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So lässt sich die finanzielle Stabilität von Lieferanten überwachen

Drohende Pleitewelle von Unternehmen
So lässt sich die finanzielle Stabilität von Lieferanten überwachen

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Trend: Spezialisten reichern den eigenen Content an, indem sie mit anderen Know-how-Trägern kooperieren. Kundenunternehmen profitieren beispielsweise von der technologischen Kombination der Tools von riskmethods mit den Risikoindikatoren von Bureau van Dijk zur finanziellen Stabilität. Einkäufer und Risk Manager können so in Echtzeit überwachen, analysieren, bewerten und handeln.

Rund 17.000 Unternehmen meldeten 2020 in Deutschland Insolvenz an, das waren 9 Prozent weniger als 2019. Der Grund ist bekannt: die zwischenzeitliche Aussetzung der Insolvenzpflicht. Angenommen, die ausgebliebenen Meldungen des Jahres 2020 würden im laufenden Jahr nachgeholt, könnte die Insolvenzzahl 2021 bei etwa 23.250 liegen, heißt es bei iwd, dem Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft. Da die Bundesregierung für dieses Jahr jedoch eine Reform des Insolvenzrechts anstrebe, könne der Anstieg durchaus auch geringer ausfallen. Die Kurve an sich sagt indes recht wenig aus über den Grad der eigenen Betroffenheit innerhalb der Lieferkette. Fakt ist: Fällt ein Puzzleteil aus, wird es kritisch in Sachen Nachschub und Verträge.

Zum Alltag gehören Brände. Alle 48 Stunden wird das Werk eines Automobillieferanten teilweise komplett zerstört. Folge: Kunden geraten unerwartet unter erheblichen Handlungsdruck; Produktions- und Lieferprobleme weiten sich rasch kaskadenartig aus. Corona hat die ohnehin diffizile Gemengelage massiv verschärft. Mehr als 50.000 Zulieferstandorte waren vom Ausbruch der Pandemie allein im 2. Quartal 2020 durch regionale Lockdowns betroffen. Zuletzt stand im Schnitt gut jede zweite Warnung, die Software-Spezialist Riskmethods an seine Kunden sendete, im Zusammenhang mit einem finanziellen Risiko. Die Alerts zu schlechten Wachstums- und Ertragsaussichten stiegen von Januar bis September 2020 gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum um 382%.

Auswirkungen finanzieller Risikoereignisse auf die Supply Chain

Riskmethods unterscheidet vier Einflussfaktoren und filtert aus Millionen Datenquellen entsprechende Indikationen, die aufhorchen lassen. Beispiele: Der Lieferant ist z. B. mit relevanten Umsatzverlusten konfrontiert. Er reduziert seine Investitionen in Forschung und Entwicklung, Arbeitskräfte oder Dienstleistungen. Die Informationen deuten auf Zahlungsunfähigkeit hin. Oder: Der Lieferant hat Mühe, seine zugesagte Lieferungen und Qualitätsziele zu bedienen. Aus diesen Einflussbereichen entstehen diverse Gefahren für den Kunden. Anträge auf vorzeitige Rechnungszahlungen beeinträchtigen seinen Cashflow. Stockende Verfügbarkeit von Konsignationsware schränkt die eigene Versorgung und Lieferfähigkeit ein. Muss ein alternativer Lieferant aufgetan bzw. aktiviert werden, droht finanzieller Stress in der ganzen Organisation. Wer sich nicht professionell auf derartige Risiken vorzubereiten versteht, riskiert nicht nur ungeplante Kosten für Notfalllogistik und andere Firefighting-Maßnahmen, sondern auch Pönalen, Bußgelder und Imageverlust. Riskmethods-Gründer Heiko Schwarz: „Seien Sie risikobewusst und handeln Sie proaktiv, dann sind Sie im Schadeneintrittsfall vorbereitet und können schneller reagieren, in bestimmten Fällen rascher als ebenfalls betroffene Wettbewerber.“ Das habe sich für so manche Unternehmen auch auch im vor gut einem Jahr bewährt. Als Beispiel nennt Schwarz den Landmaschinenproduzenten AGCO/Fendt, der dank seines Frühwarnsystems im Februar 2020 noch wichtige Lieferungen aus Norditalien sichern konnte, bevor die Wege durch Corona gekappt wurden.

