Stahlpreisentwicklung aktuell – eine Analyse

Die Auswirkungen der aktuellen US-Importzölle

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Aufgrund der umfänglichen US-amerikanischen Einfuhrzölle auf Stahlimporte geht die EU davon aus, dass Drittländer ihre Stahlexporte jetzt verstärkt in Richtung Europa umlenken könnten, manche befürchten eine wahre „Stahlschwemme“. Daraus ergeben sich zusätzliche – teilweise staatlich subventionierte – Angebotsmengen auf dem europäischen Markt, was wiederum zu reduzierten Preisen und Produktionsmengen in Europa führt.

Die EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström äußerte sich dazu wie folgt: „Die US-Zölle auf Stahlprodukte verursachen eine Umlenkung der Handelsströme, die europäischen Stahlproduzenten und Arbeitern ernsthaften Schaden zufügen könnte.“

Die EU hat deshalb zwischenzeitlich reagiert und im Juli Sonderabgaben auf Stahlprodukte, nichts anderes als Schutzzölle, eingeführt, um europäische Hersteller vor schwerwiegenden Marktverzerrungen durch die neuen US-Zölle zu schützen. Für insgesamt 23 Stahlprodukte wurden – orientiert an den durchschnittlichen Importmengen der letzten drei Jahre – nun Quoten festgelegt. Soll mehr importiert werden, fällt auf diese Zusatzmengen ein Zoll von 25 Prozent an. Diese Maßnahme gilt zunächst einmal für 200 Tage und wird danach erneut überprüft. Tendenziell ergeben sich dadurch höhere Preise sowie eine Nachfrageverschiebung zu europäischen Herstellern.

Aber decken sich diese Befürchtungen und Annahmen mit der Wirklichkeit? Hans Jürgen Kerkhoff (Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl) positionierte sich diesbezüglich klar und unmissverständlich: „Es ist gut, dass die EU in dieser schwierigen Lage eng zusammensteht und ein klares Zeichen setzt, ihre Industrie vor den Folgen des Protektionismus konsequent zu schützen.“ Der Importdruck auf den EU-Stahlmarkt habe in den ersten fünf Monaten dieses Jahres massiv zugenommen. Hochgerechnet bis zum Jahresende kämen etwa 48 Mio. Tonnen Stahl in die EU, hieß es. Das seien 18 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres (Quelle: Zeit.de).

Der Markt: nicht schön, aber undramatisch

Die Statistiken von Eurofer scheinen dies zu bestätigen und zeigen auf den ersten Blick eine ähnliche Veränderung. Hier liegt die Steigerung 2018 gegenüber 2017 bei über 15 Prozent:
Allerdings muss man die absolute Größe sowie den Zusammenhang mit den US Zöllen relativeren. Hierzu dient ein Blick auf die Statistiken der Wirtschaftsvereinigung Stahl.

Die von der Wirtschaftsvereinigung Stahl veröffentlichte Entwicklung der Stahlimporte zeigt ein Niveau von rund 32 bis 35 Mio. Import-Tonnen in den letzten Jahren. Eine Steigerung in 2018 um 15 bis 18 Prozent würde absolut einen Zuwachs von etwa 6 Mio. Tonnen bedeuten. Bei einem Gesamtmarkt in Europa von etwa 160 Mio. Tonnen sind dies damit (nur) 3 bis 4 Prozent. Auf den ersten Blick nicht schön, aber eben auch nicht wirklich dramatisch, dies insbesondere mit Hinblick auf eine weitere, maßgebliche Einflussgröße: den zunehmenden Stahlverbrauch. Hier gibt Eurofer einen gestiegenen Gesamtbedarf im ersten Quartal von 3 Prozent an. Die Gesamtlage in den stahlverbrauchenden Sektoren, wie Bauindustrie, Maschinenbau oder Automotive, wird nach wie vor allgemein recht positiv bewertet, da z. B. gerade die Bauindustrie in Südeuropa eine Erholung nach den Krisenjahren erkennen lässt.

