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Ökostrom – knapp und teuer: Einkäufer in der Zwickmühle

Meinung
Ökostrom – knapp und teuer: Einkäufer in der Zwickmühle

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Der Autor: Prof. Dr. Robert Fieten, wissenschaftlicher Berater der BA, Köln

Die European Energy Exchange (EEX), also die Großhandelsbörse in Leipzig, meldet Mitte Juli 2021 den höchsten Strompreis seit zwölf Jahren. Dies bedeutet: Ein Unternehmen, das sich an der Börse Strom für das Folgejahr 2022 sichern will, muss dafür mehr als 70 Euro pro Megawattstunde zahlen – doppelt (!) so viel wie im März 2020.

Die Stromeinkäufer unserer Unternehmen befinden sich in einem echten Dilemma: Sie können ihren Unternehmen entweder langfristig einen Festpreis auf dem 70-Euro-Niveau sichern oder auf fallende Preise hoffen.

Nach Experteneinschätzungen kann die deutsche Wirtschaft einen Strompreis von deutlich mehr als 40 Euro pro Megawattstunde auf Dauer kaum verkraften. Die Energiewende, die Klimaschutz und industrielle Produktion zusammenbringen soll, würde bei Ökostrompreisen jenseits von 40 Euro und in etwa stabilen Preisen für Öl und Gas scheitern. Dann wäre im internationalen Vergleich eine klimaneutrale Produktion in Deutschland zu teuer mit der Folge einer Deindustrialisierung, die niemand wollen kann.

Die Ursachen für die Preisexplosion sind komplex, und die Sorgen vor einem weiteren Ansteigen der Strompreise sind leider real. Der Ball liegt vor allem im Spielfeld der Politik, die nicht weit genug gedacht hat. Sie hat die CO2-Zertifikate im Europäischen Emissionshandel künstlich verknappt und damit verteuert. Außerdem erhebt sie eine CO2-Steuer. Andererseits hat sie den steigenden Bedarf an Ökostrom für den nachhaltigen Umbau unserer Wirtschaft deutlich unterschätzt.

Das Tempo des Ausbaus der Erneuerbaren erweist sich heute als viel zu gering, um die theoretischen Vorgaben zu erreichen. Ohne einen entschlossenen Ausbau der Erneuerbaren, der Netze und Trassen wird hierzulande Ökoenergie zu einer unkalkulierbar teuren Mangelware. Die Stromeinkäufer werden in Ökostromverteilungskämpfe gedrängt, bei denen insbesondere unsere KMU auf der Verliererseite stehen dürften.

Da Kernenergie in Deutschland ein Tabu ist, muss das Angebot an Ökostrom hierzulande deutlich schneller als bisher ausgebaut werden, um den wachsenden Strombedarf zu decken und einen dauerhaften Preisschock zu vermeiden. Ob es uns gefällt oder nicht: Eine klimaneutrale Wirtschaft, die wir uns alle wünschen, braucht viel mehr Windräder und Solarkollektoren, aber auch Stromtrassen. Stand heute können die Übertragungsnetze den Ökostrom aus dem windreichen Norden nicht in ausreichender Menge in den industriereichen Süden und Westen bringen. Gleichzeitig steigt jedoch der Bedarf an CO2-freiem Strom (Stichwort Elektromobilität) massiv.

Schon nehmen große Unternehmen wie BASF in dieser Situation das Heft selbst in die Hand. Die Ludwigshafener investieren mit Partnern der Energiewirtschaft in den Bau von Produktionsanlagen für grünen Strom zu wettbewerbsfähigen Preisen. Würden sie aus den vorhandenen knappen Quellen den Grünstrom anderen wegkaufen, wäre für den Klimaschutz de facto nichts gewonnen.

Bleibt nur zu hoffen, dass die neue Bundesregierung die Problematik erkennt und beim Ausbau der Versorgung mit Ökostrom rasant Fahrt aufnimmt.

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