Startseite » Einkauf »

Transparente Liefernetzwerke

Bedeutung eines aktiven Managements
Transparente Liefernetzwerke

Eine Studie zum Thema „Management von Liefernetzwerken“ zeigt, dass in den Unternehmen kaum Informationen über die indirekten Lieferanten vorhanden sind. Ein strukturiertes Lieferkettenmanagement kann somit nicht effektiv durchgeführt werden. Potenziale und Risiken werden unzureichend und zu spät erkannt.

Stefan Zeeb, Geschäftsführer, th data GmbH, Berlin

Durch Fusionen und Insolvenzen werden regionale und nationale Grenzen durchlässiger für Chancen und Risiken, ehemals starre Lieferantenbeziehungen wandeln sich zu dynamischen Liefernetzwerken. Wer hier den Überblick behalten möchte, muss Veränderungen gezielt und kontinuierlich verfolgen. Hierbei muss das gesamte Liefernetzwerk betrachtet werden.
Vor diesem Hintergrund wurde Ende 2009 durch die th data GmbH und die Xpuls business solutions GmbH eine Umfrage zum Thema „Management von Liefernetzwerken“ durchgeführt. Alle Fragen bezogen sich auf Lieferanten von Produktionsmaterialien. Ziel war es, die Bedeutung eines aktiven Managements von Liefernetzwerken u.a. aus Sicht des strategischen Einkaufs zu ermitteln und Trends abzuleiten. Darüber hinaus wurde untersucht, inwieweit Liefernetzwerke über mehrere Wertschöpfungsstufen transparent sind, welche Informationen über direkte und indirekte Lieferanten im Netzwerk vorhanden sind und ob Unternehmen in der Lage sind, komplexe Lieferketten über mehrere Stufen hinweg effizient steuern zu können. Der vorliegende Artikel gibt einen Überblick über die Ergebnisse und zeigt Chancen auf, die sich für den strategischen Einkauf aus der Transparenz im Liefernetzwerk ergeben. Insgesamt wurden vier wichtige Trends sichtbar:
Trend 1: Die grundsätzliche Problematik von Lieferengpässen gilt auch in Zukunft als beherrschbar.
Diese Aussage lässt sich darauf zurückführen, dass fast alle Unternehmen in den vergangenen 10 Jahren beispielsweise die JIS-Quoten und die Anzahl von Direktbelieferungen aus Potenzialsicht stark erhöht haben. Hier sind stabile Prozesse zu den direkten Lieferanten vorhanden. Ein Problem entsteht jedoch, wenn Ereignisse den Status Quo und die Strategien des Netzwerkes ohne Vorwarnung aushebeln. Dazu gehören unter anderem Einflüsse aus Naturkatastrophen (z. B. das Erdbeben in Japan, 2007), Streiks oder unvorhergesehene Insolvenzen – nicht selten bei Lieferanten unterer Netzwerkkategorie (z.B. 3rd-Tier oder 4th-Tier). Die präventive Einhaltung der Liefertreue und der Verpflichtungen wird dann zu einer schwierigen Managementaufgabe, die hohe Kostenrisiken beinhaltet (Ad-hoc-Aktionen, Sonderfahrten, instabile Ersatzprozesse, Aufbau alternativer Quellen).
Trend 2: Die Verlagerung von Produktionsanlagen wird zukünftig zunehmen.
Kostenreduktion erfordert nicht nur eine Optimierung der bestehenden Standorte, sondern auch die Verlagerung produktiver Bereiche an kostenoptimalere Standorte. Innerhalb des Teilnehmerkreises wurde diese Entwicklung in Richtung 2012 als signifikant eingeschätzt. Mit einer Trendsteigerung von 34 % (ausgehend von 2009) erwartet eine Vielzahl der Unternehmen erhebliche Turbulenzen im Produktionsnetzwerk verursacht durch Verlagerung.
Trend 3: Der Markt hat sich noch nicht beruhigt: Für die nächsten Jahre wird vermehrt mit Insolvenzen gerechnet.
