Ersatzteilwesen: Nutzen von Kooperationen auf einer digitalen Plattform

Ersatzteilwesen

Nutzen von Kooperationen auf einer digitalen Plattform

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Durch Pooling von Ersatzteilen auf einer digitalen Plattform können Einkäufer Effizienzvorteile bei gleichzeitiger Versorgungssicherheit erzielen. Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt ETKoop zeigen, wie eine solche Plattform aufgebaut wird und welcher Nutzen daraus gezogen werden kann.

Die fortschreitende Globalisierung ermöglicht eine stärkere Vernetzung, Automatisierung und leistungswirtschaftliche Verflechtung. Es entstehen verstärkte Abhängigkeiten in Wertschöpfungsnetzwerken, die bisher nicht ersichtlich waren. Der Ausfall einer intralogistischen Anlage kann die Wertschöpfungsketten stark beeinträchtigen und weitreichenden wirtschaftlichen Schaden anrichten. Um die Ausfallzeit solcher Anlagen zu minimieren, folgen mittlere Unternehmen zumeist reaktiven Instandhaltungsstrategien. Eine solche bedingt jedoch die Lagerhaltung hoher Ersatzteilbestände, was zwar eine schnelle Instandhaltung von Anlagen sichert, aber mit hohen Bevorratungskosten verbunden ist. Für Unternehmen ergibt sich bei der Versorgung mit Ersatzteilen somit ein Trade-off zwischen kostenminimaler Bereitstellung und maximaler Verfügbarkeit. Eine digitale Plattform, auf der die Ersatzteile mehrerer Unternehmen in einem virtuellen Pool zusammengefasst werden, kann Nachteile der Eigenbevorratung reduzieren. Dazu gehören zum Beispiel hohe Kapitalbindung, Lagerkosten und das Risiko der Überbevorratung.

Die Ersatzteile werden über das Netzwerk verteilt. Somit reduziert sich die Gesamtzahl vorrätig gehaltener Ersatzteile. Je beteiligtem Unternehmen wird nun ein geringerer Bestand benötigt, um die geforderten Instandhaltungssicherheiten zu gewährleisten.
Ein Ersatzteil-Pooling kann demnach zu Effizienzvorteilen für den Einkauf bei gleichzeitiger Versorgungssicherheit führen. Dies stellt vor allem für mittlere Unternehmen ein zukunftsträchtiges Geschäftsmodell dar.

Das Pooling mittels Plattformkonzept

Digitale Plattformen, mit denen man den Herausforderungen und Möglichkeiten der Globalisierung und Digitalisierung begegnet, sind derzeit ein omnipräsentes Konzept. Plattformen bieten bei steigender Automatisierung, Verflechtung und Vernetzung großes wirtschaftliches Potenzial zur disruptiven Veränderung ganzer Branchen – und das in kürzester Zeit. Beispielhaft sind hier digitale Plattformbetreiber wie Amazon oder Airbnb. Im industriellen Kontext sind unter anderem MindSphere, Predix oder Adamos bekannt. Die für den Erfolg einer Plattform entscheidenden Mechanismen lassen sich zusammenfassen mit Skalierung, Monetarisierung, Steuerungsmechanismen und Performance Measurement. Skalierung beschreibt, wie eine ausreichend große Nutzeranzahl für die Plattform gewonnen wird, damit Skaleneffekte erreicht werden. Der Vorteil digitaler Plattformen gegenüber bestehenden Geschäftsmodellen ist, dass die Skalierung ohne hohe Investitionen in die Infrastruktur zu erreichen ist. Monetarisierung meint, ob und wie die verschiedenen Teilnehmer auf der Plattform bepreist werden. Steuerungsmechanismen dienen der Kontrolle, Überwachung und Steuerung des Verhaltens der Teilnehmer. Performance Measurement dient der Erfolgskontrolle durch speziell auf die Plattform zugeschnittene Kennzahlen.

Im virtuellen Pooling auf einer digitalen Plattform werden die Bestände geeigneter Ersatzteile aller beteiligten Unternehmen erfasst und in einer Datenbank hinterlegt. Die Unternehmen können ihre eigenen Bestände verringern, da sie auch auf die Ersatzteile der anderen Unternehmen zugreifen können und die Versorgungssicherheit somit gewährleistet ist.
Das Konzept dieser Plattformen wird mit der Idee einer Pooling-Kooperation von Ersatzteilen verknüpft. Es werden hierfür zunächst poolinggeeignete Ersatzteile identifiziert und kategorisiert. Darunter werden Ersatzteile verstanden, die sowohl hochpreisig sind als auch mehrfach verwendet werden und deren Bedarf schwierig prognostizierbar ist. Durch eine quantitative und qualitative Analyse von Ersatzteilbeständen der Projektpartner im Forschungsprojekt ETKoop zeigt sich, dass bis zu 55 Prozent des Wertes aller gelagerten Ersatzteile poolinggeeignete Eigenschaften aufweisen.

