Interview mit Prof. Dr. Raimund Klinkner: „In der Logistik gigantisch vorangekommen“

Interview mit Prof. Dr. Raimund Klinkner

„In der Logistik gigantisch vorangekommen“

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Prof. Dr. Raimund Klinkner bestimmte als Vorstandsvorsitzender die Geschicke der Bundesvereinigung Logistik (BVL) maßgeblich mit. Der Topmanager ist in zahlreichen Vorständen und Aufsichtsräten aktiv. Im Gespräch mit Beschaffung aktuell begründet Klinkner, warum der Einkauf noch besser performen muss und welche Impulse er heute durch enge Zusammenarbeit mit jungen Wilden generiert.

Beschaffung aktuell: Was war Ihr persönliches Highlight in Ihrer bewegten Zeit an der BVL-Spitze?
Prof. Dr. Raimund Klinkner: Die Zusammenarbeit mit den engagierten BVL-Mitgliedern. Da gab es stets interessante Ideen und Impulse. Eine Präsidentschaft ermöglicht aber auch andere Begegnungen. Tief beeindruckt hat mich ein intensives Gespräch mit Joschka Fischer. Als Elektromobilität noch nicht im Fokus stand, stellte er schon die Frage, wo die entsprechenden Motoren in der Welt produziert werden und reflektierte die negative, gesellschaftspolitische Bedeutung für Deutschland daraus. Auch die Begegnungen mit Ulf Merbold, John Kornblum, Wolfgang Schäuble und Angela Merkel waren spannend. Mein persönliches Highlight war der Austausch mit Joachim Gauck. Sein Plädoyer für die Freiheit hat beim BVL-Kongress zu Standing Ovations geführt, das hat auch mich bewegt.

Beschaffung aktuell: Melden Sie sich aus dem Off als graue Eminenz mit Ratschlägen?
Klinkner: Mein Vorgänger Peer Witten hat mir damals beim Übergang alle Freiheiten gegeben, das halte ich mit meinem Nachfolger Prof. Dr. Robert Blackburn ebenso. Wir haben neben dem Vorsitzenden im BVL-Vorstand ausgesprochen erfahrene Persönlichkeiten. Alle zusammen agieren als Team. Wenn das Bedürfnis nach Austausch besteht, stehe ich natürlich zur Verfügung.

Beschaffung aktuell: Das Image der Logistik hat sich über die Jahre gewandelt.
Klinkner: Ja! Wir sind gigantisch vorangekommen. Die vielfältigen Berufsbilder sind nicht mehr vorrangig von Transport, Umschlag und Lagerung bestimmt. In der öffentlichen Wahrnehmung sind wir nicht mehr Stauverursacher Nummer eins, sondern Stauvermeider. Und die logistischen Folgen der Fukushima-Katastrophe haben gezeigt, dass Prozessketten mit Just-in-time-Konzepten weniger vulnerabel sind als befürchtet.

Beschaffung aktuell: Welche echten Innovationen hat die Logistik in den vergangenen Jahren hervorgebracht?
Klinkner: Container, RFID und Blockchain waren jeweils zu ihrer Zeit konkrete innovative Produkte. Die eigentliche Kerninnovation sind Durchgängigkeit und Vernetzung in ihrer globalen Komplexität. Logistikprozesse machen nicht an Unternehmens- und Ländergrenzen halt. Die BVL ist darum mit Regionalgruppen und Chapters auf allen Triadenmärkten aktiv.

Beschaffung aktuell: Die Plattformstrategie einiger OEMs stellt die Logistik vor neue interkontinentale Herausforderungen. Wird der Puffer wieder salonfähig?
Klinkner: Ich nenne das selektive Bestände. Um das System robuster zu machen, kann man sich bei einem kritischen Partner mehr Bestand gönnen, um an anderer Stelle überproportional einzusparen. Eine intelligente Maßnahme hierzu ist unser Demand Driven Material Requirement Planning. Der Trend kommt aus den USA und ist SAP-kompatibel.

Beschaffung aktuell: Die Automobilindustrie war lange Zeit führend bei Prozessen – auch heute noch?
Klinkner: Zumindest bei Variantenflexibilität liefert die Branche noch immer den absoluten Benchmark. Bei Volumenflexibilität ist der Maschinenbau besser aufgestellt, in der Produktvielfalt steht der Handel vorne. Herausforderung sind optimierte Prozesse unter Beibehaltung maximaler Flexibilität – ohne Kostensteigerung. Dabei hilft Digitalisierung.