Berücksichtigt man die ohnehin schon gute Lage der europäischen Stahlhersteller mit recht hoher Auslastung, sind es nicht unbedingt nur die US-Zölle, die die Importmengen nach Europa erhöhen, sondern vermutlich auch zu einem nicht zu vernachlässigendem Teil ein schlichtweg gestiegener Bedarf bei bereits gut ausgelasteten Kapazitäten. Nochmals: Den Stahlwerken geht es gut, sie verkaufen mit vernünftigen Margen und sind gut ausgelastet, was die durchweg positiven Jahresabschlüsse zeigen.

Zutreffend stellt daher auch Stahlmarkt-Consult Andreas Schneider in seinem Blog-Beitrag „Die EU-Schutzmaßnahmen sind da – und jetzt?“ (www.stahlmarktconsult.de) Folgendes fest:
„Interessanterweise ist das Bild für die auf der Importseite mengenmäßig bedeutsamsten Erzeugnisse am positivsten. Für warm- und kaltgewalzte Bleche sowie Bleche mit metallischem Überzug, auf die zusammen fast die Hälfte aller EU-Einfuhren entfallen, werden eine gute Auslastung und weit überdurchschnittliche Gewinne der EU-Hersteller ausgewiesen. Warum trotzdem auch für diese Erzeugnisse Schutzmaßnahmen verhängt wurden, bleibt unklar.“

Zusätzlich erkennt man eine entsprechende Entwicklung in den Importdaten der Wirtschaftsvereinigung Stahl bereits seit 2012. Zu diesem Zeitpunkt war unser „Freund“ Donald Trump noch lange nicht im Amt. Seine Zölle tragen insofern sicherlich ebenfalls zu dieser Entwicklung bei, sind aber offensichtlich nicht die alleinige Ursache. Es drängt sich daher ein wenig der Verdacht auf, dass die US-Zölle auf Stahlimporte ein wenig vorgeschoben werden und andere Ursachen unter den Tisch fallen gelassen werden. Auch wenn die Importmengen in 2018 gestiegen sind, liegt darin kein eindeutiger Nachweis dafür, dass dieser Anstieg ausschließlich mit US-Zöllen und daraus resultierenden Handelsumlenkungen zu erklären ist.
Die Folgen: Aufgrund der pauschalen Berechnung der Kontingent-Mengen aus dem Durchschnitt der Jahre 2015–2017 werden sich starke stahlgruppenspezifische Unterschiede ergeben. Bei einigen Stahlsorten haben die Importe in diesem Zeitraum auch ohne US-Zölle stark zugelegt. Hier liegen die Kontingente z. T. sehr deutlich unter dem Importbedarf von 2017. Es wird also nicht nur vor den jetzt befürchteten Zusatzmengen durch Umlenkung geschützt, sondern zusätzlich werden Importmengen wieder auf ein Niveau von vor 2017 zurückgestuft. Dies führt zu einer künstlichen Verknappung und damit vermutlich zu einer Preissteigerung. Betroffen sein dürften insbesondere Elektrobleche, überzogene Bleche und rostfreie Bleche und Bänder (Quelle: StahlmarktConsult).

Bei anderen Sorten kann es auch den gegenteiligen Effekt geben. Die Kontingente liegen über den eigentlichen Bedarfen und werden nicht ausgeschöpft. Hier eine angemessenere Lösung zu finden, wäre – mit Verlaub – vermutlich sogar EU-Beamten möglich gewesen. Die Hintergründe der aktuellen Pauschal-Lösung kennen wir nicht und erschließen sich uns nicht.

Insgesamt ist es aber schwer vorherzusagen, wie sich diese Maßnahmen in den nächsten Wochen und Monaten konkret auswirken. Im Gegensatz zu den USA haben wir noch zollfreie Kontingentmengen. Eine Extrem-Entwicklung wie am US-Markt befürchten wir daher erst mal nicht.

Handelskrieg: unaufhörliche Eskalation?

