Arbeitsmethode: Der neue Trend ‚Working out loud‘

Arbeitsmethode

Der neue Trend ‚Working out loud‘

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Bei Working Out Loud (WOL) geht es um transparente, offene Zusammenarbeit in einer vernetzten Arbeitswelt. Das Ziel ist, Beziehungen aufzubauen, durch das Wissen, wie zwischenmenschliche Bindungen auf modernen Wegen funktionieren.

John Stepper beschreibt Working Out Loud in seinem gleichnamigen Buch als offene und vernetzte Arbeits- sowie Lebenseinstellung, die durch einfühlsamen Einsatz moderner Arbeitswerkzeuge entsteht. Durch „lautes Arbeiten“ fühle man sich wohler, weil man Dinge selbst anpackt und innere Bedürfnisse wie der Wunsch nach Autonomie, Können und Sinnzusammenhang angesprochen werden. Das soll Arbeit effektiver und erfüllender sowie die Arbeitskultur offener und gemeinschaftlicher gestalten. Neben dem Nutzen von Synergien kommt es auch auf die Aktivität des Teilens an.

Die drei Fragen zum WOL-Start

Es beginnt alles mit den folgenden Fragen:

  • Was versuche ich zu erreichen?
  • Wer könnte mit meinen Zielen irgendwie in Bezug stehen?
  • Was kann ich denjenigen Personen anbieten, um unsere Beziehung zu vertiefen?

Statt blind für Gegenleistung zu „netzwerken“, arbeitet man zweckmäßig. Dazu gehört mit Großzügigkeit vorauszugehen und Energie in Beziehungen zu investieren, die wiederum Zugang zu Menschen, Wissen und Möglichkeiten verschaffen könnten. Die Energie kann dabei beispielsweise in einfache Anerkennung und Wertschätzung investiert werden. Dafür reicht oft schon ein Like oder Kommentar in sozialen Medien. Daneben kann die Veröffentlichung eigener Quellen, Gedanken und Werke hilfreich sein, die andere vielleicht nutzen können.

Die eigenen Ziele in Relation betrachten

Wichtig ist, seine eigenen Ziele in Bezug auf die Interessen anderer zu sehen und mit Empathie, Reflexion und Aufmerksamkeit die Sache anzugehen. Soziale Netzwerke und Extrovertiertheit sind keine Voraussetzung, aber hilfreich. Denn im Grunde geht es um Netzwerke, sozial oder nicht. Ziel ist es, Kontakte zu knüpfen und Beziehungen aufzubauen, Inspiration zu finden und eigene Arbeitsergebnisse breiter zugänglich zu machen mit dem Ziel, die Netzwerkresonanz zu nutzen und (Zwischen-)Ergebnisse durch Diskussionen kontinuierlich zu verbessern.

Working Out Loud Circles, also WOL-Arbeitsgruppen, die am Anfang hilfreich sind, gibt es bereits in 20 Ländern. Neben Unternehmen und ehrenamtlichen Organisationen nutzen auch Universitäten und Regierungsbehörden WOL. Im deutschsprachigen Raum hat beispielsweise Bosch die Methode zur Weiterentwicklung der eigenen „Digitalkultur“ eingesetzt. Aber auch Thyssenkrupp und BMW nutzen diese Denkweise.
In Deutschland gibt es auch eine virtuelle Community, die sich in unregelmäßigen Abständen an wechselnden Orten trifft.

 

Wir haben mit Jochen Adler, dem Initiator der deutschen Community, über Working Out Loud gesprochen.

Beschaffung aktuell: Was unterscheidet WOL von anderen Arbeitsmethoden?
Jochen Adler: Ich würde nicht unbedingt abgrenzen, sondern lieber von einer Ergänzung sprechen: Wer „offen arbeitet“, reichert seine Arbeitsergebnisse um die Resonanz des persönlichen und beruflichen Netzwerks an. Und „Arbeitsergebnisse“ schließen ausdrücklich auch „Zwischenstufen“ ein, also Denkprodukte, Argumente, Thesen, mit denen er hantiert (oder sie natürlich, um Himmels Willen!). WOL bringt durch häufiges Feedback aus vielen interdisziplinären Blickwinkeln nicht nur Richtungskorrekturen mit sich, also echte Qualitätsverbesserung, sondern auch Bereicherung des Alltags und eine persönliche und professionelle Weiterentwicklung. Letzteres insbesondere, weil WOL keine fertige Methode nach „Kochbuch“ ist, die beim Ergebnis ansetzt, sondern eine eigene, lose Organisationsform bietet: Den „WOL Circle“, in dem das vernetzte Arbeiten in einer Kleingruppe erst mal erlernt und vor allem geübt wird, mit aller Vertraulichkeit und Vertrautheit, die dazugehört, bevor man sich in größere Netzwerke oder eine Öffentlichkeit begibt, wenn überhaupt. Zudem setzt WOL beim Individuum an; es geht ganz pragmatisch darum: Was will ich erreichen, wen könnte ich um Hilfe bitten, und was habe ich denjenigen anzubieten?