Globale Datenbank: Infos über 375 Mio. Firmen

Stefan Hilpert, Senior Director, beim Daten- und Informationsveredler Bureau van Dijk (BvD), verweist auf „rund 200.000 deutsche Unternehmen mit wirtschaftlichen Problemen und auf steil ansteigende Insolvenzkurven in Ländern wie Spanien, Portugal, Frankreich und insbesondere in den USA“. Angesichts dieses Szenarios sei es „extrem wichtig“, die finanzielle Stabilität der Lieferanten zu monitoren, um Risiken in der Lieferkette zu vermeiden. In der Praxis gibt es verschiedene Einfluss- und Messfaktoren zur Interpretation der finanziellen Stabilität von Geschäftspartnern. Das sind KPIs (Jahresabschlüsse etc.), Cluster-Risiken (wie Risiken im Konzernverbund), News (u. a. Fehler der Managementfunktionen), Compliance (etwa Menschenrechtsverletzungen oder Sanktionen, die Unternehmen und Personen betreffen), Ratings (externe Meinungen von Agenturen) und diverse Frühwarnindikatoren. Bureau van Dijk führt in seiner globalen Orbis-Datenbank Informationen über 375 Mio. Firmen (darunter 100.000 Kapitalgesellschaften), 1,8 Mio. Einzeleigentümer, 215.000 Banken, 190.000 Versicherungen und 550.000 Fonds zusammen. Der Schwerpunkt der Abdeckung liegt laut Stefan Hilpert derzeit in Europa mit 118 Mio. Unternehmen.

Über die Datenbank erfassen BvD und seine Informationsprovider Daten aus allen öffentlich zugänglichen Quellen, z. B. Agentur-Ratings, Unternehmensübersichten, Originaldokumente, tagesaktuelle News, M&A-Geschäfte, LEI-Nummern, öffentliche Ausschreibungen, Patente, Sanktionsdaten und PEP-Daten, also Infos zu politisch exponierten Personen. Bureau van Dijk verlinkt dynamisch, überführt Finanzdaten in ein Standardformat und macht diese auch länderübergreifend vergleichbar. Riskmethods-Kunden können die BvD-Daten vollautomatisch in ihr System übernehmen.

Scores als Frühwarnindikator

Neu ist der wöchentlich erhobene BvD-„Reaktive MORE Score“, der u. a. auf der Erfassung der aktuellen Bilanzbonität basiert. Darüber hinaus wird die zukünftige Entwicklung von Finanzdaten prognostiziert. Nutzer haben haben auch Sektor, Region und das wirtschaftliche Umfeld im Blickfeld, von wo aus eine Firma operiert. Der Score beinhaltet Faktoren wie Ausfallwahrscheinlichkeit (von 0 bis 100% im Zeithorizont von 18 Monaten), Kreditlimit sowie einen „Sector and Country Impact“. Mit dem „Credit Sentiment Score“ werden tagesaktuelle Nachrichten durch einen externen Nachrichtenaggregator aufgearbeitet. Dabei filtert ein Suchalgorithmus negative Nachrichten von Unternehmen aus Presseartikeln (z. B. Rechtsstreitigkeiten, Hinweise auf finanzielle Verluste, Sektorspannungen, Betrugsfälle) und überführt diese in Scores. Diese Art des Scorings kann auch als Frühwarnindikator genutzt werden und beim Onboarden neuer Geschäftspartner wie auch beim Monitoren von existenten Beziehungen zum Einsatz kommen.

Integration: Identifizierung bevorstehender Lieferantenausfälle

Wichtig sind Integration und Kombination historischer Hard Facts mit aktuellen „weicheren“ Erkenntnissen. Diese gilt es mit Prognosen in Verbindung zu setzen. Riskmethods matcht dabei z.B . Informationen über Bilanz, Gewinn und Verlust, Rating-Trends, Zahlungsmoral, Produktrückrufen, Qualitäts- und Logistik-KPIs, späten Gehaltsabrechnungen und auch Gerüchten, etwa Ausstieg von Aktionären. Die Software generiert mit Hilfe der seit sechs Jahren hochtrainierten Künstlichen Intelligenz Muster und Bewertungen (Realtime Risk Intelligence). Der Einkäufer bzw. Risikomanager sieht auf seinem Dashboard die unterschiedlichen Gefährdungspotenziale einzelner Lieferanten, Standorte und Logistik-Hubs. Das Bewusstsein für Risikovermeidung und präventive Krisenreaktion wird geschärft.

