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China: „Man kann eigene Sicht und Werte nicht einfach exportieren“

Exklusiv-Interview mit Dr. Christine D. Althauser, Generalkonsulin a. D. (Shanghai)
China: „Man kann eigene Sicht und Werte nicht einfach exportieren“

Christine D. Althauser gehört zu den wenigen Experten, die zur diffizilen Materie China und Russland profund Auskunft geben können. Sabine Ursel hat für Beschaffung aktuell mit der Diplomatin a. D. über Krisenintervention, Wertschätzung, Gender-Aspekte in Teams und adäquate Gesprächsführung gesprochen. Lesen Sie auch, in welche Fettnäpfchen Politiker, Unternehmer und Einkäufer in schöner Regelmäßigkeit tappen.

Das Interview führte Sabine Ursel, Journalistin, Wiesbaden.

Beschaffung aktuell: Das Geschäft der Einkäufer war schon vor Corona nicht einfach. Wie beurteilen Sie die derzeitige Gemengelage?

Christine Althauser: Klar ist, dass sich für Einkäufer die ohnehin diffizile Lieferkettenproblematik nochmals verschärft hat. Schon vor Corona hat das Thema der Dual Circulation – der zwei Wirtschaftskreisläufe in China – die deutschen Unternehmen stark beschäftigt. Also was bedeutet es für ausländliche Unternehmen, wenn der innere Kreislauf immer größer wird? Das ist im Übrigen kein rein chinesisches Phänomen. Auch die USA und Länder in Europa wollen unabhängiger, resilienter und in Teilen wehrhafter werden. Nennen wir es strategische Autonomie. Es wird spannend zu sehen, wie sich Politik und Wirtschaft unter Einflussbedingungen wie Corona, Invasion in der Ukraine und auch Seidenstraßeninitiative weiterentwickeln.

Wie haben Sie die Corona-Zeit 2019 bis 2021 in Shanghai erlebt?

Christine Althauser: Es gab vor Corona Tage, da hatten wir drei Delegationen am Tag zu managen, die alle auch noch zu verköstigen waren. Das waren ständige Marathons. Während der ersten Corona-Phase hatten wir dann mehr Zeit, neue Austauschformate zu entwickeln. Wir konnten bei Einzelthemen in die Tiefe gehen, etwa in Sachen Transport, Container, Banken, Gesundheit. Ich habe dabei auch erlebt, dass Viele den Vernetzungsgedanken noch nicht verinnerlicht hatten. Es ist aber unerlässlich, sich zum Beispiel auch bei den Treffen der AHK Shanghai Impulse zu holen und Fragen zu stellen.

Inwieweit hat die jeweilige politische Lage die Gespräche im Generalkonsulat beeinflusst?

Christine Althauser: Meine Philosophie ist ein gesprächsoffenes Haus. Austausch mit Unternehmen, mit dem Mittelstand ist immer gewinnbringend. Zu uns kamen auch Einkäufer. Vor Corona ging es meist um die Frage der Beziehungen zwischen EU und China. In Einzelfällen hatten wir natürlich auch zu intervenieren, etwa bei Ausreisesperren oder bei Verletzungen von vermeintlichen Umweltauflagen. Schleichend hat sich dann die Meinung verbreitet, dass man auch politischen Rückhalt durch das Generalkonsulat braucht. Wir haben dabei intensiv mit der AHK Shanghai zusammengearbeitet. Mein Anliegen war immer, die Perspektive zu erweitern. So brauchen wir einen europäischen Footprint. Inzwischen haben die Chinesen besser verstanden, was ein Staatengebilde wie die EU eigentlich bedeutet.

Durften Sie sich politische Statements leisten?

Christine Althauser: Ja. Wir waren auch bestrebt, mit chinesischen Universitäten Gespräche zu führen. Das war nicht einfach, schon wegen der bekannten Key Words wie Xinjiang, Taiwan, Pressefreiheit etc. Wir sind es uns aber einfach schuldig, aus unserer Sicht darüber zu reden. Im Nachgang gab dann aber immer eine chinesische Replik.

Wirken sich Regierungsdekrete direkt auf die Beziehungen zwischen chinesischen und deutschen Unternehmen aus?

