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Nachhaltige Beschaffung: CO2-Emissionen in den Lieferketten und der Wertschöpfung senken

Mangel an umweltfreundlichen Materialien
Wie nachhaltige Beschaffung funktionieren kann

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Die Senkung der Emissionen innerhalb der Wertschöpfungskette wird Jahre in Anspruch nehmen und erfordert es, bisherige Abläufe umzustellen. Bild: malp/stock.adobe.com
Unter anderem die größten Unternehmen der Welt haben sich verpflichtet, ihre CO2-Emissionen auf Netto-Null zu senken. Ein Versprechen abzugeben ist allerdings einfacher, als es einzuhalten, aus ganz praktischen Gründen. Einige Unternehmen machen es dennoch besonders gut – indem sie drei Dinge angehen.

Eine große Herausforderung für Unternehmen auf dem Weg zu Net-zero-Emissionen ist heute, dass die Produktionskapazitäten für benötigte emissionsarme Materialien nicht mit der künftigen Nachfrage Schritt halten könnten. Nehmen wir die europäische Autoindustrie: Sowohl Autohersteller als auch Zulieferer haben sich zu einer Dekarbonisierung in erheblichem Umfang verpf

Bild: McKinsey

lichtet. Doch die derzeitigen Investitionen reichen bei weitem nicht aus, um die Nachfrage nach allen relevanten Materialien gemäß der Klimaverpflichtung zu decken. Der Bedarf an umweltfreundlichem Stahl z. B. dürfte 2030 doppelt so hoch sein wie das verfügbare Angebot. Bei recyceltem Aluminium könnte die Lücke 20 Prozent betragen, bei recyceltem Kunststoff sogar 60 Prozent.

Gleichzeitig stehen die Lieferketten insgesamt unter Druck. Dadurch wird es für Unternehmen noch schwieriger, ihre Emissionen zu senken – sei es direkt oder indirekt, also entlang ihrer Wertschöpfungsketten. Angesichts dieser Trends zu bestehen, stellt viele vor eine extreme Belastungsprobe. Aber die Entwicklung wird für sie immerhin nicht überraschend eintreten. Sie können sich anpassen, bis emissionsarme Materialien schließlich verfügbar sind. Alle anderen werden einen Aufpreis für grüne Waren zahlen – oder ihre Klimaverpflichtung verletzen. Keine der beiden Optionen ist sonderlich attraktiv.

1. Wissen, was vor sich geht

Die Emissionen und Risiken in der Lieferkette können von Unternehmen zu Unternehmen, aber auch innerhalb eines Unternehmens, sehr unterschiedlich sein. Automobilhersteller bspw. verwenden Tausende von Materialien. Aber nur eine Handvoll davon ist am Ende für das Gros der Emissionen verantwortlich. Hier gibt es Spielräume, um Prioritäten zu setzen. Um eine gute Entscheidungsgrundlage zu schaffen, sollten sie die Emissionen in der gesamten Lieferkette zurückverfolgen. Dieser Übung unterziehen sich noch zu wenige Unternehmen. Beschaffungsexperten können helfen, primäre Emissionsdaten aus der Wertschöpfungskette zu generieren, indem sie Lebenszyklusanalysen und Carbon-Accounting-Lösungen einsetzen.

Es mag überraschen, aber nicht viele Unternehmen kennen die Emissionen für ihre direkt eingekauften Materialien, geschweige denn für die darin integrierten Emissionen von Vorprodukten. Führende Unternehmen modellieren diese Faktoren und aktualisieren die Modelle alle sechs bis zwölf Monate. Mit diesen Informationen entwickeln sie einen Dekarbonisierungspfad mit Zielen für jeden Rohstoff, der innerhalb des Unternehmens und den Lieferanten kommuniziert wird.

2. Neue Zeitpläne entwickeln

Netto-Null kann nicht über Nacht erreicht werden, einige Veränderungen werden länger dauern als andere. Daher sollten Unternehmen in drei Zeiträumen denken: nächstes Jahr, die zwei bis drei Jahre danach und schließlich die weiteren sechs bis sieben Jahre, die ein Jahrzehnt abrunden. In den nächsten zwölf Monaten sollten die einfachen Maßnahmen ergriffen werden: mehr Sekundärmaterial verwenden, Lieferanten wechseln und erneuerbare Energien beziehen. Diese Adhoc-Maßnahmen können bei einigen Materialien zu Einsparungen von bis zu 40 Prozent führen.

