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Inflationsgewinner erkennen

Meinung
Inflationsgewinner erkennen

Inflationsgewinner erkennen
Prof. Dr. Robert Fieten über Wettbewerb und Inflationsgewinner

Dies kommt Ihnen sicherlich bekannt vor: Sie gehen am Sonntagmorgen zum Bäcker, um die Frühstücksbrötchen zu kaufen. Die freundliche Verkäuferin reicht Ihnen die Tüte Brötchen und nennt Ihnen den Preis. Sie erschrecken, denn Brötchen, die noch vor einem Jahr 35 Cent kosteten, werden jetzt zu 45 Cent und noch mehr verkauft. Preissteigerung 28 Prozent und mehr. Hat sich die Verkäuferin etwa verrechnet? Auf Nachfrage erhalten Sie die Antwort: „Alles wird teurer“.

Dies ist leider so. Aber sind alle Preissteigerungen auch gerechtfertigt? Nach einem Jahrzehnt ungewöhnlicher Preisstabilität erleben wir zurzeit eine Inflation mit bis zu 10 Prozent. Leider spricht vieles dafür, dass die Inflation gekommen ist, um zu bleiben, und dass sich dies auch schon in den Erwartungen der Konsumenten verfestigt hat mit der Folge, dass sie Preissteigerungen vorschnell schlucken. Die naheliegenden Gründe für die Preissteigerungen sind die Angebotsknappheiten infolge gestörter Lieferketten, der Ukraine-Krieg mit den diesen begleitenden Sanktionen aber auch die Personalengpässe in den Unternehmen. Hinzu kommt eine in den letzten Jahren von den Notenbanken zur Krisenbekämpfung aufgeblähte Geldmenge. Diese trifft auf ein knappes Angebot und auch dies treibt die Preise.

»Die Unternehmen testen die Preiselastizität ihrer Nachfrage, und stellen fest, dass die Preisbereitschaft‧ der Kunden zugenommen hat.«

In diesem Umfeld erhöhen immer mehr Unternehmen ihre Preise. Dabei soll es vorkommen, dass manche die Gunst der Stunde nutzen und die Preise stärker erhöhen, als es die effektive Kostenentwicklung erfordert hätte. Auf leisen Sohlen kommt hier ein weiterer Inflationstreiber hinzu, auf den jüngst das Ifo-Institut Niederlassung Dresden aufmerksam gemacht hat. Die Unternehmen wollen unbedingt vor die Inflationswelle kommen, um ihre Margen und Gewinne zu sichern. Sie kalkulieren daher nicht mit historischen Kosten, sondern mit prospektiven Wiederbeschaffungskosten, und die werden tendenziell zu hoch eingeschätzt und fast nie wieder nach unten angepasst. Die Unternehmen testen die Preiselastizität ihrer Nachfrage, und stellen fest, dass die Preisbereitschaft der Kunden zugenommen hat. Die erstaunlich guten Zahlen, die über das 3. Quartal berichtet wurden, sprechen dafür, dass insbesondere im B2C-Geschäft nicht wenige Anbieter möglicherweise etwas kräftig an der Preisschraube gedreht haben und so zu Inflationsgewinnern geworden sind.

Was bedeutet dies nun für die Konsumenten einerseits und die professionellen EinkäuferInnen andererseits? Beide sollten mehr denn je die Strategie der Cost Avoidance praktizieren. Die Konsumenten sollten sich die Angebote genau ansehen und auch einmal nein sagen. Professionelle EinkäuferInnen sollten die altbekannten Techniken der Preis- und Kostenanalyse heranziehen und sich insbesondere einen Überblick über die Kostenentwicklung in den Wertschöpfungsketten ihrer Lieferanten verschaffen. Sie müssen darauf drängen, dass Lieferanten und Abnehmer die effektiv eingetretenen Kostensteigerungen fair teilen. Weder von den Konsumenten noch von den Einkaufsprofis sollte vergessen werden, das das beste Mittel gegen Preisexzesse – wie sie im Moment zu beobachten sind – darin besteht, einen funktionierenden Wettbewerb zu forcieren.

Der Autor Prof. Dr. Robert Fieten ist wissenschaftlicher Berater der Beschaffung aktuell.

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