Risikomanagement-Studie der Universität Twente (Niederlande)

Germany’s Next Risk Model

Risikomanagement ist unternehmensspezifisch: Daher muss jeder Einkauf in Prozessaudits die Risiken durch seine Lieferanten zusammenstellen – so wie sein Model auf unserem Bild (Foto: 4players.de)
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Krisenzeiten stellen das Risikomanagement eines Unternehmens auf eine harte Probe. Unsere Autoren Agnes Erben und Holger Schiele beschreiben anhand einer neuen Studie der Universität Twente, wie erfolgreiches Supply Risk Management aussieht.

Agnes Erben Holger Schiele

Der Einkauf muss eine Vielzahl verschiedener Risiken managen. Neben finanziellen Risiken, die im Extremfall in die Insolvenz des Lieferanten führen, sind auch operative Risiken wie z. B. Qualitätsmängel oder Lieferverzug zu berücksichtigen. Darüber hinaus bestehen strategische Risiken, bei denen ein Lieferant zwar grundsätzlich in der Lage ist, die gewünschte Leistung zu erbringen, allerdings die Kunden aus strategischen Gründen unterschiedlich priorisiert. Je nach Konjunkturzyklus treten die Risiken in unterschiedlichem Ausmaß auf – somit ist das Supply Risk Management eine fortwährende Aufgabe und keine nur auf Krisenzeiten beschränkte Aktivität.
Supply Risk Management sollte vorzugsweise in zwei Schritten eingeführt werden, um nachhaltig und dauerhaft zu wirken:
In einem ersten umfassenden Schritt werden alle größeren Lieferanten systematisch auf ihr Risikopotenzial hin untersucht. Im zweiten Schritt wird ein schlankes und daher dauerhaft nutzbares Risikomanagement installiert. Dieses schlanke System betrachtet nur den Teil des Lieferantenportfolios mit erhöhtem Risiko. Es beschränkt sich auf ausgewählte Risiken, einige wenige Kennziffern und einzelne, aber gezielt ergriffene Maßnahmen.
Um herauszufinden, welches die wichtigsten Elemente eines solchen effizienten Risikomanagementsystems sind, wurden Workshops mit 15 Unternehmen und einer breit angelegten Befragung mit 213 Teilnehmern durchgeführt (siehe Kasten). Viele ältere Befragungen konzentrieren sich alleine darauf, welche Maßnahmen Unternehmen im Risikomanagement ergreifen, ohne nach Wichtigkeit oder Erfolg dieser Maßnahmen zu fragen. Im Gegensatz dazu wurden in der aktuellen Studie die teilnehmenden Unternehmen auch zum Erfolg ihres Risikomanagements befragt. In der nachfolgenden Ausführung liegt daher der Fokus auf den Maßnahmen, die erfolgreiche Unternehmen ergreifen.
Die Frage ist, wie erfolgreiche Unternehmen ihre Lieferantenrisiken eigentlich messen. Die Studie zeigt: Zunächst helfen Länderreports, um Veränderungen der Umweltrisiken in bestimmten Quellländern zu beobachten. Verschlechtert sich das Ranking eines Landes, werden die dort ansässigen Lieferanten auf die Beobachtungsliste gesetzt.
Zur Messung operativer Risiken eigenen sich am besten die Ergebnisse von Prozess-audits beim Lieferanten. Ein Prozessaudit ist zwar aufwendig, aber die Veränderung der Ergebnisse im Zeitablauf liefert das stärkste Einzelindiz dafür, dass sich ein Lieferant in eine Gefahrenlage bewegt.
Ebenso erweist sich die Änderung des eigenen Umsatzes bei einem Lieferanten als ein guter Indikator. Die Reduktion des Einkaufsvolumens bei einem Lieferanten kann zu einem Attraktivitätsverlust des einkaufenden Unternehmens führen. Dadurch steigt das strategische Risiko, da der Lieferant seine Bemühungen bei der bevorzugten Abwicklung einschränken kann. Erfolgreiche Unternehmen sind sich des Zusammenhangs zwischen Einkaufsvolumen, Preferred-Customer-Status und Supply-Risiko bewusst.
Das Zahlungsverhalten des Lieferanten gegenüber seinen Unterlieferanten lässt Rückschlüsse auf mögliche finanzielle Risiken zu. Verschlechtert sich die Zahlungsmoral eines Lieferanten markant, deuten sich Liquiditätsprobleme an. Dann gilt es, vorbereitete Notfallpläne zu aktivieren. Das Zahlungsverhalten von Unternehmen wird durch Bonitätsagenturen erhoben, leider jedoch nicht für alle Unternehmen. Viele Unternehmen nutzen daher auch aggregierte Bonitätsindizes dieser Agenturen. Interessanterweise korreliert die intensive Nutzung von Finanzindizes jedoch nicht mit erfolgreichem Risikomanagement. Ein Grund: Bilanzielle Daten sind nur zeitversetzt öffentlich zugänglich und bilden dann nicht mehr die aktuelle Lage ab.
Die statistische Datenanalyse bestätigt deutlich, was auch intuitiv naheliegend ist: Das alleinige Messen von Beschaffungsrisiken führt noch nicht direkt zur Risikominimierung. Die Unternehmen jedoch, die Risiken messen und daraus Maßnahmen ergreifen, reduzierten damit ihre Risiken.
