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Lieferstörungen besser managen

Supply and Demand Planning
Lieferstörungen besser managen

Die Störfeuer in den internationalen Lieferketten sind enorm. Es gibt kaum eine Warengruppe, die nicht betroffen ist. Für das Supply Chain Management sind die Störungen eine Herausforderung. Der kanadische Softwarehersteller Kinaxis bietet eine Plattform, die für unerwartete Ausfälle und Verzögerungen eine fortlaufende Neuplanung des Demand and Supply Planning erlaubt. Wir haben mit Martin Bilstein gesprochen, Vice President Central Europe von Kinaxis.

Das Gespräch führte Annette Mühlberger, Journalistin für Einkauf & Supply Chain Management.

Beschaffung aktuell: Herr Bilstein, wenn man mit Supply Chain ExpertInnen spricht, betonen diese durch die Bank weg die Bedeutung künstlicher Intelligenz, um Absätze und Bedarfe präzise zu planen. Sie wiederum sagen, mehr Genauigkeit in der Planung hilft in Krisen gar nicht weiter. Klären Sie uns auf.

Martin Bilstein: Im Supply Chain Management erfolgt die Bedarfs-, Lager, Fertigungs- und Absatzplanung meist in separaten Systemen. Zudem sind die Planungsziele von Vertrieb, Produktion, Materialwirtschaft und Einkauf selten harmonisiert. Zwar haben die einzelnen Bereiche ihre Planungen in den vergangenen Jahren durch den Einsatz künstlicher Intelligenz bzw. Maschine Learning optimiert, das alles bringt aber nicht die Flexibilität, die ich für volatile Lieferketten brauche. Unerwartete Störungen und Veränderungen, das hat die Pandemie gezeigt, kann ich selbst mit der besten KI nicht vorhersagen. Mehr Planungsgenauigkeit hilft deshalb allein nicht weiter.

Auf Lieferkrisen schneller reagieren

Sie meinen den „Toilettenpapiereffekt“ oder das Chaos im Suez Kanal?

Bilstein: Zum Beispiel. Natürlich erkennt maschinelles Lernen durch das Clustern von Produktgruppen einen Anstieg in der Nachfrage oder ein Ausbleiben von Lieferungen. Was die KI aber nicht erkennt ist, warum sich die Daten ändern. Diesen Kontext kann nur der Mensch in der Zusammenarbeit herstellen. Was ich im Supply Chain Management deshalb brauche, ist ein übergreifender, durchgängiger Planungsprozess, der es ermöglicht mich intern sowie mit Lieferanten und Kunden schnell und auf einer einheitlichen Datengrundlage abzustimmen. Man könnte auch sagen: Erst braucht es einen integrierten Prozess und dazu Software und KI.

Optimiertes Sales and Operations Planning (S&OP)

Das Mantra eines super integrierten, optimal abgestimmten, bereichsübergreifenden Sales & Operations Planning (S&OP) gibt es nicht erst seit der Lieferkrise. Was machen Sie anders?

Bilstein: Wir führen auf unserer Plattform die für die Planung notwendigen Stammdaten auf Stücklistenbasis zusammen. Und wir integrieren Bedarfs-, Beschaffungs-, Lager-, Allokations-, Produktions- und Lieferplanung in einem System. Bei Automobilherstellern geht es dabei zum Beispiel um bis zu 400.000 Teile, für die die Hersteller statt der früheren Silosichten nun eine integrierte Gesamtsicht haben. In unserem System sieht man in Echtzeit konkret die Auswirkungen, wenn Teile fehlen oder sich Lieferungen verzögern. Ich sehe, welche Produktionslinien betroffen sind, welche Produkte, welche Kunden und ich sehe die Folgen für meinen Umsatz und meine Marge. Dies gelingt, in dem wir in der Datenbank alle noch so kleinen Objekte in der Supply Chain miteinander verknüpfen. Damit lassen sich Angebot und Nachfrage in Echtzeit permanent abgleichen und dynamisch neu planen.

Sie sprechen von Automobilherstellern. Ist das auch für den Mittelstand praktikabel?

Bilstein: Wir haben Kunden mit mehreren hundert Planern und solche mit zehn. Auch für mittelständische Unternehmen lohnt es sich, wenn sie in Echtzeit What-If-Szenarien erstellen, verschiedene Handlungsalternativen bewerten und schneller und besser entscheiden können. Hierfür nutzen wir natürlich auch die künstliche Intelligenz. Aber die KI löst eine konkret definierte Teilaufgabe. Das heißt, ich kann mir meine Handlungsoptionen zum Beispiel für die beste Marge errechnen, für den besten Umsatz oder für die optimale Versorgungssicherheit bestimmter Kunden modellieren.

Inwiefern ist das für den Einkauf interessant?

Bilstein: Indem der Einkauf simuliert, wie es sich auf die Supply Chain auswirkt, wenn er weiterhin auf bevorzugte Lieferanten setzt oder neue Partner ins Spiel bringt. Wir haben Kunden, die planen mit unserer Software die idealen Lieferwege und Produktionsstandorte für die Hurrikan Season in den USA. Das heißt, sie verlagern ihre Abrufe bei verschiedenen Lieferpartnern, aus verschiedenen Werken oder Lägern bzw. die Transportrouten immer je nach neuer Wetterlage so, dass diese vom Hurrikan nicht betroffen sind. Und sie nehmen die Wetterentwicklung auch in ihre Bedarfsplanung auf. Der Vorteil ist, dass diese Berechnungen keine Tage oder Stunden brauchen, sondern Sekunden. Ich kann unmittelbar auf die aktuellen Entwicklungen reagieren.

