Digitales Lieferantenmanagement

Der Use Case Monitor verspricht Qualitätssicherung bei allen Partnern

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Bieten Unternehmen komplexe digitale Produkte an, die in enger Zusammenarbeit mit Partnerunternehmen entwickelt wurden, stellt sich die Frage: Wie kann man die Leistungserbringung über die gesamte Supply Chain durch ein einheitliches Lieferantenmanagement sichern? Die TU Berlin hat dafür den Use Case Monitor entwickelt. Er überwacht alle mit einem Produkt verbundenen digitalen Dienstleistungen der involvierten Partner, wertet Daten aus und leitet präventive Maßnahmen ein, um die Qualitätsstandards zu sichern.

Aufgrund der geringen Wertschöpfungstiefe in vielen Industrieunternehmen ist die bereichsübergreifende Steuerung der Logistik und Qualität von Beschaffungsumfängen sehr wichtig für Unternehmen. Leider fehlt es aber oft an einer belastbaren, durchgängigen Tool-Landschaft mit standardisierten Methoden, Richtlinien und Geschäftsprozessen. Um die Produkt- und Prozessqualität entlang der gesamten Supply Chain sicherzustellen, müssen also neue Methoden gefunden werden.

Die TU Berlin hat sich des Problems angenommen. Dort entstehen derzeit innovative Qualitätsstrategien, die die Kundenzufriedenheit sicherstellen und digital vernetzte Geschäftsmodelle in Partnernetzwerken absichern wollen.

Vom Fahrzeug zur Mobilität

Ein Beispiel aus der Automobilindustrie: Das Produkt „Fahrzeug“, etwa ein Elektroauto, entwickelt sich immer mehr zu einem Produkt „Mobilität“, bestehend aus dem Fahrzeug und den damit vernetzten, digitalen Funktionen, die auch als Use Cases beschrieben werden können. Zu den angesprochenen digitalen Funktionen könnten zum Beispiel gehören: die Ladesäuleninfrastruktur bei E-Autos, die dazugehörige Ladeabrechnung, externe Dienstleistungen wie Spotify zum Musikhören im Auto oder Carplay, die Smartphone-Schnittstelle des Anbieters Apple und Verkaufsideen, die kostenloses Parken in Parkhäusern eines bestimmten Anbieters beinhalten.

Überwachung der Qualität

Beim traditionellen Produkt „Fahrzeug“ war es noch möglich, die Qualität von zugekauften Fahrzeugkomponenten bei der Anlieferung zu prüfen – so konnten schon am Anfang der Lieferkette Komponenten ausgeschlossen werden, die den Standards nicht entsprachen oder fehlerhaft waren. Bei dem Produkt „Mobilität“ ist das nicht mehr möglich, da dort das Zusammenspiel der einzelnen digitalen Funktionen oder Use Cases erst im Betrieb sichtbar und messbar wird. Aufgrund dieser hohen Varianz entstehen Qualitätsrisiken, die ein Unternehmen nicht vollends im Entwicklungsprozess ausschließen kann. Oft hat ein Automobilhersteller nicht einmal mehr einen direkten Zugriff auf die Gesamtfunktionen des Systems „Mobilität“. So kann er nicht sicherstellen, dass eine angefahrene Ladesäule auch tatsächlich funktioniert: Wird der Kunde mit einem „defekt!“-Schild negativ überrascht, ist seine Fahrt schnell vorbei.

Diese Entwicklung stellt den Einkäufer von morgen vor ganz besondere Herausforderungen. Zum einen müssen sich die Geschäftsmodelle im Ein- und Verkauf ändern, zum anderen müssen auch eingekaufte digitale Funktionen oder Use Cases überwacht werden können. Bei Letzteren tritt der Use Case Monitor der TU Berlin in Aktion.

Aus vielen mach eins

Zuerst zu den Änderungen der Geschäftsmodelle. Am Beispiel des Produkts „Mobilität“ wird deutlich, dass Technologien und Branchen verschmelzen. So arbeiten im Falle der E-Mobilität Automobilhersteller mit verschiedenen neuen Partnern wie Energieanbietern, Telekommunikationsanbietern und weiteren Dienstleistern der Infrastruktur in einem branchenübergreifenden Partnernetzwerk zusammen.

