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Der Einkauf als Gamechanger

Auftaktveranstaltung amc-Zukunftswerkstatt Einkauf & Supply Chain
Der Einkauf als Gamechanger

In der digitalen „Zukunftswerkstatt Einkauf & Supply Chain“ wurde über die Herausforderungen einer modernen, zukunftsgerichteten Beschaffung mit renommierten ExpertInnen aus Wirtschaft und Wissenschaft diskutiert.Bild: amc
Bild: amc

Gestresste Lieferketten, Energie- und Rohstoffknappheit: Seit 2020 schafft es der Einkauf regelmäßig in die Hauptnachrichten. Wie ergeht es Einkäufern und Einkäuferinnen im täglichen Firefighting? Welche Entscheidungen müssen Einkaufsverantwortliche mit Blick auf die Zukunft treffen? Diese Fragen diskutierten wir zum Start der amc-Zukunftswerkstatt Einkauf & Supply Chain mit Einkaufsverantwortlichen und Beschaffungs-Spezialisten.

Für Sie zusammengefasst: Die Take-Aways

Knappheiten, Preise: Einkauf im Sturm

Die Rahmenbedingungen sind gesetzt. Das dynamische Umfeld bleibt. Die Krisen stapeln sich. Der Einkauf muss nun – im dritten Krisenjahr – vom Spielfeldrand zurück ins Spiel, aus der Verteidigung in die Aktion.

  • Das ist die Ausgangslage: Viele Unternehmen haben ihr Bestellverhalten angepasst, die Planungszyklen verlängert, setzen auf alternative Lieferquellen, erhöhen weiterhin die Bestände und haben ihr Mahnwesen professionalisiert (bis hin zum Einsatz von Callcentern für die telefonisch Abfrage des Liefer-Status). In den Märkten und Unternehmen sind Einkäuferinnen und Einkäufer so präsent wie nie. Die Kommunikation ist eng, Taskforces sind Alltag. Umso herausfordernder ist angesichts knapper Ressourcen und weiterer massiver Preissteigerungen die strategische Weiterentwicklung des Einkaufs.

Umsatzplus: Wie Einkauf Wachstum ermöglicht

Die Absatzseite hat sich in vielen Branchen sehr gut entwickelt. Das Wachstum managt inmitten der größten Beschaffungskrise der letzten Jahrzehnte der Einkauf. Da der Druck von zwei Seiten kommt (Absatzseite, Beschaffungsmarkt), verschiebt sich der Fokus auf das bestehende Portfolio. Die Folge:

  • Von Neuentwicklungen werden Kapazitäten abgezogen, da man gemeinsam mit der Technik alternative Lieferquellen freifährt.
  • Neu ist: Entschieden früher allein Produktmarketing und Entwicklung über Produktlaunches, tut dies immer öfter der Einkauf, dessen Knowhow für die Umsatzseite ausschlaggebend wird.

Einkauf 2022: Viele Aufgaben, hoher Workload

Selbst zuvor völlig unkritische Warengruppen brauchen derzeit eine enorme Aufmerksamkeit, insbesondere durch die extrem verkürzten Verhandlungszyklen: Monats- statt Ein- bis Zweijahres-Verträge gehören zum neuen Krisen-Normal. Hinzu kommt als zusätzliche Herausforderung das Ziel einer nachhaltigen Beschaffung (Klimaneutralität, Erfüllung des Lieferkettengesetzes).

  • Was sich zeigt: Resiliente, zukunftsfähige Beschaffungsentscheidungen kann der Einkauf nur in einer engen, crossfunktionalen Zusammenarbeit treffen.
  • All dies verändert sowohl das Aufgabenspektrum, als auch die Anforderungen an die Einkäufer und Einkäuferinnen. Der Fachkräftemangel bleibt ein großes Thema.

