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Unsere Industrie in der Energiepreisfalle

Meinung
Unsere Industrie in der Energiepreisfalle

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Der Autor: Prof. Dr. Robert Fieten, wissenschaftlicher Berater der BA, Köln

Nicht erst seit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges ist Deutschland ein teures Energieland. Die in den letzten Monaten exorbitant steigenden Preise für Strom und Energie sind zu einem existenzbedrohenden Wettbewerbsnachteil für die deutsche Industrie und dabei insbesondere für die an den Standort Deutschland gebundenen mittelständischen Unternehmen geworden.

Ende August 2022 berichtet das Handelsblatt über Berechnungen der TU Darmstadt, denen zufolge deutsche Industrieunternehmen für Erdgas einen aktuellen Marktpreis zahlen, der um den Faktor acht höher liegt als der Marktpreis in den USA. Ende August 2022 liegt der Großhandelspreis für Lieferungen im Jahre 2023 bei 270 Euro pro Megawattstunde. Hinzu kommen noch Steuern und Abgaben (Konzessionsabgaben, Netzentgelte und im Oktober möglicherweise die neue Gasumlage). Energiekosten in derartiger Höhe überfordern unsere energieintensiven Industrien (Chemie, Stahl, Papier, Baustoffe, Zement und Glas). Die Energiepreisrallye ist vor allem ein Schlag in die Magengrube der mittelständischen Unternehmen, die ihre Produktion nicht an kostengünstigere Auslandsstandorte verlagern können.

Die immer lauteren und häufigeren Kassandrarufe aus der deutschen Industrie sind deshalb so brisant, weil der eigentliche Energiekostenschub sich erst im kommenden Jahr in den GuVs und Bilanzen niederschlagen wird. Nicht wenige Unternehmen, vor allem größere, profitieren zurzeit noch von alten Lieferverträgen und/oder von klugen Hedging-Strategien, die sie für eine gewisse Dauer vor den zurzeit zu beobachtenden Preissprüngen schützen. Ihre Energieeinkäufer haben in den vergangenen Jahren zweifellos gute Arbeit geleistet. Doch die Verträge und Absicherungsvereinbarungen laufen sukzessive aus mit der Folge, dass sich die Unternehmen in den kommenden Monaten zu den dann geltenden Preisen mit Strom und Erdgas werden eindecken müssen. Dies dürfte aus heutiger Sicht sehr teuer werden. Die Schere zwischen Deutschland und anderen Ländern geht bei den Strom- und Gaspreisen eher weiter auf. So sind die USA für energieintensive Branchen zu einem sehr attraktiven Standort geworden, und was einmal dorthin auswandert, kommt nicht mehr zurück.

Für die hohen Energiepreise in unserem Lande gibt es ein Bündel von Gründen. Aktuell treiben die immer höheren Gaspreise den Strompreis. Zwar werden Gaskraftwerke in Spitzenzeiten zuletzt angeworfen, weil sie am teuersten produzieren. Unter den derzeitigen Regeln des Merit-Order-Systems wird der Strompreis durch die zuletzt benötigte und damit teuerste Kilowattstunde für alle Erzeugungsarten gesetzt. In den letzten Monaten kam die letzte Kilowattstunde aus Gas. Dies hat zur Folge, dass auch Wind-, Solar-, Atom- und Braunkohlestrom mit dem Strompreis einheitlich auf Basis von Erdgas vergütet werden. Ein solches Marktdesign ist nicht mehr tragfähig. Die Politik muss daher eine grundlegende Reform des Strommarktes auf den Weg bringen – und dies jetzt mit aller Konsequenz!

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