Beschaffung aktuell: Konsequent angegangen kostet Digitalisierung aber Geld.
Klinkner: Was man in diese Projekte trägt, muss vorher verdient sein. Ein schlecht aufgesetzter Prozess wird nicht besser, weil er digitalisiert wurde. Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern Enabler für mehr Geschwindigkeit, Flexibilität und Prozessexzellenz.

Beschaffung aktuell: Muss die Regierung verstärkt Lernumgebungen schaffen?
Klinkner: Kein Unternehmen darf darauf hoffen, dass man ihm eine ideale Umgebung schafft. Auf der eigenen Spielwiese muss Neues probiert und gelebt werden. Lab-Umgebungen bei Unis oder in regionalen Clustern können ergänzen.

Beschaffung aktuell: Wollen Sie dennoch einen Appell an die Regierung richten?
Klinkner: Zulassen und fördern auf breiter Ebene wünsche ich mir auch von Regierungsseite. Die Staatsministerin für Digitalisierung Dorothee Bär agiert ohne wirkliche ministerielle eigene Infrastruktur. Da hätte ich mir mehr Inhalt erhofft. Wir brauchen angemessene Rahmenbedingungen wie schnelleren Breitbandausbau und eine belastbare IT-Infrastruktur. Es gibt eine ganze Reihe dringender Aufgaben zu lösen, bevor wir uns mit fliegenden Autos befassen sollten.

Beschaffung aktuell: Kennen Sie gute Beispiele für Digitalisierungsprojekte?
Klinkner: Ja. BMW hat in Sachen Connectivity eine ganz besondere Dynamik entwickelt. Bei DMG Mori gibt es mit Adamos eine unternehmensübergreifende kollaborative Plattform als strategische Allianz für den Maschinen- und Anlagenbau.

Beschaffung aktuell: Wo findet sich in dieser Kette der Einkauf wieder?
Klinkner: Der Einkauf hat ein mehrdimensionales Problem. Er muss in der überhitzten Wirtschaft das Unternehmen lieferfähig halten. Gleichzeitig erfordert ein „Advanced Purchasing“ Innovationsgenerierung aus dem Lieferantennetzwerk heraus. Ein guter Einkäufer verhandelt nicht nur Preise, sondern detektiert Innovationen.

Beschaffung aktuell: 2004 hat Nina Ruge Ihnen als stellvertretendem Gildemeister-Vorstandsvorsitzenden den „BME-Innovationspreis“ überreicht. Was war der Kern?
Klinkner: „Co Supply“ stand für Communication, Cooperation, Competence und somit für einen ganzheitlichen Ansatz, der auch heute noch für viele Unternehmen Potenzial bietet.

Beschaffung aktuell: Sie haben schon sehr früh Ideenmanagement gefördert.
Klinkner: Ja, wir waren damals weit vorne im Ranking des Deutschen Instituts für Betriebswirtschaft. Ich empfehle bis heute, Abteilungsleiter nicht nur an ihren eigenen Ideen zu messen, sondern auch daran, wie viele kreative Ideen ihre Mitarbeiter einbringen.

Beschaffung aktuell: Das klappt nur, wenn die Geschäftsführung als glaubwürdig empfunden wird.
Klinkner: Glaubwürdigkeit erreicht man durch konsequentes Entscheiden und Umsetzen. Die DNA der Unternehmen ist unterschiedlich. Es gibt nicht den einen idealen Führungsstil. Und oftmals ist eher Fingerspitzengefühl im Umgang mit Themen und Menschen als theoretisches Wissen gefragt.

Beschaffung aktuell: Dennoch scheint es so, dass viele Chefs das eigene Verständnis von Führung nur ungern neu interpretieren.
Klinkner: Wo hierarchisch geprägte Old School auf digital Kommunizierende trifft, gilt es, eine Atmosphäre zu schaffen, in der alle angstfrei kommunizieren und Vorschläge erwünscht sind. Informationsgewinnung ist demokratisch. Die finale Entscheidung ist ebenso wie Verantwortung undemokratisch. Wir haben die Pivot Point Theory entwickelt. Durch Teamcoaching werden prozessuale Exzellenz gestärkt und Interessen von Unternehmen und Teammitgliedern besser abgestimmt.