Blick in die Zukunft: Einkauf als Spielmacher

Die Zukunftswerkstatt zeigt einmal mehr: Einkaufsorganisationen, die ihre strategischen Hausaufgaben (und sei es nur im Ansatz) gemacht haben, profitieren in der Krise doppelt – etwa von modernen Rollen- und Funktionsbeschreibungen, einem sauber aufgesetzten Warengruppen-, Ausgaben- und Lieferantenmanagement oder dem digitalen Support durch moderne Tools.

  • Dort, wo der Einkauf bereits früh in die Produktentwicklung und den crossfunktionalen Austausch eingebunden und vernetzt ist, zahlt sich dieser Vorsprung etwa in der Entwicklung alternativer Lieferquellen aus. Der Link des Einkaufs reicht dabei längst bis zum Kunden.
  • Der Einkauf wird – auch hier gab die Krise den letzten Schub – zum Gamechanger, zur Kreativ-Agentur, zum Primat der betrieblichen Wertschöpfung: Die Future-Proof-Szenarien von 2016 – sie sind 2022 eingetreten.
Prof. Dr. Lisa Fröhlich, Professur für Beschaffungsmarketing und Marketing, Cologne Business School
Prof. Dr. Lisa Fröhlich, Professur für Beschaffungsmarketing und Marketing, Cologne Business School

„Der Einkauf kann zum Gamechanger für die Wertschöpfung der Zukunft werden. Ohne den Einkauf, ohne die Logistik wird es nicht funktionieren, Unternehmen in die Zukunft zu führen. Der Einkauf ist die Kreativagentur. Die Digitalisierung verdrängt keine Aufgaben, sondern definiert neue. Der Einkauf ist der Primat. Die Gelegenheit muss jetzt am Schopf gepackt werden. Wir müssen uns im Einkauf als das präsentieren, was wir sind und sein müssen, damit die Herausforderungen der Zukunft auch bewältigt werden können.“
Prof. Dr. Lisa Fröhlich, CBS International Business School, Köln
amc-Zukunftswerkstatt Einkauf, Mai 2022

  • Für die Weiterentwicklung und Innovation braucht der Einkauf Ressourcen! Ressourcen, über die es zusätzlich zum fordernden Krisenmanagement gelingt, die Wertschöpfung zukunftsfähig zu gestalten.
  • Unstrittig ist: Es wird zur Aufgabe des Einkaufs werden neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, auf Basis des technischen Fortschritts Bedarfe neu zu kreieren (Beispiel Drohnen statt Europaletten) und diese Überlegungen schon heute in die Gestaltung künftiger Lieferketten einzubeziehen.

Kosten & CO2: Klimawandel als Chance

Multidimensionalität löst die Eindimensionalität im Einkauf ab. Digitalisierung, Versorgungssicherheit, Kosten, Nachhaltigkeit lassen sich nur gemeinsam verfolgen.

  • Klar ist: Die Klimaneutralität von Unternehmen entscheidet sich in der Beschaffung. Auch dieses Ziel erreicht der Einkauf nur in der crossfunktionalen Zusammenarbeit. Digitale Plattformen und Tools helfen Primärdaten aus der Lieferkette zu erheben, entlang internationaler Reporting-Standards zu bewerten und in wirksame Maßnahmen (Lieferantenentwicklung) umzusetzen.
  • Klimakompatible Entscheidungen brauchen Offenheit auf allen Seiten (Open Book Policy, Bereitschaft zur Innovation), vor allem bei den Lieferpartnern.
  • Aktueller Trend: Knappheiten und Preissteigerungen reduzieren Materialeinsatz, Transporte, Kosten und (!) CO2. Klimaschutz und Kostenvermeidung befördern sich demnach zunehmend. Nachhaltige Entscheidungen zu treffen wird – auch aufgrund verfügbarer digitaler Tools und Lösungen – einfacher. Nachhaltige Beschaffung erfordert ein trotzdem Knowhow bei Einkäufern und Einkäuferinnen und ist nur mit Hilfe einer entsprechenden Datenbasis umsetzbar (die der Einkauf für die Lieferantenentwicklung interpretieren muss, auch dies braucht Knowhow!).

