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Das verkannte Problem der heimischen Wertschöpfung

Meinung
Das verkannte Problem der heimischen Wertschöpfung

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Der Autor: Prof. Dr. Robert Fieten, wissenschaftlicher Berater der BA, Köln

Gestrichene Flüge, nicht entladene Container, brachliegende Baustellen, ausbleibende Handwerker – die Arbeiterlosigkeit ist allgegenwärtig und lässt auch die scheinbar so stabilen heimischen Wertschöpfungsketten reißen. Bietet also die von Globalisierungsskeptikern vielfach geforderte Rückführung der Wertschöpfungsketten (Reshoring) bei weitem nicht so viel Sicherheit wie landläufig vermutet wird?

Der bisherige Chef der Bundesagentur für Arbeit Detlef Scheele warnt in der Wirtschaftswoche, dass die echte Arbeiterlosigkeit erst noch komme. Seine düstere Prognose: Bis 2040 wird Deutschland wohl rund 8,7 Millionen Fachkräfte verlieren. Hierauf müssen sich unsere Unternehmen einstellen. Die Fachkräftesicherung ist zum entscheidenden Zukunftsthema geworden für unsere Wirtschaft. Den Einkäufern kann ich nur raten, präventiv zu eruieren, welche Risiken die Arbeiterlosigkeit für ihre Lieferketten bedeutet.

Die Unternehmen stehen vor einer gewaltigen quantitativen und qualitativen Herausforderung. Es folgen in den nächsten zwanzig Jahren nicht genügend junge Menschen auf die Anzahl derjenigen, die in Rente gehen. Gleichzeitig verändert sich die Arbeitswelt in einem rasanten Tempo. Es entstehen neue Jobs, die jedoch – und darin liegt ein Teil des Problems – zumeist eine höhere oder zumindest gänzlich andere Qualifikation verlangen.

Um den Fachkräftebedarf langfristig zu decken, muss an mehreren Stellschrauben gedreht werden. Zunächst muss das vorhandene Arbeitskräftepotenzial in unserem Lande voll ausgeschöpft werden. Ganz wichtig ist es dafür, die Anreize und Möglichkeiten für Jugendliche zum erfolgreichen Start in einer Ausbildung nach dem Schulabschluss zu verbessern. Dies impliziert auch, dass die Wertigkeit gewerblicher Arbeit wieder stärker in das gesellschaftliche Bewusstsein tritt. Wichtig ist auch, dass Ältere – soweit sie dazu gesundheitlich in der Lage sind – bis zum Renteneintrittsalter arbeiten können, und dass auch Inklusion stärker gelebt wird. Darüber hinaus muss mehr für die Qualifizierung getan werden.

Doch machen wir uns keine Illusionen. Alle diese Anstrengungen werden nicht ausreichen, um die Fachkräftelücke zu schließen. Zuwanderung ist deshalb wichtig, um damit auch den Folgen des demografischen Wandels zu begegnen. Die Bundesregierung hat das Problem erkannt und will das Fachkräfteeinwanderungsgesetz vereinfachen.

Arbeiterlosigkeit wird in den kommenden Jahren zu einem rasant wachsenden Risiko für unsere Wertschöpfungsketten. Dies darf nicht verkannt werden. Die Einkäufer sollten sich daher beim Lieferantenmanagement nicht nur auf die technische und wirtschaftliche Performance der externen Geschäftspartner und deren finanzielle Stabilität fokussieren. Bei Lieferantenbesuchen sollten sie sich auch ein Bild von deren personeller Ausstattung machen. Es darf nicht vergessen werden, dass Fachpersonal eine wesentliche Komponente des Kapitals von externen Partnern in den Wertschöpfungsketten ist.

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