Um die Leistungserbringung sicherzustellen, müssen sich die Partner entlang zunehmend digitalisierter Supply Chains effizient koordinieren. Das Unternehmen, welches das komplexe Produkt „Mobilität“ an den Kunden verkauft, muss also in einem integrierten Geschäftsmodell sicherstellen können, dass alle extern entwickelten Use Cases funktionieren. Hierbei gilt es, die kundenrelevanten Funktionen zu erkennen, diese trotz branchenspezifisch abweichender Qualitätsansprüche zu integrieren und Modelle zur Zusammenarbeit zu entwickeln. Dafür muss der Automobilanbieter das Partnernetzwerk federführend steuern. So entsteht eine neue Form des Lieferantenmanagements.

Qualitätsmanagement aus einem Guss

Liegt nun die Verantwortung und das kontinuierliche Lieferantenmanagement bei dem Automobilanbieter, benötigt dieser auch ein Werkzeug, um die digitalen Funktionen oder Use Cases des Produkts „Mobilität“ überwachen zu können. Denn die vollständige Sicherung der Qualitätsstandards kann nur funktionieren, wenn das Unternehmen die Daten aller mitwirkenden Partner auswerten kann. Die Steuerung branchenübergreifender Kooperationen erfordert eine IT-gestützte Gestaltung und Überwachung digitalisierter Supply Chains.

In einem Forschungsprojekt mit einem großen Automobilhersteller hat die TU Berlin ein Modell namens „Use Case Monitor“ entwickelt, das für die digitalen Dienstleistungen als präventives Risikomanagement-Tool dienen kann. Der Use Case Monitor ist ein Element der Business Analytics, der durch Verfahren des Dataminings kritische Use Cases und Partner in der Supply Chain identifiziert.

Zieht man das Beispiel der Ladesäuleninfrastruktur zurate, können hier Eigenschaften wie Standort, Ladedauer und Abrechnung aller im Netz angeschlossenen Säulen überwacht werden. Im Rahmen dieser Tätigkeiten werden sowohl qualitatives Feedback vom Kunden als auch quantitatives Feedback in Form automatisiert übertragener Sensorinformationen erfasst und mit Trend- und Prognosemodellen auf latente Risiken untersucht. Das Modell kann dann Anomalien einzelner oder mehrerer Säulen im direkten Vergleich entdecken und ersichtlich machen (siehe Infogramm). So wird für ein gutes Kundenerlebnis die Funktionstüchtigkeit und Performance des Use Cases durch eine kontinuierliche Aufnahme und Auswertung von Betriebsdaten sichergestellt.

Der Automobilhersteller kann dabei durch die Analyse dieser großen und komplexen Datenstrukturen erkennen, ob und wo ein Problem vorliegt. Basierend auf diesen Informationen können im Liefermanagement verschiedene, präventive Maßnahmen ergriffen werden, um die Performance des Produkts „Mobilität“ zu erhalten und zu verbessern. Dabei entstehen bis dato fehlende Methoden, Richtlinien und Kompetenzprofile für eine praktische, IT-gestützte Umsetzung der digital vernetzten Geschäftsmodelle.

Implikationen für den strategischen Einkauf

Doch was bedeuten diese Veränderungen für den Einkauf? Erstens erfordern digital vernetze Produkte eine neue Organisation des Einkaufs. Ein Lieferantenmanagement über alle Partner hinweg kann die externe Leistungserbringung mithilfe standardisierter Prozesse bei der Qualitätsüberwachung sicherstellen. Ein solches Management folgt aus einer Analyse bestehender Prozesse, der Modellierung von zukünftigen Beschaffungsabläufen sowie deren Abbildung in IT-gestützten Informationssystemen, wobei Modelle wie der Use Case Monitor zum Einsatz kommen. Ziel ist eine betriebswirtschaftliche Optimierung der Prozesskosten durch eine frühzeitige Lieferantenintegration, bereichs- und branchenübergreifende Leistungsbewertung und effiziente Steuerung der Wertschöpfungssysteme.