Abhängigkeiten verringern, Risiken verteilen

Die Erfahrungen aus den ersten beiden Krisenjahren zeigen: Diversifizierung führt zu mehr Widerstandskraft in der Lieferkette. Multisourcing wird deshalb nicht mehr nur bezogen auf mehrere Lieferpartner, sondern auch auf die Verteilung der Lieferquellen auf unterschiedliche Regionen. Der Fokus verlagert sich insgesamt vom Globalen zum Lokalen. Entscheidend ist die Balance. Das Ziel lautet möglichst wenig Abhängigkeiten.

  • Make-or-Buy wird mit Blick auf Rohstoff- und andere Risiken ebenfalls neu gedacht. Damit ist die vertikale Rückintegration eine mögliche Option für eine resilientere Versorgung.
  • Als Alternative gilt eine enge Zusammenarbeit über verschiedene Lieferstufen (Second Level Sourcing), um das gesamte Liefernetzwerk zu stützen und zu managen. Der Einkauf als Enabler für die Beschaffung des Tier-1, eine Methode, die sich im Konzerneinkauf bewährt hat, setzt sich zunehmend auch im Mittelstand durch.

Stakeholder aus der Komfortzone holen

Eine Voraussetzung für Multi-Sourcing ist die Standardisierung von Bedarfen, über Produkt-Plattformen, Modulbauweisen oder Baukastensysteme. Die Teilevielfalt wird reduziert, gebündelt wird vor der Spezifikation. Dieses Ziel verfolgt der Einkauf schon lange Jahre, jetzt in der Krise findet die Beschaffung hierfür Gehör. Der Vorteil: Bestehende Partnerschaften, die Stützen der Versorgung, können trotz Volumensplitting weiterhin bedacht werden.

  • Insbesondere Multisourcing und Standardisierung brauchen eine intensive Zusammenarbeit über die Abteilungsgrenzen hinweg. Die Silos lösen sich in immer mehr Unternehmen auf.
  • Die Rolle des Einkaufs: die Fachbereiche aus der Komfortzone zu holen, um gemeinsam an sinnvollen Ansätzen und Möglichkeiten der Standardisierung zu arbeiten. Damit übernimmt der Einkauf als Spielmacher eine weitere, wichtige Steuerungsfunktion.

Einkäuferinnen und Einkäufer auf Augenhöhe bringen

Unternehmen, die ihren Einkauf transformieren, verändern schon mal bis zu drei Viertel der bestehenden Aufgaben und Funktionen in der Organisation. Wer Einkäufer und Einkäuferinnen auf Augenhöhe mit den Businesspartnern bringen will, braucht deshalb nicht nur ein neues Organigramm, sondern vor allem eine systematische Personalentwicklung und Weiterbildung. Die Digitalisierung streicht keine Jobs, sie schafft neue. „Wir werden künftig keinen operativen Einkauf mehr haben“, lautet ein Statement aus der Zukunftswerkstatt. Fähige Einkäuferinnen und Einkäufer werden angesichts der Aufgabenvielfalt weiterhin gebraucht. Das Thema Mensch und Organisation gehört ganz oben auf die Agenda des Einkaufs der Zukunft.

Nachhaltig, automatisiert, regional: So sehen Einkäufer und Einkäuferinnen den Einkauf 2035. Die Word-Cloud entstand in einer Umfrage unter Workshop-Teilnehmern der amc-Zukunftswerkstatt Einkauf. Grafik: amc Group
Nachhaltig, automatisiert, regional: So sehen Einkäufer und Einkäuferinnen den Einkauf 2035. Die Word-Cloud entstand in einer Umfrage unter Workshop-Teilnehmern der amc-Zukunftswerkstatt Einkauf. Grafik: amc Group

 


Der Autor:

Andreas Pohle

Managing Partner amc-Group

 

 

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