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Auf Sand gebaut

Rohstoff des Monats: Sand
Auf Sand gebaut

Diesen Rohstoff gibt es sprichwörtlich wie Sand am Meer – und trotzdem ist er immer schwerer zu beschaffen. Das wirkt sich auf Preise und Liefertermine aus. Dabei ist Sand für die Bauindustrie, für Glashütten oder auch in der Halbleiter-Produktion unverzichtbar.

Michael Grupp, Journalist, Stuttgart

Sand wird unterschätzt. Er ist neben Wasser der zweitwichtigste Industrie-Rohstoff der Welt. 80 Prozent der vom Menschen hergestellten Dinge bestehen aus Beton – und damit überwiegend aus Sand; Kunststoffe machen dagegen nur 0,7 Prozent aus. Auch die Glasindustrie sowie die Halbleiter-Produktion bauen auf die kleinen Körner.

Sand ist Stein, der im Laufe der Jahrtausende durch Wind und Wetter auf ein Maß zwischen 0,063 und zwei Millimeter verkleinert wurde. Noch feiner wird das Material Schluff genannt, etwas gröber als Kies bezeichnet. So unterschiedlich wie die Ausgangsmaterialien und die einwirkenden Prozesse, so vielfältig sind die daraus entstehenden Sande. Die Bandbreite reicht vom karibischen Karbonatsand aus Muscheln, über amerikanische White Sands aus den großen Salzseen bis hin zu deutschen Quarzsanden. Diese bestehen überwiegend aus Quarz (SiO2); eines der härtesten Naturmaterialien. Diese Härte macht Quarzsande besonders geeignet für die Betonherstellung.

Wüstenländer
importieren Sand

Drei Viertel des weltweit abgebauten Sandes verarbeitet die Bauindustrie zu Beton. Enthalten ist er darüber hinaus auch in Ziegeln, Asphalt und Mauersteinen. Da vor allem Asiens Metropolen rasant wachsen, verbraucht China derzeit zwei Drittel des weltweit geförderten Sandes. Die Volksrepublik hat in den letzten vier Jahren so viel von dem Rohstoff verbraucht, wie die USA in den letzten hundert Jahren. Auch die prosperierenden Golfstaaten importieren große Mengen, da Wüstensand im Laufe der Zeit vom Wind rund geschliffen wird. Beton aus Wüstensand haftet und bindet deshalb nicht ausreichend. Für Beton geeignet sind ausschließlich Meeressand oder Grubenvorkommen. Für den Bau des weltweit höchsten Wolkenkratzers Burj Khalifa wie auch für die acht neuen Fußballstadien in Katar wurde deshalb Sand aus Australien importiert. „Selling sand to an arab“ ist in den USA ein geflügeltes Wort für ein schwieriges Unterfangen – Down Under machte es zum Milliardengeschäft.

Die Weltförderung von Sand beträgt ungefähr 50 Mrd. Tonnen und wächst jährlich um fünf Prozent. Daraus ließe sich rund um den Globus eine 20 Meter hohe und breite Mauer bauen – Jahr für Jahr. Allerdings ist das deutlich mehr, als die Natur neu erschaffen kann. Infolgedessen wird Sand immer knapper – und teurer. Rund um den Globus sind inzwischen mafia-ähnliche Strukturen entstanden. In Jamaika haben bewaffnete Kriminelle einen 400 Meter langen Sandstrand „geklaut“, insgesamt 500 Lastwagenladungen und mit dem Einsatz von Maschinenpistolen. Besonders brisant ist die Lage in Indien. Dort mussten schon Bauvorhaben aus Sandmangel eingestellt werden. Im Kampf gegen kriminelle Beschaffung und Korruption haben dort bereits mehrere Journalisten und Polizisten ihr Leben gelassen. Und manche Südseeinsel verschwindet nicht wegen eines steigenden Meeresspiegels, sondern weil zuvor Raubbau an den Küsten getrieben wurde.

Aus einer Tonne Quarzsand mit einem Siliziumdioxidgehalt von mehr als 99 Prozent können 5000 Wafer für die Mikrochipindustrie oder auch 100 Glasscheiben hergestellt werden. Quarzsand kann aber noch mehr: Er wird als Füllstoff in Zahnpasta eingesetzt, in Poliermitteln, Papier und Arzneimitteln oder auch als Filtersand für die Wasseraufbereitung. In Gießereien dient Sand als Grundstoff zur Herstellung von Formen – um nur einige wenige Einsatzbereiche zu nennen.

Deutschland besitzt reichhaltige Vorkommen an Sand. Rund 2000 Sand- und Kiesgruben fördern hierzulande pro Jahr rund 240 Millionen Tonnen Bausand und Kies. Viele bestehende Lagerstätten wurden in den letzten Jahren allerdings zu Naturschutzgebieten erklärt oder einfach überbaut, weil Sand „wie am Meer“ verfügbar war und deshalb gering geschätzt wurde. Das hat sich mit dem weltweiten Bauboom geändert. Reaktivierungen sind allerdings schwierig. Vom Antrag bis zum Baubeginn einer Grube vergehen durchschnittlich zehn Jahre. Deshalb begrenzt Sand (wie auch Holz) derzeit die Bautätigkeit in Deutschland. „In Berlin warten sie zwei Wochen auf bestimmte feine Betonmischungen“, warnt die Bundesingenieurkammer.

HeidelbergCement ist einer der weltweit führenden Sand- und Beton-Händler. Aber selbst der Branchenriese mit eigenen Gruben spürt den Sandmangel. Transporte mit dem Lkw rechnen sich für europäische Bauherren bis maximal 50 Kilometer. Infolgedessen wird Recycling von Bauschutt oder auch die Aufbereitung von Abraum zukünftig vermehrt zur Sandgewinnung beitragen. Wie auch immer: Die Preise werden weiter kontinuierlich steigen – um durchschnittlich fünf Prozent pro Jahr.


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