Nachhaltigkeit in der Lieferkette kontrollieren

Das hört sich nach der eierlegenden Wollmilchsau des Supply Chain Managements an. Nutzen alle Anwender die Möglichkeiten so umfassend?

Bilstein: Grundsätzlich ja, denn dies ist der Kern der Plattform. Es gibt weiteres Potenzial auch mit Blick auf Nachhaltigkeitsziele, etwa das Monitoring von CO2, die Optimierung von Flotten, für das Recyclingmanagement, Aspekte der Kreislaufwirtschaft. Das heißt überall dort, wo ich eine unternehmensübergreifendes Datenmodell zur Simulierung mit all meinen Objekten, Stücklisten, eingesetzten Bauteilen und Rohstoffen in der Supply Chain brauche. Viele Kunden docken für dieses Monitoring zusätzliche Apps und Funktionalitäten an. Hierfür bieten wir ein großes Partnerökosystem, das sich ständig erweitert.

Resiliente Liefer- und Bedarfsplanung

Gehen wir nochmal zurück zur akuten Störung. Es fallen Lieferungen aus. Eine maßgebliche Produktgruppe ist betroffen. Wie hilft mir das System? Herbeizaubern können Sie Bauteile oder Rohstoffe ja auch nicht.

Bilstein: Das stimmt, aber sobald ich weiß, welche Lieferungen ausfallen, sehe ich gleich, in demselben Moment alle Auswirkungen auf alle anderen Bereiche der Supply Chain, z. B. welche Produkte und Umsätze davon betroffen sind und kann umsteuern. Zum Beispiel meine bevorzugten Kunden mit Vorrang bedienen oder die verfügbaren Mengen kosteneffektiv einsetzen. Ich kann die Störung für mein Unternehmen mit Blick auf die Versorgung von Key Accounts oder mit Blick auf die Marge abfedern. Ich kann die Mengen auch aufsplitten und bekomme aufgezeigt, was das für meine Kosten und Umsätze bedeutet. Und ich sehe, ob es sich lohnt schnell von anderen Lieferquellen zuzukaufen, womöglich zu einem höheren Preis, welche Transportoptionen möglich und sinnvoll sind, sowie bestmögliche Produktions-Umplanungen. All diese Dinge lassen sich in Sekunden modellieren und vergleichen.

Bedarf das in Einkauf und Vertrieb einer angepassten Herangehensweise?

Bilstein: Ein klares Jein. Unsere Plattform bringt auch mit der bisherigen Herangehensweise schon sehr gute Erfolge durch die unmittelbare Durchgängigkeit und die Simulationsmöglichkeiten. Die Anpassung der Planungsabläufe kann dann kontinuierlich durch die Anwender selbst erfolgen. Die Plattform ist sehr mächtig, deshalb empfehlen wir, schrittweise einzusteigen. Mit einem Fokus, zum Beispiel auf eine Region oder eine Division. Es gibt außerdem eine Einsteigerlösung für den Mittelstand, die sich in wenigen Wochen installieren lässt. Damit bekommt Sie die Transparenz und Übersicht, können What-if-Szenarien erstellen und Ihre Planungsabläufe in den Bereichen Schritt für Schritt weiterentwickeln.

Entscheidet künftig die KI auch, was zu tun ist? Läuft die Lieferkette bald autonom?

Bilstein: Die autonome Supply Chain, die völlig alleine läuft, die sehe ich nicht. Es braucht nach wie vor Planer, die die Ergebnisse, die die künstliche Intelligenz liefert, kritisch einordnet. Es wird immer Kunden geben, die eine bevorzugte Lieferung brauchen, obwohl das in den Stammdaten anders markiert ist. Deshalb braucht es den Menschen, der die Daten im richtigen Kontext interpretiert und aus verschiedenen Szenarien das passende auswählt.

Stammdatenmanagement

Apropos Stammdaten. Diese sind, nach den selbstkritischen Aussagen vieler Unternehmen, ein ziemliches Desaster.

Bilstein: Dem stimme ich nur bedingt zu. Gerade Unternehmen in anderen europäischen Ländern gehen das viel pragmatischer an. Die beginnen ein Projekt oft mit 70 bis 80 Prozent Datenqualität und optimieren die Qualität dann im laufenden Betrieb. Natürlich brauche ich grundsätzlich vernünftige Stammdaten, aber diese lassen sich auch über die Zeit verbessern und parallel können Sie mit einem System schon arbeiten und Erfahrungen sammeln. Die Erfahrung unserer ausländischen Kunden zeigt auf jeden Fall, dass dieses eher agile Vorgehen sehr gut funktioniert.


Martin Bilstein

Erlebe Sie unseren Interviewpartner Martin Bielstein, Regional Vice President Europe von Kinaxis, im BVL-Podcast.

Podcast: Planning4Futures 2 – Supply Chain Planung in Echtzeit


Kinaxis

… ist ein Softwareunternehmen für Supply Chain Management und Vertriebs- und Betriebsplanung mit Sitz in Ottawa, Ontario.

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