Zweitens sind im Beschaffungsmanagement neue Werkzeuge gefragt. Zur Abbildung der Einkaufsprozesse dienen IT-gestützte Methoden wie eine Lieferanten-Watchlist mit Trend- und Prognosemodell, ein Prozesskosten-Cockpit und ein bereichsübergreifendes Organisationsmodell mit einem workflowbasierten Lieferantenlenkungskreis. Zukünftige, digitale Beschaffungsumfänge wie zum Beispiel Apps zur Abrechnung von Ladevorgängen können mithilfe innovativer Methoden im Rahmen des Produktdaten-Managements in die Informationssysteme integriert werden. Durch die Digitalisierung der entsprechenden Einkaufsprozesse wird eine Optimierung der Abläufe und somit der Prozesskosten erreicht.

Drittens verändert sich durch die digitalisierte Produktlandschaft auch die strategische Rolle des Einkaufs im Unternehmen. Die im Informationssystem gesammelten Betriebsdaten der Use Cases bieten das Potenzial, attraktive und individuelle Funktionen für Kunden abzuleiten und zu entwickeln. Eine systematische Auswertung des Kundenverhaltens ermöglicht die Erweiterung der mit den Partnern vereinbarten Leistungserbringung und führt zu einer zunehmenden Verbesserung der bestehenden Geschäftsmodelle. So erhält der Einkauf einen Platz am strategischen runden Tisch, leistet einen Beitrag zur Sicherung des langfristigen Unternehmenserfolgs und steigert damit die eigene Wettbewerbsfähigkeit gegenüber internationalen Playern.


Was der Use Case Monitor kann

Präventive Maßnahmen am Beispiel der Ladesäule

  • Anomalie einer einzelnen Ladesäule. Verändert sich das Verhalten einer Ladesäule bei gleichen Rahmenbedingungen im Netzwerkvergleich, neigt sie zum Beispiel plötzlich zu viel längeren Ladezeiten, dann könnte hier ein Betriebsausfall drohen. Als präventive Maßnahme müssen die verantwortlichen Partner (Ladesäulenanbieter, Automobilhersteller) auf die Anomalie hinweisen und eine präventive Wartung vorsehen, um den kompletten Ausfall der Säule zu vermeiden.
  • Anomalie mehrerer Ladesäulen. Verhält sich eine Gruppe ähnlicher Ladesäulen abnormal, dann kann der Use Case Monitor dabei unterstützen, gemeinsame Eigenschaften zu isolieren. So kann zum Beispiel der Standort eine Rolle spielen, indem bei kaltem Wetter Ladesäulen nur bedingt funktionieren. Daraufhin muss der Automobilanbieter mit dem Ladesäulenanbieter besprechen, ob sich Design-Änderungen anbieten, um die Ladesäule temperaturresistenter zu gestalten.
  • Anomalien im Geschäftsmodell. Sind beispielsweise die drei Ladesäulen im Stadtzentrum gar in Dauerbelegung, aber die eine Ladesäule auf dem Land immer ungebraucht, dann kann das Auswirkungen auf das Geschäftsmodell haben. Aufgrund der mit dem Use Case Monitor gesammelten Daten kann zum Beispiel darüber nachgedacht werden, eine neue Säule in der Stadtmitte zu installieren oder die Säule auf dem Land abzubauen. Das Teilen der Daten hilft also nicht nur zur Qualitätssicherung für den Kunden, sondern auch bei der Weiterentwicklung der Geschäftsmodelle.

Zum Autor

Prof. Dr.-Ing. Robert Dust…

… hat im Oktober 2015 die Leitung des Fachgebiets „Qualitätsstrategie und Qualitätskompetenz“ am Institut für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetrieb der TU Berlin übernommen.

Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf dem Qualitätsmanagement von Kaufteilen und auf neuen Strategien zur Absicherung von innovativen Technologien und Systemen in der Automobilindustrie, vor allem bei der E-Mobility. Oft fehlen nämlich Strategien zur nachhaltigen Sicherstellung der Produkt- und Prozessqualität in den Beschaffungsnetzwerken. Prof. Dust hat durch die Erweiterung etablierter Qualitätsmanagementmethoden einen Lösungsansatz entwickelt, der im Rahmen von Hochschulprojekten in der Automobilindustrie und in anderen Branchen erfolgreich eingesetzt wird.


Prof. Dr.-Ing. Robert Dust,
TU Berlin

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