder das Working Capital optimieren.
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