Beispiel ATB Motorenwerke (Hersteller von Elektromotoren und elektrischer Antriebstechnik): Im September 2019 meldete Riskmethods einem Kunden den ersten Alert hinsichtlich eines Warnstreiks beim Lieferanten ATB. Und weiter … März 2020: 400 Mitarbeiter gehen in Kurzarbeit. 24. Juli: 350 Entlassungen. 31. Juli: nächster Streik. Erste Augustwoche: diverse Investoren bekunden Interesse am Standort. 20. August: Einstellung der Produktion; 1. September: Kündigung der Betriebsräte, 15. September 2020: Bekanntmachung der Insolvenz. Die Technologie „Risk Intelligence“ hat jedes einzelne Ereignis in Echtzeit gemeldet. „Die Einkäufer hätten ohne den Risk Radar keine Möglichkeit gehabt, vom schnellen Niedergang dieses Lieferanten zu erfahren. Sie wären kalt erwischt worden und hätten keine geordneten Gegenmaßnahmen ergreifen können“, sagt Heiko Schwarz.

Kooperation der Anbieter für präziseren Content

Unternehmen profitieren zunehmend von Kooperation der Spezialisten, die ihrerseits den eigenen Content aufwerten. Die technologische Kombination der Riskmethods-Tools Risk Radar, Impact Analyzer und Action Planner mit den Risikoindikatoren von Bureau van Dijk zur finanziellen Stabilität hilft, Risiken entlang aller Geschäftsprozesse abzudecken. Einkäufer und Risk Manager können so in Echtzeit überwachen, analysieren, bewerten und handeln. Sie stärken ihre Warengruppen ebenso wie die Zusammenarbeit mit internen und externen Partnern – weil sie in der Lage sind, auf belastbarer Basis fundierte Entscheidungen zu treffen. Das erhöht die dringend benötigen Wertbeiträge, macht das Unternehmen sicherer, schützt das Business und stärkt die Marke.

Mehr zum Thema Risikomanagement im Video: „Finanzielle Stabilität von Lieferanten überwachen“ hier anklicken


Kommentar zum Thema:

Analogische Nische – Spiel mit dem Feuer

Die Risikopalette ist äußerst breit ausgeprägt – das wissen Supply Chain Manager, Einkäufer und Logistiker eigentlich am besten. Sie haben quasi täglich mit Einschlägen zu tun – in den eigenen Werken und an den weltweiten Standorten ihrer Lieferanten. Dennoch wird in den Unternehmen noch viel zu wenig getan, um die Gefahrenlage transparent und möglichst beherrschbar zu machen. Mangelndes Zusammengehörigkeitsgefühl in den Abteilungen, rudimentäres Verständnis von Ein- und Auswirkungen und konsequentes Unterlassen proaktiver Maßnahmen kommen einem Vabanque-Spiel gleicht. Augen zu und durch – wer das für eine „Strategie“ hält, hat ein seltsames Verständnis von Verantwortung.

Verantwortung bedeutet auch, sich intensiv mit dem kommenden Lieferkettengesetz auseinanderzusetzen – und zwar auch dann, wenn man sich als zu „klein“ wähnt. Große Unternehmen gehen voran, und sie setzen Standards, die (vielleicht schneller als gedacht) auch ihre kleinen Partner erfüllen müssen. Wer weiterhin stoisch meint, Excellisten mit kritischen Lieferanten seien „ausreichend“, und wichtige Lieferanten würden sich bei Havarien schon „von selbst melden“, der hat sich in (s)einer analogen Nische von gestern eingenistet.

Der Zeitpunkt „plötzlicher Ereignisse“ mag überraschen, aber man darf getrost davon ausgehen, dass es immer wieder zu Einschlägen kommt. Wer sich nicht proaktiv mit adäquater Software und entsprechendem Maßnahmenmanagement vorbereitet, verpasst den Anschluss. Das ist fahrlässig. Professionelles Risikomanagement ist eine gesamtunternehmerische Aufgabe, die das ganze Business schützt. Im Einkauf sollten die Fäden zusammenlaufen. Transparenz ist alles!

Sabine Ursel


Die Autorin:

Sabine Ursel, Journalistin, Wiesbaden

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