Auch wenn diverse Konjunkturpakete weltweit angeschoben wurden, reagiert eine vernetzte unternehmerische Umwelt äußerst sensibel auf veränderte Geld- und Warenströme. Treten Insolvenzen in der netzwerkspezifischen Einzelbetrachtung 2009 schon häufig auf, erwartet man jedoch eine weitere Zunahme bis 2012. Fast alle Teilnehmer bestätigen, dass sie im Falle von Insolvenzen mit Lieferengpässen konfrontiert werden. Sie geben an, dass sie im Falle von Insolvenzen gezwungen sind, zumindest manchmal höhere Beschaffungspreise zu akzeptieren. Risikomanagement und technisches Insolvenzmanagement werden deshalb zu wichtigen Bausteinen im Lieferantenmanagement.
Trend 4: Transparenz im eigenen Lieferantennetzwerk über die direkte Relation hinaus wird wichtiger denn je.
In Zukunft ist die Identifikation von Veränderungen sowie die schnelle Reaktion auf diese Veränderungen ein wichtiger Faktor für das Management von Liefernetzwerken. Wesentliche Basis dafür ist eine übergreifende Transparenz strategischer und taktischer Rahmenbedingungen im Netzwerk. Der Anspruch, einen direkten Lieferanten gezielt zu steuern, ist dabei nicht neu. Die Anforderung Unterlieferanten einer beliebigen Stufe zukünftig steuern zu müssen dagegen schon. In Zukunft sollte das gesamte Netzwerk transparent sein, um schnell und wirksam handeln zu können. Transparenz wird bereits heute als wichtig eingeschätzt und der Bedarf nach mehr Transparenz steigt noch weiter.
Im Detail zeigt sich, dass in den befragten Unternehmen kaum Informationen über die indirekten Lieferanten im Netzwerk vorhanden sind. Die Abhängigkeiten im Liefernetzwerk sind nur unzureichend bekannt. Während Informationen über die direkten Lieferanten in der Regel vorhanden sind (96 % kennen die Qualitätsleistung und 61 % die Eigentümerstruktur der direkten Lieferanten), sind die Kenntnisse über die indirekten Lieferanten unzureichend. Immerhin kennen 19 % die Qualitätsleistungen und 11 % die Eigentümer ihrer indirekten Lieferanten. Über kritische Situationen bei den direkten Lieferanten sind 58 % der Befragten informiert. Bei den indirekten Lieferanten sind es dagegen nur 20 %. Nur 7 % sind in der Lage, zuverlässig die laufenden und für das eigene Unternehmen relevanten Aktionen bei den indirekten Lieferanten zu benennen. Fehlende Transparenz führt zu erhöhtem Aufwand: Bei 76 % der Befragten führen Koordinationsprobleme zu unnötigen Überschneidungen und Doppelarbeit im Lieferantenmanagement.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Abhängigkeiten und Auswirkungen im Liefernetzwerk nahezu unbekannt sind. Aktuelle Steuerungssysteme in taktischer und operativer Hinsicht lassen weitestgehend nur die Steuerung der direkten Lieferanten zu. Man überträgt Verantwortung und verlässt sich auf die Lieferantenmanagementkompetenz des direkten Lieferanten. Erwartet wird, dass der direkte Lieferant seine Unterlieferanten gezielt steuert. Die Konsequenz ist, dass bei positiven oder negativen Ereignissen im Liefernetzwerk die Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge nicht bekannt sind. Diese müssen dann erst fallweise ermittelt werden. Zeitkritische meist kostenoptimale Handlungsoptionen entfallen dabei sehr häufig. Strategisch gesehen wird die Auswahl von leistungsfähigen Lieferketten erschwert, ebenso wie der Austausch von Lieferketten. Potenziale liegen brach bzw. Firmenkapital wird nicht optimal genutzt.
Aufgrund einer fehlenden Datenbasis kann ein strukturiertes Lieferkettenmanagement nicht effektiv durchgeführt werden. Hier besteht, insbesondere im Hinblick auf die eingangs genannten Herausforderungen, ein erheblicher Handlungsbedarf. Bei der Vielfalt und der Menge an Informationen im Liefernetzwerk empfiehlt es sich, zukünftig die Daten über das gesamte Liefernetzwerk systematisch zu erfassen, zu konsolidieren und zu analysieren. Dabei können unternehmensinterne und externe Informationen so kombiniert werden, dass eine qualitativ bessere Entscheidungsbasis für Aktivitäten des Liefernetzwerkmanagements entsteht.
