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Forschungsprojekt: Lieferantenplattform für den Werkzeugbau

„Supplier Management as a Service“ in der Einzel- und Kleinserienfertigung
Forschungsprojekt: Lieferantenplattform für den Werkzeugbau

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Das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) geförderte Forschungsprojekt‧ GeSuMa der WBA Aachener Werkzeugbau Akademie GmbH umfasst die Entwicklung und Bewertung eines plattformbasierten Geschäftsmodells zum „Supplier Management as a Service“. Es werden innovative und anforderungsgerechte Dienstleistungen für das Lieferantenmanagement von Unternehmen der Einzel- und Kleinserienfertigung (EuK) ausgelegt.

In der Einzel- und Kleinserienfertigung bestehen oftmals wenige und enge regionale Lieferantenbeziehungen, die auf langjährigem Vertrauen sowie Erfahrungswissen beruhen. Dies resultiert aus den typischerweise hochkomplexen und kundenindividuellen Produkten mit geringem Standardisierungsgrad. Beauftragungen erfolgen bei kurzfristigen Kapazitätsengpässen meist per Telefon oder persönlichem Kontakt. Dies birgt das Risiko, dass bei einem Ausfall von Lieferanten, wie jüngst im Zuge der Corona-Pandemie, wenig Handlungsspielraum hinsichtlich alternativer Lieferanten bleibt. Durch die beschränkte Marktsicht erfolgt die Auftragsvergabe zudem oftmals zu hohen Preisen.

Auch bei den Lieferanten liegt vielfach eine Abhängigkeit vor, da wenige langjährige und lokale Kunden bedient werden. Der Wegfall eines großen Kunden kann existenzielle Auswirkungen zur Folge haben. Um diesen Herausforderungen zu begegnen und den Aufbau eines umfangreichen Kunden- und Lieferantennetzwerkes zu ermöglichen, existiert bereits eine Vielzahl von plattformbasierten Geschäftsmodellen des Lieferantenmanagements. Dabei beschränkt sich der Funktionsumfang entsprechender Plattformen allerdings auf das Hochladen von Bauteilzeichnungen und eignet sich lediglich für einfache Bauteile. Insbesondere kommt keines der bestehenden Geschäftsmodelle den Anforderungen der Einzel- und Kleinserienfertigung (EuK), beispielsweise nach einer schnellen und zuverlässigen Vergabe komplexer Bauteile, nach. Daher konnte sich bisher keine Plattform als Marktführer in der EuK durchsetzen. Lediglich rund drei Prozent deutscher Unternehmen der EuK nutzen aktuell derartige Plattformen.

Neues Geschäftsmodell für den Werkzeugbau

Dabei ist der Marktbedarf für ein plattformbasiertes Geschäftsmodell des Lieferantenmanagements in der EuK hoch. Dies kann beispielhaft anhand der Branche Werkzeugbau quantifiziert werden. Allein der deutsche Werkzeugbau als Untergruppe der EuK stellt mit einem Jahresumsatz von 5,6 Mrd. Euro eine wirtschaftsstarke Branche dar. Mit einer Wertschöpfungstiefe von ca. 70 Prozent werden 1,7 Mrd. Euro des Umsatzes über Lieferanten abgewickelt. Daher besteht für ein plattformbasiertes Geschäftsmodell allein im deutschen Werkzeugbau ein potenzielles Umsatzvolumen von 1,7 Mrd. Euro.

Dies begründet den Innovationsbedarf zur Entwicklung eines anforderungsgerechten Geschäftsmodells für das Lieferantenmanagement in der EuK. Um die Machbarkeit des Aufbaus eines entsprechenden Geschäftsmodells durch die WBA zu evaluieren, wurde das Forschungsprojekt GeSuMa initiiert, das vom BMWi gefördert wird. GeSuMa steht dabei für Geschäftsmodell „Supplier Management as a Service“ in der EuK.