Christine Althauser: Es gibt wahnsinnig viele Vorgaben aus Beijing. Die werden in den einzelnen Provinzen unterschiedlich umgesetzt. Meine Erfahrung ist, dass die chinesischen Unternehmen oft nach dem Prinzip ‚Trial and Error‘ verfahren oder auch abwarten. Ich nenne es „latent aushöhlend“. Meist ergibt sich dann ein Konstrukt, mit dem beide Seiten leben können, ohne dass es verbal zur Sprache kommt. Das ist ganz anders, als wir Deutsche erwartet haben, weil wir selbst auf Vorgaben quasi über Nacht reagieren. Chinesen sagen darum auch: „Ihr seid leicht zu durchschauen, weil wir genau wissen, was ihr macht.“

Dazu gehört auch die Expat-Problematik. Warum meinen deutsche Unternehmen, weitgehend ohne Expats in China auszukommen? Es ist doch keine neue Erkenntnis, dass Loyalität mit dem deutschen Arbeitgeber für viele chinesische Mitarbeiter nicht an erster Stelle steht.

Christine Althauser: Wie es sich mit der abnehmenden Zahl der Expats verhält, war schon lange vor Corona eine heikle Frage. Die Zahl der Expats in Shanghai hat sich über die Jahre von 180.000 auf rund 135.000 verringert, das ist bei 26 Mio. Einwohnern eine verschwindend kleine Menge. Die Corona-Situation und die Abschottung Chinas tun ihr Übriges dazu. Ich habe mich aber schon sehr gewundert, als man mir sagte, Internationalisierung sei nun mal so. Ich glaube es nicht. Die Herangehensweise bei Behörden des Gastlandes ist mit rein chinesischer Leitung eine andere. Aber eigentlich will man ja seine ureigene DNA und Markenpolitik vertreten sehen. Ich habe erlebt, dass bestimme Themen ins Leere liefen, wenn Mitarbeiter chinesischer Herkunft ihr deutsches Arbeitgeberunternehmen vertreten haben. Vorsichtig ausgedrückt: Es gibt es da zwei Spuren im Kopf. Die Expat-Frage ist ein Thema, das mich weiter beschäftigt.

Wir reden seit vielen Jahren darüber, wie wichtig Beziehungspflege in China ist. Warum lernen so viele Unternehmer nicht dazu?

Christine Althauser: Da wird am falschen Ende gespart. Und vielfach herrscht noch immer die Meinung vor, China sei weiterhin nur verlängerte Werkbank. Mich hat schon gewundert, warum viele deutsche Unternehmer und Manager relativ wenig fragen, was im deutschen Headquarter ankommt und was man auch von chinesischen Unternehmen lernen kann. Das sind beispielsweise Schnelligkeit bei der Umsetzung oder Technikaffinität.

Dazu kommt falsch verstandene China-Kompetenz.

Christine Althauser: Ja! Die Frage ist, wie sich das Unternehmen generell zum Thema Kultur aufstellt. Es reicht nicht, einen Einkäufer zu bestimmen und ihn unvorbereitet nach China zu entsenden. Er muss für seine Aufgaben dort spezifische Qualitäten mitbringen und über ein profundes Wissen über Land und Leute verfügen. Was weiß der Einkäufer über die andere Seite? Weiß er, wie er wahrgenommen wird? Chinesen sezieren uns übrigens sehr viel genauer und sie handeln danach. Auch das Gender-Thema spielt eine Rolle. Frauen als Verhandlungspartner werden zum Beispiel von vielen Chinesen als weniger arrogant wahrgenommen. China-Kompetenz ist ein weites Feld, das mit dem Blick auf ein sich veränderndes China gepaart sein muss. Wandel durch Handel ist längst kein Rezept mehr, und Dankbarkeit zu erwarten ist naiv. Das Selbstbewusstsein der Chinesen ist immens gewachsen. Ich rate jedem Unternehmer dringend, sich darauf einzustellen.

„Ich habe erlebt, dass bestimme Themen ins Leere liefen, wenn Mitarbeiter chinesischer Herkunft ihr deutsches Arbeitgeberunternehmen vertreten haben. Vorsichtig ausgedrückt: Es gibt es da zwei Spuren im Kopf. Die Expat-Frage ist ein Thema, das mich weiter beschäftigt.“

Sie haben mehrere Jahre im Russland-Referat des Auswärtigen Amts in Bonn und in der Deutschen Botschaft in Moskau gearbeitet. Wie beurteilen Sie das Verhältnis Chinas zu Russland?

