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Der Einfluss der Sanktionen auf die Lieferketten

Handlungsalternativen für Unternehmen
Der Einfluss der Sanktionen auf die Lieferketten

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Sanktionen gegen Russland haben aufgrund der Lage und Größe des Landes erheblichen Einfluss auf den Welthandel. Bild: Nuthawut/stock.adobe.com
Sanktionen sind Gift für die Wirtschaft. Das ist ihr Sinn und ihre Daseinsberechtigung. Allerdings treffen sie nie nur das Land, gegen das sie sich richten, sondern können weitergehende Auswirkungen haben – insbesondere auf die internationalen Lieferketten. Das lässt sich aktuell an den Sanktionen gegen Russland beobachten.

Aufgrund seiner strategischen Lage und Größe kommt Russland eine zentrale Rolle innerhalb internationaler Lieferketten zu, vor allem auf dem Landweg. Dementsprechend schwerwiegende Konsequenzen haben Sanktionen auch für die deutsche Wirtschaft. Die größten Auswirkungen hat das Ausbleiben von Rohstoffen, allen voran Öl und Gas. Ohne sie wird z. B. die Energieerzeugung schwierig, wodurch wiederum weniger gefertigt werden kann. Ein Umstand der auch durch das Ausbleiben der ebenfalls sanktionierten Kohle noch weiter verstärkt wird.

Aber nicht nur Güter werden sanktioniert, sondern auch Transportwege. So sind mittlerweile Flugverbote für russische Fluggesellschaften bzw. in Russland gemeldete und aus Russland operierende Flugzeuge erlassen worden. Zusätzlich zu diesen wirtschaftlichen Sanktionen wurden nahezu alle größeren Banken vom SWIFT-Verfahren ausgeschlossen. Hierdurch wird der internationale wirtschaftliche Spielraum weiter beschnitten.

Deutsche Lieferketten sind betroffen

Auch in Deutschland führt das Ausbleiben russischer Rohstoffe zu nachlassender Produktion. Russische Kohle und Eisen machen beide ca. 5 Prozent des deutschen Verbrauchs aus, bei Öl liegt der Anteil noch höher. Dies hat zur Folge, dass in Deutschland sowie der EU hergestellte Produkte zum Teil nur in geringerer Stückzahl vorhanden sind und damit nur in kleineren Mengen international verschifft werden können. Ein Umstand, der spätestens augenfällig wird, wenn sich die Lieferketten wieder entspannen, dann also anstelle von Transportkapazitäten Produkte für den Transport in bestimmten Bereichen knapp werden. Auch der Verlust Russlands als Absatzmarkt für die deutsche Wirtschaft ist beachtlich, insbesondere im Bereich Industriefahrzeuge und -geräte. Dasselbe gilt für industriell benötigte Kleinteile, z. B. Generatoren, Suchausrüstung für Grabungen sowie Rollenlager.

Darüber hinaus sind durch den Ukrainekrieg besonders die Luftfahrt und der Güterverkehr beeinträchtigt worden, weil nun längere Routen zurückgelegt werden müssen. Einige dieser Routen mussten komplett neugestaltet werden. Dies hat zu Folge, dass insbesondere Lieferzeiten weiterhin hoch bleiben. Die Luftfracht muss z. B. auf Strecken weiter im Süden ausweichen, weil der ukrainische Luftraum zum Sperrgebiet für die kommerzielle Luftfahrt deklariert wurde. Dadurch gerät sie – in Verbindung mit der durch Lockdowns in China bereits erhöhten Nachfrage – noch mehr unter Druck, was sich in gestiegenen Preisen widerspiegelt. Seewege wiederum leiden unter dem Rückstau. Zudem ist das nördliche Schwarze Meer, einer der Hauptauslaufpunkte für Getreide weltweit, von Versicherungen als Hochsicherheitsrisikogebiete eingestuft worden.

Alternativen für mehr Handlungsspielraum

Deutsche Unternehmen sind der aktuellen Situation allerdings nicht hilflos ausgeliefert. Für Eisen und Stahl sind z. B. China und Indien alternative Lieferanten. Für Öl und Gas können vor allem die USA als Handelspartner einspringen, zudem Saudi-Arabien und Katar. Kohle wiederum könnte aus Indonesien und Australien bezogen werden, da die Fördermenge beider Länder noch ausbaufähig ist.

Eine Verlagerung der Lieferketten nach Fernost wird allerdings nicht gerade zur Entspannung der logistischen Situation dort beitragen. Auswirkungen von Lockdowns, Havarien und Rückstaus konnten bis jetzt nur schrittweise behoben werden. Insbesondere die zweite Evergreen-Teilhavarie und die Lockdowns in China wirken sich immer noch negativ auf die globalen Lieferketten aus. Eine Verlagerung von der Schiff- auf die Luftfracht konnte diese Situation etwas entzerren, hatte jedoch andere unerwünschte Nebenwirkungen. Zudem stabilisiert sich diese Entwicklung erst in letzter Zeit ein wenig.

Alternative, neue Transportrouten kann niemand aus dem Hut zaubern. Aktuell wird aber eine Alternative geplant, die verschiedene Transportmittel kombiniert und von China über Kasachstan und Aserbaidschan führt. Unternehmen selbst können mit frühzeitiger Planung in Verbindung mit Flexibilität bei der Nutzung von ungenutzten Frachtplätzen die verlängerten Lieferzeiten zumindest teilweise abfedern. Die Nutzung entsprechender Software kann helfen, den Überblick sowohl über die Gesamtsituation als auch über Alternativen z. B. bei Leerstellen zu behalten.

Lieferketten flexibler gestalten

Um die aktuelle Problematik, insbesondere etwaige Gegensanktionen, zu bewältigen, bedarf es neuer Handelspartner und der Vertiefung bestehender Partnerschaften. Gleiches gilt auch für etwaige Umsatzwegfälle. Etablierung neuer und Ausbau bestehender Partnerschaften wird allerdings die bestehenden Lieferrouten noch stärker in Anspruch nehmen. Die globale Lieferkettensituation bleibt also weiter angespannt und kann nur mittel- bis langfristig entwirrt werden.

Das frühere Prinzip der Just-in-Time-Lieferung funktioniert in einer Welt mit immer größeren und komplexeren Unterbrechungs- und Störszenarien nicht mehr. Unternehmen müssen sich deshalb langfristig und vorausschauend überlegen, wie sich das Geschäft, der Markt, die Kunden und Lieferanten unter bestimmten Voraussetzungen verändern könnten. Als sinnvolle Maßnahmen erscheinen die Entwicklung alternativer und zusätzlicher Lieferantenverbindungen und die Investitionen in digitale Lieferketten.

Um die angespannte Lage zu meistern, bedarf es eines schnellen und agilen Entscheidungsprozesses auf Basis von fundierten Echtzeitdaten. Wenn die letzten zwei Jahre eins verdeutlicht haben, dann dass Konkurrenz- und Überlebensfähigkeit genau das verlangen. (ys)

Flexport, Inc.
de.flexport.com


Bild: Flexport

Stefan Böhler,

General Manager, Flexport Deutschland

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