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Wirtschaftlicher Ausblick 2021

Ausblick 2021
Was das neue Jahr 2021 bringen wird – Unternehmen zwischen Hoffen und Bangen

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Viele Einkäufer hoffen für 2021, endlich Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Bild: Mike richter/stock.adobe.com
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2020 war hoffentlich ein Ausnahmejahr im negativen Sinne. Die Lage vieler Unternehmen gerade auch im Mittelstand ist angespannt bis schlecht. Besonders der Dienstleistungssektor leidet. Hier drohen viele Insolvenzen. Indessen sind große exportorientierte Industrien zuversichtlicher für 2021. Wie geht es weiter? Aus der Perspektive eines erfahrenen Einkaufsexperten gibt Prof. Dr. Robert Fieten einen wirtschaftlichen Ausblick.

Ein kleines Virus hat nicht nur die deutsche Wirtschaft in eine schwere Rezession gestürzt. Das Minus beim deutschen Bruttoinlandsprodukt liegt für 2020 bei mehr als 5 Prozent. Damit ist Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern noch relativ glimpflich durch die Krise gekommen. Mit der Entwicklung von hoch effektiven Impfstoffen keimt berechtigte Hoffnung auf eine Überwindung der Pandemie auf. „Impfen ändert alles“, betont Gabriel Felbermayer, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW). Der Zeitpunkt der Massenimpfungen ist da, nachdem die Hersteller Biontech und Pfizer die EU-Zulassung für ihren Impfstoff erhielten. Weitere Impfstoffe des US-Herstellers Moderna und einer Reihe von anderen Anbietern werden in 2021 hinzukommen. Sollte die Herdenimmunität (60 Prozent der Bevölkerung geimpft) in der zweiten Jahreshälfte erreicht werden, könnte die Pandemie enden und mit ihr die für die Wirtschaft toxischen Lockdowns. Damit wären wichtige Voraussetzungen für einen Wirtschaftsaufschwung gegeben. Aber es bestehen nach wie vor schwer kalkulierbare Risiken wie Engpässe in der Impfstoffversorgung, Virus-Mutationen oder auch stärkere Nebenwirkungen.

Treiber des Aufschwungs

Dennoch: Seit Impfbeginn hat sich der Ifo-Geschäftsklimaindex aufgehellt. Das zeigt: 50 Prozent der Wirtschaft ist Psychologie. Objektiv betrachtet stehen die Chancen für eine deutliche Erholung der deutschen Wirtschaft, insbesondere der Industrie nicht schlecht, sofern das Virus besiegt werden kann.

Die Bundesregierung rechnet für 2021 mit einem Wachstum von 4,4 Prozent. Das Handelsblatt Research Institute (HRI) ist da etwas vorsichtiger und hält 3,3 Prozent Wachstum in 2021 für möglich. Alle Prognosen stehen jedoch auf tönernen Füßen, denn jede Lockdown-Verlängerung kostet Wachstum.

Die Treiber des erwarteten Aufschwungs sind zum einen die Exporte von Industrieprodukten und zum anderen auch der private Konsum.

Die Exportwirtschaft bewegt sich schon seit Monaten im Aufwärtstrend. So prognostizieren die Volkswirte der Commerzbank für 2021 ein Ausfuhrplus von 7,6 Prozent nach einem knapp zweistelligen Minus in 2020. Insbesondere die Exporte nach Fernost nehmen deutlich zu. Als einzige große Volkswirtschaft der Welt dürfte China in 2020 ein Wachstum von rund 2 Prozent erreicht haben. In 2021 könnte die Wachstumsrate dort sogar bei 9,5 Prozent liegen, sofern das Virus nicht wieder nach China zurückkehrt. Von dieser Entwicklung profitieren auch deutsche Exporteure. Auch für die USA, Deutschlands wichtigstem Auslandsmarkt erwarten Bankvolkswirte einen kräftigen Wirtschaftsaufschwung für 2021, der angetrieben wird von der weiterhin lockeren Geldpolitik der US-Notenbank und staatlichen Ausgabenprogrammen der neuen Biden-Regierung. So könnte das US-BIP-Wachstum in 2021 bei rund 4,5 Prozent liegen, und hiervon würden deutsche Exporteure profitieren, sofern nicht wider Erwarten neue Handelshemmnisse aufgebaut werden. In Europa dürfte sich indessen die Wirtschaft nur langsamer erholen

Der zweite Treiber des Aufschwungs in 2021 ist der private Konsum, der mit Abflauen der Pandemie und der Lockdowns wieder deutlich anziehen dürfte. 2020 haben die privaten Haushalte zwangsläufig so viel gespart wie nie zuvor: Die Sparquote stieg auf 20 Prozent. So schätzt die Commerzbank, dass sich rund 90 Mrd. Euro an Extraersparnissen (aufgrund nicht getätigter Ausgaben) auf den Konten der privaten Haushalte angesammelt haben. Dies entspricht 4 Prozent der jährlich verfügbaren Einkommen. Nach Ende der Pandemie könnten die Menschen ihre aufgeschobenen Konsumwünsche nachholen, dies würde die Binnenkonjunktur ankurbeln.

Entwarnung für den Arbeitsmarkt kann auch nach Pandemieende nicht gegeben werden. Es darf nicht übersehen werden, dass sich der nicht nur digitale Strukturwandel fortsetzen wird. Hiermit einhergehend könnten viele überkommene Jobs überflüssig werden.