Beschaffung aktuell: Warum ist die Methode gerade jetzt so beliebt?
Adler: Hier spielen sicher die Möglichkeiten der Digitalisierung eine Rolle. Mein Adressbuch im Smartphone und meine beruflichen Kontakte bei LinkedIn ermöglichen heute den regelmäßigen Austausch mit Hunderten Menschen, die mir bei der zielgerichteten Arbeit Impulsgeber und Korrektiv sein können. Früher war hier schon aus organisatorischen Gründen eine enge Grenze, vielleicht bei ein-zwei Dutzend Personen. Außerdem prägen heute wie nie zuvor Zusammenarbeit und Vernetzung die Arbeitswelt – denken Sie an Globalisierung, endlose Telefonkonferenzen, Zeitzonenunterschiede, virtuelle Teams und Führungskräfte auf anderen Kontinenten. Da liegt nahe, dass wir neue Arbeitsmethoden brauchen, im großen Konzern wie im Mittelstand. Selbst Freiberufler erkennen: Die Wirtschaft ist heute so verflochten, da entzieht sich fast niemand den großen Entwicklungslinien. Vernetztes Arbeiten ist eine Schlüsselqualifikation geworden und Working Out Loud ist eine gute Methode, sich dieser Vernetzung angstfrei zu nähern.

Ich habe immer wieder festgestellt, wie schwer sich Menschen tun, Gedanken zu veröffentlichen (oder überhaupt auch nur auszusprechen, sagen wir, in einem Meeting), die sie selbst für noch „unausgegoren“ halten. Dabei ist doch gerade das der Reiz, hier liegt der Pfeffer, die Dynamik: Hier sind meine Mitstreiter am motiviertesten, sich einzubringen, weil sie merken, hier können sie das Ergebnis noch gestalten. Bei fertigen Statements klingen wir wie Pressesprecher, der Drops ist gelutscht, da kommt doch kein Austausch zustande. Und gerade das überzeugt mich an WOL: Dass es ermutigt, hier über den Schatten zu springen, die Schwarmintelligenz anzuzapfen, und dafür auch die eigene Angst vor Kritik in den Griff zu kriegen, auch mal „halbfertige Ideen“ zu äußern. Denn das ist gerade im beruflichen Umfeld eine Bedrohung, dass der Eindruck entsteht, der Adler, der redet immer so komisches Zeug, der soll mal mehr nachdenken und weniger reden. Gerade hier in Deutschland, dem Land der Denker und der Ingenieure. Das ist für mich der praktische Nutzen eines 12-Wochen-Durchlaufs im WOL Circle: Diese Angst wird systematisch abgebaut. Im vertrauten Zirkel erkennt man, dass die Chancen einer offenen Arbeitsweise dieses Risiko, als „Luftpumpe“ dazustehen, letztlich klar überwiegen.

Beschaffung aktuell: Für welche Personen/Unternehmen eignet sich WOL besonders?
Adler: Ich würde es jedem empfehlen, der ambitioniert ist, Ziele zu erreichen, und dabei das Gefühl hat, zu sehr „im eigenen Saft zu kochen“, sich in Grübelei zu ergehen oder auf der Stelle zu treten. Ein breites Netzwerk ist oft der beste Blockadelöser, weil es Perspektiven einbringt, die einen neu auf die Aufgabe schauen lassen. So entsteht der Impuls, Neues auszuprobieren, einfach mal zu machen. Durch kleine Erfolgserlebnisse steigt die Motivation wieder und weiter. Für so eine Entwicklung gibt einem der WOL Circle ein ideales Umfeld und das eigene Ziel spielt gar keine so entscheidende Rolle – einen beruflichen Skill erlernen oder eine Sprache, es kann aber auch Gartenplanung sein oder Ahnenforschung. Bei der Empfehlung für Unternehmen wäre ich demnach auch zurückhaltender. Im großen Konzern mag es Sinn ergeben, wenn WOL Menschen zusammenbringt, die an verschiedenen Standorten unterschiedliche Aufgaben haben, aber natürlich die gemeinsame Identität – und die in Krisen vielleicht auch dieselbe Identitätskrise durchleben und ähnliche Probleme haben. Da hilft die Gemeinschaft. Führungskräften kann man hoffentlich klarmachen, dass WOL dabei hilft, die Belegschaft fit zu machen fürs digitale Zeitalter. In der deutschen WOL Community stellen wir aber fest, dass gerade die Unternehmensübernehmende, informelle Komponente WOL stark macht. Wenn sich in einem WOL Circle Mitarbeiter aus Deutscher Bank, Deutscher Bahn und Deutscher Post treffen, um mal drei willkürliche Beispiele zu geben, vielleicht noch mit einem Vertreter aus einer mittelgroßen Versicherung, dann nehmen die sich im Geschäft normalerweise nichts weg und können einander vorbehaltlos Rückhalt geben und sich unterstützen bei der Erweiterung ihrer Netzwerke, zum Beispiel durch Veranstaltungsempfehlungen, Rückmeldungen zu zaghaften Beiträgen oder das ganz praktische Schaffen von Zugängen und das Öffnen von Türen. Es macht mir jeden Tag große Freude, das zu sehen.

