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Die Preise sind von der Rolle

Rohstoff des Monats: Papier
Die Preise sind von der Rolle

Mehr Verpackung, weniger Grafik und steigende Preise – so lässt sich der aktuelle Papiermarkt zusammenfassen. Die Branche ist in Bewegung: Der Versandhandel verbraucht immer mehr Kartons, dafür ist die Produktion von grafischen Papieren rückläufig.

Michael Grupp, Journalist, Stuttgart

Die deutsche Papierindustrie ist die viertgrößte der Welt – nach China, den USA und Japan. Die Branche hat 2020 rund 21 Millionen Tonnen Papier erzeugt; das sind allerdings 3,3 % weniger als im Vorjahr. Auch beim Verbrauch steht Deutschland auf Platz vier. Gleichzeitig ist Deutschland sowohl der größte Papierimporteur (10,4 Mio. Tonnen 2019), als auch der größte Papierexporteur der Welt (etwa 13,6 Mio. Tonnen). Die Branche erzielt mit rund 160.000 Beschäftigten aktuell einen Jahresumsatz von 45,41 Milliarden Euro. 

Der deutsche Pro-Kopf-Verbrauch von Papier sinkt seit Jahren kontinuierlich: beispielsweise von 260 kg im Jahre 217 auf aktuell rund 220 kg. Das sind aber immer noch dreimal so viel wie in China und doppelt so viel wie bei unseren französischen Nachbarn. Die Corona-Krise verstärkt diesen Abwärtstrend: Wenn ganze Branchen auf Eis liegen, benötigen sie keine Werbung und damit auch keine Printprodukte. Schreib- und Druckpapiere verzeichnen deshalb allein im Jahr 2020 ein Minus von rund 11,5 % und machen derzeit nur noch ein knappes Drittel des gesamten Papierverbrauches aus.

Weniger Grafik, mehr Amazon

Diesen Rückgang kann die Branche in einem anderen Absatzmarkt zumindest teilweise ausgleichen: Der boomende Online-Handel benötigt immer mehr Verpackungspapiere und -kartons. Diese machen mittlerweile 58 % des Produktionsvolumens aus, Tendenz steigend. Vor diesem Hintergrund hat sich die Papierindustrie in Deutschland in den vergangenen Jahren neu ausgerichtet. So stieg beispielsweise die Produktion von Wellenpapier für die Polsterung von Verpackungen von 2010 bis 2020 von 1,61 Mio. t auf 4,36 Mio. t im Jahr 2020. Nahezu gleichgeblieben sind dagegen die Nachfrage nach Hygienepapieren (6,6 %) sowie nach Spezialpapieren wie Luftfilter oder Kassenzettel (6,3 %).

Der Rückgang der hochwertigen grafischen Papiere sowie die Zunahme von überwiegend braunen Kartonagen stellt die Branche vor ein gravierendes Problem: den Mangel an hochwertigem Altpapier. Papier kann mehrfach recycelt werden, allerdings leidet der daraus gewonnene Zellstoff bei jedem Zyklus. So verkürzt sich nicht nur die durchschnittliche Faserlänge, aus einem ehemals strahlenden Weiß wird darüber hinaus trotz aufwendiger Deinking-Verfahren auch noch das typische Recycling-Grau. Vor diesem Hintergrund haben sich die Großhandelspreise für hochwertiges Altpapier im Herbst 2021 gegenüber dem Vorjahr mehr als verdreifacht. Auch frischer Import-Zellstoff kostet derzeit rund 50 % mehr als letztes Jahr.

Kriminelle Stämme

Rund ein Drittel des nach Deutschland eingeführten Zellstoffs stammt aus Nordeuropa. Die wichtigste Herkunftsregion ist allerdings Südamerika (Brasilien, Uruguay und Chile) mit einem Anteil von insgesamt mehr als 40 %. Damit verbunden sind leider auch illegale Holzeinschläge in Urwäldern, Landrechtskonflikte und großflächige Monokulturen in Plantagen.

Rund um den Globus wird fast jeder zweite industriell gefällte Baum zu Papier verarbeitet. Bei der Herstellung einer Tonne Primärfaserpapier fallen bis zu 50 Kubikmeter Abwasser an. Dieses ist unter anderem mit organischen Kohlenstoffverbindungen belastet, welche in Kläranlagen nur teilweise abgebaut werden. Und so ist Papier nicht automatisch dem Kunststoff vorzuziehen. Das Institut für Energie und Umweltforschung (Ifeu) rechnet vor, dass eine Plastiktragetasche aus Recyclat mit einem Blauem-Engel-Siegel unter dem Strich umweltfreundlicher als eine Papiertragetasche ist.

Aus Pampe wird Pappe

An der Herstellungsweise von Papier hat sich in den letzten zwei Jahrtausenden prinzipiell nicht viel geändert: Das pflanzliche Rohmaterial wird mechanisch zerkleinert, gesäubert und die daraus entstandene Fasersuspension auf ein Sieb auftragen, getrocknet, gepresst und geglättet. Je nach späterem Verwendungszweck kann das Papier dabei mit Hilfsstoffen versetzt und/oder die Oberfläche mit einem Bindemittelauftrag („Strich“) veredelt werden. Erfunden wurde das Papier vermutlich um das Jahr 100 n. Chr. in China. Die erste deutsche Papiermühle wurde 1390 in Nürnberg errichtet, ab 1393 entwickelte sich Ravensburg zum europäischen Papierherstellungszentrum.

Der Rohstoff aus dem Urwald

Trotz der aktuellen Rohstoff-Krise sieht die Branche zuversichtlich in die Zukunft – auch und gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels und der zunehmenden Forderung nach umweltverträglichen Lösungen. Denn im boomenden Verpackungsbereich bieten Papier und Pappe nachhaltige Alternativen zum Kunststoff. Mit einer Altpapiereinsatzquote von 79 % sieht sich die deutsche Papierindustrie zudem als Vorzeigemodell einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft.


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