Ein Beispiel für ein Lieferantenmanagementsystem, das das gesamte Liefernetzwerk betrachtet, ist Amerigo. Die web-basierte Lösung ermöglicht die Erfassung von Unternehmen und deren Beziehungen untereinander. In einem eigenen Rechtekontext können Lieferanten und Sublieferanten ihre Daten selbst erfassen und pflegen. Lieferanten und Sublieferanten werden durch Beziehungen miteinander verknüpft. Eine Beziehung kann hierbei z. B. eine Lieferbeziehung oder ein Beteiligungsverhältnis sein. Jede Beziehung kann grundsätzlich über eine Vielzahl von Eigenschaften verfügen. Für eine Lieferbeziehung kann beispielsweise angegeben werden, welche Produkt/Produktgruppe geliefert wird und welches Transportkonzept (JIS, JIT etc.) erforderlich ist. Durch diese Form der Verbindung entsteht ein komplexes Netz aus Knoten (Unternehmen) und Kanten (Beziehungen), die jeweils mit einer Vielzahl von Eigenschaften besetzt sein können. Durch das Rechtemanagement können berechtigte Nutzer (aus dem eigenen Unternehmen oder bei den Lieferanten) weitere Unternehmen und Beziehungen im System anlegen. Zusätzlich können externe Datenquellen (Daten aus dem ERP-System oder aus Informationsdatenbanken) über Schnittstellen eingebunden werden. Auf dieser Grundlage können Unternehmensbewertungen sowohl anhand subjektiver Kriterien (durch die Mitarbeiter) als auch anhand objektiver Kriterien (Bilanzkennzahlen) durchgeführt werden. Darauf aufbauend ermöglicht ein Risikomanagement die Analyse potenzieller Risikofaktoren. Ein integriertes Projektmanagement bietet Funktionen zur Planung, Durchführung und Überwachung von Maßnahmen im gesamten Netzwerk.
Die durch das System erzeugte Transparenz des Liefernetzwerks bietet dem strategischen Einkauf neue Chancen und Potenziale. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Dynamik auf den Beschaffungsmärken müssen diese optimal genutzt werden. So lassen sich zum Beispiel Lieferbeziehungen und Beschaffungskanäle optimieren, wenn ein Unternehmen sein Liefernetzwerk und damit auch die Sublieferanten kennt. Zusammenhänge werden durch eine grafische Darstellung sichtbar. Neue kreative Ideen entstehen. Die Verhandlungsmacht gegenüber den Lieferanten wird gestärkt. Verbesserungen können gemeinsam mit den Lieferanten zum beiderseitigen Nutzen durchgeführt werden. Voraussetzung ist ein gemeinsames Verständnis des Liefernetzwerks auf Grundlage einer Standardisierung von Bezeichnungen/Klassifizierungen (z. B. Produktgruppen und Unternehmenskompetenzen). Dies wiederum ist die Basis weiterer Schritte wie z. B. Einkaufsbündelungen. Kritische Situationen werden durch eine breite Informationsbasis und intelligente Analysemethoden (auch aus den Tiefen des Netzwerks) frühzeitig erkannt. Im Fall eines Risikoeintritts (z.B. einer Insolvenz) sind bereits Alternativen bekannt und Maßnahmen zur Schadensminimierung können optimal umgesetzt werden. Lieferengpässe lassen sich somit vermeiden.
Durch die Anbindung der Lieferanten (und Sub-Lieferanten) über ein Web-Portal ergeben sich Möglichkeiten der besseren Kommunikation im Netzwerk. Die Abstimmung der Kollegen im Einkauf und anderer Abteilungen wird verbessert Neben zahlreichen Chancen, die sich aus einem transparenten Liefernetzwerk ergeben, lassen sich somit erhebliche Einsparpotenziale realisieren.
Informationen über direkte Lieferanten sind in der Regel vorhanden – Informationen über indirekte Lieferanten nur unzureichend.
Aktuelles Heft
Titelbild Beschaffung aktuell 10
Ausgabe
10.2021
PRINT
ABO

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de