Vermeintliche Stahlschwemme und fragwürdiger Umgang mit der Statistik

Stahlpreisentwicklung aktuell – eine Analyse

Die vermeintliche Stahlschwemme und der fragwürdige Umgang mit der Statistik

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Die Wahrheit der Statistik zum Stahlhandel nach der Einführung der US-Strafzöllen.

Natürlich sind die Einfuhrzölle seitens der USA sehr wohl nachteilig für den globalen Handel und es wird sich auch für deutsche Unternehmen höchstwahrscheinlich kein positiver Effekt daraus ergeben. Die aktuell hierzu kursierende Berichterstattung sollte man aber dennoch mit Vorsicht genießen.

Beispielsweise haben wir eine Grafik gefunden mit dem Begleittext „Wenige Monate nach der Einführung der US-Strafzölle sind die befürchteten Handelsumlenkungen nicht zu übersehen, warnt die deutsche Stahlindustrie.“ (Quelle: www.welt.de): Ein Element dieser Grafik sowie Inhalte des entsprechenden Artikels sind die Umsatzverluste, die entstanden sind, weil deutsche bzw. europäische Stahlhersteller weniger Mengen in die USA exportieren. In der Grafik selbst findet sich dann drucktechnisch hervorgehoben das Ergebnis für die Veränderung der Stahlimporte USA mit –10 %.
Im Artikel heißt es weiterhin: „Bis Juli ist das US-Geschäft sieben Prozent eingebrochen“.
Tatsächlich werden dem Leser damit Verluste im Bereich 7 bis 10 % suggeriert.
Würde man diese Zahlen hingegen genauer, kritischer – aus Sicht der Stahleinkäufer – analysieren, dann würde man den Importrückgang zudem nach Regionen betrachten und den Anteil der einheimischen Hersteller – um die es in den entsprechenden Berichten in der Regel geht – ausweisen. Dies passiert hingegen schlichtweg nicht.

Umsatzrückgang weniger als 0,5 %

Zurück zu den oben genannten 7 % Umsatzeinbruch. Bei genauerem Hinsehen wird klar, dass dieser Umsatzrückgang im US-Geschäft weniger als gerade einmal 0,5 % des Gesamtabsatzes unserer Hersteller ausmachen. Natürlich ist das nicht positiv, aber es ist jedenfalls nicht existenzbedrohend. Eine solche Entwicklung kann sich durchaus auch im Rahmen der normalen Konjunkturzyklen ergeben. Dieses wird in den entsprechenden Textpassagen aber nur indirekt erwähnt. Zudem sind diese 7 % ein bloßer Mengenrückgang. Ob die verbleibenden 93 % eventuell zu höheren Preisen abgesetzt werden und die Ergebnisse im US-Geschäft dadurch gar nicht so viel schlechter sind, wird gar nicht ausgewiesen. Bei der jüngeren Preisentwicklung in den USA ist dies aber durchaus zu vermuten.
Die belastbaren Fakten aus dieser Statistik sind ein US-Markt-bedingter Mengenrückgang von 0,5% bezogen auf den Gesamtabsatz, jedoch bei einer gleichzeitig vorenthaltenen Margenentwicklung für die verbliebenen Mengen. Suggeriert wird damit ein deutlicher Verlust.

Bereits häufiger Schwankung

Der obere Bereich in der Grafik zeichnet ebenfalls ein extrem trübes Bild für die europäische Stahlindustrie. Auf den ersten Blick liest sich eine riesige Importsteigerung um 10 %. Tatsächlich entsprechen die genannten 1,7 Mio. Tonnen aber gerade einmal etwas über 1 % des europäischen Stahlmarktes. Dies ist zwar auch nicht schön, aber dennoch alles andere als das Ende der europäischen Stahlindustrie. Im Übrigen sind diese Schwankungen auch gar nicht so außergewöhnlich. Schaut man sich die letzten Jahre einmal genauer an, gab es durchaus schon häufiger Schwankungen in vergleichbarer Größenordnung. Bei einem kritischen Blick auf die Aussagen seitens Vertretern der Stahlindustrie, wie „Die befürchteten Handelsumlenkungen sind nicht zu übersehen.“ oder „Der Einfuhrdruck hat sich enorm verschärft.“ (Quellen: www.welt.de; www.industriemagazin.de) erscheinen diese doch übertrieben. Leider werden diese Aussagen in vielen Medien – aus welchen Gründen auch immer – aber 1:1 übernommen und nicht im Geringsten kritisch hinterfragt.

Steigende Bedarfe trotz hoher Auslastung

Ein weiterer Aspekt, der hier vollkommen unberücksichtigt bleibt, sind die Auslastungen und Bedarfsentwicklungen. Aufgrund der aktuellen und prognostizierten wirtschaftlichen Entwicklung wird in Europa einfach auch mehr Stahl benötigt als 2017. Insbesondere deutsche Hersteller waren aber bereits 2017 sehr gut ausgelastet. So ungewöhnlich erscheint es daher nicht, zusätzliche Bedarfe dann ggf. auch anderweitig, eben durch Importe, zu decken.
In einer Pressemitteilung von Eurofer vom 25.10.2018 heißt es dementsprechend beispielsweise „Growth is stabilising in EU steel markets, in line with expectations” (Quelle: www.eurofer.be). Hier bestätigt sich, dass die aktuelle Situation also gar nicht so schlecht ist, wie stets versucht wird, zu vermitteln. Aber was macht die Wirtschaftsvereinigung Stahl am 26.10.2018 aus dieser Mitteilung: „Für 2018 und 2019 erwartet Eurofer konjunkturelle Bremsspuren in der europäischen Stahlindustrie, auch wenn die heimische Nachfrage grundsätzlich weiterhin als ‚solide‘ eingeschätzt werde.“ Zusätzlich sucht man sich in der Folge zwei Extrembeispiele heraus und wirft mit Importsteigerungen von über 50 % Horrorzahlen in den Raum: „Der Importdruck im EU-Stahlmarkt sei im 3. Quartal noch einmal deutlich gestiegen, so Eurofer in einer aktuellen Stahlmarktprognose. Die Einfuhren aus der Türkei und Russland erhöhten sich in den ersten 9 Monaten gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 57 bzw. um 56 %.“ Wie viel dies aber absolut ausmacht, dazu kein Wort bzw. keine Zahl. Dass es zudem auch andere Regionen gibt, aus denen EU-Importe im Gegenzug zurückgegangen sind, wird ebenfalls verschwiegen.

Unser Fazit daher: Bei den aktuell meist negativen Schlagzeilen und Berichten der Stahlhersteller lohnt es sich durchaus, einmal genauer hinzusehen. Insbesondere der deutschen Stahlindustrie geht es immer noch recht gut.

Mehr zum Thema „Stahl und Stahlbeschaffung“, insbesondere auch zu den aktuellen Stahlpreisentwicklungen, finden Sie online.


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