Es gibt eine ganze Reihe von effektiven Maßnahmen zur Risikobekämpfung. Die Studie zeigt, dass z. B. finanzielle Risk-Audits vor Ort ein effektives Instrument sind. Diese Audits unterscheiden sich von klassischen, operativ ausgerichteten Prozessaudits, indem sie nicht durch die Qualitätsabteilung ausgeführt werden, sondern durch die Finanzabteilung des einkaufenden Unternehmens. Bei führenden Unternehmen ist es üblich, dass der verantwortliche Einkäufer mit der Finanzabteilung Kontakt aufnimmt, sobald die Risikoindikatoren eines Lieferanten kritisch werden. Die Finanzkollegen suchen daraufhin direkt das Gespräch mit dem Lieferanten über dessen finanzielle Situation.
Auch aktives Lieferantenmanagement ist ein effektives Instrument. Wer zudem schon frühzeitig vor Aufnahme der Geschäftsbeziehung ein Risk Assessment durchführt und Maßnahmen aufsetzt, kann sein Beschaffungsrisiko reduzieren. Präventives Handeln lohnt sich also.
Ebenso bauen erfolgreiche Unternehmen mit ihren wichtigen Lieferanten Vertrauen durch Fairness auf – und steigern gleichzeitig den Wettbewerb zwischen ihnen! Zwei auf den ersten Blick widersprüchliche strategische Handlungsanweisungen.
Faires Verhalten vom einkaufenden Unternehmen wie pünktliche Zahlung und offene Kommunikation wird von den Lieferanten honoriert. Gleichzeitig erlaubt ein vertrauensvoller Umgang, sich anbahnende Probleme rechtzeitig zu erkennen und sie so gemeinsam zu lösen. Während in den 90er-Jahren häufig ein „Schmusekurs“ der partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit möglichst nur einem strategischen Lieferanten propagiert wurde, wird heute bei Unternehmen mit geringen Risikoproblemen eher auf mehrere auswechselbare Lieferanten zurückgegriffen.
Die Studie hat noch einen weiteren Einflussfaktor aufgezeigt, der den Erfolg des Supply Risk Managements beeinflusst: Von herausragender Relevanz ist das Vorhandensein eines klaren Risikomanagementprozesses.
Dieser Prozess sollte detailliert beschrieben und cross-funktional gelebt werden. Supply Risk Management wird zwar durch den Einkauf getrieben, beschränkt sich aber nicht auf diese eine Abteilung. Bei erfolgreichen Unternehmen gibt es eine regelmäßig wiederholte Risikobewertung der Lieferanten durch alle involvierten Bereiche. Die befragten Unternehmen erkennen zwar gut 60 Prozent aller Problemlieferanten, allerdings im Schnitt mit nur drei Monaten Vorlaufzeit. Risikobewertung muss daher unterjährig durchgeführt werden. Daher sollte der Prozess möglichst schlank gehalten werden.
Schließlich zeigt die Studie, dass Risikomanagement vor allem eine Daueraufgabe ist. Entscheidend für den Erfolg ist die fortwährende Messung von ausgewählten Risiken und daraus abgeleiteten, zumeist präventiven Maßnahmen. Dabei gilt es zu beachten, dass strategische Risiken in Boom-Zeiten im Vordergrund stehen, in Krisenzeiten sind es die finanziellen Risiken. Operative und Umweltrisiken sind hingegen dauerhaft vorhanden und müssen bereits bei der Lieferantenauswahl berücksichtigt werden.
Risiken oder gar Lieferanteninsolvenzen lassen sich jedoch nicht komplett ausschließen. Durch ein effizientes Risikomanagementsystem können diese jedoch frühzeitig erkannt werden und durch entsprechende Maßnahmen Schaden vom Unternehmen abgewendet werden.

Die Autoren


Die Studie im Detail

Supply Risk Management

Welche Risiken werden aktuell besonders betrachtet? Wie werden diese Risiken gemessen und welche Gegenmaßnahmen müssen ergriffen werden? 15 Unternehmen skizzierten in einem eintägigen Auftaktworkshop ein „ideales“ Risikomanagementsystem.
Aus der Fülle der Ansätze wurden 65 Variablen priorisiert. Anschließend wurden weitere Unternehmen befragt, welche Bedeutung die Variablen für ein erfolgreiches Risikomanagement haben. Es kristallisierten sich 26 Variablen heraus. Die 213 Teilnehmer der Studie stammen aus dem deutschsprachigen Raum und vertreten u.a. Industrien wie Maschinenbau, Elektrotechnik, Fahrzeugbau und Chemie. Zusammen beschäftigen die befragten Unternehmen fast 800 000 Leute und verantworten ein Einkaufsvolumen von 70 Mrd. Euro. In einem weiteren Workshop wurden die Befragungsergebnisse mit den Unternehmen diskutiert und durch Praxisbeispiele ergänzt.
Urheber der Studie sind die Universität Twente und die H&Z Unternehmensberatung AG, München. dz
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