Da es sich um globale Kontingente handelt, wäre es auch denkbar, dass jetzt einzelne Player versuchen, möglichst schnell möglichst viel der Kontingentsmengen „abzugreifen“, bevor die Grenze erreicht ist und Zölle greifen. Hieraus könnte sich wiederum ein kurzfristiges Überangebot am EU-Markt ergeben, welches zu Preisreduzierungen führt. Seriöse Vorhersagen, ob oder in welchem Umfang dies passieren könnte, sind unserer Meinung nach aber nicht möglich.

Die tatsächlichen Ziele der von den USA erhobenen Schutzzölle erkennt die EU allein in einem erhofften Wettbewerbsvorteil für die einheimischen Stahlproduzenten, nicht in der Trumpschen Begründung der „nationalen Sicherheitsinteressen“. China seinerseits wirft den USA vor, bloße Rechtfertigungen für einen von ihnen bewusst angezettelten Handelsstreit zu erfinden. Der Handelskrieg sei der größte Vertrauensvernichter für die Weltwirtschaft. Die ganze Welt werde zurückschlagen, wenn die USA immer mehr Zölle erhöben, so wird die chinesische Außenministerin zitiert.

Rolf Langhammer (ehemaliger Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel) sieht seinerseits in den im Juli in Kraft gesetzten EU-Maßnahmen ein fatales handelspolitisches Signal. „Die EU will das multilaterale Handelssystem retten“, sagt Langhammer. „Dafür ist ihr Vorgehen aber absolut kontraproduktiv.“ Deren Argument für die Umlenkungszölle, die EU-Stahlzölle seien keine Strafzölle gegen China, sondern sollen nur verhindern, dass der vom US-Markt ferngehaltene überschüssige Stahl in der EU lande, sei kaum überzeugend. „Das gleiche Argument kann jeder andere Staat anbringen. Am Ende könnte ein Dominoeffekt stehen“, so Langhammer zutreffend. Auch Ifo-Außenwirtschaftschef Gabriel Felbermayr äußerte sich kritisch: „Die Schutzzölle sind keineswegs Ausdruck ökonomischer Vernunft, sondern der Lobbystärke der Stahlbranche.“ Die EU schwäche damit auch die Welthandelsorganisation WTO und die Allianz gegen die Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump, wird zu Bedenken gegeben. Laut Ifo führten die Maßnahmen faktisch zu einer „Renationalisierung des globalen Stahl- und Aluminiumhandels“ mit 25 Prozent Importzöllen an allen maßgeblichen Grenzen. (Quelle: wiwo.de)

Neben der zu hinterfragenden Wirkung der im Juli gestarteten EU-Einfuhrbeschränkungen und dem unklaren konkreten Zusammenhang mit den US-Zöllen bedeutet dies jedenfalls einen weiteren Schritt auf der Eskalationsspirale in einem bereits begonnenen Handelskrieg. Donald Trump plant neue Zölle auf Autos, in Europa sind als Folge dessen Gegenmaßnahmen hinsichtlich Kohle, Pharma- und Chemieprodukten geplant. Auch die zunächst gefeierte Einigung zwischen Juncker und Trump ist bei genauerer Betrachtung eher als aufschiebende Marketingmaßnahme zu sehen und deutet noch längst kein Ende der protektionistischen US-Politik und der daraus resultierenden Handelsstreitigkeiten an. Wohin dies letztendlich führt, bleibt abzuwarten. Einen wirklichen Gewinner wird es am Ende aber mittel- und langfristig nicht geben.

Mehr zum Thema „Stahl und Stahlbeschaffung“, insbesondere auch zu den aktuellen Stahlpreisentwicklungen, finden Sie auf: www.stahl-kompakt.de.


Interessanterweise ist das Bild für die auf der Importseite mengenmäßig bedeutsamsten Erzeugnisse am positivsten. Warum trotzdem auch für diese Erzeugnisse Schutzmaßnahmen verhängt wurden, bleibt unklar.“
Andreas Schneider, StahlmarktConsult


STAHLkompakt ist ein Angebot der HKN & Internet
Solutions GbR, Hamburg, www.stahl-kompakt.de

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