Beschaffung aktuell: Was bedeutet Netzwerk für Sie? Small Talk an der Bar oder auch mal in vertraulicher Runde Fragen stellen?
Klinkner: Spannende Frage! Das ist der Grund, warum ich das gemeinnützige Manufacturing Excellence Network vor 15 Jahren ins Leben gerufen habe. Hier vernetzen sich 4.500 Partner. Rund 70 Top Executives arbeiten im Auditorenpool zusammen. Die trauen sich erfreulicherweise, abseits des Business, Zweitmeinungen einzuholen und ohne Gesichtsverlust nach Erfahrungen zu fragen.

Beschaffung aktuell: In Ihrem Institut prallen alte und neue Welt aufeinander.
Klinkner: Langjährige Weggefährten aus Vorstandszeiten, Fabrikmanager, Logistiker und andere Experten treffen auf meine Topabsolventen der TU Berlin. Das ergibt vollkommen neue Lösungen. Auf Innovation Days bringen Industrievertreter Wünsche für künftige Funktionalitäten ein. Wir erarbeiten dann im Brainstorming digitale Features.

Beschaffung aktuell: Sie setzen auf Impulse von Start-ups. Was haben Sie von den jungen Wilden gelernt?
Klinkner: Ich finde es beeindruckend, wie vernetzt die neue Managergeneration denkt. Wir haben in Berlin-Mitte das Digital Excellence Lab gegründet und erleben viele coole Anwendungen, etwa den Supply Chain Agent, der Twitter und demnächst auch andere soziale Medien nutzt. Bevor es zum LKW-Streik kommt, kommunizieren die Fahrer darüber. Wir können weltweit Tweeds nach Keywords checken und aufgrund der Häufigkeit Rückschlüsse auf Einflüsse und Zustand der Supply Chains ziehen.

Beschaffung aktuell: Politische Frage zum Schluss: Wann kommt es zur Vereinigung der Verbände BVL und BME?
Klinkner: Managementkompetenz muss ganzheitlich wahrgenommen werden. Also würde eine Fusion durchaus Sinn ergeben. Aber Sie und ich kennen genügend Gründe, warum wir einen Zeitpunkt nicht prognostizieren können. (lacht)

Das Interview führte Sabine Ursel,
freie Journalistin in Wiesbaden


Der Mann

Prof. Dr.-Ing. Raimund Klinkner (53)

… verantwortete bei Porsche u .a. Logistikplanung, Beschaffung und Fabriksteuerung, war stellvertretender Vorstandsvorsitzender mit Verantwortung für die Ressorts Produktion, Logistik, Einkauf und IT bei Gildemeister (heute DMG Mori) und bis Mai 2018 Aufsichtsratsvorsitzender; bis 2011 Vorstandsvorsitzender bei Knorr-Bremse; seit 2012 Mitglied des Board of Directors der Terex Corp. (Connecticut); seit 2003 Honorarprofessor an der TU Berlin für Produktionslogistik (Bereich Logistik); von 2007 bis 2017 Vorstandsvorsitzender der Bundesvereinigung Logistik, jetzt BVL-Ehrenvorsitzender.


Sein Werk

Klinkner gründete 2004 das Manufacturing-Excellence-Netzwerk (MX) e. V.; Gründungsmitglieder u. a.: SAP, Siemens, Gildemeister, Logwin, British Chamber of Commerce in Germany e. V.); hochkarätige Wirtschaftsexperten stehen in regem Austausch (Kaminabende, Workshops, Start-up-Safaris). Der Manufacturing Excellence Award steht seit 2015 unter Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie.
Das 2012 gestartete Institute for Manufacturing Excellence (IMX, Martinsried) bietet Beratungsleistungen und Produkte wie den Supply Chain Agent und zahlreiche weitere Digitals.


„Glaubwürdigkeit erreicht man nicht durch Reden alleine, sondern erst durch zeitnahes konsequentes Entscheiden und Umsetzen.“


„Ich empfehle bis heute, Abteilungsleiter nicht nur an ihren eigenen Ideen zu messen, sondern auch daran, wie viele kreative Ideen ihre Mitarbeiter einbringen.“

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