Danach werden die Dinge komplizierter. Das Tempo der CO2-Reduzierung hängt ab von den Entwicklungsschritten bei der Vermarktung neuer kohlenstoffarmer Materialien, den Investitionen von Lieferanten sowie den Innovationen für schwer dekarbonisierbare Materialien. Die Produktion einiger CO2-reduzierter Güter, wie z. B. Elektrofahrzeuge, kann schnell gesteigert werden. Bei anderen Materialien, wie in der Stahl-, Zement-, oder Glasindustrie, sind dagegen erhebliche Investitionen und Prozessveränderungen erforderlich. Für Unternehmen ist also essenziell herauszufinden, wann sie bestimmte kohlenstoffarme Materialien benötigen und frühzeitig zu planen, wie sie sich ihren Anteil daran sichern können. Darüber hinaus ist es wichtig zu überlegen, welche neuen Fähigkeiten eingesetzt werden können, um die Verwendung von Materialien insgesamt zu reduzieren. Genau hier wird aus einer klassischen Einkaufsstrategie eine Dual Mission: Senkung der Einkaufskosten bei gleichzeitiger CO2 Reduzierung.

3. CO2-arme Beschaffung im Fokus

Die Senkung der indirekten Emissionen entlang der Wertschöpfungskette wird Jahre in Anspruch nehmen – und erfordert, bisherige Geschäftsabläufe umzustellen. Unternehmensführungen sollten daher in langfristig angelegte Lösungen investieren. Das könnte auch bedeuten, auf neue Weise mit Lieferanten oder Wettbewerbern zusammenzuarbeiten. So haben zwei rivalisierende Automobilhersteller Anteile an einem umweltfreundlichen Stahlproduzenten erworben. Ein Fall, den man im Auge behalten sollte. Eine Reihe von europäischen Automobilherstellern hat damit begonnen, ihre strategischen Dekarbonisierungsziele für den Einsatz von Strom aus erneuerbaren Energien und den Anteil an recycelten Materialien auf einzelne Bauteile und Lieferanten herunterzubrechen und für deren Management einzusetzen. Die Zulieferer wiederum können die Produktion von umweltfreundlichen Materialien nicht per Knopfdruck starten, wenn gleichzeitig ihre Umstellung auf erneuerbare Energien hinterherhinkt.

Europa ist führend bei der Bekämpfung des Klimawandels. Und der Druck von Kunden, Lieferanten und Regulierungsbehörden, die Emissionen zu senken, dürfte nicht nachlassen. Wenn man die grüne Beschaffung als eine Allianz zwischen Beschaffung, F&E und Nachhaltigkeit sieht, ist sie nicht nur leichter zu erreichen, sondern kann auch das Unternehmen als Ganzes stärken.

Der Mangel an umweltfreundlichen Materialien ist Fakt, aber auch ein lösbares Problem. Eine McKinsey-Analyse der europäischen Automobilindustrie hat ergeben, dass eine kohlenstoffarme Beschaffung mittelfristig mehr Vorteile als Kosten bringt. Andersherum gesagt: Zögern hat seinen Preis. Unternehmen, die in diesem Umfeld erfolgreich sein wollen, müssen sowohl aus wirtschaftlichen als auch aus ökologischen Gründen damit beginnen, sich anzupassen.


Stefan Helmcke

ist Senior Partner in Wien und Managing Partner von McKinsey Austria. Als Co-Leiter der globalen Sustainability Practice verantwortet er den Bereich Sustainability-Strategie und in Europa den Bereich Sustainability für Energieunternehmen und die Grundstoffindustrie.


Peter Spiller

berät als Partner von McKinsey & Company in Frankfurt Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen bei der Entwicklung und Umsetzung von umweltverträglichen Betriebsabläufen und ESG-Strategien.

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