Die Möglichkeiten digitaler Plattformen für den Einkauf werden von großen Unternehmen bereits durch ihre Struktur der zahlreichen großen Lager mit vielen Ersatzteilen erzeugt. Kleine Unternehmen hingegen haben kaum Ersatzteile auf Lager, weshalb sie die positiven Plattformeffekte nicht optimal nutzen können. Mittlere Unternehmen sind die größten Profiteure digitaler Plattformen im Einkauf. Einerseits haben sie die internen Lagerstrukturen, um virtuelles Pooling zu betreiben und andererseits genügend Ersatzteile auf Lager, um signifikante Einsparungen in Einkauf und Lagerbetrieb zu erreichen.

Potenziale einer Ersatzteilplattform

Zur besseren Bewertung der Plattformen werden nun beispielhaft Einsparmöglichkeiten durch das Plattformkonzept gezeigt sowie die Stärke ihrer Auswirkungen.
Die Abbildung (oben) zeigt, dass in der Verringerung der Lagerkosten und der Realisierung von Skaleneffekten beim Einkauf, die größten Möglichkeiten zur Kostenreduktion liegen. Die Verringerung der bevorrateten Ersatzteile hat unmittelbare Auswirkung auf die Lagerkosten. Da bis zu 55 Prozent der Ersatzteile nicht mehr im eigenen Lager vorgehalten werden müssen, ist das der größte Stellhebel. Skaleneffekte im Einkauf sind insbesondere für mittlere Unternehmen relevant. Wenn sie über die Plattform als Einkaufsgemeinschaft auftreten, erhöhen sich die Einkaufsvolumina und damit die Verhandlungsmacht. Das ermöglicht, dass Ersatzteile vom Hersteller zu einem niedrigeren Preis über die Plattform erworben werden.

Poolinginterne Lieferkosten haben geringeren Einfluss, da sie einer fixen Bandbreite unterliegen. Der Effekt des Bevorratungskostensatzes korreliert mit den Lagerbeständen, ist jedoch durch einen hohen Fixkostenanteil stärker begrenzt. Der Poolingbeitragssatz ist von der Anzahl teilnehmender Unternehmen auf der Plattform abhängig. Er ist prozentual an die Bestellmenge geknüpft und hat einen geringen Einfluss und damit ein geringes Einsparpotenzial.
Neben den direkten Effekten auf die Lagerbestände sind die Potenziale, die sich für den Einkauf ergeben, am wichtigsten. Es empfiehlt sich daher, in der Bewertung von Geschäftsmodellen für mittlere Unternehmen in der Zukunft die Effekte für den Einkauf besonders zu berücksichtigen.


Das Forschungsprojekt

ETKoop

Um den Konflikt zwischen niedrigen Bevorratungskosten und geringen Ausfallzeiten zu lösen, wird im Forschungsprojekt ETKoop ein ganzheitliches Vorgehen zur Etablierung und Steuerung eines Ersatzteilpoolings von Intralogistikanlagen entwickelt. Die Teilnahmemöglichkeit im Projekt richtet sich speziell an KMU, die von direkter Einbindung in das Projekt und den erarbeiteten Ergebnissen profitieren können. Interessierte Unternehmen können gerne das International Performance Research Institute (IPRI) kontaktieren (mjung@ipri-institute.com).

Förderhinweis: Das IGF-Vorhaben 18755 N/1 der Forschungsvereinigung Bundesvereinigung Logistik (BVL) wurde über die AiF im Rahmen des Programms zur Förderung der Industriellen Gemeinschaftsforschung (IGF) vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages gefördert.


Weiterführende Literatur

  • Hafner, Yannic; Jung, Markus (2018): Kooperatives Bestandspooling von Ersatzteilen. In: ZWF – Zeitschrift für Wirtschaftlichen Fabrikbetrieb 113 (3), S. 199–202
  • Seiter, Mischa (2017): Business Analytics: Effektive Nutzung fortschrittlicher Algorithmen in der Unternehmenssteuerung, Vahlen
  • Seiter, M.; Endres, F. et al. (2017): Das Zeitalter der Plattformen. Zentrale Aspekte des Managements und Controllings digitaler Plattformen.

Markus Jung, Samira Schäfer, Yannic Hafner (v. o.)

Forschungsprojekt ETKoop

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