Darüber hinaus ist zu beachten, dass in Verbindung mit einer Verlängerung des Lockdowns eine Pleitewelle auf Deutschland zurollen dürfte, wenn die Ausnahmen von der Insolvenzanmeldepflicht beendet werden. Hieraus könnten dann weitere Probleme für die Stabilität des Bankensystems resultieren, die eine Abwärtsspirale in der Wirtschaft auslösen würden.

Ergo: Es gibt zweifellos Hoffnung auf eine Konjunkturerholung in 2021 und mehr noch in 2022. Die Erholung ist jedoch kein Selbstläufer. Entscheidend wird sein, die Pandemie und die damit einhergehenden Lockdowns in den Griff zu bekommen. Der Weihnachts-Lockdown hat die Rezession in das vierte Quartal 2020 zurückgebracht; die Verlängerung des Lockdowns im neuen Jahr wird auch zu einer weiteren rezessiven Entwicklung im ersten Quartal 2021 führen. Es ist daher zu befürchten, dass der ersehnte kräftige Aufschwung noch etwas auf sich warten lassen wird – vermutlich bis in das zweite Halbjahr 2021, hoffentlich nicht noch länger.

Wie sieht es in den Schlüsselbranchen der deutschen Wirtschaft aus?

Maschinenbau: Der Maschinenbauverband VDMA prognostiziert – nach einem Produktionseinbruch von rund 14 Prozent im abgelaufenen Jahr – für 2021 einen Zuwachs um 4 Prozent. Diese optimistische Prognose ist jedoch mit großen Unsicherheiten verbunden. 2021 wird das Jahr der Krisenbewältigung, und hierbei wird die Vermeidung von Liquiditätsengpässen die eigentliche Herausforderung, denn die Maschinenbauer müssen bei besserer Auftragslage in Vorleistungen gehen.

Für viele Maschinenbauer, insbesondere denjenigen, die von der Automobilindustrie abhängig sind, wird entscheidend sein, wie schnell die deutsche Automobilindustrie die Transformation zur E-Mobilität und die Digitalisierung bewältigt. Ganz wichtig wird es für den Maschinenbau, die Weichen für grüne Technologien zu stellen. Im Green Deal der EU-Kommission liegen für den deutschen Maschinenbau große Chancen, die aber erhebliche Investitionen und langen finanziellen Atem erfordern.

Automobilindustrie: Für die deutsche Automobilindustrie war das Corona-Jahr 2020 ein Jahr mit massiven Einbrüchen, die von den OEMs nur durch den wieder boomenden Absatz in China abgefedert werden konnten. In 2021 geht es darum, den Technologiewandel massiv voranzutreiben. Die Investitionen für Software, Elektroantrieb und autonomes Fahren erfordern gewaltige Finanzmittel, die jedoch angesichts der geringen Renditen von Elektroautos und der schwächelnden Nachfrage in Europa trotz rigider Sparmaßnahmen kaum erwirtschaftet werden können. Experten erwarten daher einen weiteren Abbau von Produktionskapazitäten und Arbeitsplätzen, nicht nur bei den OEMs, sondern verstärkt bei den Zulieferern, die längst nicht alle überleben werden.

Chemie- und Pharmaindustrie: Nach einem guten Jahresstart in 2020 sank laut Verband der Chemischen Industrie (VCI) der Umsatz um sechs Prozent auf 183 Mrd. Euro. Die Segmente dieser vielschichtigen Industrie waren unterschiedlich betroffen: Pharma und Biotechnologie sorgten für positive Schlagzeilen und haben weiterhin gute Perspektiven, während bei speziellen Chemikalien und Kunststoffen um bis zu sechs Prozent weniger produziert wurde. Für 2021 wird vom VCI mit einem Umsatzplus von 2,5 Prozent auf dann 191 Mrd. Euro gerechnet. Dabei ist es auch hier nicht Europas sondern Asiens Stärke, die der Industrie hilft.

Logistik: Die Logistik ist weiterhin ein Wachstumsmarkt und Lichtblick. Die Logistikbranche hat in 2020 Großes geleistet. Es gab viel zu transportieren, weil der Onlinehandel aufblühte und Lockdowns pragmatisch bewältigt werden mussten. Auch in 2021 wird es nicht an logistischen Herausforderungen fehlen, bei wieder anziehender Konjunktur und nicht zuletzt beim Transport von Impfstoffen durch die Welt.

Neustart aus der Krise: Was ist zu tun?

„Never let a good crisis go to waste.“ Diesen berühmten Appell von Sir Winston Churchill in Kriegszeiten sollten unsere Unternehmenschefs in 2021 aufnehmen und die erforderlichen Maßnahmen zur Krisenbewältigung, aber auch für einen kraftvollen Neustart nach Ende der Pandemie einleiten. Der Handlungsdruck ist groß! Die Krisenbewältigung erfordert insbesondere ein professionelles Cash-Flow- und Kostenmanagement. Der Einkauf muss als wichtiger Partner der Finanzchefs hierzu in 2021 seine Beiträge bringen. Für einen erfolgreichen Neustart bedarf es aber mehr: Die Wertschöpfungsketten müssen unter tatkräftiger Mithilfe des Einkaufs resilienter werden. Die Digitalisierung muss vorangetrieben werden. Noch wichtiger ist jedoch, dass unsere Unternehmen sich in Anbetracht der technologischen Umbrüche und der grünen Revolution (CO2-Reduktion um 55 Prozent bis 2030) neu erfinden und neu aufstellen. Dabei hilft kein Kleckern; vielmehr ist ein durchdachtes mutiges Klotzen angesagt.

Hinweis: Das Manuskript wurde
am 5. Januar 2021 verfasst.


Prof. Dr. Robert Fieten,
wissenschaftlicher Berater, Köln

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