Christine Althauser: Wir sehen einen schwierigen Spagat, den China vollführt. Die eigene wirtschaftliche Performance muss trotz Corona, Lieferkettenproblematik und Putins Krieg auf hohem Niveau aufrechterhalten werden. Sie ist die Lebensader des Systems. Dafür muss es dem Einzelnen besser gehen, und das wird seit ein paar Jahren immer schwieriger. Meiner Meinung wird China den Schlingerkurs beibehalten, weil das eigene Kalkül im Vordergrund steht. Ich sehe auch keine Mediation durch den ehemaligen Lehrling China.

Was bedeutet die Ukraine-Russland-Thematik für Taiwan?

Christine Althauser: Langfristig ist das Ziel des Rückholens Taiwans nicht von der Agenda verschwunden. Ich sehe aber derzeit nicht, dass die Ukraine eine Blaupause für ein ähnliches chinesisches Vorgehen darstellt. Dort ist man überrascht über die relative Geschlossenheit des Westens, EU wie Nato, über den hartnäckigen Widerstand der Ukraine, über die schlechte militärische Performance der Russen und auch über die innerrussische Opposition. Das sind alles Vorzeichen, die derzeit kein vergleichbares Abenteuer durch China erwarten lassen.

Der Umgang mit China bleibt dennoch ein Kraftakt.

Christine Althauser: Im Moment scheint der Ukraine-Konflikt alles zu überlagern. Ich warne davor, auszublenden oder zu unterschätzen, dass man sich mit China als einem der größten internationalen Player immer ins Benehmen setzen muss. Fakt ist, dass leider in den vergangenen Jahren zu wenig nach China gereist wurde, das trifft auch auf den ehemaligen Außenminister zu. Wir müssen im Gespräch bleiben. Und: Man kann die eigene Sicht und seine Werte nicht einfach exportieren. Für mich gehören Neugierde, Empathie, Respekt, Wertschätzung immer dazu. Das haben aber auch viele Politiker noch nicht verinnerlicht. Das Verlesen der Geburtstagsgrüße direkt nach der Selenski-Rede im Bundestag war ein ganz schlechtes Beispiel dafür. Das Ganze war nicht nur ungehörig, sondern höchst unprofessionell. Wo waren die vielen Imageberater? Man muss sich immer vorher fragen, wie eine Message und ein bestimmtes Handeln auf der anderen Seite ankommen könnten.

Wiederum ein Hinweis, den auch Einkäufer dringend ernst nehmen sollten.

Christine Althauser: Genau. Dazu gehört aber auch die nonverbale Kommunikation. Es zählt jeder Blick, steter Augenkontakt, aufrechte Körperhaltung, Authentizität.

Sie waren von 2010 bis 2012 Leiterin des Referats Krisenprävention im Auswärtigen Amt. Hat da das Thema Gesprächsführung eine Rolle gespielt?

Christine Althauser: Ja, das gehörte natürlich dazu. Das war hochspannend. Es ging damals beispielsweise um den Konflikt im Südsudan, um den Arabischen Frühling. Wichtig war und ist bei Gesprächen und Verhandlungen die bewusste Zusammensetzung des Teams. Den Gender-Aspekt habe ich schon angesprochen. Ausschließlich maskulin besetzte Teams sind nicht förderlich. Die Gesprächsführung ist eine andere, wenn Frauen dabei oder im Lead sind. Das gilt auch für Verhandlungen, die Einkäufer führen, und zwar egal, ob in China oder in anderen Ländern.

Vielen Dank für das Gespräch.


Dr. Christine D. Althauser

Auswärtiges Amt (ret.) Generalkonsulin der Bundesrepublik Deutschland in Shanghai 2017 bis 2021

Christine Althauser studierte Politische Wissenschaften, Sinologie und Slawistik in Heidelberg, Taiwan, Moskau und Luxemburg. 1985 startete sie als Attachée im Auswärtigen Amt ihre diplomatische Karriere, die sie später u.a. an die Deutschen Botschaften in Peking, Den Haag und Moskau führte. Die gebürtige Lahrerin (Baden-Württemberg) war zudem im Planungsstab des Bundesverteidigungsministeriums in Bonn und als Leiterin der Krisenintervention im Auswärtigen Amt in Berlin tätig. Bevor Christine Althauser als deutsche Generalkonsulin nach Shanghai ging, war sie Botschafterin in Skopje (2014–2017). Die Mutter einer Tochter war nach Eintritt in den Ruhestand OSZE-Wahlbeobachterin in Serbien und Georgien. Sie engagiert sich u.a. im Beirat des China Netzwerk Baden-Württemberg (CNBW) und ist derzeit im Auswärtigen Amt in Berlin im Bereich internationaler Diplomatenausbildung tätig.

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