Startseite » Einkauf »

„Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden“

Pater Anselm Grün, Cellerar der Abtei Münsterschwarzach und Geschäftsführer der Fairhandel GmbH
„Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden“

Anzeige
Gerechtigkeit ist ein großes Ziel der Menschheit. Gerechtigkeit ist aber auch zwischen Einkäufern und Lieferanten erstrebenswert. Beschaffung aktuell sprach mit Pater Anselm Grün OSB (Ordo Sancti Benedicti, Benediktinerorden), dem Cellerar der Abtei Münsterschwarzach und Geschäftsführer der Fairhandel GmbH. Pater Grün ist auch einer der meistgelesenen deutschen Autoren der Gegenwart.

Beschaffung aktuell: Pater Grün, sind Sie als Cellerar auch der Einkaufsleiter der Abtei Münsterschwarzach?

PATER ANSELM GRÜN: Ich bin zwar grundsätzlich für den Einkauf verantwortlich. Aber konkret kaufen die einzelnen Abteilungen ein: zum Beispiel die Küche, die Druckerei, die Handwerksbetriebe. Natürlich spreche ich mit den Betrieben immer wieder mal den Einkauf und die Synergiekräfte beim gemeinsamen Einkauf an. Aber ein gemeinsamer Einkauf wäre bei der Verschiedenheit unserer Betriebe nicht sinnvoll.
Beschaffung aktuell: Gibt es in Ihren Reihen Mitarbeiter oder Mitbrüder, die eine Ausbildung zum Einkäufer, also im betriebswirtschaftlichen Sinne, haben?
P. GRÜN: Die Meister haben bei ihrer Meisterprüfung auch das Thema Einkauf gelernt. Besonderen Wert legen natürlich der Koch und der Leiter der Druckerei auf den Einkauf.
Beschaffung aktuell: Wie hoch ist das Einkaufsvolumen der Betriebe, die Sie leiten?
P. GRÜN: Das Einkaufsvolumen dürfte etwa bei zwei Millionen Euro im Jahr liegen.
Beschaffung aktuell: Nächstenliebe ist in der Regel kein Kriterium nach dem Lieferanten qualifiziert werden. Welche Maßstäbe gelten für den Einkauf eines Klosters?
P. GRÜN: Wir kaufen nur bei Firmen, bei denen wir ethische Standards verwirklicht sehen. Wenn ich selber beim Einkauf größerer Maschinen beteiligt werde, achte ich immer sehr auf den Verkäufer. Verkäufer, die mir ein Loch in den Bauch reden, haben bei mir keine Chance. Ich muss den Menschen spüren. Nur wenn ich in eine Beziehung zum Verkäufer komme, ist er für mich glaubwürdig. Rein rhetorische Kunststücke haben bei mir keinen Erfolg.
Beschaffung aktuell: Welche Rolle spielt für Sie der Preis?
P. GRÜN: Der Preis ist wichtig, aber nicht alles. Es sind auch die Werte wichtig, wie die Zuverlässigkeit, die Qualität und die Ehrlichkeit beim Verkauf.
Beschaffung aktuell: Es gibt eine Studie („Beschaffungswesen in den Landeskirchen und den Diakonischen Werken“ der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft e. V., 2010), derzufolge ökologische oder faire Produkte nur eine untergeordnete Rolle beim Einkauf kirchlicher Einrichtungen spielen. Herrscht hier im allgemeinen Nachholbedarf?
P. GRÜN: Ich kann nur für unsere Betriebe sprechen – aber wir wollen ein gutes Beispiel sein: mit Nahrungsmitteln, die ökologisch hergestellt werden oder Energie, die aus regenerativen Quellen kommt.
Beschaffung aktuell: Als Geschäftsführer eines Fairtrade-Shops, der Sie auch sind, müsste Sie das ja schmerzen, wenn nicht einmal die Kirche Ihren fair gehandelten Kaffee trinkt.
P. GRÜN: Unser Fairhandel beliefert unsere Küche und unser Gästehaus mit fair gehandeltem Kaffee, der natürlich etwas teurer ist als der übliche Kaffee. Aber da schauen wir nicht allein auf den Preis. Ja, die Kirche müsste mit gutem Beispiel vorangehen.
Beschaffung aktuell: Was tun Sie um den fairen Handel zu fördern?
P. GRÜN: Wir schauen beim Einkauf darauf, wo wir fair gehandelte Waren einkaufen können. Aber ich mache keine Politik in der Gesellschaft.
Beschaffung aktuell: Die Lieferanten Ihres Shops, da gibt es unter anderem aromatischen Espresso aus dem Kilimanjaro-Gebiet in Tansania, kommen von weit her. Wie verhindern Sie Compliance-Verstöße, zum Beispiel Kinderarbeit?
P. GRÜN: Wir kaufen im Fairhandel nur von Gruppen, mit denen wir persönliche Beziehungen haben. Und da haben wir die Gewissheit, dass wir diesen Gruppen wirklich helfen und dass diese Gruppen auch den Maßstäben entsprechen, die wir für den fairen Handel anlegen.
Beschaffung aktuell: Globalisierung hat vor allem im Einkauf stattgefunden. Heute geht nichts ohne Lieferanten aus China. Begrüßen Sie das?
P. GRÜN: Die chinesischen Waren sind oft durch staatliche Unterstützung so billig. Und sie werden in oft unmenschlichen Verhältnissen produziert. Die Globalisierung hat sicher Vorteile, dass sie auch anderen Ländern eine Chance bietet. Aber man muss auch darauf achten, unter welchen Bedingungen die Waren hergestellt werden.
Beschaffung aktuell: Sie sind spiritueller Berater und geistlicher Begleiter vieler Manager. Was drückt diese Menschen am meisten?
P. GRÜN: Da ist einmal der Druck, dem sie sich ausgesetzt sehen, dem Konkurrenzdruck von außen und dem Druck der Firmenleitung von innen. Und sie stehen im Zwiespalt ein menschliches Führungsverhalten mit dem äußeren Erwartungsdruck zu vereinen.
Beschaffung aktuell: Angenommen, es erschiene Ihnen ein Engel des Herrn. Ausnahmsweise wolle er einmal Ihnen dienen und an der Weltwirtschaft das ändern, das Sie, Pater Grün, am meisten drückt. Was würden Sie ihm sagen?
P. GRÜN: Es gibt keinen schnellen Trick, um die Weltwirtschaft zu ändern. Entscheidend ist auf Dauer die Gerechtigkeit. Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden. So ist es unsere Aufgabe, gerechte Strukturen, gerechte Güterverteilung, Gerechte Chancenverteilung und gerechten Lohn anzustreben. Es wird nie absolute Gerechtigkeit geben. Aber das Streben danach sollte uns auszeichnen. Und wir sollten so wirtschaften, dass die Menschen Freude an der Arbeit haben und nicht von der Arbeit erdrückt werden.
Beschaffung aktuell: Pater Grün, vielen Dank für dieses Gespräch.