Beschaffung aktuell: Lädt das zweckmäßige Denken nicht dazu ein, andere Personen auszunutzen?
Adler: Tatsächlich steht bei WOL immer das Anbieten, das Geben im Vordergrund. Niemand soll sich im Netzwerk „bedienen“, die Idee ist immer, Beiträge zu leisten und darüber langfristige Beziehungen aufzubauen, die nicht nur „Transaktionen“ sind. Außerdem beginnt eine vernetzte Denk- und Arbeitsweise ja schon dort, wo man sich anderen Sichtweisen öffnet. Oft geschieht das ganz niederschwellig, beispielsweise durch das Lesen von Blogposts verschiedener Enthusiasten und Koryphäen zum eigenen Thema. Allein das ist schon ein riesiger Schritt für viele Menschen, die bisher dazu neigten, im stillen Kämmerlein über ihren Ideen zu brüten. Und auch „Beiträge zu leisten“, wie WOL das in den Mittelpunkt stellt, kann ja in der heutigen digitalen Zeit ganz niederschwellig ablaufen: Man startet mit einem zaghaften „Gefällt mir“ auf Facebook oder einem Retweet bei Twitter und irgendwann ermutigt einen dann die Resonanz, die man allenthalben sieht, zu einem eigenen Beitrag. Um abschließend direkt auf Ihre Frage zu antworten: Ich habe in der Community noch kein Verhalten gesehen, das ich als „ausnutzend“ empfand, auch wenn das natürlich passieren könnte. Ich denke aber, wir Menschen habe gute Antennen für solche Sportsfreunde, die sich immer nur bedienen wollen und keine eigenen Beiträge leisten – und solche Zeitgenossen isolieren sich dann im Grunde schnell selbst.

Beschaffung aktuell: Wie ist Ihre Zukunftsprognose? Bleibt WOL im Trend?
Adler: Die Prinzipien, für die WOL steht, halte ich für universell: Beziehungen bereichern uns, im Netzwerk entwickle ich mich weiter, ich habe die Dinge besser unter Kontrolle (oder kann zumindest Einfluss ausüben), und habe damit mehr Freude auf dem Weg, meine Ziele zu erreichen. Die Digitalisierung, oder besser, die Vernetzung der Arbeitswelt schreitet voran. Insofern bin ich sehr fest überzeugt, dass diese Arbeitsweise künftig sogar noch wichtiger und noch breiter angenommen werden wird. Auch vom Format der WOL Circles, um sich vernetzter Arbeit erst mal anzunähern und schrittweise zur Gewohnheit werden zu lassen, ist nach meiner Überzeugung eine sehr zeitgemäße, effektive Lernform. Ob man WOL jedoch unbedingt als eigenständige Methode bezeichnen muss, da bin ich mir nicht so sicher. An solchen Zuschreibungen hängt schnell ein ganzer Markt, von dem Trainer und Coaches profitieren wollen, da wird Exklusivität geschützt, es werden Zertifikate ausgestellt und in solcher Goldgräberstimmung meint dann mancher, schnell die Gelddruckmaschine anwerfen zu können. Das hat für mich immer schnell einen Beigeschmack. Insofern möchte ich lieber über die Inhalte reden als über die Verpackung, und ja, mit denen werden wir noch lange Freude haben. Ganz bestimmt.


Die Basis

Fünf Kernelemente

John Stepper, Autor des Workin Out Loud-Buchs, benennt die folgenden fünf Kernelemente:

  • Arbeit sichtbar machen — Arbeitsergebnisse, auch Zwischenergebnisse, veröffentlichen
  • Arbeit verbessern — Querverbindungen und Rückmeldungen helfen, Ergebnisse kontinuierlich zu verbessern
  • großzügige Beiträge leisten — Hilfe anbieten, anstatt sich großspurig selbst darzustellen
  • soziales Netzwerk aufbauen — so entstehen breite interdisziplinäre Beziehungen, die weiterbringen
  • zielgerichtet zusammenarbeiten — um das volle Potenzial der Gemeinschaft auszuschöpfen


Der Mann

Jochen Adler

Jochen Adler ist als Manager Solution Consulting Teil der deutschen Führungsmannschaft bei OpenText, dem kanadischen Anbieter von Unternehmenssoftware und Cloud-Lösungen. In seiner Zeit als Mitarbeiter der Deutschen Bank war er an verschiedenen Initiativen beteiligt, die interne Kommunikation und Zusammenarbeit auf eine neue, digitale Basis zu stellen. Auf diese Zeit geht auch sein Engagement für Working Out Loud zurück und 2015 traf sich die von ihm initiierte, unabhängige deutsche Working Out Loud Community zum ersten Mal. Er befasst sich seit den 1990ern damit, wie aus losen Informationen richtungsweisende Erkenntnisse werden, wie sich Kunden- und Konsumentenerwartungen wandeln, wie Digitaltechnologie unser Leben zum Besseren verändern kann.

Bild: Silke Brenner, www.bildmomente.com


Laura Cyprian,

Redakteurin Beschaffung aktuell

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