Ziel des Forschungsvorhabens ist die Entwicklung und Bewertung eines innovativen Geschäftsmodells auf Basis einer kollaborativen, digitalen Lieferantenplattform. Das Geschäftsmodell soll Unternehmen dabei helfen, ein umfangreiches Kunden- und Lieferantennetzwerk aufzubauen und gleichzeitig ein effizientes Lieferantenmanagement zu betreiben. Aufgrund des aufgezeigten Marktbedarfs soll sich das Geschäftsmodell zunächst exemplarisch auf die Branche Werkzeugbau beziehen, bevor eine Ausweitung auf die gesamte EuK stattfindet. Das Geschäftsmodell GeSuMa sieht dabei grundsätzlich drei verschiedene Angebotsoptionen vor.

Unterschiedliche Angebotsformen im Überblick

Die erste Option adressiert die oftmals geringe Marktmacht der Unternehmen der EuK gegenüber den Lieferanten. Aufgrund der geringen Losgrößen beziehen einzelne Unternehmen häufig nur geringe Stückzahlen bei den Lieferanten, was zu hohen Stückkosten führt. Die erste Option der GeSuMa-Plattform soll daher Unternehmen mit einem vergleichbaren Produktspektrum ermöglichen, sich zu Einkaufsallianzen zusammenzuschließen. Über den Zusammenschluss einzelner Unternehmen zu Einkaufsallianzen kann die Marktmacht erhöht werden, indem höhere Stückzahlen bei Lieferanten angefragt werden. Auf diese Weise können Skaleneffekte bei den Lieferanten ermöglicht werden, was zu Mengenrabatten und somit letztlich zu geringeren Stückkosten führt. Ein vergleichbares Konzept wenden bereits deutsche OEMs zum Einkauf von Stahl an. Als zweite Option soll die GeSuMa-Plattform die automatische Lieferantenzuweisung anbieten können. Diese Option unterscheidet sich insbesondere durch den hohen Automatisierungsgrad von einer einfachen manuellen Lieferantenauswahl oder einer Online-Ausschreibung eines Auftrags. Anhand eines echtzeitnahen Kapazitätsabgleichs beim Kunden wird ermittelt, welche geplanten Leistungen die internen Kapazitätsgrenzen überschreiten. Diese Leistungen werden anschließend automatisch an einen qualifizierten Lieferanten vergeben, der kapazitiv in der Lage ist, termingerecht zu liefern.

Die dritte Option adressiert die hohe Anzahl von Eilaufträgen im Werkzeugbau. Laut der Datenbank des Werkzeugmaschinenlabors WZL der RWTH Aachen und des Fraunhofer Instituts für Produktionstechnologie IPT ist nahezu jeder vierte Auftrag in deutschen Werkzeugbaubetrieben ein Eilauftrag. Die Option sieht vor, dass für diese zeitkritischen Aufträge prognosebasiert Kapazitäten vorreserviert werden können.

Zur Entwicklung und Bewertung des Geschäftsmodells ist das Forschungsprojekt in vier Arbeitspakete unterteilt. Im ersten Arbeitspaket werden Anforderungen an die Dienstleistungen der Plattform aus Perspektive der Lieferanten, der Kunden und des Plattformbetreibers hergeleitet. Im zweiten Arbeitspaket werden Dienstleistungen mit dazugehörigen Leistungserstellungs-, Preis- und Erlösmodellen entwickelt und zu einem ganzheitlichen Geschäftsmodell aggregiert. Auf Basis der ersten beiden Arbeitspakete findet im dritten Arbeitspaket die technische Validierung und finanzielle Bewertung des Geschäftsmodells statt. Im vierten Arbeitspaket wird die Diffusionsstrategie des Geschäftsmodells entwickelt und das Risiko der Umsetzung des Geschäftsmodells bewertet. Mit der Diffusionsstrategie wird erarbeitet, wie das innovative Geschäftsmodell der Plattform operationalisiert werden kann.


Kontakt Infos

Das Team der WBA befindet sich aktuell im zweiten Arbeitspaket des Forschungsprozesses GeSuMa. Für weiterführende Informationen oder eine Diskussion der Forschungsergebnisse steht die WBA gerne zur Verfügung.

Kontaktaufnahme:

Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Boos, w.boos@werkzeugbau-akademie.de



Die Autoren:

Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Boos (im Bild),
Dr.-Ing. Christoph Kelzenberg,
Julian Boshof und
Julian Trisjono.
Alle Autoren sind von der Aachener Werkzeugbau Akademie GmbH.
Bild: WBA

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