Anselm Grün OSB

Zur Person

Anselm Grün wurde am 1945 in Junkershausen (Franken) geboren und wuchs in München auf. Im Elektrogeschäft seiner Eltern verkaufte er dort bereits als kleiner Junge Glühbirnen und Taschenlampen. Mit 19 Jahren trat er nach dem Abitur in die Benediktinerabtei Münsterschwarzach bei Würzburg ein. Dort lernte er die Kunst der Menschenführung aus der Regel Benedikts von Nursia kennen. Seit 1977 ist Anselm Grün, nach dem Studium der Philosophie, Theologie und Betriebswirtschaft, der Cellerar (das heißt der wirtschaftliche Leiter) der Abtei Münsterschwarzach und damit für rund 300 Mitarbeiter in über 20 Betrieben verantwortlich.
In zahlreichen Kursen und Vorträgen versucht er auf die Nöte und Fragen der Menschen einzugehen. So ist er zum spirituellen Berater und geistlichen Begleiter von vielen Managern geworden.
Seine Bücher sind Bestseller: Mit rund 300 aktuell lieferbaren Titeln, die bisher in einer Gesamtauflage von über 14 Millionen weltweit verkauft wurden, erreicht er viele Leserinnen und Leser. Im Vier-Türme-Verlag der Abtei Münsterschwarzach sind davon bisher über 100 Titel erschienen, die in 30 Sprachen übersetzt wurden.
Anzeige
Aktuelles Heft
Titelbild Beschaffung aktuell 6
Ausgabe
6.2020
PRINT
ABO
Newsletter

Jetzt unseren Newsletter abonnieren

Webinare & Webcasts

Technisches Wissen aus erster Hand

Whitepaper

Hier finden Sie aktuelle Whitepaper

Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de